Bild: Quinquina Diaspora | © Samir Laghouati-Rashwan
Zum hundertsten Geburtstag von Nino Migliori widmet das Centro Saint-Bénin in Aosta dem italienischen Fotografen eine Retrospektive seines Frühwerks. Unter dem Titel «La dialettica del reale» versammeln 160 Fotografien aus den Jahren 1950 bis 1959 den Aufbruch der italienischen Nachkriegszeit – festgehalten in einer feinsinnigen Balance zwischen dokumentarischer Anteilnahme und formaler Erneuerung.
Mit Druckgrafik, Zeichnung und Fotografie befragt Cécile Wick im Museum Franz Gertsch das Wesen der Natur. Ihre Arbeiten suchen nicht die blosse Dokumentation eines Ortes, sondern dessen malerische Verwandlung.
Ein flüchtiges Glänzen auf stehendem Wasser, das verästelte Geflecht lichter Baumkronen oder ein isoliert leuchtender Himmelskörper im tiefen Schwarz: In den Werken von Cécile Wick wird Natur zur reinen Vergegenwärtigung. Die Schweizer Künstlerin nutzt das fotografische Ausgangsmaterial nicht als beweiskräftiges Dokument, sondern begreift das Bild als autonome Setzung. Die Kamera sammelt Eindrücke auf Reisen und Streifzügen – von alpinen Schneefeldern über Meeresküsten bis zu feinsten Blattstrukturen –, doch die geografische Verortung tritt dabei vollständig zurück. Der reale Schauplatz dient ihr lediglich als Impuls, um in einen vielschichtigen Dialog mit den Bildtraditionen östlicher und westlicher Landschaftskunst einzutreten.
In ihrer ersten Einzelausstellung in der Zürcher Galerie Lullin + Ferrari seziert die Fotografin Anne Morgenstern eine Gesellschaft am Kipppunkt. Die neue Serie «Sunset Sour» ist eine visuelle Untersuchung von Orten und Körpern, an denen sich Opulenz und unabwendbarer Zerfall begegnen – ein Abgesang, der überraschend viel Wärme birgt.
Das Fotomuseum Winterthur widmet der US-amerikanischen Fotografin Helen Levitt eine umfassende Retrospektive. Die Ausstellung präsentiert ihr Werk zusammen mit dem erst seit Kurzem öffentlich zugänglichen Archiv. In thematischen Kapiteln weitet sich der Blick auf eine Künstlerin, welche die Strassen New Yorks mit feinsinnigem Humor zur Bühne des alltäglichen Lebens erklärte…
Lichtbahnen schneiden durch den Dunst enger Gassen, während menschliche Silhouetten im Spiel von Kontrast und Rhythmus verharren: Mit Fan Ho zeigt der Turiner Palazzo Falletti di Barolo das meisterhafte Werk eines Chronisten, der das Hong Kong der Fünfziger- und Sechzigerjahre in zeitlose Bildmetaphern verwandelte.
Zürich war in den Achtzigerjahren eine unruhige Stadt, zerrissen zwischen Finanzmetropole und Gegenkultur. Die Fotografin Gertrud Vogler fing diese Zeit des Umbruchs mit unbestechlicher Sanftmut ein – ein neuer Bildband würdigt nun erstmals ihr Schaffen.
Das internationale Festival «Grenze» präsentiert in Verona Arbeiten, die sich mit dem Fortwirken und Verändern von Fotografien beschäftigen. Im Mittelpunkt der neunten Ausgabe steht die fotografische Arbeit des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami – flankiert von internationalen Projekten wie jenem der Schweizer Fotografin Aline Bovard Rudaz.
Ein sonnengelber Wandapparat vor floralen Kacheln, ein Junge, der verträumt an einem Glace leckt, und eine junge Frau, die im Kostüm keck auf einer Waschmaschine hockt: Die Bilder von Beat Jost (1936–2026) erzählen von einer Epoche, in der die Zukunft glänzte und das Versprechen des Wohlstands in greifbare Nähe rückte. Als einer der gefragtesten Berner Werbe- und Sachfotografen prägte Jost die visuelle Kultur der 1960er- bis 1980er-Jahre massgeblich. Für Traditionsmarken wie das Warenhaus Loeb, Wander-Ovomaltine, Vidmar, IBA oder Pierrot-Friola setzte er die aufblühende Warenwelt mit meisterhafter Präzision in Szene und schuf Motive, die das Alltagsgedächtnis einer ganzen Generation formten.
