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Das Jahrhundert der Lichter und Lärchen...

Fotograf: Domenic Feuerstein, Stradun in Scuol, um 1940 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf. 

Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte. 

Fotograf: Johann Feuerstein, Schafgruppe im Bergell, Soglio mit Val Bondasca im Hintergrund, um 1910 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Über ein ganzes Jahrhundert hinweg – von den späten 1890er-Jahren bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert – begleiteten die Feuersteins das Unterengadin, das Münstertal und ihre Nachbarregionen. Das im Verlag Scheidegger & Spiess erschienene Buch würdigt dieses monumentale Fotoarchiv erstmals umfassend. Es ist ein kulturhistorischer Glücksfall ersten Ranges, dass dieser Bestand fast vollständig erhalten blieb und heute im Staatsarchiv Graubünden gesichert ist. Beim Lesen und Betrachten zeigt sich: Dieser Band ist nicht nur das Porträt einer aussergewöhnlichen Familie, sondern eine visuelle Expedition durch die Transformationen einer alpinen Kulturlandschaft im Spannungsfeld von bäuerlicher Isolation, Pioniergeist, Naturmythos und technologischer Moderne.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Engadinerinnen in ihren Trachten, Ardez um 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Der weltgewandte Blick aus der Provinz: In seinem einleitenden Essay «Weit blicken: Die Fotografendynastie Feuerstein» fächert der Fotohistoriker Anton Holzer das zentralste Spannungsfeld des Gesamtwerks auf: das Wechselspiel zwischen lokaler Verankerung und cosmopolitischem Weitblick. Während viele frühe Fotosammlungen des Engadins von auswärtigen Fotografen stammten – der Volkskundler Paul Hugger sprach in diesem Zusammenhang von kolonialistischen Zügen des touristischen Blicks –, bildete das Werk der Feuersteins das authentische Gegenstück. Es war der geschulte Blick von innen, der die eigene Heimat erforschte, ohne sich den Verwertungslogiken von Tourismus und Bildmedien zu verschliessen.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Dorfbrand von Sent, 8. Juni 192 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Schlüssel zur Ästhetik der Feuersteins liegt in ihrer nüchternen, sachlich-dokumentarischen Bildsprache. Im direkten Vergleich zu ihrem berühmten Oberengadiner Zeitgenossen Albert Steiner verzichteten Johann Feuerstein und seine Nachfolger auf sentimentales Pathos oder piktorialistische Verklärung. Während Steiner die Landschaft oft puristisch menschenleer hielt oder Statisten zu touristischer Staffage degradierte, fügten sich Mensch und Tier bei den Feuersteins ganz selbstverständlich in ihren Lebensraum ein. Der Mensch erscheint hier bei der Feldarbeit, beim Handwerk, auf der Jagd oder beim Bau gigantischer Wasserkraftanlagen.  

Fotograf: Domenic Feuerstein, Alpinist auf Bergteour, Gletscherspalte im Lischanagebiet, um 1945 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Eine Chronik in sechs Akten: Die Vielschichtigkeit dieser Familiensaga entfaltet der Band in sechs aufeinander aufbauenden Textbeiträgen, die sich im Lesen zu einem geschlossenen Panorama verdichten. Den Auftakt bildet das biografische Fundament von Johann Feuerstein (1871–1945), verfasst von Ruedi Bruderer. Aus einfachen Verhältnissen im Münstertal stammend, erlernte der Vollwaise das Handwerk beim berühmten Bergführer und Alpin-Fotografen Alexander Flury in Pontresina, bevor er 1899 sein eigenes Wohn- und Fotohaus in Scuol bezog. Trotz schwerer Schicksalsschläge wie dem verheerenden Atelierbrand von 1914 etablierte sich Johann als führender Chronist des Unterengadins. Er dokumentierte den Bau der Rhätischen Bahn zwischen 1909 und 1913 und stieg durch seine ikonischen Aufnahmen der knorrigen Arvenwälder im Val S-charl zum wichtigsten Bildpionier des 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalparks auf.  

Fotograf: Jon Feuerstein EKW-Zentrale, Pradella-Scuol 1970 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Diese Pionierarbeit führte sein Sohn Domenic Feuerstein (1900–1949) weiter, dessen Wirken Ruedi Bruderer im zweiten Beitrag beleuchtet. Domenic erweiterte den Horizont des Familienbetriebs um das literarische und filmische Schaffen. Nach Lehrjahren in Zürich und einem zweijährigen Intermezzo mit eigenem Atelier in Locarno kehrte er 1930 ins Engadin zurück. Er verfasste überregional erfolgreiche Tier- und Naturbücher – darunter Bestseller wie «Der Arvenwald von Tamangur», «Peterli» oder «Wupp» – und drehte erste historische Stummfilme und Werbestreifen, etwa das eindrückliche Zeitdokument über den Schamserberg von 1935 oder Kurbroschüren für Scuol-Tarasp-Vulpera.  

Fotograf: Jon Feuerstein, Das Grandhotel Waldhaus wurde komplett zerstört, vermutet wird Brandstiftung, Vulpera 27. Mai 1989 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Mit der dritten Generation wandelten sich Technik und Reichweite des Hauses erneut. Ruedi Bruderer widmet sich im dritten Kapitel Jon Feuerstein (1925–2010), der nach dem frühen Tod des Vaters 1949 mit erst 24 Jahren die Geschäftsleitung übernahm. Neben seiner spektakulären Teilnahme als Fotograf und Filmer an der Virunga-Expedition nach Zentralafrika (1954/55) prägte Jon das Fotohaus vor allem durch die Modernisierung des Ansichtskartenverlags im Vierfarb-Offsetdruck sowie durch seine monumentale, zehnjährige Fotodokumentation des Baus der Engadiner Kraftwerke zwischen 1961 und 1972, die ein einmaliges Dokument schweizerischer Industrie- und Technikgeschichte darstellt.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Hochjagd, Engadin um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Seinem jüngeren Bruder Mic Feuerstein (1928–2004) ist das vierte Kapitel von Ruedi Bruderer gewidmet. Mic verschrieb sich mit stoischer Geduld der Wildtierfotografie und dem Naturfilm. Er wirkte am legendären Kinofilm «Schellen-Ursli» von 1965 mit und wurde ab 1972 zum ersten festen Kameramann und Regisseur des rätoromanischen Fernsehens (RTR/SRF DRS). Als Schweizer Pionier des Tierfilms fing er über Jahrzehnte das alpine Leben, Artenschutzprojekte und kulturelle Ereignisse in rund 230 Filmbeiträgen ein.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Wild in Not, Hirsch im Bergbach gefangen, S-charl um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie sehr das handwerkliche Schaffen mit wirtschaftlichem Weitblick verwoben war, zeigt der Beitrag von Seraina Feuerstein über die Geschichte des hauseigenen Ansichtskartenverlags. Vom Edellichtdruck und Kupfergravuren der Jahrhundertwende über handlaborierte Fotokarten bis hin zum industriellen Vierfarbdruck in Zusammenarbeit mit der Engadin Press AG bildete der Verlag das verlässliche wirtschaftliche Fundament des Hauses Feuerstein und trug den Ruf des Unterengadins in alle Welt.  

Fotograf: Johann Feuerstein Berühmte Arve in der Val Mingèr im Schweizerischen Nationalpark, 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Den Bogen zurück zur Naturmythologie schlägt schliesslich Gian Cla Feuerstein in seiner Abhandlung über die symbolische Rolle des Schweizerischen Nationalparks und der Arve. Der God da Tamangur stand für Johann, Domenic und ihre Nachfolger nicht nur für stoische Überlebenskraft im Hochgebirge, sondern wurde durch ihre Linse zum visuellen Markenzeichen des Schweizer Naturschutzgedankens überhaupt. 

Fotograf: Domenic Feuerstein Lais da Rims, Lischanagebirge um 1935 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Hauptwerk alpiner Fotogeschichte: Der Bildband «Fotografendynastie Feuerstein» erweist sich als imposantes Standardwerk zur visuellen Kulturgeschichte Graubündens. Dass diese vielschichtige Aufarbeitung in einer derart anspruchsvollen Ausstattung vorliegt, unterstreicht den Anspruch von Scheidegger & Spiess: Der Verlag gehört zu den führenden Schweizer Häusern in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur und beweist hier einmal mehr seine Expertise in der Konzeption und Materialisierung erlesener Publikationen. Durch die zweisprachige Gestaltung (Deutsch/Vallader) bleibt das Werk der rätoromanischen Heimat der Künstler verpflichtet – ein unverzichtbarer Band für jede fotokünstlerische Bibliothek.

Licht auf Gaza: Das wiederentdeckte Fotostudio von Kegham Djeghalian

Autoportrait de Kegham Djeghalian Sr avec ses enfants, Gaza, c.1952

Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation. 

In der Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable» tritt eine faszinierte künstlerische Begegnung ans Licht: Ein Enkel befragt das fotografische Erbe seines Grossvaters. 2018 entdeckte Kegham Djeghalian Jr. im Haus seines Vaters in Kairo drei rote Schachteln, gefüllt mit Negativen, Dokumenten und persönlichen Erinnerungstücken. Was als späte Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begann, weitet sich rasch zu einem vielschichtigen Porträt des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens in Gaza im 20. Jahrhundert aus. 

Bal masqué à Gaza, photo par Kegham Djeghalian Sr, mi-1960s

Der künstlerische Ansatz von Djeghalian Jr. bricht bewusst mit den Konventionen klassischen Archivierens. Anstatt eine chronologische Reihenfolge zu erzwingen oder die Aufnahmen mit festen Jahreszahlen und erklärenden Legenden zu versehen, setzt er auf eine typologische Anordnung in vier Themenfeldern: «Le Studio», «Gaza Memento», «Album de famille» und «Zoom Call». Dieser Verzicht auf das Eindeutige ermöglicht eine sogenannte «unmade archive» – eine offene, unvollendbare Archivpraxis, die sich jeder endgültigen Schliessung widersetzt. Die Bilder, befreit vom Korsett der reinen Dokumentation, sprechen für sich: Strandbegegnungen, Maskenbälle, Porträts aus dem Studio und familiäre Momente verdichten sich zu einer alternativen Historiografie. Sie zeigen Gaza jenseits der üblichen Schablonen als einen Ort lebendiger Alltagskultur, voller Würde, Wärme und Vielschichtigkeit. 

La Boite Ouverte, 2018 par Kegham Djeghalian Jr

Kegham Djeghalian Senior (1915–1981) überlebte als Kleinkind den Völkermord an den Armeniern und wuchs in Syrien und dem Libanon auf. Anfang der 1930er-Jahre zog er nach Palästina und gründete 1944 in Gaza das erste professionelle Fotostudio der Stadt: Photo Kegham. Über fast vier Jahrzehnte hielt er das Leben der Stadt und ihrer Bewohner fest – von historischen Ereignissen bis hin zu alltäglichen Porträts, Hochzeitsszenen und Strandaufnahmen. Trotz politischer Umbrüche verliess er Gaza bis zu seinem Tod im Jahr 1981 nicht. 

