Was America: Ein atmosphärisches Portrait der verlorenen Mitte...

Untitled, 1950s, New York, 1919–2004, gelatin silver print © Anthony Linck

Der Titel der aktuellen Ausstellung der Fondazione Rolla in Bruzella klingt wie eine wehmütige Feststellung: «Was America». Die von Francesco Zanot kuratierte Ausstellung ist kein dokumentarischer Abriss der US-Geschichte, sondern ein atmosphärisches Portrait der amerikanischen Mittelklasse. Sie entstand aus einem intensiven Dialog zwischen dem Kurator und den Sammlern Philip und Rosella Rolla. Gemeinsam wurden aus ihrer privaten Sammlung 42 Werke ausgewählt, die den Zeitraum von den 1930er-Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umspannen. Im Vordergrund steht nicht die politische Analyse, sondern das Evozieren einer vergangenen Lebenswelt – geprägt von Haus, Familie und einer noch intakten Gemeinschaft. 

The Dexter Portfolio, 1972, Spokane, WA, 1921–Webster Township, MI, 2007, gelatin silver print © Phil Davis

Die gezeigten Fotografien, darunter Werke von Grössen wie Richard Avedon, Edward Weston und Bernd und Hilla Becher sowie Bilder anonymer Urheber, fungieren als «Zertifikate der Anwesenheit» einer sozialen Schicht, die heute zunehmend erodiert. Francesco Zanot beschreibt die Fotografie als ein zutiefst bürgerliches Medium, das einst der Selbstrepräsentation und dem Zusammenhalt diente. Die Ausstellung zeigt eine Ära, in der Architektur noch Nähe suchte und lokale Geschäfte soziale Treffpunkte waren, bevor Digitalisierung und wirtschaftliche Krisen das soziale Gefüge aufbrachen. Es ist eine visuelle Arche für eine «Normalität», die im heutigen Streben nach dem Aussergewöhnlichen oft verloren geht. 

Levittown, NY, 1951/1961, New York, 1904–Stamford, CT, 1971, gelatin silver print © Margaret Bourke-White

Die Fondazione Rolla hat sich im Tessin als wichtiger Akteur für Fotografie und zeitgenössische Kunst etabliert. Ihr Ausstellungsraum «Kindergarten» in Bruzella dient als Plattform für Projekte, die private Sammelleidenschaft mit öffentlichem Diskurs verbinden. Die Stiftung wird von Philip und Rosella Rolla getragen; insbesondere Philip Rollas kalifornische Wurzeln unterstreichen die persönliche Verbindung zum aktuellen Ausstellungsthema. 

Harold Brodkey, 1975, New York, NY, 1923–Sant’Antonio TX, 2004, gelatin silver print © Richard Avedon

Die Ausstellung «Was America» wird am 30. Mai 2026 eröffnet und ist bis Ende Oktober 2026 im Kindergarten an der Stráda Végia in Bruzella zu sehen.

Key West, 1987/2026, fine art inkjet print © Philip Rolla

Miryam Abebe