Birnbaum II, Guggenbühl, 20.4.2021, Fujiflex Color Print (Infrarotaufnahme). © Simone Kappeler
Inmitten einer Gegenwart, deren visuelle Welten zunehmend an Bildschirmen und durch Algorithmen perfektioniert werden, setzt Simone Kappeler auf das unbändige Eigenleben des Lichts. Ihre Ausstellung «nature vivante» im Kunstmuseum Thurgau befreit die Pflanzenwelt aus der Starre des Stilllebens und macht das Unsichtbare zur sinnlichen Gewissheit.
Bläulinge und Perlmutterfalter, Val Sumvitg, 2.7.2005, Ilfochrome Color Print (Infrarotaufnahme). © Simone Kappeler
Ein Halm neigt sich im Wind über ein Blatt Seidelbastpapier, das von eisensalzhaltiger Lösung getränkt ist. Kein Knicken, kein Brechen und kein vorschneller Schnitt trennt die Pflanze von ihren Wurzeln in der herbstlichen Buntbrache. Stattdessen geschieht das Bild an Ort und Stelle: von der Sonne belichtet, vom Zufall dirigiert und im tiefen Preussischblau der Cyanotypie für die Dauer einer Berührung fixiert. Was Simone Kappeler an den Wegrändern und Wiesen der Ostschweiz ins Bild setzt, verweigert sich jeder botanischen Klassifizierung und jedem musealen Konservierungsdrang. Wo die traditionelle Kunstgeschichte mit dem Begriff der «nature morte» das Stillleben über das Erstarren der Dinge definierte, setzt die Thurgauer Fotokünstlerin auf das lebendige Werden. Ihre Natur atmet und verändert sich unaufhörlich.
Buntbrache mit Wilder Möhre und Rainfarn, Sandplatte, 8.12.2016, Cyanotypie auf Seidelbastpapier. © Simone Kappeler
Kappelers Arbeiten sind Inseln der Entschleunigung im unaufhaltsamen Strom der Zeit. Konsequent analog arbeitend, nutzt sie die Materialität des Mediums als seismografisches Werkzeug. Wenn sie zu Röntgenfilmen greift, legt sie die fragile innere Architektur von Stängeln und Blütenkelchen frei; nutzt sie Infrarotmaterial, öffnet sich eine Sphäre jenseits des menschlichen Sehvermögens, angelehnt an die Facettenaugen der Insektenwelt. Die Technik bleibt dabei stets Erkenntnismittel und verfällt nie dem Selbstzweck. Es entsteht eine poetische Alchemie, die das streifende Streulicht, das Zittern eines Grashalms oder das Verblühen vor dem Vergessen bewahrt, ohne der Pflanze ihre Lebendigkeit zu nehmen.
Schachbrettfalter, Gräte, 12.7.2022, Digitalfotografie. © Simone Kappeler
Geboren 1952 in Frauenfeld, fand Simone Kappeler bereits als Elfjährige zur Kamera, um mit naturwissenschaftlichem Forschergeist die Entwicklung von Molcheiern festzuhalten. Nach Studien der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich sowie der Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich entwickelte sie über fünf Jahrzehnte hinweg ein eigenständiges Werk. Für ihr Schaffen, das in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gewürdigt wurde und von einer kontinuierlichen Befragung des Mediums zeugt, erhielt sie 2021 den Thurgauer Kulturpreis.
Spinne in Straussblütiger Margerite, Gräte, 2.6.2020, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler
Das Kunstmuseum Thurgau hat seinen Sitz in der Kartause Ittingen bei Warth, einem ehemaligen Kloster der Kartäuser aus dem 12. Jahrhundert, das heute als Kulturzentrum, Museum und Seminarort genutzt wird. Das Museum widmet sich der regionalen wie internationalen Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und verbindet in seinen Ausstellungsräumen zeitgenössische Positionen mit der historischen Bausubstanz und den umgebenden Gärten der Anlage.
Buntbrache I, Fruthwilen, 3.1.2017, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler
Die Ausstellung «Simone Kappeler – nature vivante» ist vom 13. September 2026 bis zum 21. Februar 2027 im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen zu sehen. Zur Präsentation ist im St. Galler Verlag jungle books der von der Künstlerin herausgegebene Begleitband «Simone Kappeler – Handwurz und Zittergras» erschienen.
Zitronenfalter, Riethalde, 11.7.2023, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler
Akelei, 20.5.1998, analoge Schwarz-Weiss-Röntgenfotografie auf Barytpapier. © Simone Kappeler