Kegham Djeghalian Junior ist ein palästinensisch-armenischer visueller Künstler, Art Director und Modeexperte mit Wirkungsstätten in Kairo und Paris. Er lehrt als Professor an der German International University (GIU), wo er die künstlerische Leitung des Modedesign-Departements innehat. Seine künstlerischen Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Fotografie, Archivpraxis und Mode. Seine Werke wurden international in renommierten Institutionen gezeigt, darunter das Centre Pompidou in Paris, The Photographers' Gallery in London und die Sharjah Biennale. 

Kegham Djeghalian devant son studio à Gaza, mi-1970

Das im Herzen des Quartiers La Joliette gelegene Centre Photographique Marseille (CPM) ist ein zeitgenössisches Kunstzentrum, das sich der Fotografie widmet. Es versteht sich als Ort des Kunstschaffens, der Vermittlung und des Austauschs. Entstanden aus der Tradition des Vereins Les Ateliers de l'Image, bietet das CPM ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops und Fachveranstaltungen. Das Zentrum engagiert sich für die Förderung regionaler wie internationaler Positionen und regt zum kritischen Diskurs über Bildpraktiken der Gegenwart an. 

Studio Photo Kegham sur la rue Omar al Mokhtar, Gaza, c. 1960

Die Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable – Kegham Djeghalian Junior im Dialog mit Kegham Djeghalian Senior» ist bis zum 12. September 2026 im Centre Photographique Marseille zu sehen. Sie findet im Rahmen der Saison Méditerranée 2026, des Printemps de l'Art Contemporain (PAC) und als Satellitenprogramm der Rencontres d'Arles (Grand Arles Express) statt.

«Flora Humana»: Natur als Skulptur...

Flora Humana ist eine fotografische Arbeit, die Pflanzenformen in den Mittelpunkt stellt und ihre überraschende Nähe zum Menschlichen sichtbar macht. Ein grosser Teil der Aufnahmen entstand im Botanischen Garten der Universität Bern, dessen Artenvielfalt eine intensive Auseinandersetzung mit denselben Pflanzen über längere Zeit ermöglichte. Die Schwarz-Weiss-Fotografien wecken Assoziationen an Figuren, Gesten oder Charaktere und lassen die Grenzen zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung fliessend werden. 

Ausgangspunkt dieser Bildserie ist das wiederholte, aufmerksame Beobachten durch den Künstler. Mit der Zeit treten Details, Strukturen und Formen hervor, die im schnellen Blick leicht übersehen werden. Vergrösserte und isolierte Pflanzenfragmente entfalten so eine faszinierende Präsenz und eröffnen neue Perspektiven auf Vertrautes – es entstehen Bilder zwischen Natur und Skulptur, die dazu einladen, Pflanzen mit anderen Augen zu betrachten. 

Hinter dieser sensiblen Herangehensweise steht Ramón Quensel. Der gebürtige Mexikaner (Real de Catorce, San Luis Potosí) lebt heute in Bern. In seiner Fotografie verbindet er die Mystik der Natur mit seiner Leidenschaft für Musik, Menschen und die Geschichten des Alltags. Licht und Schatten spielen dabei eine zentrale Rolle als visuelle Sprache, um Stimmungen, Ideen und Emotionen spürbar werden zu lassen. 

Sein Werk reicht von Reportage bis Still Life. Mit Offenheit, Neugier und Gespür für Details stellt er sich jedem neuen Projekt individuell, immer mit dem Anspruch, sich als Fotograf und als Mensch weiterzuentwickeln. 

Zyklamen © Ramón Quensel

Die im März 2026 gegründete Fotogalerie Bern präsentiert vom 27. bis zum 30. August 2026 die Fotoausstellung «Flora Humana» von Ramón Quensel.

Bertien van Manen: Die Echos des Alltäglichen…

Let’s Sit Down Before We Go, Ljalja, Odessa, 1991 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die Fotografien von Bertien van Manen sind weder Tagebuch noch Familienalbum, obwohl sie eine ähnliche Intimität ausstrahlen. Stattdessen bieten sie eine Chronik des gewöhnlichen Lebens – eine Hommage an Menschen, die oft unsichtbar bleiben, deren Würde und Widerstandskraft jedoch im Zentrum ihres Werkes stehen. Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» im Centre de la photographie de Mougins würdigt nun erstmals in Frankreich das Œuvre der aussergewöhnlichen Fotografin, deren empathischer Blick die Grenzen zwischen Dokumentarfotografie und subjektivem Erleben neu definiert.

Let's Sit Down Before We Go, Caming site, Lake Baïkal, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die Retrospektive versammelt zentrale Serien aus dem mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Œuvre von Bertien van Manen, einer zutiefst feministischen und engagierten Künstlerin. Im Herzen der Ausstellung steht ihr frühes Projekt «I Am the Only Woman There» (1979), das sich den ersten Generationen von Migrantinnen in den Niederlanden widmet: Frauen aus der Türkei, Marokko oder Jugoslawien, die als Arbeitskräfte ins Land kamen, jedoch in der Isolation ihrer Wohnungen verblieben und gesellschaftlich kaum wahrgenommen wurden. Van Manen holte sie aus dem Schatten, fotografierte sie in ihren Küchen, bei der Arbeit und während Festen – immer in Schwarzweiss, immer mit einem Blick, der weder mitleidig noch exotisierend ist. 

Let's Sit Down Before We Go, Vlada in the kitchen, Kazan, 1992 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Ebenso eindrücklich ist die Serie «Dienstmaagd des heren?» (1982), die das Leben von Karmeliterinnen dokumentiert. Hier löst sich der dogmatische Rahmen der Institution auf; stattdessen treten die Frauen als Individuen in Erscheinung, bei ihren alltäglichen Verrichtungen, geschützt und zugleich definiert durch ihre Gemeinschaft. In «Yorkshire, New Sharlston» (1979–1980) porträtiert van Manen eine Bergbaugemeinschaft in Grossbritannien, während «Moonshine» (1985–2013) eine über dreissig Jahre währende Begleitung von Kohleminen-Familien in den Appalachen der USA zeigt. Ihr Stil änderte sich hier grundlegend: Sie legte das professionelle Equipment ab und arbeitete mit einer kleinen 35-mm-Kamera, um eine unmittelbare, ungekünstelte Nähe zu schaffen. 

A Hundred Summers, a Hundred Winters, Tbilissi, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die späten Serien «A Hundred Summers, a Hundred Winters» und «Let’s Sit Down Before We Go» führen uns in die postsowjetische Welt. Zwischen 1991 und 2009 reiste van Manen durch Russland, die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan. Doch anders als Reportagefotografen suchte sie nicht die Strasse oder politische Ereignisse, sondern die privaten Räume: Schlafzimmer, in denen das Sofa zum Bett wird, Küchen, die als Wohnzimmer dienen. Es ist ein Blick hinter den eisernen Vorhang, der nicht auf das Elend starrt, sondern die Menschlichkeit im Alltag feiert. 

I Am the Only Woman There, Amsterdam, 1979 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Hinter diesem einfühlsamen Blick steht eine Persönlichkeit, die sich nie mit der Rolle der reinen Beobachterin zufriedengab. Bertien van Manen (1935–2024), geboren als Tochter eines Bergbauingenieurs in den Niederlanden, begann ihre Karriere zunächst als Model, bevor sie hinter die Kamera wechselte. Der entscheidende Impuls kam durch Robert Franks Buch «Les Américains»: Von da an wollte sie die Welt nicht mehr illustrieren, sondern leben – mitten unter den Menschen, die sie faszinierten. Ihr Ansatz war radikal subjektiv und zugleich tief dokumentarisch. «Ich muss die Menschen lieben, die ich fotografiere», bekannte sie einmal. Diese Haltung erlaubte es ihr, über Jahrzehnte hinweg Vertrauen aufzubauen und in die intimsten Bereiche des Lebens vorzudringen. Van Manen war eine Feministin im Handeln, auch wenn sie sich nicht explizit als solche bezeichnete. Ihr Werk gibt jenen eine Stimme, die am Rand der Gesellschaft stehen: Migrantinnen, Bergarbeiterfamilien, Nonnen, Menschen in Transformationsgesellschaften. Ihre Bilder oszillieren zwischen Schönheit und Chaos, zwischen Humor und Tragik – und erzählen dabei Geschichten, die universell verständlich sind. 

Moonshine, Dorothy, West Virginia, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Das Centre de la photographie de Mougins hat sich seit seiner Eröffnung als wichtiger Ort für die zeitgenössische Fotokunst etabliert. In der malerischen Gemeinde Mougins an der Côte d’Azur gelegen, versteht es sich als Plattform für künstlerische Positionen, die gesellschaftliche Fragen aufwerfen und neue Perspektiven eröffnen.  

Die aktuelle Ausstellung ist eine Koproduktion mit dem Centre d’art Gwinzegal in Guingamp und wurde mit Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande realisiert. Als Teil der Programmierung der Rencontres d’Arles im Rahmen des ‘Grand Arles Express’ unterstreicht sie zudem die Vernetzung der französischen Fotolandschaft. 

Die Ausstellung Les échos de l’ordinaire von Bertien van Manen ist bis zum 4. Oktober 2026 im Centre de la photographie de Mougins zu sehen.

Moonshine, Helen and Camy with dog, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Brennende Farben, kühle Präzision…

Bombardopolis, Haiti, 1986 © Alex Webb / Magnum Photos

In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen. 

Webb sucht nicht das inszenierte Postkartenmotiv. «... alle Ideen meines Werks haben sich aus der Idee des Reisens und Umherstreifens ergeben», so Webb selbst. Dieses Umherstreifen ist bei ihm jedoch kein zielloses Schlendern, sondern eine hochkonzentrierte Jagd nach jenen raren Sekundenbruchteilen, in denen das Chaos der Strasse für einen Wimpernschlag in perfekter Balance erstarrt. Es ist die Suche nach jenen Momenten, in denen sich die gesellschaftliche Realität von Indien über Griechenland bis nach Haiti und Mexiko in ein dichtes, farbintensives Drama verwandelt. 

Die Leica M macht Webb zum Choreografen des Zufalls. Er baut eine visuelle Dichte auf, in der Vorder-, Mittel- und Hintergrund gleichermassen eigene Geschichten erzählen: Da ist das spielende Kind im tiefen Schatten, dort ein Passant im fahlen Gegenlicht und am Rande ein verblasstes Plakat an der Wand, das das Geschehen ironisch kommentiert. Durch diese Staffelung entstehen Bilder, die man langsam lesen muss – man weiss oft gar nicht, wo das Auge zuerst verweilen soll. 

