Fotograf: Domenic Feuerstein, Stradun in Scuol, um 1940 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf.
Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte.
Fotograf: Johann Feuerstein, Schafgruppe im Bergell, Soglio mit Val Bondasca im Hintergrund, um 1910 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Über ein ganzes Jahrhundert hinweg – von den späten 1890er-Jahren bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert – begleiteten die Feuersteins das Unterengadin, das Münstertal und ihre Nachbarregionen. Das im Verlag Scheidegger & Spiess erschienene Buch würdigt dieses monumentale Fotoarchiv erstmals umfassend. Es ist ein kulturhistorischer Glücksfall ersten Ranges, dass dieser Bestand fast vollständig erhalten blieb und heute im Staatsarchiv Graubünden gesichert ist. Beim Lesen und Betrachten zeigt sich: Dieser Band ist nicht nur das Porträt einer aussergewöhnlichen Familie, sondern eine visuelle Expedition durch die Transformationen einer alpinen Kulturlandschaft im Spannungsfeld von bäuerlicher Isolation, Pioniergeist, Naturmythos und technologischer Moderne.
Fotograf: Johann Feuerstein, Engadinerinnen in ihren Trachten, Ardez um 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Der weltgewandte Blick aus der Provinz: In seinem einleitenden Essay «Weit blicken: Die Fotografendynastie Feuerstein» fächert der Fotohistoriker Anton Holzer das zentralste Spannungsfeld des Gesamtwerks auf: das Wechselspiel zwischen lokaler Verankerung und cosmopolitischem Weitblick. Während viele frühe Fotosammlungen des Engadins von auswärtigen Fotografen stammten – der Volkskundler Paul Hugger sprach in diesem Zusammenhang von kolonialistischen Zügen des touristischen Blicks –, bildete das Werk der Feuersteins das authentische Gegenstück. Es war der geschulte Blick von innen, der die eigene Heimat erforschte, ohne sich den Verwertungslogiken von Tourismus und Bildmedien zu verschliessen.
Fotograf: Johann Feuerstein, Dorfbrand von Sent, 8. Juni 192 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Ein Schlüssel zur Ästhetik der Feuersteins liegt in ihrer nüchternen, sachlich-dokumentarischen Bildsprache. Im direkten Vergleich zu ihrem berühmten Oberengadiner Zeitgenossen Albert Steiner verzichteten Johann Feuerstein und seine Nachfolger auf sentimentales Pathos oder piktorialistische Verklärung. Während Steiner die Landschaft oft puristisch menschenleer hielt oder Statisten zu touristischer Staffage degradierte, fügten sich Mensch und Tier bei den Feuersteins ganz selbstverständlich in ihren Lebensraum ein. Der Mensch erscheint hier bei der Feldarbeit, beim Handwerk, auf der Jagd oder beim Bau gigantischer Wasserkraftanlagen.
Fotograf: Domenic Feuerstein, Alpinist auf Bergteour, Gletscherspalte im Lischanagebiet, um 1945 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Eine Chronik in sechs Akten: Die Vielschichtigkeit dieser Familiensaga entfaltet der Band in sechs aufeinander aufbauenden Textbeiträgen, die sich im Lesen zu einem geschlossenen Panorama verdichten. Den Auftakt bildet das biografische Fundament von Johann Feuerstein (1871–1945), verfasst von Ruedi Bruderer. Aus einfachen Verhältnissen im Münstertal stammend, erlernte der Vollwaise das Handwerk beim berühmten Bergführer und Alpin-Fotografen Alexander Flury in Pontresina, bevor er 1899 sein eigenes Wohn- und Fotohaus in Scuol bezog. Trotz schwerer Schicksalsschläge wie dem verheerenden Atelierbrand von 1914 etablierte sich Johann als führender Chronist des Unterengadins. Er dokumentierte den Bau der Rhätischen Bahn zwischen 1909 und 1913 und stieg durch seine ikonischen Aufnahmen der knorrigen Arvenwälder im Val S-charl zum wichtigsten Bildpionier des 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalparks auf.
