Zagara: Wenn der Duft der Orangenblüte nach Schweigen riecht…
Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico
Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat.
Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico
Ausgehend von einer konkreten Familiengeschichte – ihre Urgrossmutter musste 1939 in Sizilien vor einem versuchten Femizid fliehen – webt Amico ein dichtes Netz aus persönlichen Archivbildern, Landschaftsaufnahmen, Porträts und Recherchematerialien. Sie behandelt das Familienalbum nicht als passiven Speicher von Erinnerungen, sondern als einen umkämpften Ort, an dem Narrative neu verhandelt werden können. Was in den Bildern oft unsichtbar bleibt: Die Gewalt, das Trauma, das erzwungene Schweigen, wird durch die Installation greifbar. Audioarbeiten, Videos und eben der omnipräsente Duft der Orangenblüte immersieren das Publikum in eine «emotionale Landschaft», die zeigt, wie gesellschaftliche Normen Frauen idealisieren und gleichzeitig in unsichtbare Käfige sperren. Die Schönheit der Blüte wird hier zur Metapher für eine Weiblichkeit, die erdrückt, statt zu befreien.
Amicos Ansatz ist geprägt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Bevor sie zur Kamera griff, studierte sie Rechtswissenschaften. Dieser juristische Hintergrund schärft ihren Blick für Strukturen: Sie untersucht nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch das Rechtssystem als Rahmen von Gewalt und Schutz sowie die Rolle der Medien bei der Darstellung – oder Verschleierung – von Femiziden. Ihre Arbeit oszilliert zwischen sozialer Untersuchung und relationaler Praxis, wobei sie das Archiv aktiv nutzt, um gelöschte Stimmen wieder hörbar zu machen. Die Ausstellung ist Teil des Jahresprogramms «handle with care» und wird im Dialog mit einer Werkpremiere von Virginie Rebetez gezeigt, was unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema familiärer Erinnerung kontrastiert.
Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico
Tiziana Amico (*1991, Italien) ist eine in der Schweiz lebende Fotografin und visuelle Forscherin. Ihre Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie und Recht wurde bereits mit dem 2. Preis beim Swiss Press Photo Award 2025 (Kategorie «International») für das Werk «Nunca Fui Adolescente» ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbands near. für zeitgenössische Fotografie.
Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico
Das Photoforum Pasquart in Biel/Bienne, gelegen an der Seevorstadt, versteht sich seit langem als wichtiger Knotenpunkt für die zeitgenössische Fotografie in der Schweiz. Als Institution, die sich der Reflexion und Vermittlung des Mediums verschrieben hat, bietet das Forum mit dieser Ausstellung einen Raum für dringliche gesellschaftliche Diskurse. Die Präsentation von «Zagara» unterstreicht den Anspruch des Hauses, Fotografie nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Werkzeug zur Aufarbeitung von Geschichte und Machtverhältnissen zu begreifen.
Die Ausstellung «Zagara – Ciò che resta» von Tiziana Amico ist bis zum 30. August 2026 im Photoforum Pasquart in Biel zu besuchen.