Es ist diese atmosphärische Dichte, die uns gefangen nimmt. Seine Bilder beschwören nicht nur die physische Hitze sonnenüberfluteter Orte herauf, sondern verleihen ihnen zugleich eine metaphysische Wärme. Der amerikanische Kunsthistoriker Max Kozloff beschrieb dieses Phänomen treffend als eine «Atmosphäre gespannter Energie, voller latenter Bewegung, die jederzeit in Aktion übergehen könnte». Es ist kein beiläufiges Dokumentieren, sondern eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Welt, die zeigt, dass Fotografie eine universelle Sprache ist. Jedes Bild in «Selections» ist eine präzise Komposition – berauschend, lebendig und zutiefst humanistisch. 

Grenada, 1979 © Alex Webb / Magnum Photos

Alex Webb, geboren am 5. Mai 1952 in San Francisco, entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Fotografie. Nach dem Studium der Literatur und Geschichte an der Harvard University (1970–1974) folgte die fotografische Ausbildung am Apeiron Workshops in New York. Seine Karriere startete Webb zunächst im klassischen Schwarzweiss. Erst die Entdeckung der farbintensiven Strassenlandschaften der Karibik und Lateinamerikas brachte ihn zur Farbfotografie, deren dokumentarische Spielart er revolutionieren sollte. Seit 1979 ist Webb Vollmitglied der legendären Agentur Magnum Photos. Seine Werke hängen weltweit in renommierten Häusern wie dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Museum of Fine Arts in Boston. Neben zahlreichen Preisen, darunter die Leica Medal of Excellence (2000), veröffentlichte er über 15 Fotobücher, darunter das Standardwerk The Suffering of Light. Im Herbst 2026 wird sein neues Buch Walking Blues erwartet, das sich den urbanen Landschaften der USA widmet. 

Tehuantepec, Mexico, 1985 © Alex Webb / Magnum Photos

Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 hat sich die Leica Galerie Salzburg als eine der wichtigsten Adressen für Fotokunst in Westösterreich etabliert. Seit 2015 im idyllischen Stadtteil Parsch (Gaisbergstrasse 12) beheimatet, zeigt das Haus ein feines Gespür für internationale Fotogrössen und fördert zugleich lokale Talente. Sie versteht sich nicht nur als Galerie, sondern als lebendiger Treffpunkt für Sammler, Kunstschaffende und Fotobegeisterte. Die Ausstellung fällt zudem in ein historisches Jubiläum: Vor 50 Jahren eröffnete die erste Leica Galerie in Wetzlar. Seither prägen diese Orte des Dialogs weltweit den Blick auf unsere Welt.

Die Ausstellung «Selections» von Alex Webb ist bis zum 31. Oktober 2026 zu besuchen.

Zagara: Wenn der Duft der Orangenblüte nach Schweigen riecht…

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Ausgehend von einer konkreten Familiengeschichte – ihre Urgrossmutter musste 1939 in Sizilien vor einem versuchten Femizid fliehen – webt Amico ein dichtes Netz aus persönlichen Archivbildern, Landschaftsaufnahmen, Porträts und Recherchematerialien. Sie behandelt das Familienalbum nicht als passiven Speicher von Erinnerungen, sondern als einen umkämpften Ort, an dem Narrative neu verhandelt werden können. Was in den Bildern oft unsichtbar bleibt: Die Gewalt, das Trauma, das erzwungene Schweigen, wird durch die Installation greifbar. Audioarbeiten, Videos und eben der omnipräsente Duft der Orangenblüte immersieren das Publikum in eine «emotionale Landschaft», die zeigt, wie gesellschaftliche Normen Frauen idealisieren und gleichzeitig in unsichtbare Käfige sperren. Die Schönheit der Blüte wird hier zur Metapher für eine Weiblichkeit, die erdrückt, statt zu befreien. 

Amicos Ansatz ist geprägt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Bevor sie zur Kamera griff, studierte sie Rechtswissenschaften. Dieser juristische Hintergrund schärft ihren Blick für Strukturen: Sie untersucht nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch das Rechtssystem als Rahmen von Gewalt und Schutz sowie die Rolle der Medien bei der Darstellung – oder Verschleierung – von Femiziden. Ihre Arbeit oszilliert zwischen sozialer Untersuchung und relationaler Praxis, wobei sie das Archiv aktiv nutzt, um gelöschte Stimmen wieder hörbar zu machen. Die Ausstellung ist Teil des Jahresprogramms «handle with care» und wird im Dialog mit einer Werkpremiere von Virginie Rebetez gezeigt, was unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema familiärer Erinnerung kontrastiert. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Tiziana Amico (*1991, Italien) ist eine in der Schweiz lebende Fotografin und visuelle Forscherin. Ihre Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie und Recht wurde bereits mit dem 2. Preis beim Swiss Press Photo Award 2025 (Kategorie «International») für das Werk «Nunca Fui Adolescente» ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbands near. für zeitgenössische Fotografie. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Das Photoforum Pasquart in Biel/Bienne, gelegen an der Seevorstadt, versteht sich seit langem als wichtiger Knotenpunkt für die zeitgenössische Fotografie in der Schweiz. Als Institution, die sich der Reflexion und Vermittlung des Mediums verschrieben hat, bietet das Forum mit dieser Ausstellung einen Raum für dringliche gesellschaftliche Diskurse. Die Präsentation von «Zagara» unterstreicht den Anspruch des Hauses, Fotografie nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Werkzeug zur Aufarbeitung von Geschichte und Machtverhältnissen zu begreifen. 

Die Ausstellung «Zagara – Ciò che resta» von Tiziana Amico ist bis zum 30. August 2026 im Photoforum Pasquart in Biel zu besuchen.

YAN, 1956: Ein fotografischer Zeitzeuge in Sardinien...

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Siebzig Jahre sind vergangen, seit Jean Dieuzaide, genannt Yan, seine Kamera durch die Landschaften Sardiniens schweifen liess. Was damals als dokumentarische Reise begann, ist heute mehr als nur eine Sammlung von Bildern: Es ist ein visuelles Archiv einer Insel im Wandel, eingefangen durch den humanistischen Blick eines der bedeutendsten französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vom 11. Juni bis 15. September 2026 widmet das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro diesem historischen Moment eine umfassende Retrospektive.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» lädt dazu ein, das Sardinien der Nachkriegszeit neu zu entdecken. Dieuzaides Fotografien zeigen nicht nur Landschaften und traditionelle Rituale, sondern Menschen in ihrem Alltag – ihre Gesichter, ihre Arbeit, ihre Würde. In einer Zeit, in der sich Europa langsam von den Verwüstungen des Krieges erholte und moderne Transformationen die ländlichen Gesellschaften zu verändern begannen, dokumentierte Yan diese Übergangsmomente mit einer Sensibilität, die über das Dokumentarische hinausgeht. Seine Bilder erzählen von einer Insel, die zwischen Tradition und Moderne oszilliert, und bewahren ein kulturelles Erbe, das heute teilweise nur noch in diesen Fotografien existiert.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Jean Dieuzaide (1921–2003), bekannt unter dem Künstlernamen Yan, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der humanistischen Fotografie in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Karriere begann in Toulouse, wo er 1944 eines der ersten offiziellen Porträts von General Charles de Gaulle während der Befreiung der Stadt aufnahm – ein Bild, das ihn über Nacht bekannt machte. Yan entwickelte in den folgenden Jahrzehnten einen unverwechselbaren Stil, geprägt von Empathie, Respekt und einem tiefen Interesse am menschlichen Dasein. 

Seine Anerkennung in der fotografischen Welt wurde durch zahlreiche Preise untermauert: 1955 erhielt er den prestigeträchtigen Prix Niépce, 1961 den Prix Nadar. Darüber hinaus war Yan 1970 einer der Mitbegründer der Rencontres d'Arles, dem heute weltweit bedeutendsten Fotografie-Festival. In den 1950er-Jahren reiste er nicht nur durch Frankreich, sondern auch den gesamten südeuropäischen Raum, darunter Spanien, Italien und eben Sardinien. Seine Arbeit zeichnete sich stets durch eine respektvolle Nähe zu den Menschen aus, die er porträtierte – nie als Objekte der Beobachtung, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichten.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro ist eine Institution von zentraler Bedeutung für die Bewahrung und Vermittlung der sardischen Kultur. Als Teil des ISRE (Istituto Superiore Regionale Etnografico) widmet sich das Museum der Erforschung, Dokumentation und Präsentation volkstümlicher Traditionen der Insel. Nuoro, oft als «die sardische Stadt» bezeichnet, liegt im Herzen der Insel und gilt seit jeher als kulturelles Zentrum, in dem Sprache, Bräuche und Identität besonders lebendig gehalten werden. 

Das Museum versteht sich nicht als statisches Archiv, sondern als lebendiger Ort der Reflexion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sardiniens. Durch Ausstellungen wie die vorliegende wird die Verbindung zwischen lokaler Identität und internationaler künstlerischer Perspektive hergestellt. Die Zusammenarbeit mit den Archives Municipales de Toulouse, die den Nachlass von Jean Dieuzaide bewahren, unterstreicht den transnationalen Charakter dieses Projekts und die Bedeutung kultureller Kooperation über Ländergrenzen hinweg.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» wird vom ISRE-Istituto Superiore Regionale Etnografico organisiert und von Elisa Medde kuratiert. Sie ist vom 11. Juni bis 15. September 2026 im Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro zu besuchen. Das Projekt wurde durch das italienische Kulturministerium im Rahmen des Förderprogramms «Strategia Fotografia 2025» der Direzione Generale Creatività Contemporanea unterstützt.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die präsentierten Arbeiten stammen aus dem Fonds Jean Dieuzaide der Archives Municipales de Toulouse und bieten einen umfassenden Einblick in die Reise des Fotografen durch Sardinien im Jahr 1956. Neben den fotografischen Arbeiten thematisiert die Ausstellung auch den Prozess des Sehens und Erzählens selbst: Wie wurde Sardinien durch die Linse eines fremden Beobachters transformiert? Welche Narrative entstanden daraus? Und welche Bedeutung haben diese Bilder siebzig Jahre später für das Verständnis von Erinnerung, Territorium und kultureller Identität?

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Zwischen Glanz und Elend: Eine anthropologische Topografie der Megacity…

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist. 

Cairo © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Sarasins Blick ist dabei weder anklagend noch romantisierend; er ist dokumentarisch und beobachtend. Seine 120 Aufnahmen, die Städte von Los Angeles über Nairobi bis Beijing umspannen, offenbaren eine paradoxe Realität: Obwohl jede Stadt ihre spezifischen kulturellen Marker durch Plakate, Vegetation oder Baumaterialien bewahrt, gleichen sie sich in ihrer anonymen Architektur und der globalisierten Konsumkultur immer mehr an. Die traditionellen Bauweisen weichen global verfügbaren Bauplänen, wodurch die Städte einander fremd und doch vertraut wirken. Im Zentrum von Sarasins Interesse stehen nicht die glänzenden Ikonen der Stararchitekten, die im Stadtmarketing als Wahrzeichen dienen, sondern die «Unterwelt» der Metropolen. Er fokussiert auf Hinterhöfe, verwitterte Brandmauern, informelle Behausungen und postindustrielle Brachen. Diese Bilder legen die tiefe Kluft zwischen der oft bodenlosen Armut der Vielen und den glitzernden Türmen der Mächtigen schonungslos offen. Die Hochhäuser, die im Verlauf des Buches immer dominanter werden, kontrastieren scharf mit den prekären Lebensrealitäten im Vordergrund und unterstreichen so die ökonomischen Ungleichgewichte des neoliberalen Zeitalters. 

