Bild: Aus der Serie If smoke could be water | © Katrin Freisager
Journal
Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf.
Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte…
Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation…
Flora Humana ist eine fotografische Arbeit, die Pflanzenformen in den Mittelpunkt stellt und ihre überraschende Nähe zum Menschlichen sichtbar macht. Ein grosser Teil der Aufnahmen entstand im Botanischen Garten der Universität Bern, dessen Artenvielfalt eine intensive Auseinandersetzung mit denselben Pflanzen über längere Zeit ermöglichte. Die Schwarz-Weiss-Fotografien wecken Assoziationen an Figuren, Gesten oder Charaktere und lassen die Grenzen zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung fliessend werden…
Die Fotografien von Bertien van Manen sind weder Tagebuch noch Familienalbum, obwohl sie eine ähnliche Intimität ausstrahlen. Stattdessen bieten sie eine Chronik des gewöhnlichen Lebens – eine Hommage an Menschen, die oft unsichtbar bleiben, deren Würde und Widerstandskraft jedoch im Zentrum ihres Werkes stehen. Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» im Centre de la photographie de Mougins würdigt nun erstmals in Frankreich das Œuvre der aussergewöhnlichen Fotografin, deren empathischer Blick die Grenzen zwischen Dokumentarfotografie und subjektivem Erleben neu definiert…
Bernd und Hilla Becher haben die Fotografie des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt, indem sie eine strikte methodische Haltung entwickelten, die bis heute nachwirkt. Ihr Werk, das funktionale Industriebauten ins Zentrum rückte, oszilliert zwischen nüchterner Dokumentation und konzeptueller Kunst. Die aktuelle Retrospektive in der Fondazione MAST in Bologna beleuchtet diese einzigartige Arbeitsweise und zeigt, wie das Paar durch systematische Reihen und Typologien eine neue visuelle Sprache schuf, die Generationen von Künstlern beeinflusste…
In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb – und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen…
Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia tritt in eine neue Phase. Seit François Hébel im November 2025 die künstlerische Leitung übernommen hat, zeichnet sich ein Programm ab, das zwei unterschiedliche Zugänge zur Fotografie nebeneinanderstellt. Vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zeigt das Haus Arbeiten von Harry Gruyaert und Werner Jeker. Es ist der erste vollständige Zyklus, der unter seiner Verantwortung kuratiert wurde…
Vom Juni bis September 2026 findet in Provins (Seine-et-Marne) erstmals das Fotografie-Festival «comme des images» statt. Die Veranstaltung nutzt mehrere historische und kulturelle Orte der Stadt, um zeitgenössische Fotografie sowie Werke aus der Geschichte des Mediums zu präsentieren. Ein zentrales Element ist die Förderung der künstlerischen Produktion durch eine Residenz, die in diesem Jahr mit dem Fotografen Fred Delangle besetzt ist…