Fotofestiwal Łódź: Der geteilte Blick: Wenn das Tier zum Gegenüber wird...

Neither the Shadow nor the Sun © Tanya Habjouqa

Ein Vierteljahrhundert Fotografiegeschichte wird in Łódź nicht mit blossen Rückblicken gefeiert, sondern mit einer Frage, die dringlicher kaum sein könnte: Was bleibt von unserer Menschlichkeit, wenn wir den Blick des Tieres nicht mehr erwidern? Das diesjährige Programm des Fotofestiwal schlägt eine bewusste Brücke zwischen historischen Perspektiven und den akuten Krisen der Gegenwart. Unter dem Titel «We, Animals» untersucht die Hauptausstellung, wie die Industrialisierung die Jahrtausende alte Verbindung zwischen Mensch und Tier gekappt und das Lebewesen vom Gegenüber zum Objekt degradiert hat. Es ist der Versuch, eine Beziehung neu zu denken, die lange von menschlicher Arroganz geprägt war. 

Die künstlerischen Positionen im Hauptprogramm gehen dabei über das blosse Abbilden hinaus. Nikita Teryoshin holt die Hauskatze aus der anonymen Masse der Internet-Memes zurück in den konkreten Raum des Hinterhofs. Feng Li dokumentiert ein Zusammenleben, in dem ein Schwein selbstverständlicher Teil der Familie ist, und Maija Tammi zieht eine erschütternde Parallele zwischen der selbstaufopfernden Liebe einer Krakenmutter und der menschlichen Mutterschaft. Diese Arbeiten wollen nicht rühren, sondern den gewohnten Blick durchbrechen. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Marta Bogdańska, die den Widerstand und die Handlungsmacht von Tieren erforscht, sowie durch Jaap Scheeren, der in intimen Narrativen die Rückverbindung zur Natur sucht. Carlos Alba nutzt die Londoner Stadtfüchse, um eine zeitgenössische Fabel über Macht und Ungleichheit zu erzählen, während Ang Siew Ching die verborgenen Kosten beleuchtet, die Tiere für den Erhalt moderner Gesellschaften zahlen. Richard Barnes lotet schliesslich die Spannung zwischen tiefer Naturbewunderung und dem menschlichen Drang zur Kontrolle aus. Der Kurator Alfio Tommasini fasst es zusammen: Es geht darum, das Tier wieder als unseren «ältesten Lehrer» zu begreifen. 

Dieser Perspektivwechsel weitet sich im Stadtprogramm auf die Bruchstellen der menschlichen Gesellschaft aus. Philip Montgomerys «American Cycles» fungiert als visuelles Archiv eines Jahrzehnts der US-Geschichte. Seine Schwarz-Weiss-Aufnahmen fassen politische Polarisierung, die Black-Lives-Matter-Proteste und die Folgen von Naturkatastrophen zusammen, blenden dabei aber die Momente der Solidarität nicht aus. Das «Open Program» ergänzt diese Perspektive mit globalen Stimmen und unterschiedlichsten methodischen Ansätzen – von der dokumentarischen Fotografie bis zur Archivforschung. Hier reicht die Spanne von der Umweltzerstörung im Amazonas über die Traumabewältigung in Nepal bis zur Dokumentation des palästinensischen Kampfes um Würde durch Tanya Habjouqa. Die Fotografie dient hier nicht der Ästhetisierung, sondern der Sichtbarmachung von Strukturen und Widerstand. 

Besonders nüchtern und damit umso eindringlicher fällt das europäische Projekt «Heritage Lens» unter dem Titel «Slow Fading» aus. Zwölf Künstler dokumentieren das schleichende Verschwinden des kulturellen Erbes durch den Klimawandel. Die Bilder zeigen keine futuristischen Szenarien, sondern reale, laufende Verluste: austrocknende Feuchtgebiete im Po-Delta, absterbende Wälder in der Slowakei, veränderte Küstenlinien in Spanien. Es ist eine Bestandsaufnahme, die die ökologische Krise untrennbar mit dem Verlust von Geschichte und Identität verbindet. 

Einen bewussten Kontrapunkt zu diesen schweren Themen setzt das Festival im neuen Zentrum, dem Biedermann-Palast. Der Schweizer Künstler Augustin Rebetez übernimmt den historischen Raum mit «VITAMIN». Sein vielschichtiges Projekt aus Fotografie, Skulptur, Video und Musik irritiert die sakrale Architektur mit groteskem Humor und chaotischer Energie. Es erinnert daran, dass Kunst auch Raum für das Absurde und Ungeordnete bieten muss. Im öffentlichen Raum setzt Luke Stephenson mit «An Incomplete Dictionary of Show Birds» weitere Akzente: Seine grossformatigen Porträts von Ziergeflügel verwandeln die Stadt in eine surreale Galerie und spiegeln die menschliche Obsession nach ästhetischer Perfektion. Ergänzt wird das Programm durch eine Photobook-Ausstellung, Musikveranstaltungen und diverse Interventionen, wobei weitere Künstlernamen noch im Laufe des Frühjahrs bekannt gegeben werden. 

Das 25. Fotofestiwal versteht sich damit als Plattform, um durch die Linse der Fotografie aktuelle gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen zu verhandeln. Es positioniert das Medium als unverzichtbares Instrument für den Dialog und den Aufbau von Gemeinschaft inmitten globaler Spannungen. 

Das Fotofestiwal Łódź – 25. Internationale Festival der Fotografie findet vom 18. bis 28. Juni 2026 (Eröffnungswochenende: 18.–21. Juni) in Łódź, Polen statt.