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ordnet in seinem begleitenden Essay dieses visuelle Material in einen breiteren theoretischen und historischen Kontext ein. Er beschreibt Sarasins Methode als eine moderne «anthropologische Topografie», die in der Tradition Walter Benjamins steht: Während Benjamin das Paris des 19. Jahrhunderts als Ansammlung materieller Spuren las, hält Sarasin der sich rasend verändernden Gegenwart einen Spiegel vor. Stierli hebt hervor, dass Sarasins Ansatz dem «aufgeschobenen Werturteil» folgt – ähnlich wie bei den Architekten Venturi, Scott Brown und Izenour in ihrer Studie zu Las Vegas. Der Kurator analysiert die Bilder als Dokument einer «Krise der planetaren Urbanisierung», ein Begriff des Stadtgeografen David Harvey, der die aktuelle Entwicklung als Versuch deutet, überschüssiges Kapital zu absorbieren. Stierli betont zudem die geopolitische Verschiebung: War Paris die Hauptstadt des 19. und New York jene des 20. Jahrhunderts, so ist die Gegenwart von einem multipolaren Netz von Megacities im Globalen Süden geprägt. Er liest in Sarasins Fotos die Spannung zwischen spezifischem Ortsbezug und einer «generischen Urbanität», die durch die globale Dominanz des Neoliberalismus entsteht und Städte wie Kairo, Jakarta oder Panama City auf beunruhigende Weise austauschbar erscheinen lässt. Für Stierli sind diese Bilder kein exotisches Fremdeln für den mitteleuropäischen Betrachter, sondern der Beweis, dass diese urbanen Kolosse unsere gemeinsame, unausweichliche Realität geworden sind. 

Panama City © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin ist Historiker und Fotograf. Von 2000 bis 2022 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem «1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Suhrkamp, 2021). Die Idee zu diesem Fotobuch entstand 2009 während eines Aufenthalts in Kairo, wo ihn die Komplexität und Faszination der Megacity dazu bewegten, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren mehr als zwanzig Grossstädte rund um den Globus zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren. 

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ist Kunsthistoriker und amtiert als The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er hat sich intensiv mit der Darstellung von Stadt und Architektur in Theorie, Fotografie und Film auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Las Vegas in the Rearview Mirror: The City in Theory, Photography, and Film» (Getty Research Institute, 2013) sowie «Montage and the Metropolis: Architecture, Modernity, and the Representation of Space» (Yale University Press, 2018). In seinem Essay zur Anthologie analysiert er Sarasins Werk als dokumentarischen Versuch, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der globalen Verstädterung im 21. Jahrhundert sichtbar zu machen und theoretisch zu fundieren. 

New York © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Robert Lebeck und die Poesie des Augenblicks...

Romy Schneider in einer Drehpause, Berlin 1976 © Archiv Robert Lebeck

Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte.

Karl-Marx-Strasse, Berlin-Neukölln 1960 © Archiv Robert Lebeck

Den Unterschied machte seine Haltung. Der Autodidakt mit dem Hintergrund in Völkerkunde brachte eine anthropologische Neugier mit, die ihn ebenso zu den leisen Momenten hinter den grossen Ereignissen führte wie auf die politischen Bühnen selbst. Ob für Revue, Kristall oder während über dreissig Jahren für den Stern: Lebeck suchte die Nähe. Seine Bilder atmen eine Intimität, die selbst bei weltberühmten Motiven nicht verkünstelt wirkt. Romy Schneider zeigt sich in einer Aufnahme von erschütternder Offenheit, Jacqueline Kennedy am Sarg ihres Mannes ist nicht die First Lady, sondern eine trauernde Frau.

Wäscherinnen in Cullera, Spanien 1964 © Archiv Robert Lebeck

Gleichzeitig war Lebeck ein Chronist historischer Zäsuren. Legendär ist seine Aufnahme aus dem Kongo von 1960, die zeigt, wie ein junger Mann dem belgischen König während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten den Degen entreisst. In diesem Sekundenbruchteil wird das Ende kolonialer Herrschaft sichtbar – erfasst durch einen wachen Blick, nicht durch Inszenierung. Ob heimkehrende Kriegsgefangene in Friedland oder Elvis-Presley-Fans in Ost-Berlin: Lebeck machte den Wandel der Welt durch die Augen der Menschen darin sichtbar.

Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968 © Archiv Robert Lebeck

Neben dem Schaffen war ihm das Bewahren ein Anliegen. Seine private Sammlung zur Geschichte der Fotoreportage umfasst mehr als 30’000 Exponate und deckt die Entwicklung des Mediums von 1839 bis 1973 ab. Diese Arbeit unterstreicht sein Verständnis für das fotografische Erbe, das ihm zu Recht Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis und den Henri-Nannen-Preis einbrachte.

Elvis Presley in Friedberg, Hessen 1958 © Archiv Robert Lebeck

In der heutigen digitalen Bilderflut wirkt Lebecks Ansatz zeitlos. Er erinnert daran, dass Wirkung nicht von Lautstärke abhängt. Empathie, Geduld und poetische Dichte reichen aus. Lebeck hat gezeigt, dass Fotoreportage eine Form des menschlichen Verstehens ist – ein Blick, der auch heute noch berührt.

Golda Meir, Jerusalem 1969 © Archiv Robert Lebeck

Genau hier knüpft der f³ – freiraum für fotografie an. Als Bühne für internationale Fotografie setzen seine Ausstellungen visuelle Akzente und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Alfred Hitchcock in alten Elbtunnel, Hamburg 1960 © Archiv Robert Lebeck

Die Ausstellung Berliner Originale VOL. I: Robert Lebeck ist vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin zu sehen.

Zwischen Wirtschaftsboom und menschlichem Schatten: Die unsichtbaren Architekt:innen der Schweiz...

Italienerinnen und Italiener bei der Einreise in Brig 1953. Fotografie: Hermann Freytag. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Schweizer Nachkriegsgeschichte erzählt gerne über den kollektiven Aufstieg und das wirtschaftliche Wunderland. Doch in diesem Narrativ fehlen entscheidende Stimmen – jene der "Saisonniers", der Arbeitskräfte, die jahrzehntelang das Fundament dieses Wohlstands legten, ohne je als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden. Die nun in Zürich gezeigte Ausstellung "Wir, Saisonniers…" macht diese Wunde sichtbar.

Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. ETH-Bildarchiv, Zürich.

Es ist eine bittere Ironie der Schweizer Migrationspolitik des 20. Jahrhunderts, dass diese Menschen als Arbeitskraft hochwillkommen, als Menschen jedoch unerwünscht waren. Unter dem Joch einer rigiden Aufenthaltsbewilligung fristeten sie ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Ob auf staubigen Baustellen, in den Reihen der landwirtschaftlichen Betriebe, im Dienst privater Haushalte oder im hart umkämpften Gastgewerbe – ihre Hände formten die moderne Schweiz, während ihr eigenes Leben in die Unsichtbarkeit verdrängt wurde. Getrennt von ihren Familien, untergebracht in kargen Baracken und behelfsmässigen Unterkünften, lebten sie in einer Art innerer Emigration, ausgeliefert den Launen von Arbeitgebern und Behörden.

Saisonniers aus Italien steigen in Zürich-Hauptbahnhof aus einem Personenwagen aus, März 1963. Urheber:in unbekannt. SBB-Bildarchiv.

Die Ausstellung beleuchtet dieses lange im Schatten stehende Kapitel und fragt nach den Bezügen zur heutigen Arbeits- und Migrationspolitik. Historische Dokumente, Interviews sowie archiviertes Bild- und Filmmaterial lassen persönliche Geschichten und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar werden. Ursprünglich 2019 in Genf konzipiert und später vom Neuen Museum Biel erweitert, hat der Verein histoire publique die Ausstellung nun erstmals für den deutschschweizer Kontext adaptiert. Der Standort in der Photobastei, mitten im ehemaligen Arbeiterquartier Zürichs, unterstreicht dabei die historische Verankerung dieser Themen.

Zwei Frauen neben einer improvisierten Kochgelegenheit in einer Baracke, um 1965. Urheber:in Unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Hinter dem Projekt steht der Verein histoire publique mit Sitz in Zürich, geleitet von den Historikerinnen Nicole Peter und Anja Suter. Der Verein spezialisiert sich auf partizipative Geschichtsprojekte, die gesellschaftlich verdrängte Narrative sichtbar machen. Mit einem Fokus auf Sozial-, Arbeits- und Frauengeschichte arbeitet er eng mit Archiven, Gewerkschaften und Betroffenen zusammen, um historische Kontinuitäten von Ungleichheit aufzuzeigen und öffentliche Debatten anzustossen.

Demonstration von Saisonniers aus dem ehemaligen Jugoslawien mit Koffern, 1994. Urheber:in unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Ausstellung "Wir, Saisonniers…" ist noch bis zum 21. Juni 2026 in der Photobastei zu besuchen.

Wenn Bilder heilen - Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst…

Spring – Four Seasons, 2006 © Wendy Red Star, courtesy the artist; collection of the Newark Museum of Art

Was geschieht, wenn wir aufhören, Geschichte als monolithischen Block zu betrachten, und stattdessen beginnen, ihre Risse, Leerstellen und verdrängten Ecken mit Vorstellungskraft zu füllen? Die aktuelle Ausstellung im Museum Rietberg wagt genau diesen mutigen Schritt. Sie ist keine blosse Präsentation von Kunstwerken, sondern ein Akt des kollektiven Erinnerns und der aktiven Neuverhandlung unseres visuellen Gedächtnisses. Der Titel «Fast ein Paradies» nimmt ein kraftvolles Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009) auf: «Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, wenn wir erkennen, dass es niemals eine einzige Geschichte über einen Ort gibt, gewinnen wir eine Art Paradies zurück.» Genau diese Haltung leitet die zwanzig internationalen Künstlerpersönlichkeiten, die sich in dieser Ausstellung kritisch, poetisch und visionär mit kolonialzeitlichem Fotomaterial auseinandersetzen.