Das Vergehen als schöpferischer Akt: Während Berlin Walter Schels mit einer Retrospektive ehrt, zeigt die Galerie VisuleX in Hamburg seine intimen Pflanzenstudien. Arbeiten, in denen Licht, Chemie und getrocknete Blütenblätter zu einer eigenwilligen Metamorphose finden.
Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf.
Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte…
Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation…
Flora Humana ist eine fotografische Arbeit, die Pflanzenformen in den Mittelpunkt stellt und ihre überraschende Nähe zum Menschlichen sichtbar macht. Ein grosser Teil der Aufnahmen entstand im Botanischen Garten der Universität Bern, dessen Artenvielfalt eine intensive Auseinandersetzung mit denselben Pflanzen über längere Zeit ermöglichte. Die Schwarz-Weiss-Fotografien wecken Assoziationen an Figuren, Gesten oder Charaktere und lassen die Grenzen zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung fliessend werden…
Die Fotografien von Bertien van Manen sind weder Tagebuch noch Familienalbum, obwohl sie eine ähnliche Intimität ausstrahlen. Stattdessen bieten sie eine Chronik des gewöhnlichen Lebens – eine Hommage an Menschen, die oft unsichtbar bleiben, deren Würde und Widerstandskraft jedoch im Zentrum ihres Werkes stehen. Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» im Centre de la photographie de Mougins würdigt nun erstmals in Frankreich das Œuvre der aussergewöhnlichen Fotografin, deren empathischer Blick die Grenzen zwischen Dokumentarfotografie und subjektivem Erleben neu definiert…
Bernd und Hilla Becher haben die Fotografie des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt, indem sie eine strikte methodische Haltung entwickelten, die bis heute nachwirkt. Ihr Werk, das funktionale Industriebauten ins Zentrum rückte, oszilliert zwischen nüchterner Dokumentation und konzeptueller Kunst. Die aktuelle Retrospektive in der Fondazione MAST in Bologna beleuchtet diese einzigartige Arbeitsweise und zeigt, wie das Paar durch systematische Reihen und Typologien eine neue visuelle Sprache schuf, die Generationen von Künstlern beeinflusste…
In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb – und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen…
Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia tritt in eine neue Phase. Seit François Hébel im November 2025 die künstlerische Leitung übernommen hat, zeichnet sich ein Programm ab, das zwei unterschiedliche Zugänge zur Fotografie nebeneinanderstellt. Vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zeigt das Haus Arbeiten von Harry Gruyaert und Werner Jeker. Es ist der erste vollständige Zyklus, der unter seiner Verantwortung kuratiert wurde…
Vom Juni bis September 2026 findet in Provins (Seine-et-Marne) erstmals das Fotografie-Festival «comme des images» statt. Die Veranstaltung nutzt mehrere historische und kulturelle Orte der Stadt, um zeitgenössische Fotografie sowie Werke aus der Geschichte des Mediums zu präsentieren. Ein zentrales Element ist die Förderung der künstlerischen Produktion durch eine Residenz, die in diesem Jahr mit dem Fotografen Fred Delangle besetzt ist…
Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat…
Siebzig Jahre sind vergangen, seit Jean Dieuzaide, genannt Yan, seine Kamera durch die Landschaften Sardiniens schweifen liess. Was damals als dokumentarische Reise begann, ist heute mehr als nur eine Sammlung von Bildern: Es ist ein visuelles Archiv einer Insel im Wandel, eingefangen durch den humanistischen Blick eines der bedeutendsten französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vom 11. Juni bis 15. September 2026 widmet das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro diesem historischen Moment eine umfassende Retrospektive.
Die Fotografie ist für Shirana Shahbazi mehr als nur ein Abbild der Wirklichkeit; sie ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Wahrnehmung. In der Ausstellung «All at Once. An Interplay with Li Tavor» im Kunstmuseum Luzern wird dies eindrücklich sichtbar. Die Zürcher Künstlerin, die seit 30 Jahren ihrem Medium treu bleibt, schafft es, die Betrachtenden in vielschichtige visuelle Räume eintauchen zu lassen, in denen sich Analoges und Digitales, Figuration und Abstraktion auf einzigartige Weise begegnen…
Ein Vierteljahrhundert Fotografiegeschichte wird in Łódź nicht mit blossen Rückblicken gefeiert, sondern mit einer Frage, die dringlicher kaum sein könnte: Was bleibt von unserer Menschlichkeit, wenn wir den Blick des Tieres nicht mehr erwidern? Das diesjährige Programm des Fotofestiwal schlägt eine bewusste Brücke zwischen historischen Perspektiven und den akuten Krisen der Gegenwart. Unter dem Titel «We, Animals» untersucht die Hauptausstellung, wie die Industrialisierung die Jahrtausende alte Verbindung zwischen Mensch und Tier gekappt und das Lebewesen vom Gegenüber zum Objekt degradiert hat. Es ist der Versuch, eine Beziehung neu zu denken, die lange von menschlicher Arroganz geprägt war.
Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist….
Im Kabinett des Museum Franz Gertsch entfaltet sich bis Ende August 2026 eine Ausstellung, die das Wesen der Fotografie selbst befragt. Mit den Werkserien «A Gaze of One’s Own» und «An Apparition of Memory» stellt Brigitte Lustenberger zwei Positionen vor, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sich im Kern jedoch derselben grossen Frage widmen: Wie lässt sich das Flüchtige festhalten, ohne es seiner Würde zu berauben? Lustenberger widersetzt sich der Bilderflut und stellt das Handwerkliche, den Prozess und das Verborgene ins Zentrum…
Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte….
Die photo basel kehrt vom 16. bis 21. Juni 2026 zum elften Mal ins Volkshaus Basel zurück und festigt ihre Position als einzige Fotokunstmesse der Schweiz. In einem authentischen Rahmen präsentiert die Messe über 40 internationale Galerien und mehr als 450 Werke von rund 170 Künstlerinnen und Künstlern. Das Programm spannt einen Bogen von klassischen Positionen wie Vivian Maier und Man Ray bis hin zu zeitgenössischen Namen wie Marina Abramović und Roger Ballen.
Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) war eine Künstlerin, die sich nie damit begnügte, den vorgezeichneten Pfaden zu folgen. Als Illustratorin, Fotografin und Filmemacherin hinterliess sie ein Werk, das von Überraschungen geprägt ist und bis heute durch seinen poetisch forschenden Charakter besticht. Ihre Bildwelten sind fesselnd und verspielt, doch sie sind das Resultat eines lebenslangen Suchprozesses, der sich keiner einzigen Disziplin unterordnen liess…
Der Titel der aktuellen Ausstellung der Fondazione Rolla in Bruzella klingt wie eine wehmütige Feststellung: «Was America». Die von Francesco Zanot kuratierte Ausstellung ist kein dokumentarischer Abriss der US-Geschichte, sondern ein atmosphärisches Portrait der amerikanischen Mittelklasse…
In einer visuellen Landschaft, die von der ständigen Flucht flüchtiger Bilder geprägt ist, wählt Giovanni Ghirardi den Weg der gedehnten, strengen Zeit. Seine aktuelle Ausstellung in der Mailänder Galerie Still Fotografia versammelt vierzig Arbeiten, die weit mehr dokumentieren als nur Gebäude. Ghirardi, der 1969 in Mailand geboren wurde, richtet seinen analytischen und zugleich poetischen Blick auf jene architektonischen Räume, die im allgemeinen Bewusstsein oft als nebensächlich oder rein funktional abgetan werden. Industriezonen, verlassene Orte und stille Vororte transformieren sich unter seiner Kamera zu "Kathedralen der Moderne", in denen das Alltägliche eine unerwartete Heiligkeit erfährt…
Akosua Viktoria Adu-Sanyah schneidet die Menschen weg. Wo das koloniale Archiv Gesichter zur Schau stellte, um Machtverhältnisse zu zementieren, setzt sie die Schere an. Die historischen Negative stammen aus dem Geburtsort ihres Vaters in Ghana und sind Teil der British Empire and Commonwealth Collection in Bristol. Doch statt die porträtierten Personen erneut dem Blick auszusetzen, isoliert sie Fragmente: Himmel und Baumkronen aus dem oberen Bilddrittel. Diese Ausschnitte sind kein flüchtiger Rest, sondern werden zum eigentlichen Kern der Arbeit…
Es gibt Partnerschaften in der Kulturgeschichte, die über das blosse Zusammenarbeiten hinausgehen. Die Beziehung zwischen dem Fotografen Peter Knapp, dem Modemacher André Courrèges und der Familie Maeght ist so eine Verbindung. Sie basiert auf einer gemeinsamen Vorstellung von Moderne, die in den 1960er-Jahren ihren Ausdruck fand – nicht durch laute Gesten, sondern durch klare Linien und eine neue Art von Freiheit. Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Maeght, eine Carte Blanche für Peter Knapp, zeichnet diese Fäden nach…