Brennende Farben, kühle Präzision…

Bombardopolis, Haiti, 1986 © Alex Webb / Magnum Photos

In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen. 

Webb sucht nicht das inszenierte Postkartenmotiv. «... alle Ideen meines Werks haben sich aus der Idee des Reisens und Umherstreifens ergeben», so Webb selbst. Dieses Umherstreifen ist bei ihm jedoch kein zielloses Schlendern, sondern eine hochkonzentrierte Jagd nach jenen raren Sekundenbruchteilen, in denen das Chaos der Strasse für einen Wimpernschlag in perfekter Balance erstarrt. Es ist die Suche nach jenen Momenten, in denen sich die gesellschaftliche Realität von Indien über Griechenland bis nach Haiti und Mexiko in ein dichtes, farbintensives Drama verwandelt. 

Die Leica M macht Webb zum Choreografen des Zufalls. Er baut eine visuelle Dichte auf, in der Vorder-, Mittel- und Hintergrund gleichermassen eigene Geschichten erzählen: Da ist das spielende Kind im tiefen Schatten, dort ein Passant im fahlen Gegenlicht und am Rande ein verblasstes Plakat an der Wand, das das Geschehen ironisch kommentiert. Durch diese Staffelung entstehen Bilder, die man langsam lesen muss – man weiss oft gar nicht, wo das Auge zuerst verweilen soll. 

Es ist diese atmosphärische Dichte, die uns gefangen nimmt. Seine Bilder beschwören nicht nur die physische Hitze sonnenüberfluteter Orte herauf, sondern verleihen ihnen zugleich eine metaphysische Wärme. Der amerikanische Kunsthistoriker Max Kozloff beschrieb dieses Phänomen treffend als eine «Atmosphäre gespannter Energie, voller latenter Bewegung, die jederzeit in Aktion übergehen könnte». Es ist kein beiläufiges Dokumentieren, sondern eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Welt, die zeigt, dass Fotografie eine universelle Sprache ist. Jedes Bild in «Selections» ist eine präzise Komposition – berauschend, lebendig und zutiefst humanistisch. 

Grenada, 1979 © Alex Webb / Magnum Photos

Alex Webb, geboren am 5. Mai 1952 in San Francisco, entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Fotografie. Nach dem Studium der Literatur und Geschichte an der Harvard University (1970–1974) folgte die fotografische Ausbildung am Apeiron Workshops in New York. Seine Karriere startete Webb zunächst im klassischen Schwarzweiss. Erst die Entdeckung der farbintensiven Strassenlandschaften der Karibik und Lateinamerikas brachte ihn zur Farbfotografie, deren dokumentarische Spielart er revolutionieren sollte. Seit 1979 ist Webb Vollmitglied der legendären Agentur Magnum Photos. Seine Werke hängen weltweit in renommierten Häusern wie dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Museum of Fine Arts in Boston. Neben zahlreichen Preisen, darunter die Leica Medal of Excellence (2000), veröffentlichte er über 15 Fotobücher, darunter das Standardwerk The Suffering of Light. Im Herbst 2026 wird sein neues Buch Walking Blues erwartet, das sich den urbanen Landschaften der USA widmet. 

Tehuantepec, Mexico, 1985 © Alex Webb / Magnum Photos

Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 hat sich die Leica Galerie Salzburg als eine der wichtigsten Adressen für Fotokunst in Westösterreich etabliert. Seit 2015 im idyllischen Stadtteil Parsch (Gaisbergstrasse 12) beheimatet, zeigt das Haus ein feines Gespür für internationale Fotogrössen und fördert zugleich lokale Talente. Sie versteht sich nicht nur als Galerie, sondern als lebendiger Treffpunkt für Sammler, Kunstschaffende und Fotobegeisterte. Die Ausstellung fällt zudem in ein historisches Jubiläum: Vor 50 Jahren eröffnete die erste Leica Galerie in Wetzlar. Seither prägen diese Orte des Dialogs weltweit den Blick auf unsere Welt.

Die Ausstellung «Selections» von Alex Webb ist bis zum 31. Oktober 2026 zu besuchen.