Das Avós (Von Grossmüttern), 2019 © Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes Wood DM

Das Herzstück der Ausstellung bildet die transformative Kraft der zeitgenössischen Kunst im Umgang mit dem fotografischen Erbe der Kolonialzeit. Die Kuratorinnen haben die Arbeiten in vier narrative Kapitel gegliedert, die wie Bewegungen in einer Symphonie der Erinnerung wirken. Im ersten Kapitel, «Formwandler*innen», wird die Abwesenheit von Bildern zum eigentlichen Sujet. Künstlerinnen und Künstler wie Rosana Paulino aus Brasilien oder Cédric Kouamé aus der Côte d’Ivoire machen schmerzhaft deutlich, dass das Fehlen von Fotografien schwarzer Personen oder die physische Zersetzung von Archivmaterial in tropischem Klima keine zufälligen Lücken sind, sondern Zeugnisse von Ausblendung und Machtstrukturen. Paulinos monumentale «Parede da Memória», in der sich elf Porträts 750-mal wiederholen, schreit geradezu nach Sichtbarkeit in einem kollektiven Gedächtnis, das sie bisher ignoriert hat.

Otjze I – Rituals of Initiation, 2022 © Tuli Mekondjo, courtesy the artist and Guns & Rain

Das zweite Kapitel, «Konfrontation», dekonstruiert die klischeehaften Bildwelten, die während der Kolonialzeit produziert wurden und unser globales Bildgedächtnis bis heute prägen. Hier wird der Kamera, die einst als Instrument zur Feststellung vermeintlicher «Andersartigkeit» diente, der Spiegel vorgehalten. Wendy Red Star konterkariert in ihrer Serie «Four Seasons» die idealisierte Darstellung indigener Nordamerikanerinnen durch den bewussten Einsatz von Plastikblumen und Kunstrasen, während Omar Victor Diop sich in «Being There» nonchalant in idyllische Szenen des weissen Amerikas der 1950er-Jahre projiziert – Orte, an denen er als schwarzer Mann zur Zeit der Rassentrennung nicht hätte sein dürfen. Diese Werke sind nicht nur Kritik; sie sind Akte der Aneignung und des Widerstands, die dominante Narrative erschüttern.

Tailoring Freedom – Delia, profile, 2023 © Sasha Huber, courtesy the artist, Harvard University

Besonders bewegend ist das dritte Kapitel «Fürsorge», in dem Künstlerinnen und Künstler historische Aufnahmen von Unrecht mit radikalem Mitgefühl behandeln. Sasha Huber, deren Arbeit tief in der Schweizer Kolonialverstrickung wurzelt, «repariert» Fotografien von versklavten Menschen, die vom Naturforscher Louis Agassiz für rassistische Studien missbraucht wurden. Mit einer Tackerpistole schiesst sie schimmernde Heftklammern in die Bilder, die wie Rüstungen wirken und die Porträtierten vor dem objektifizierenden Blick schützen. Ähnlich verwandelt Mary Enoch Elizabeth Baxter einen historischen Moment der Sexualisierung eines schwarzen Mädchens in einen Ort der Sicherheit, indem sie ihren eigenen Körper als Schutzraum anbietet. Hier wird Kunst zur Instanz der Heilung, die zwar die koloniale Wunde nicht vollständig schliessen kann, aber einen Raum für Anerkennung und Würde eröffnet.

Picnic, 2024 © Frida Orupabo, courtesy the artist; Museum Rietberg

Im finalen Kapitel «In the Photo Fantastic» greifen die Künstlerinnen und Künstler auf die Methode der «kritischen Fabulation» zurück, um historische Leerstellen mit Imagination zu füllen. Raphaël Barontini kehrt den kolonialen Blick um, indem er Nobosudru, eine Frau aus dem Kongo, die 1924 zum Symbol «der afrikanischen Frau» stilisiert wurde, zur Autorin ihrer eigenen Geschichte macht. Andrea Chung erschafft mit dem Mythos von Drexciya ein paradiesisches Unterwasserreich als Ort des Überlebens für jene, die während des Sklavenhandels ins Meer geworfen wurden. Diese spekulative Bildpraxis entlässt die Porträtierten in einen Raum voller Möglichkeiten, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfliessen.

Individual Beings (Moving VI), 2023–24 © Dimakatso Mathopa, courtesy the artist; Museum Rietberg

Die Schweizer Künstlerin Sasha Huber, geboren 1975 in Uster und heute in Helsinki lebend, nimmt in dieser Ausstellung eine zentrale Position ein. Mit ihren schweizerisch-haitianischen Wurzeln verbindet sie in ihrer Arbeit Geschichte und Gegenwart auf eindringliche Weise. Ihr charakteristisches Stilmittel, die Tackerpistole, symbolisiert sowohl Schmerz als auch den Versuch der Heilung kolonialer Wunden. Huber, die derzeit an der Zürcher Hochschule der Künste promoviert, versteht ihre Kunst als reparative Intervention. Ihre Teilnahme an dieser Ausstellung unterstreicht einmal mehr ihre internationale Bedeutung als Stimme für Zugehörigkeit und Fürsorge im Kontext postkolonialer Aufarbeitung.

Se o mar tivesse varandas (Hätte das Meer Balkone) #4, 2017 © Aline Motta, courtesy the artist

Das Museum Rietberg in Zürich, gelegen an der Gablerstrasse 15, profiliert sich mit «Fast ein Paradies» einmal mehr als führende Institution für aussereuropäische Kunst. Das Haus verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die als roter Faden durch alle Ausstellungskapitel ziehen. Diese eigenen Bestände aus Afrika und Asien werden nicht nur gezeigt, sondern aktiv von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern befragt und neu interpretiert. Ein eigens produzierter Film und ein partizipativer Ansatz, bei dem Zürcher Bürgerinnen und Bürger ihre privaten Fotoalben einbringen, erweitern den musealen Raum zu einem Ort des dialogischen Austauschs und der visuellen Vielstimmigkeit.

The Golden Ladies, 2026 © Raphaël Barontini, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist

Die Gruppenausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» ist noch bis zum 6. September 2026 im Museum Rietberg zu sehen.

Monica Biancardi: Wenn das Leben zum kostbarsten Kapital wird…

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das Projekt "Il capitale che cresce" von Monica Biancardi ist weit mehr als eine rein fotografische Dokumentation; es ist das Ergebnis einer siebzehnjährigen, leisen Begleitung. Die Arbeit stellt eine tiefgehende Untersuchung von Identität, Resilienz und dem schleichenden Verlust von Freiheit im palästinensischen Kontext dar. Den Kern dieser künstlerischen Auseinandersetzung bilden elf Schwarz-Weiss-Fotografien, die zwischen 2009 und 2023 entstanden sind. Sie zeigen das Heranwachsen der beduinischen Zwillinge Sara und Sarah, denen die Künstlerin auf einer ihrer zahlreichen Reisen begegnete. Mit analogen Mittelformatkameras eingefangen, zeugen diese Porträts von einer aussergewöhnlichen Sensibilität und einem über Jahre gewachsenen Vertrauensverhältnis. Die Bilder machen dabei nicht nur die physische Verwandlung der jungen Frauen sichtbar, sondern reflektieren auch die tiefgreifenden Metamorphosen ihrer sozialen Rollen sowie die fortschreitende Einschränkung ihrer Lebensperspektiven. Jede Aufnahme fängt die Spannung zwischen Beständigkeit und Wandel ein und vermittelt die stille Widerstandskraft der beiden Protagonistinnen.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Um die persönliche Geschichte der Zwillinge in einen grösseren gesellschaftspolitischen Rahmen zu setzen, wird die Erzählung durch ergänzende Werke erweitert, welche die Tragweite des Projekts verstärken. Eine Kartografie des Wandels in Form von sieben auf Plexiglas gravierten Karten verdeutlicht die progressive Fragmentierung des palästinensischen Territoriums seit der historischen Palästina-Karte von 1917 bis heute. Diese historische Einordnung wird durch eine visuelle Reise in Videoform ergänzt, die den Weg von Ostjerusalem bis zum Dorf Hataleen nachzeichnet und so die physische Realität der Geografie erfahrbar macht. Zudem thematisiert eine Auswahl von Zeichnungen ortsansässiger Kinder das Meer – ein Ort, der geografisch zwar nah, für die Gemeinschaft jedoch faktisch unerreichbar bleibt und somit lediglich in der Vorstellung existiert.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Die Arbeit, welche als Gewinner des PAC – Piano per l’Arte Contemporanea 2025 ausgezeichnet wurde, versteht zeitgenössische Kunst als Instrument für Bewusstsein und Dokumentation. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Betrachtung der aktuellen Veränderungen in den menschlichen und kulturellen Geografien. In einem begleitenden Diskurs zwischen der Künstlerin und Experten wie Eyal Weizman, Lorenzo Benedetti oder der Kuratorin Chiara Gatti werden die zentralen Themen wie Zeit, Transformation und das fundamentale Recht auf Freiheit weiter vertieft. So entsteht ein Raum, in dem das "wachsende Kapital" nicht ökonomisch, sondern als das Wachstum des menschlichen Lebens unter erschwerten Bedingungen verstanden wird.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Monica Biancardi ist eine italienische Künstlerin und Fotografin, deren Werk sich durch die Verbindung von poetischer Ausdruckskraft und dokumentarischer Präzision auszeichnet. Ein zentrales Merkmal ihrer Arbeitsweise ist die Verwendung analoger Mittelformatkameras, mit denen sie soziale und menschliche Metamorphosen über lange Zeiträume hinweg einfängt. Ihre Projekte entstehen oft aus einer tiefen, jahrelangen Begleitung ihrer Protagonisten, wobei Themen wie Identität, soziale Rollen und die Transformation kultureller Geografien im Fokus stehen. Ihre künstlerische Forschung wird regelmässig durch nationale Förderprogramme wie den PAC (Piano per l’Arte Contemporanea) gewürdigt.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das MAN Museo d’Arte della Provincia di Nuoro versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Ort der Dokumentation und Reflexion. Es fördert zeitgenössische Kunst als Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen festzuhalten und ein tieferes Bewusstsein für die Veränderungen in menschlichen und kulturellen Lebensräumen zu schaffen. Durch die Unterstützung innovativer Projekte im Rahmen des nationalen Förderprogramms PAC trägt das Museum massgeblich zur Erforschung aktueller Themen bei.

Die Ausstellung "Il capitale che cresce" kann vom 24. April bis zum 14. Juni 2026 besucht werden.

Palestina Map 2022

Zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit: Sebastian Copelands Grönland…

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Wenn die Natur spricht und wir nicht zuhören, lässt uns die Fotografie mit den Augen hören. Dieses Credo leitet Sebastian Copeland, einen der bedeutendsten Abenteurer und Fotografen unserer Zeit, dessen Werk tiefer geht als die blosse Dokumentation einer Landschaft. Im Haus der Fotografie entfaltet sich mit "Greenland: The Last Generation on Ice" eine immersive Reise durch eine Welt, die von atemberaubender Schönheit, zugleich aber von extremer Fragilität geprägt ist.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Copeland, einst kommerzieller Modefotograf auf der Madison Avenue, hat seine Karriere radikal neu ausgerichtet, um bedrohte Lebensräume ins Zentrum des globalen Bewusstseins zu rücken. Seine 27 Polarexpeditionen, bei denen er über 12'000 Kilometer auf Skiern zurücklegte – darunter eine Durchquerung der Antarktis –, sind nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern akribische Studien einer archaischen Natur. Bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad, konfrontiert mit Gletscherspalten und Eisbären, riskiert er sich selbst, um Momente festzuhalten, die wenigen Menschen vergönnt sind. Das Ergebnis sind Fotografien und Filme, die über mehrere Stockwerke verteilt den Betrachter in den Bann ziehen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Stärke von Copelands Arbeit liegt in ihrer Fähigkeit, die Distanz zwischen der realen, schmelzenden Eiswelt und der Wahrnehmung des Publikums zu überwinden. Seine Bilder der grönländischen Arktis und ihrer Inuit-Bevölkerung sind mehr als ästhetische Objekte; sie sind ein Appell. "Den Menschen zu helfen, sich in diese Welt zu verlieben, ist ein Katalysator für den Wunsch, sie zu schützen", so der Künstler, der auch als Klimaanalyst und Gründer der Sedna Foundation agiert. Die Ausstellung bietet somit keine passive Betrachtung, sondern eine emotionale Konfrontation mit der Klimakrise. Sie erinnert daran, dass das Eis, das wir bewundern, eine endliche Ressource ist – und dass Copelands Generation vielleicht die letzte ist, die sie in dieser Form erleben darf.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Sebastian Copeland gilt als einer der bedeutendsten Abenteurer unserer Zeit. Der preisgekrönte Polarforscher und Umweltschützer nutzt seine internationale Bekanntheit als Redner bei den Vereinten Nationen und seine Kunst, um global für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Nach seiner Karriere als Modefotograf widmet er sich seit über 25 Jahren ausschliesslich der Dokumentation bedrohter Polarregionen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Diese visionäre Arbeit findet im Haus der Fotografie in Olten ihre ideale Bühne. Der seit 2021 bestehende, dynamische Ausstellungsort hat sich unter der Ägide des International Photo Festival Olten (IPFO) schnell als kulturelle Instanz etabliert. In der Kirchgasse präsentiert das Haus regelmässig Werke von Weltformat – von David Lynch bis Martin Parr – und verbindet dabei kunstvolle Ästhetik konsequent mit gesellschaftlich relevanten Themen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Ausstellung "Greenland: The Last Generation on Ice" kann vom 11. April bis zum 19. Juli 2026 im Haus der Fotografie in Olten besucht werden.

Die Würde des Augenblicks: Das humanistische Erbe von Fred Stein…

Gypsy Rose Lee, 1957 © Fred Stein

Lange Zeit wurden die Arbeiten von Fred Stein (1909–1967) unterschätzt. Heute gilt sein Werk als massgebliche Brücke zwischen der europäischen Avantgarde und der amerikanischen Dokumentarfotografie. Stein war kein blosser Chronist des Urbanen; er war ein Seismograf der menschlichen Existenz, der dokumentarische Präzision mit einem zutiefst empathischen, humanistischen Blick vereinte. 

Steins Biografie ist untrennbar mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts verwoben. 1933 sah sich der promovierte jüdische Rechtsanwalt gezwungen, aus seiner Geburtsstadt Dresden vor dem NS-Regime zu fliehen. Diese Erfahrung von Exil und Verlust prägte sein gesamtes Schaffen und führte zu einer besonderen Sensibilität für Menschen am Rande der Gesellschaft – wie Immigranten, Arbeiter und Passanten. Zunächst in Paris und später in New York verlieh diese Perspektive seinen Aufnahmen eine unverwechselbare, würdevolle Tonalität.

Flatrion Building, New York, 1947 © Fred Stein

In seinen frühen Pariser Arbeiten der 1930er-Jahre experimentierte Stein mit den stilistischen Mitteln der Moderne, wie unkonventionellen Blickwinkeln und starken Kontrasten. Dennoch unterschied er sich von Vertretern des «Neuen Sehens» durch den Verzicht auf extreme Formalismen zugunsten eines erzählerischen, beinahe literarischen Blicks. Nach seiner Übersiedlung nach New York fand dieser Stil in der Darstellung der pulsierenden Metropole seine Vollendung: Seine Strassenfotografie zeigt Menschen in Bewegung, spielende Kinder und Arbeitswelten in Begegnungen, die von Nähe und Respekt geprägt sind.

Gilr in Car, New York, 1947 © Fred Stein

Besonders hervorgehoben wird Steins Porträtfotografie. Zu seinen bekanntesten Bildern gehören Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Hannah Arendt, Georgia O'Keeffe und Salvador Dalí. Diese Porträts sind weniger repräsentative Inszenierungen als vielmehr psychologisch dichte Dialoge zwischen Fotograf und Modell. Stein arbeitete meist mit natürlichem Licht und bevorzugte reduzierte Kompositionen, um die Konzentration auf Blick, Haltung und Ausdruck zu lenken. Statt Heroisierung entstand eine Intimität, die den Menschen hinter der öffentlichen Figur sichtbar macht.

Man in Pushcart, New York, 1944 © Fred Stein

In Deutschland wird das Werk von Fred Stein exklusiv durch die Galerie noir blanche repräsentiert. Die Galerie wurde im Frühjahr 2017 gegründet und ist nach ihrem Umzug im Jahr 2023 im Düsseldorfer Stadtteil Flingern beheimatet. Ihr Name ist eine Hommage an Man Rays ikonisches Foto Noire et Blanche von 1926. In ihren hellen Räumen zeigt die Galerie neben Fred Stein gut 35 internationale Fotografen – darunter Andy Warhol, Gered Mankowitz und F.C. Gundlach – mit einem besonderen Schwerpunkt auf Schwarz-Weiss-Abzügen und handverlesenen Vintage-Prints. 

Die Ausstellug Fred Stein kann vom 10. April – 13. Juni 2026 in der Galerie noir blanche in Düsseldorf besucht werden.

Die Zähmung des Ungezähmten: Laurence Kubskis SAUVAGES...

Reconstitution d’un souvenir d’enfance, le concours de vitesse d’escargots 2024, © Laurence Kubski

In der zeitgenössischen westlichen Kultur ist das Bild der unberührten Natur längst einer Realität gewichen, in der jedes Lebewesen seinen Platz in einem engmaschigen System aus menschlicher Kontrolle und Fürsorge findet. Genau diesem Spannungsfeld widmet sich die Fotografin Laurence Kubski in ihrem Projekt SAUVAGES (dt. Wild).

Broches en forme d’edelweiss fabriquées par un chasseur à partir de dents de renards qu’il a luimême abattus 2024 © Laurence Kubski

Über den Zeitraum eines Jahres dokumentierte Kubski die vielfältigen Interaktionen zwischen Mensch und Tier im Kanton Freiburg. Ihre Linse fängt dabei Momente ein, in denen die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation zunehmend verschwimmt: Die Motive reichen von der technisierten Rettung von Rehkitzen mittels Drohnen vor der Mahd bis hin zur wissenschaftlichen Katalogisierung von Fledermäusen und Vögeln. Diese dokumentarischen Einblicke verwebt sie geschickt mit persönlichen Kindheitserinnerungen aus dem ländlichen Freiburg, wie etwa der Inszenierung eines Schneckenrennens.

Autocollants à appliquer sur les vitres pour éviter les collisions d’oiseaux 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung wirft damit die provokante Frage auf: Existiert das Wilde überhaupt noch? Kubskis Werk zeigt eine Fauna, die entweder überwacht, gejagt oder geschützt wird – aber in jedem Fall unter ständigem menschlichem Einfluss steht. Ob es handgefertigte Broschen aus Fuchszähnen sind oder die akribisch geordnete Glassammlung eines Taxidermisten im Naturhistorischen Museum – das Tier wird in diesen Kontexten oft zum Objekt oder Symbol menschlicher Kultur degradiert.

Fauvette à tête noire du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2025 © Laurence Kubski

Die Galerie FOCALE bietet den idealen Rahmen für diese ästhetische und soziologische Untersuchung. Kubski, die bereits mit dem Swiss Design Award ausgezeichnet wurde, gelingt es, lokale Praktiken als repräsentative Stichproben unserer heutigen westlichen Gesellschaft darzustellen. SAUVAGES ist somit weit mehr als nur ein Porträt der Freiburger Tierwelt; es ist ein Spiegel unseres eigenen Selbstverständnisses gegenüber der Natur.

Collection de yeux du taxidermiste du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung SAUVAGES wird am 18. April 2026 eröffnet und kann bis zum 14. Juni 2026 in der Galerie FOCALE besucht werden.

Ella Maillarts fotografische Weltreise...

Ella Maillart, Jour de foire à Weichang, dans l'ancienne province de Jehol, découverte de la lanterne magique, 1934, Mandchoukouo © Succession Ella Maillart et Photo Elysée Lausanne

In einer Ära, in der die Weltkarte noch weite, unentdeckte Regionen für westliche Reisende bot, überschritt eine Frau nicht nur geografische Grenzen, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Ella Maillart war weit mehr als eine blosse Touristin der Zwischenkriegszeit; sie war eine Chronistin des Wandels, die mit wachem Auge und ihrer Kamera die fragilen sozialen Gefüge Zentralasiens festhielt. Die aktuelle Würdigung ihres Werks durch Photo Elysée zeigt deutlich, dass ihre Bilder nicht nur ästhetische Zeitkapseln sind, sondern Dokumente von universellem Wert, die uns heute helfen, die tiefen Brüche der Geschichte zu verstehen.

Ella Maillart, Désert du Tsaïdam, 3000 m. Fin mai, mont Kitin Kara à - ou Noir - froid, dans la chaîne des Kuen Lun, 1935, Qinghai, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Maillarts Fotografien sind keine starren Porträts, sondern «fotografische Erzählungen», die von einer tiefen Neugier und einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit zeugen. Wenn wir heute ihre Aufnahmen betrachten, sehen wir eine Welt im Umbruch: Ihr Werk dokumentiert die harten Realitäten des aufkeimenden Stalinismus [1]in Zentralasien ebenso wie die Errichtung von Mandschukuo [2]durch Japan oder die kulturellen Spannungen nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs. Dass ihr Nachlass im Jahr 2025 von der UNESCO in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde, unterstreicht die globale Bedeutung dieser Zeugnisse. Maillart lehrt uns, dass das Reisen eine Form des Verstehens ist – eine Suche nach der Essenz der menschlichen Kulturen, denen sie in der Fremde begegnete.

