Zwischen Wirtschaftsboom und menschlichem Schatten: Die unsichtbaren Architekt:innen der Schweiz

Italienerinnen und Italiener bei der Einreise in Brig 1953. Fotografie: Hermann Freytag. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Schweizer Nachkriegsgeschichte erzählt gerne über den kollektiven Aufstieg und das wirtschaftliche Wunderland. Doch in diesem Narrativ fehlen entscheidende Stimmen – jene der "Saisonniers", der Arbeitskräfte, die jahrzehntelang das Fundament dieses Wohlstands legten, ohne je als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden. Die nun in Zürich gezeigte Ausstellung "Wir, Saisonniers…" macht diese Wunde sichtbar.

Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. ETH-Bildarchiv, Zürich.

Es ist eine bittere Ironie der Schweizer Migrationspolitik des 20. Jahrhunderts, dass diese Menschen als Arbeitskraft hochwillkommen, als Menschen jedoch unerwünscht waren. Unter dem Joch einer rigiden Aufenthaltsbewilligung fristeten sie ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Ob auf staubigen Baustellen, in den Reihen der landwirtschaftlichen Betriebe, im Dienst privater Haushalte oder im hart umkämpften Gastgewerbe – ihre Hände formten die moderne Schweiz, während ihr eigenes Leben in die Unsichtbarkeit verdrängt wurde. Getrennt von ihren Familien, untergebracht in kargen Baracken und behelfsmässigen Unterkünften, lebten sie in einer Art innerer Emigration, ausgeliefert den Launen von Arbeitgebern und Behörden.

Saisonniers aus Italien steigen in Zürich-Hauptbahnhof aus einem Personenwagen aus, März 1963. Urheber:in unbekannt. SBB-Bildarchiv.

Die Ausstellung beleuchtet dieses lange im Schatten stehende Kapitel und fragt nach den Bezügen zur heutigen Arbeits- und Migrationspolitik. Historische Dokumente, Interviews sowie archiviertes Bild- und Filmmaterial lassen persönliche Geschichten und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar werden. Ursprünglich 2019 in Genf konzipiert und später vom Neuen Museum Biel erweitert, hat der Verein histoire publique die Ausstellung nun erstmals für den deutschschweizer Kontext adaptiert. Der Standort in der Photobastei, mitten im ehemaligen Arbeiterquartier Zürichs, unterstreicht dabei die historische Verankerung dieser Themen.

Zwei Frauen neben einer improvisierten Kochgelegenheit in einer Baracke, um 1965. Urheber:in Unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Hinter dem Projekt steht der Verein histoire publique mit Sitz in Zürich, geleitet von den Historikerinnen Nicole Peter und Anja Suter. Der Verein spezialisiert sich auf partizipative Geschichtsprojekte, die gesellschaftlich verdrängte Narrative sichtbar machen. Mit einem Fokus auf Sozial-, Arbeits- und Frauengeschichte arbeitet er eng mit Archiven, Gewerkschaften und Betroffenen zusammen, um historische Kontinuitäten von Ungleichheit aufzuzeigen und öffentliche Debatten anzustossen.

Demonstration von Saisonniers aus dem ehemaligen Jugoslawien mit Koffern, 1994. Urheber:in unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Ausstellung "Wir, Saisonniers…" ist noch bis zum 21. Juni 2026 in der Photobastei zu besuchen.