Fotograf: Jon Feuerstein EKW-Zentrale, Pradella-Scuol 1970 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Diese Pionierarbeit führte sein Sohn Domenic Feuerstein (1900–1949) weiter, dessen Wirken Ruedi Bruderer im zweiten Beitrag beleuchtet. Domenic erweiterte den Horizont des Familienbetriebs um das literarische und filmische Schaffen. Nach Lehrjahren in Zürich und einem zweijährigen Intermezzo mit eigenem Atelier in Locarno kehrte er 1930 ins Engadin zurück. Er verfasste überregional erfolgreiche Tier- und Naturbücher – darunter Bestseller wie «Der Arvenwald von Tamangur», «Peterli» oder «Wupp» – und drehte erste historische Stummfilme und Werbestreifen, etwa das eindrückliche Zeitdokument über den Schamserberg von 1935 oder Kurbroschüren für Scuol-Tarasp-Vulpera.
Fotograf: Jon Feuerstein, Das Grandhotel Waldhaus wurde komplett zerstört, vermutet wird Brandstiftung, Vulpera 27. Mai 1989 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Mit der dritten Generation wandelten sich Technik und Reichweite des Hauses erneut. Ruedi Bruderer widmet sich im dritten Kapitel Jon Feuerstein (1925–2010), der nach dem frühen Tod des Vaters 1949 mit erst 24 Jahren die Geschäftsleitung übernahm. Neben seiner spektakulären Teilnahme als Fotograf und Filmer an der Virunga-Expedition nach Zentralafrika (1954/55) prägte Jon das Fotohaus vor allem durch die Modernisierung des Ansichtskartenverlags im Vierfarb-Offsetdruck sowie durch seine monumentale, zehnjährige Fotodokumentation des Baus der Engadiner Kraftwerke zwischen 1961 und 1972, die ein einmaliges Dokument schweizerischer Industrie- und Technikgeschichte darstellt.
Fotograf: Mic Feuerstein, Hochjagd, Engadin um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Seinem jüngeren Bruder Mic Feuerstein (1928–2004) ist das vierte Kapitel von Ruedi Bruderer gewidmet. Mic verschrieb sich mit stoischer Geduld der Wildtierfotografie und dem Naturfilm. Er wirkte am legendären Kinofilm «Schellen-Ursli» von 1965 mit und wurde ab 1972 zum ersten festen Kameramann und Regisseur des rätoromanischen Fernsehens (RTR/SRF DRS). Als Schweizer Pionier des Tierfilms fing er über Jahrzehnte das alpine Leben, Artenschutzprojekte und kulturelle Ereignisse in rund 230 Filmbeiträgen ein.
Fotograf: Mic Feuerstein, Wild in Not, Hirsch im Bergbach gefangen, S-charl um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Wie sehr das handwerkliche Schaffen mit wirtschaftlichem Weitblick verwoben war, zeigt der Beitrag von Seraina Feuerstein über die Geschichte des hauseigenen Ansichtskartenverlags. Vom Edellichtdruck und Kupfergravuren der Jahrhundertwende über handlaborierte Fotokarten bis hin zum industriellen Vierfarbdruck in Zusammenarbeit mit der Engadin Press AG bildete der Verlag das verlässliche wirtschaftliche Fundament des Hauses Feuerstein und trug den Ruf des Unterengadins in alle Welt.
Fotograf: Johann Feuerstein Berühmte Arve in der Val Mingèr im Schweizerischen Nationalpark, 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Den Bogen zurück zur Naturmythologie schlägt schliesslich Gian Cla Feuerstein in seiner Abhandlung über die symbolische Rolle des Schweizerischen Nationalparks und der Arve. Der God da Tamangur stand für Johann, Domenic und ihre Nachfolger nicht nur für stoische Überlebenskraft im Hochgebirge, sondern wurde durch ihre Linse zum visuellen Markenzeichen des Schweizer Naturschutzgedankens überhaupt.
Fotograf: Domenic Feuerstein Lais da Rims, Lischanagebirge um 1935 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich
Ein Hauptwerk alpiner Fotogeschichte: Der Bildband «Fotografendynastie Feuerstein» erweist sich als imposantes Standardwerk zur visuellen Kulturgeschichte Graubündens. Dass diese vielschichtige Aufarbeitung in einer derart anspruchsvollen Ausstattung vorliegt, unterstreicht den Anspruch von Scheidegger & Spiess: Der Verlag gehört zu den führenden Schweizer Häusern in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur und beweist hier einmal mehr seine Expertise in der Konzeption und Materialisierung erlesener Publikationen. Durch die zweisprachige Gestaltung (Deutsch/Vallader) bleibt das Werk der rätoromanischen Heimat der Künstler verpflichtet – ein unverzichtbarer Band für jede fotokünstlerische Bibliothek.