Ella Maillart, La chaîne des Tierskei à 4800 m. ; le col de Kachkassou est pratiqué par les caravanes venant de Chine, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein Leben zwischen dem Genfersee und dem Hindukusch[3]
Der Lebensweg der 1903 in Genf geborenen Ella Maillart war schon früh von einer aussergewöhnlichen Eigenständigkeit geprägt. In den 1930er-Jahren etablierte sie sich als eine der profiliertesten Reisenden ihrer Zeit, indem sie Regionen erkundete, die damals kaum eine westliche Frau allein bereiste. Ihre vier grossen Expeditionen führten sie durch die Sowjetunion, China, Afghanistan und den Iran. Dabei war sie nicht nur Reisende, sondern akribische Archivarin: Tausende von Fotografien entstanden auf diesen Wegen und bilden ein beeindruckendes visuelles Archiv.

Ella Maillart, Marché devant la madrasa Chir Arab, 1932, Boukhara, République socialiste soviétique d'Ouzbékistan, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein besonderes Juwel ihres Nachlasses ist die sogenannte Kartothek – ein System aus 48 Kisten, das Hunderte von Karten mit über 1000 Bildern und handgeschriebenen Bildunterschriften enthält. Diese Kombination aus Bild und Wort erlaubt es uns heute, ihre Reisen nachzuerleben und offenbart die Vielschichtigkeit ihrer Sicht auf die Welt. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz blieb Maillart eine wichtige Stimme; sie gab ihre Erlebnisse in zahlreichen Büchern und Vorträgen weiter und prägte so das Genre des Reiseberichts in einer damals fast ausschliesslich männlich dominierten Welt. Sie verstarb 1997 und hinterliess ein Erbe, das weit über die Grenzen der Schweiz hinausstrahlt.

Ella Maillart, Pâturage pour chameaux, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Das Photo Elysée in Lausanne widmet sich seit 1985 der Geschichte und Zukunft der Fotografie, indem es bedeutende historische Werke mit zeitgenössischen Positionen verknüpft. Die beeindruckende Sammlung umfasst über 1,2 Millionen Objekte von den Anfängen um 1840 bis zum digitalen Zeitalter, darunter die Archive von Ikonen wie Sabine Weiss, René Burri oder Charlie Chaplin. Seit Juni 2022 residiert das Museum in einem modernen, 1400 Quadratmeter grossen Neubau der Architekten Aires Mateus im Kunstviertel Plateforme 10, wo es Raum für flexible und innovative Ausstellungsformate bietet.

 Die Ausstellung Ella Maillart. Fotografische Erzählungen kann bis zum 1. November 2026 im Photo Elyseé in Lausanne besucht werden.

Ella Maillart, Prêtres taoïstes, 1934, Pékin, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[1] Der Stalinismus bezeichnet die Ära unter Josef Stalin in der Sowjetunion, die durch eine extreme Zentralisierung der Macht und die totale Kontrolle aller Gesellschaftsbereiche geprägt war. Kennzeichnend waren die forcierte Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowie ein Repressionsapparat, der mittels Schauprozessen und Arbeitslagern (Gulags) jegliche Opposition unterdrückte. Ideologisch stützte sich das System auf einen ausgeprägten Personenkult und die Doktrin des «Sozialismus in einem Land», was zu einer oft gewaltvollen Umgestaltung des Staates führte.

Ella Maillart, Tombeaux : à droite, classique style musulman. À gauche, peut-être une survivance des adorateurs du Fen chez les Tadjiks actuels, 1935, Tashkurgan, République de Chine © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

[2] Mandschukuo war ein von 1932 bis 1945 bestehender Marionettenstaat des Japanischen Kaiserreichs in der Mandschurei (Nordostchina). Er wurde nach der japanischen Besetzung der Region proklamiert und stand unter der nominellen Herrschaft von Puyi, dem letzten Kaiser der Qing-Dynastie, diente jedoch faktisch als strategische Rohstoffbasis und Pufferstaat für Japans expansionistische Ambitionen auf dem asiatischen Festland. International wurde die Souveränität des Staates vom Völkerbund und den meisten Mächten nie anerkannt.

Ella Maillart, Sources du Syr-Daria et sommet du Sari-Tor, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[3] Der Hindukusch ist ein rund 800 Kilometer langes Hochgebirge in Zentralasien, das sich vorwiegend über Afghanistan und Pakistan erstreckt. Er bildet eine historisch bedeutende Barriere zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent, ist geprägt durch schwer zugängliche Pässe in Höhen von bis zu 7700 Metern und gilt seit der Antike als eine der markantesten kulturellen und geografischen Trennlinien der Welt.

Ella Maillart, La route japonaise en construction, 1934, Mandchoukouo © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus

Edith Tudor-Hart, "Demonstration von Arbeitslosen", Wien, 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Fotografie von Edith Tudor-Hart (*1908 Wien – †1973 Brighton) bewegte sich zeitlebens in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und politischem Aktivismus. Der Berliner f³ – freiraum für fotografie zeigt nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive dieser bedeutenden österreichisch-britischen Exilfotografin.

Edith Tudor-Hart, "Frau mit Kind", Wien, 1930 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Tudor-Hart, geborene Suschitzky, gilt als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955. Ihr Werk ist geprägt von einem starken Engagement für gesellschaftliche Belange. Sie thematisierte in ihren Arbeiten Armut, Integration und Frauenrechte. Ihr Fokus lag auf der Abbildung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Ihre Motive reichten von Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, den Protesten gegen den aufkommenden Faschismus bis hin zu Bergmännern, Fabrikarbeitern und Fischern in Wales, der Frauenbewegung der Nachkriegszeit und den neuen Einrichtungen der Reformpädagogik. Ihre gestalterische Handschrift, ein sachlicher und sozialkritischer Stil, wurzelt in ihrem Studium am Bauhaus in Dessau Ende der 1920er-Jahre, wo sie Fotografie und Grafik belegte.

Edith Tudor-Hart, "Frauenrechtsbewegung", 1945 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der Lebensweg der aus einer säkularen jüdischen Familie in Wien stammenden Edith Tudor-Hart war geprägt von politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin in Wien und London, wo sie den Beruf auch ausübte. Als engagierte und überzeugte Kommunistin wurde sie 1933 in Wien inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil nach England. Um die Ausreise zu ermöglichen, heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten Zeitschriften wie der Picture Post oder der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ).

Edith Tudor-Hart, "Gee Street", Finsbury, London, ca. 1936 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Ein bisher wenig beachteter Aspekt ihrer Biografie: Es wird vermutet, dass sie bereits seit ihrer Jugend mit Nachrichtendiensten und den Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Historisch belegt ist ihre Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings "Cambridge Five". Die Angst vor Überwachung, der Druck durch den englischen Geheimdienst sowie gesundheitliche Gründe führten in den 1950er-Jahren dazu, dass sie ihre fotografische Tätigkeit beendete und Teile ihrer Negative vernichtete. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973 starb Edith Tudor-Hart in Brighton.

Edith Tudor-Hart, "Suppenausgabe", Wien, 1931 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.

Edith Tudor-Hart, "Hakenkreuze im Schatten", Wien, um 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der f³ – freiraum für fotografie bietet internationaler Fotografie eine Bühne. Seine Ausstellungen setzen sich visuell auf erstklassige Art und Weise mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ – freiraum für fotografie die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Edith Tudor-Hart, "Dienstmann", Wien, 1929 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Das Fotohof-Archiv wurde 2015 eröffnet und beherbergt vor allem Fotografien österreichischer, aber auch ausgewählter internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es werden Negative, digitale Daten, Dokumente und alle Materialien gesammelt, die eine Darstellung der künstlerischen Entwicklung ermöglichen.

Edith Tudor-Hart, "Kensal Haus", London, um 1937 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Ausstellung Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus von Edith Tudor-Hart wird am 6. März eröffnet und kann bis zum 17. Mai 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin besucht werden.

Frauen. Fragen. Fotoarchive. – Ein längst fälliger Blick in das Depot der Fotostiftung Schweiz...

Anny Wild-Siber, Ginster, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Es ist eine stille, aber tiefgreifende Diskrepanz, die in den Speichern unserer Gedächtnisinstitutionen schlummert. Wer die Geschichte der Schweizer Fotografie verstehen will, landet fast zwangsläufig bei einer Erzählung, die von Männern geschrieben und über Männer geführt wurde. Doch die Fotostiftung Schweiz in Winterthur bricht nun mit dieser Tradition: Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. rückt sie gezielt das Schaffen von sieben Fotografinnen in den Fokus, deren Archive nun erstmals umfassend hinterfragt und im Kontext ihrer Zeit beleuchtet werden.

Anny Wild-Siber, Magnolie, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Warum sind von den rund 160 Archiven der Fotostiftung nur 26 Frauen zuzuschreiben? Die Antwort liegt oft in den gesellschaftlichen Strukturen verborgen: Biografien von Frauen wiesen Brüche auf, Karrieren endeten abrupt mit der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. Viele talentierte Fotografinnen arbeiteten im Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder „Meister“, wodurch ihre Spuren in der Geschichtsschreibung oft verwischt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, dass technische Versiertheit allein nicht ausreichte, um einen dauerhaften Platz im Kanon zu finden.

Anny Wild-Siber, Drottningkaktus, ohne Datum, gemeinfrei / Public Domain

Anny Wild-Siber (1865–1942) repräsentiert den Typus der gut situierten Amateurfotografin, die sich das Medium Anfang des 20. Jahrhunderts als Autodidaktin aneignete. Ihre Autochromplatten und Edeldrucke spiegeln nicht nur hohe künstlerische Ambitionen wider, sondern dokumentieren vor allem ihr eigenes privates Umfeld. Vor ihrer Linse fand sich die Welt einer privilegierten Frau, die sie mit technisch anspruchsvollen Verfahren wie der Stereofotografie in dreidimensionalen Ansichten festhielt.

Gertrud Dübi-Müller (Umkreis), Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf, um 1916 ©Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) verfolgte einen ähnlichen Weg und nutzte die Fotografie, um ihre eigene Lebenswelt und ihr soziales Netz festzuhalten. Auch sie agierte als Autodidaktin, wobei ihre Arbeiten heute als wertvolle Zeitzeugnisse dienen, die den Blick einer Frau auf die gehobene Gesellschaft ihrer Zeit konservieren. Ihre Bilder lösen die Grenze zwischen Amateurfotografie und bewusster Dokumentation einer spezifischen sozialen Klasse auf.

Marie Ottomann-Rothacher, Zahmer Star, 1956 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002) steht für die Generation von Frauen, die in den 1930er-Jahren eine reguläre Berufslehre absolvierten. Obwohl sie als Fotografin und Laborantin für namhafte männliche Kollegen tätig war, blieb ihr eigenes Werk oft im Hintergrund. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus den Schweizer Bergregionen, in denen sie mit einem scharfen Blick für soziale Realitäten vor allem Kinder und deren oft entbehrungsreiches Leben porträtierte.

