Zwischen Glanz und Elend: Eine anthropologische Topografie der Megacity…
Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist.
Cairo © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Sarasins Blick ist dabei weder anklagend noch romantisierend; er ist dokumentarisch und beobachtend. Seine 120 Aufnahmen, die Städte von Los Angeles über Nairobi bis Beijing umspannen, offenbaren eine paradoxe Realität: Obwohl jede Stadt ihre spezifischen kulturellen Marker durch Plakate, Vegetation oder Baumaterialien bewahrt, gleichen sie sich in ihrer anonymen Architektur und der globalisierten Konsumkultur immer mehr an. Die traditionellen Bauweisen weichen global verfügbaren Bauplänen, wodurch die Städte einander fremd und doch vertraut wirken. Im Zentrum von Sarasins Interesse stehen nicht die glänzenden Ikonen der Stararchitekten, die im Stadtmarketing als Wahrzeichen dienen, sondern die «Unterwelt» der Metropolen. Er fokussiert auf Hinterhöfe, verwitterte Brandmauern, informelle Behausungen und postindustrielle Brachen. Diese Bilder legen die tiefe Kluft zwischen der oft bodenlosen Armut der Vielen und den glitzernden Türmen der Mächtigen schonungslos offen. Die Hochhäuser, die im Verlauf des Buches immer dominanter werden, kontrastieren scharf mit den prekären Lebensrealitäten im Vordergrund und unterstreichen so die ökonomischen Ungleichgewichte des neoliberalen Zeitalters.
Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Martino Stierli ordnet in seinem begleitenden Essay dieses visuelle Material in einen breiteren theoretischen und historischen Kontext ein. Er beschreibt Sarasins Methode als eine moderne «anthropologische Topografie», die in der Tradition Walter Benjamins steht: Während Benjamin das Paris des 19. Jahrhunderts als Ansammlung materieller Spuren las, hält Sarasin der sich rasend verändernden Gegenwart einen Spiegel vor. Stierli hebt hervor, dass Sarasins Ansatz dem «aufgeschobenen Werturteil» folgt – ähnlich wie bei den Architekten Venturi, Scott Brown und Izenour in ihrer Studie zu Las Vegas. Der Kurator analysiert die Bilder als Dokument einer «Krise der planetaren Urbanisierung», ein Begriff des Stadtgeografen David Harvey, der die aktuelle Entwicklung als Versuch deutet, überschüssiges Kapital zu absorbieren. Stierli betont zudem die geopolitische Verschiebung: War Paris die Hauptstadt des 19. und New York jene des 20. Jahrhunderts, so ist die Gegenwart von einem multipolaren Netz von Megacities im Globalen Süden geprägt. Er liest in Sarasins Fotos die Spannung zwischen spezifischem Ortsbezug und einer «generischen Urbanität», die durch die globale Dominanz des Neoliberalismus entsteht und Städte wie Kairo, Jakarta oder Panama City auf beunruhigende Weise austauschbar erscheinen lässt. Für Stierli sind diese Bilder kein exotisches Fremdeln für den mitteleuropäischen Betrachter, sondern der Beweis, dass diese urbanen Kolosse unsere gemeinsame, unausweichliche Realität geworden sind.
Panama City © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Philipp Sarasin ist Historiker und Fotograf. Von 2000 bis 2022 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem «1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Suhrkamp, 2021). Die Idee zu diesem Fotobuch entstand 2009 während eines Aufenthalts in Kairo, wo ihn die Komplexität und Faszination der Megacity dazu bewegten, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren mehr als zwanzig Grossstädte rund um den Globus zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren.
Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Martino Stierli ist Kunsthistoriker und amtiert als The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er hat sich intensiv mit der Darstellung von Stadt und Architektur in Theorie, Fotografie und Film auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Las Vegas in the Rearview Mirror: The City in Theory, Photography, and Film» (Getty Research Institute, 2013) sowie «Montage and the Metropolis: Architecture, Modernity, and the Representation of Space» (Yale University Press, 2018). In seinem Essay zur Anthologie analysiert er Sarasins Werk als dokumentarischen Versuch, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der globalen Verstädterung im 21. Jahrhundert sichtbar zu machen und theoretisch zu fundieren.
New York © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin
Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.
Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin