Licht auf Gaza: Das wiederentdeckte Fotostudio von Kegham Djeghalian

Autoportrait de Kegham Djeghalian Sr avec ses enfants, Gaza, c.1952

Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation. 

In der Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable» tritt eine faszinierte künstlerische Begegnung ans Licht: Ein Enkel befragt das fotografische Erbe seines Grossvaters. 2018 entdeckte Kegham Djeghalian Jr. im Haus seines Vaters in Kairo drei rote Schachteln, gefüllt mit Negativen, Dokumenten und persönlichen Erinnerungstücken. Was als späte Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begann, weitet sich rasch zu einem vielschichtigen Porträt des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens in Gaza im 20. Jahrhundert aus. 

Bal masqué à Gaza, photo par Kegham Djeghalian Sr, mi-1960s

Der künstlerische Ansatz von Djeghalian Jr. bricht bewusst mit den Konventionen klassischen Archivierens. Anstatt eine chronologische Reihenfolge zu erzwingen oder die Aufnahmen mit festen Jahreszahlen und erklärenden Legenden zu versehen, setzt er auf eine typologische Anordnung in vier Themenfeldern: «Le Studio», «Gaza Memento», «Album de famille» und «Zoom Call». Dieser Verzicht auf das Eindeutige ermöglicht eine sogenannte «unmade archive» – eine offene, unvollendbare Archivpraxis, die sich jeder endgültigen Schliessung widersetzt. Die Bilder, befreit vom Korsett der reinen Dokumentation, sprechen für sich: Strandbegegnungen, Maskenbälle, Porträts aus dem Studio und familiäre Momente verdichten sich zu einer alternativen Historiografie. Sie zeigen Gaza jenseits der üblichen Schablonen als einen Ort lebendiger Alltagskultur, voller Würde, Wärme und Vielschichtigkeit. 

La Boite Ouverte, 2018 par Kegham Djeghalian Jr

Kegham Djeghalian Senior (1915–1981) überlebte als Kleinkind den Völkermord an den Armeniern und wuchs in Syrien und dem Libanon auf. Anfang der 1930er-Jahre zog er nach Palästina und gründete 1944 in Gaza das erste professionelle Fotostudio der Stadt: Photo Kegham. Über fast vier Jahrzehnte hielt er das Leben der Stadt und ihrer Bewohner fest – von historischen Ereignissen bis hin zu alltäglichen Porträts, Hochzeitsszenen und Strandaufnahmen. Trotz politischer Umbrüche verliess er Gaza bis zu seinem Tod im Jahr 1981 nicht. 

Kegham Djeghalian Junior ist ein palästinensisch-armenischer visueller Künstler, Art Director und Modeexperte mit Wirkungsstätten in Kairo und Paris. Er lehrt als Professor an der German International University (GIU), wo er die künstlerische Leitung des Modedesign-Departements innehat. Seine künstlerischen Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Fotografie, Archivpraxis und Mode. Seine Werke wurden international in renommierten Institutionen gezeigt, darunter das Centre Pompidou in Paris, The Photographers' Gallery in London und die Sharjah Biennale. 

Kegham Djeghalian devant son studio à Gaza, mi-1970

Das im Herzen des Quartiers La Joliette gelegene Centre Photographique Marseille (CPM) ist ein zeitgenössisches Kunstzentrum, das sich der Fotografie widmet. Es versteht sich als Ort des Kunstschaffens, der Vermittlung und des Austauschs. Entstanden aus der Tradition des Vereins Les Ateliers de l'Image, bietet das CPM ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops und Fachveranstaltungen. Das Zentrum engagiert sich für die Förderung regionaler wie internationaler Positionen und regt zum kritischen Diskurs über Bildpraktiken der Gegenwart an. 

Studio Photo Kegham sur la rue Omar al Mokhtar, Gaza, c. 1960

Die Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable – Kegham Djeghalian Junior im Dialog mit Kegham Djeghalian Senior» ist bis zum 12. September 2026 im Centre Photographique Marseille zu sehen. Sie findet im Rahmen der Saison Méditerranée 2026, des Printemps de l'Art Contemporain (PAC) und als Satellitenprogramm der Rencontres d'Arles (Grand Arles Express) statt.