Margrit Aschwanden, Ovomaltinewerbung, Schweiz, 1940-1960 © Margrit Aschwanden / Fotostiftung Schweiz

Margrit Aschwanden (1913–2004) schaffte es, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld zeitweise durch die Führung eines eigenen Ateliers zusammen mit ihrer Schwester zu behaupten. Ihr Archiv zeigt die Herausforderungen zwischen familiärer Einbindung und professioneller Autonomie. Auffallend oft hatte sie dabei Kinder und Jugendliche vor der Kamera – häufig im Rahmen von Aufträgen für gemeinnützige Organisationen, was die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Bildthemen aufwirft.

Hedy Bumbacher, Wallis, 1944 © Hedy Bumbacher / Fotostiftung Schweiz

Hedy Bumbacher (1912–1992) fand erst über Umwege zur Fotografie, nachdem sie bereits ein universitäres Studium abgeschlossen hatte. Sie vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich und widmete sich intensiv der Dokumentation des Lebens in den Schweizer Alpen. Vor ihrem Objektiv standen – ähnlich wie bei Ottomann-Rothacher – die Bewohner der Bergregionen, wobei auch in ihrem Werk Kinder ein zentrales Motiv darstellten.

Leni Willimann, Muscheln (Isocardia cor), ca. 1960 © Leni Willimann / Fotostiftung Schweiz

Leni Willimann-Thöni (1918–2002) gehört zu den Absolventinnen der 1932 gegründeten Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sie blieb zeit ihres Lebens dem neusachlichen Stil ihres Lehrers Hans Finsler verbunden. Ihr Werk illustriert eine ästhetische Strenge und technische Präzision, die sich in sachlichen Kompositionen niederschlug, während sie als Person dennoch am Rande der offiziellen Fotogeschichte blieb.

Anita Niesz, Fiat-Werke, Turin, Italien, 1959 © Anita Niesz / Fotostiftung Schweiz

Anita Niesz (1925–2023) nutzte ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, um sich einer engagierten Sozialdokumentation zuzuwenden. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich, die in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Du erschienen, blickte sie weit über die Landesgrenzen hinaus. Dennoch blieb auch bei ihr ein Fokus auf Kinder und Jugendliche bestehen, oft fotografiert im Auftrag von Hilfswerken, was das Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und gesellschaftlicher Erwartung markiert.

Gertrud Dübi-Müller, Anna und Cuno Amiet, Tivoli, März 1911 © Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Diese Bestandsaufnahme ist mehr als eine blosse Präsentation; es ist ein notwendiger Korrekturbetrieb an einer einseitigen Historie. Indem die Fotostiftung Fotografien mit Dokumenten aus dem Gosteli-Archiv kombiniert, entsteht ein vielschichtiges Panorama des Kampfes um Anerkennung und Selbstbestimmung. Es geht darum, jene Vielstimmigkeit zu fördern, die die Fotografie als Zeitzeugnis erst wirklich wertvoll macht.

Marie Ottomann-Rothacher, Bauernkinder Escholzmatt, 1943 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Die Fotostiftung Schweiz widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1971 der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende Archive. Das Spektrum ihrer Sammlung reicht von den Anfängen des Mediums bis zur Gegenwart und umfasst sowohl künstlerische als auch dokumentarische und private Ausdrucksformen.

Leni Willimann-Thöni, Glühbirne, 1937–1940 © Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz

Die Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. ist vom 28. Februar bis zum 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Requiem pour pianos: Wenn die Stille eine Melodie bekommt…
Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

In der Stille verlassener Räume, dort, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Natur sich langsam ihr Terrain zurückerobert, findet der französische Künstler Romain Thiery die Protagonisten seiner Arbeit. Mit seiner Serie «Requiem pour pianos» bewegt er sich an den zerbrechlichen Grenzen von Fotografie, Klang und kollektivem Gedächtnis. Für Thiery ist das Klavier kein blosser Gegenstand; es ist tief in unserer Kultur verwurzelt und bewahrt sich selbst im tiefsten Verfall eine unveränderliche Noblesse.

Requiem pour pianos #11, Frankreich, 2014 © Romain Thiery

Doch Thiery begnügt sich nicht mit dem rein Visuellen. In seinem Projekt «Resonance for Pianos» verfolgt er einen immersiven Ansatz: Er nimmt vor Ort jeden einzelnen Ton auf, den diese versehrten Instrumente noch hervorbringen können. So rettet er die musikalische Seele der Klaviere, bevor sie endgültig verstummen.

Requiem pour pianos #85, Frankreich, 2019 © Romain Thiery

Eine Reise durch die Fragilität Europas
Thierys Spurensuche führt uns zunächst nach Nordfrankreich. In «Requiem pour pianos #7» (Frankreich, 2015) sehen wir ein Erard-Klavier, das seltsamerweise den Brand eines Schlosses aus dem 14. Jahrhundert überstand. Heute ist das Gebäude renoviert, das Instrument jedoch verschwunden – es existiert nur noch als flüchtiger Moment in Thierys Fotografie. Ähnlich tragisch ist die Geschichte hinter «Requiem pour pianos #11» (Frankreich, 2014): In einem prachtvollen französischen Lustschloss von 1863 stand einst ein edler Bösendorfer-Flügel. Ein Sturm im Jahr 1999 leitete den Zerfall des Gebäudes ein, das nach Plünderungen schliesslich abgerissen wurde.

Requiem pour pianos #146, Grossbritannien, 2024 © Romain Thiery

Einen besonderen Platz nimmt das Anwesen Erard im Südwesten Frankreichs ein. In «Requiem pour pianos #85» dokumentiert Thiery ein Interieur, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Instrumente von Erard wurden einst von Grössen wie Chopin, Liszt und sogar Beethoven geschätzt und stehen für höchste französische Klavierbaukunst. In diesem Herrenhaus erinnert das Motiv an eine Exzellenz, die mit dem Ende der Produktion in den 1980er-Jahren leise aus der Welt gefallen ist.

Requiem pour pianos #138, Italien, 2023 © Romain Thiery

In Grossbritannien begegnen wir in «Requiem pour pianos #146» (UK, 2024) der Grösse eines einst lebhaften Herrenhauses, das im 20. Jahrhundert als Altenheim und medizinisches Zentrum diente. Unter einer majestätischen Holztreppe zeugt dort ein unbrauchbares Klavier von den vielen ungeschriebenen Geschichten dieses Ortes. Weiter südlich, in der Toskana, steht eine Villa von 1875. In «Requiem pour pianos #138» (Italien, 2023) blicken wir in den prachtvollsten Raum, der vollständig mit Fresken verziert ist. Seit deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg dort Quartier bezogen, kehrten die Eigentümer nie zurück. Schwere Unwetter im Jahr 2024 brachten das Gebäude schliesslich zum Einsturz.

Requiem pour pianos #132, Ungarn, 2022 © Romain Thiery

Von Heilstätten und Seidenspinnereien
Auch im Osten Europas findet Thiery Resonanzen des Vergangenen. In Ungarn verfällt ein Jugendstilschloss, das einst als Waisenhaus diente; «Requiem pour pianos #132» (Ungarn, 2022) zeigt die Überreste einer Bibliothek und einen prächtigen Josef-Grund-Flügel. In Polen wiederum dokumentiert «Requiem pour pianos #33» (Polen, 2017) einen Palast aus dem 13. Jahrhundert. Nach einer wechselvollen Geschichte als Archiv und Sanatorium wurde er geplündert; das letzte Klavier im Inneren verschwand im Jahr 2021.

Requiem pour pianos #33, Polen, 2017 © Romain Thiery

Die Reise führt uns zurück nach Deutschland, zum Grabowsee. Das 1896 gegründete Sanatorium Heilstätte Grabowsee diente nach 1945 als sowjetisches Lazarett. Der einstige Ballsaal, den wir in «Requiem pour pianos #38» (Deutschland, 2018) sehen, ist heute eine gefragte Filmkulisse. Im Südwesten Frankreichs begegnen wir in «Requiem pour pianos #130» (Frankreich, 2022) erneut der Marke Erard – jenen Instrumenten, die einst von Chopin und Liszt geschätzt wurden. In diesem Herrenhaus scheint die Zeit stillzustehen und erinnert an eine Epoche, die in den 1980er-Jahren ihr Ende fand.

Requiem pour pianos #38, Deutschland, 2018 © Romain Thiery

In Österreich fand der Künstler in einem Raum, der als Autowerkstatt diente, ein Schweighofer-Klavier. «Requiem pour pianos #93» (Österreich, 2019) ist eines seiner Lieblingsbilder: Nach tagelangem Warten fing er den Moment ein, in dem das Licht das Instrument sanft streichelt und ihm eine fast sakrale Kraft verleiht. In Norditalien hingegen stehen in «Requiem pour pianos #109» (Italien, 2021) zwei majestätische Klaviere von Fratelli Colombo im Heizungsraum einer Seidenspinnerei von 1902. Wo einst ausschliesslich Frauen arbeiteten, bewahrt Thiery heute das letzte Echo der industriellen Vergangenheit.

Requiem pour pianos #130, Frankreich, 2022 © Romain Thiery

Das Finale im fernen Osten
Den Schlusspunkt dieser Reise bildet Japan. In «Requiem pour pianos #163» (Japon, 2025) beleuchtet das Licht in einer verlassenen ländlichen Grundschule ein Kawai-Klavier, das langsam von einem Meer aus Farnen verschlungen wird. Um diesen Ort zu erreichen, musste der Künstler tief in den Wald vordringen und begegnete neugierigen Affen – ein Symbol für die magische Rückeroberung durch die Natur in einem Land, in dem das Klavier als höchstes Zeichen für Bildung und Kultiviertheit gilt.

Requiem pour pianos #93, Österreich, 2019 © Romain Thiery

Romain Thiery ist ein französischer Fotograf und Pianist, der in seinem Schaffen Bild und Ton auf einzigartige Weise vereint. Seit 2014 bereist er die Welt, um verlassene Klaviere in leerstehenden Gebäuden aufzuspüren und deren melancholische Schönheit festzuhalten. Seine international ausgezeichneten Werke wurden bereits in Galerien von Paris bis Tokio ausgestellt und in renommierten Medien wie The Guardian oder Der Spiegel veröffentlicht.

Requiem pour pianos #109, Italien, 2021 © Romain Thiery

Scène55 ist ein kulturelles Zentrum in Mougins an der Côte d’Azur. Als interdisziplinäre Kulturstätte vereint es Theater, Musik, Tanz und bildende Kunst unter einem Dach. Die Einrichtung verfügt über einen modernen Ausstellungsraum, die Scène d'Exposition, in der namhafte zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren.

Requiem pour pianos #163, Japan, 2025 © Romain Thiery

Wer diese visuelle und klangliche Reise selbst erleben möchte, kann die Ausstellung noch bis am 6. Juni 2026 in der Scène55 in Mougins besuchen. Der Eintritt ist frei. Alle Werke sind als limitierte, handsignierte Originale auf hochwertigem Hahnemühle-Papier erhältlich.

Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile

Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.

Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.

Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken. 

Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt. 

Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche. 

Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.