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EXTRACT III - Pink als Sensor der Gesellschaft…

Bird an Flower Market, Frogs, 2018/2021, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Was sehen wir, wenn wir Pink sehen? Für die einen ist es das künstliche Leuchten von Kaugummi-Automaten, für die anderen ein Symbol für stereotype Geschlechterzuschreibungen oder der grelle Schrei des Pop-Art-Kommerzes. Doch wer die Farbe lediglich als dekoratives Oberflächenphänomen abtut, verkennt ihre enorme Sprengkraft.

Construction, Helen Keller, 2018/2021, ChromaLuxe Print Mat © Nici Jost

Die schweizerisch-kanadische Künstlerin Nici Jost (*1984, Banff, Kanada) widmet sich seit über zwei Jahrzehnten der Dekonstruktion dieser wohl kontroversesten aller Farben. Inzwischen hat sie sich international einen Namen durch diese tiefgreifenden Untersuchungen gemacht. Dabei nutzt sie die Fotografie nicht nur als rein abbildendes Medium, sondern als analytisches Recherche-Instrument, um kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen sowie soziale Codes sichtbar zu machen.

Lipstick, 2018/2026, Fine Art Print © Nici Jost

Pink als Sensor der Gesellschaft
Ein zentraler Pfeiler ihres Schaffens ist das von ihr entwickelte „Pink Colour System“, in dem die Farbe als Sensor für verborgene Muster und gesellschaftliche Dynamiken fungiert. Besonders spannend ist hierbei ihr Blick auf die Globalität des Phänomens: Während eines Aufenthalts in Shanghai untersuchte sie, wie sehr Sprache und soziale Strukturen unsere Wahrnehmung von Farbe determinieren – Pink ist eben nicht überall gleich Pink.

Robyn 02, 2026, Fine Art Print © Nici Jost

Zwischen Ästhetik und Aktivismus
Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von der klassischen Aufnahme bis hin zur technologischen Installation. Ein bemerkenswertes Beispiel für die Aktualität ihres Schaffens ist das Projekt Unity: Ein pinkfarbener Hut, der auf Sommerhitze reagiert. Hier wird die Farbe plötzlich zum Indikator für den Klimawandel und verlässt den rein ästhetischen Raum, um eine drängende ökologische Dimension einzunehmen.

Untiteld, 2018/2025 © Nici Jost

Es ist diese Vielschichtigkeit, die Josts Arbeit so relevant macht. Sie fordert uns auf, unsere Sehgewohnheiten zu hinterfragen und das vermeintlich "Liebliche" auf seine politische und gesellschaftliche Dynamik hin zu untersuchen.

Construction, Nike Air, 2018/2021, ChromaLux Print Mat © Nici Jost

Die Nikon Plaza am Schweizer Hauptsitz von Nikon in Egg/ZH fungiert als moderner Begegnungsort für Fotografie- und Videointeressierte. Auf zwei Etagen bietet sie Raum für wechselnde Ausstellungen und dient gleichzeitig als interaktiver Showroom. Besucherinnen und Besucher können dort das aktuelle Nikon Line-up sowie professionelle Optiken direkt testen und sich mit dem Fachpersonal austauschen. Ergänzt wird das Angebot durch einen Store sowie ein regelmässiges Rahmenprogramm aus Workshops und Bildungsressourcen, die den Standort zu einem lebendigen Zentrum der Imaging-Kultur machen.

Pink Collection, Object No. 28, 2019, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Die Ausstellung EXTRACT III wird am 26. März 2026 eröffnet und kann bis zum 21. August 2026 im Nikon Plaza in Egg (ZH) besucht werden.

Ting, 2018/2025, Fine Art Print © Nici Jost

Ella Maillarts fotografische Weltreise...

Ella Maillart, Jour de foire à Weichang, dans l'ancienne province de Jehol, découverte de la lanterne magique, 1934, Mandchoukouo © Succession Ella Maillart et Photo Elysée Lausanne

In einer Ära, in der die Weltkarte noch weite, unentdeckte Regionen für westliche Reisende bot, überschritt eine Frau nicht nur geografische Grenzen, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Ella Maillart war weit mehr als eine blosse Touristin der Zwischenkriegszeit; sie war eine Chronistin des Wandels, die mit wachem Auge und ihrer Kamera die fragilen sozialen Gefüge Zentralasiens festhielt. Die aktuelle Würdigung ihres Werks durch Photo Elysée zeigt deutlich, dass ihre Bilder nicht nur ästhetische Zeitkapseln sind, sondern Dokumente von universellem Wert, die uns heute helfen, die tiefen Brüche der Geschichte zu verstehen.

