Blickverbindungen: Warum F.C. Gundlach uns lehrt, dass wir nie allein schauen...
Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Fotografie wird oft als einsamer Akt missverstanden: Ein Auge hinter dem Sucher, ein isolierter Moment, eingefroren in der Stille des Auslösens. Doch das Werk von F.C. Gundlach erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Es ist ein lautes, vibrierendes Zeugnis davon, dass Bilder niemals im Vakuum entstehen. Sie sind das Resultat von Allianzen, von Netzwerken, die sich von Paris über New York bis Tokio spannten, und vom mutigen Dialog zwischen Auftraggebern, Künstlern und der Gesellschaft. Gundlach verstand früh, dass Modefotografie mehr war als nur die Präsentation von Kleidung; sie war ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen von Geschlecht und Identität, ein kulturelles Gut, das durch Austausch erst seine wahre Bedeutung erhielt.
Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Sein Schaffen war geprägt von einer seltenen Offenheit, die ihn zum Knotenpunkt einer ganzen Ära machte. Er war nicht nur der Fotograf, der die Cover deutscher Modemagazine prägte, sondern auch der Galerist, der neue Talente förderte, der Laborbesitzer, in dem experimentiert wurde, und der Sammler, der die Geschichte des Mediums bewahrte. Diese Vielseitigkeit ermöglichte es ihm, Brüche und Kontinuitäten in der fotokulturellen Entwicklung sichtbar zu machen. Seine Reisen und sein ständiger Austausch mit Akteuren der Szene waren keine bloße Begleiterscheinung, sondern der Treibstoff für seine Innovation. Er setzte neue Standards, indem er bestehende Grenzen testete und immer wieder neu definierte, was Fotografie sein kann. Heute, in einer Zeit der digitalen Isolierung, wirkt seine Haltung fast prophetisch: Dass wir Bilder immer gemeinsam betrachten, gemeinsam deuten und gemeinsam weiterentwickeln.
Abendkleid mit Nerzbolero, im Hintergrund Heinz Schulze-Varell, Berlin (West), 1962 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
F.C. Gundlach (1926–2021) gilt als einer der einflussreichsten Modefotografen Deutschlands. Seine Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, in denen er die visuelle Kultur der Bundesrepublik massgeblich mitgestaltete. Bekannt wurde er durch seine dynamischen Inszenierungen, die Mode in Bewegung zeigten und dabei stets den Zeitgeist einfingen. Doch Gundlach beschränkte sich nicht auf den kommerziellen Auftrag. Als Gründer der „Gundlach Gallery“ und später als Stifter engagierte er sich leidenschaftlich für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform. Er lehrte, sammelte und kuratierte, wobei er stets den Fokus auf den menschlichen Austausch legte. Sein Vermächtnis ist nicht nur eine Sammlung ikonischer Bilder, sondern eine lebendige Infrastruktur der Fotografie, die bis heute wirkt.
„Jet Age“, Hamburg, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg ist ein führender Ausstellungsort für internationale Kunst und befindet sich im Herzen der Stadt, direkt am Jungfernstieg. Seit seiner Eröffnung hat sich das Forum durch hochwertige Ausstellungen profiliert, die oft thematische Schwerpunkte setzen und Werke aus verschiedenen Epochen in Dialog bringen. Als private Institution, getragen von der Zeit-Stiftung F.C. Bucerius, genießt es internationale Reputation für seine kuratorische Unabhängigkeit und Qualität. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach unterstreicht einmal mehr den Anspruch des Hauses, fotokulturelle Diskurse nachhaltig zu prägen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Uli Richter, Abendkleid im Directoire-Stil vor Backdrop, Berlin (West), 1958 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Die Ausstellung ist zentraler Bestandteil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, einem der wichtigsten Festivals für Fotografie im deutschsprachigen Raum. Unter dem Motto „Alliance, Infinity, Love - in the Face of the Other“ präsentiert die Triennale 2026 elf Ausstellungen in acht Häusern der Stadt. Sie versteht sich als Plattform für den globalen Austausch und untersucht, wie Fotografie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Verbindungen schaffen kann. Die Einbindung von Gundlachs Werk in diesen Kontext betont die Relevanz seines Netzwerkgedankens für die Gegenwart und zeigt, wie historische Positionen aktuelle Debatten bereichern können.
Gunel Person in der Villa von Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Die Ausstellung F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone wird am 7. Mai 2026 eröffnet und ist bis zum 16. August 2026 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen. Sie findet im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg statt, die ihrerseits bis zum 22. September 2026 dauert.