Ella Maillart, Désert du Tsaïdam, 3000 m. Fin mai, mont Kitin Kara à - ou Noir - froid, dans la chaîne des Kuen Lun, 1935, Qinghai, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Maillarts Fotografien sind keine starren Porträts, sondern «fotografische Erzählungen», die von einer tiefen Neugier und einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit zeugen. Wenn wir heute ihre Aufnahmen betrachten, sehen wir eine Welt im Umbruch: Ihr Werk dokumentiert die harten Realitäten des aufkeimenden Stalinismus [1]in Zentralasien ebenso wie die Errichtung von Mandschukuo [2]durch Japan oder die kulturellen Spannungen nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs. Dass ihr Nachlass im Jahr 2025 von der UNESCO in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde, unterstreicht die globale Bedeutung dieser Zeugnisse. Maillart lehrt uns, dass das Reisen eine Form des Verstehens ist – eine Suche nach der Essenz der menschlichen Kulturen, denen sie in der Fremde begegnete.

Ella Maillart, La chaîne des Tierskei à 4800 m. ; le col de Kachkassou est pratiqué par les caravanes venant de Chine, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein Leben zwischen dem Genfersee und dem Hindukusch[3]
Der Lebensweg der 1903 in Genf geborenen Ella Maillart war schon früh von einer aussergewöhnlichen Eigenständigkeit geprägt. In den 1930er-Jahren etablierte sie sich als eine der profiliertesten Reisenden ihrer Zeit, indem sie Regionen erkundete, die damals kaum eine westliche Frau allein bereiste. Ihre vier grossen Expeditionen führten sie durch die Sowjetunion, China, Afghanistan und den Iran. Dabei war sie nicht nur Reisende, sondern akribische Archivarin: Tausende von Fotografien entstanden auf diesen Wegen und bilden ein beeindruckendes visuelles Archiv.

Ella Maillart, Marché devant la madrasa Chir Arab, 1932, Boukhara, République socialiste soviétique d'Ouzbékistan, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein besonderes Juwel ihres Nachlasses ist die sogenannte Kartothek – ein System aus 48 Kisten, das Hunderte von Karten mit über 1000 Bildern und handgeschriebenen Bildunterschriften enthält. Diese Kombination aus Bild und Wort erlaubt es uns heute, ihre Reisen nachzuerleben und offenbart die Vielschichtigkeit ihrer Sicht auf die Welt. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz blieb Maillart eine wichtige Stimme; sie gab ihre Erlebnisse in zahlreichen Büchern und Vorträgen weiter und prägte so das Genre des Reiseberichts in einer damals fast ausschliesslich männlich dominierten Welt. Sie verstarb 1997 und hinterliess ein Erbe, das weit über die Grenzen der Schweiz hinausstrahlt.

Ella Maillart, Pâturage pour chameaux, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Das Photo Elysée in Lausanne widmet sich seit 1985 der Geschichte und Zukunft der Fotografie, indem es bedeutende historische Werke mit zeitgenössischen Positionen verknüpft. Die beeindruckende Sammlung umfasst über 1,2 Millionen Objekte von den Anfängen um 1840 bis zum digitalen Zeitalter, darunter die Archive von Ikonen wie Sabine Weiss, René Burri oder Charlie Chaplin. Seit Juni 2022 residiert das Museum in einem modernen, 1400 Quadratmeter grossen Neubau der Architekten Aires Mateus im Kunstviertel Plateforme 10, wo es Raum für flexible und innovative Ausstellungsformate bietet.

 Die Ausstellung Ella Maillart. Fotografische Erzählungen kann bis zum 1. November 2026 im Photo Elyseé in Lausanne besucht werden.

Ella Maillart, Prêtres taoïstes, 1934, Pékin, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[1] Der Stalinismus bezeichnet die Ära unter Josef Stalin in der Sowjetunion, die durch eine extreme Zentralisierung der Macht und die totale Kontrolle aller Gesellschaftsbereiche geprägt war. Kennzeichnend waren die forcierte Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowie ein Repressionsapparat, der mittels Schauprozessen und Arbeitslagern (Gulags) jegliche Opposition unterdrückte. Ideologisch stützte sich das System auf einen ausgeprägten Personenkult und die Doktrin des «Sozialismus in einem Land», was zu einer oft gewaltvollen Umgestaltung des Staates führte.

Ella Maillart, Tombeaux : à droite, classique style musulman. À gauche, peut-être une survivance des adorateurs du Fen chez les Tadjiks actuels, 1935, Tashkurgan, République de Chine © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

[2] Mandschukuo war ein von 1932 bis 1945 bestehender Marionettenstaat des Japanischen Kaiserreichs in der Mandschurei (Nordostchina). Er wurde nach der japanischen Besetzung der Region proklamiert und stand unter der nominellen Herrschaft von Puyi, dem letzten Kaiser der Qing-Dynastie, diente jedoch faktisch als strategische Rohstoffbasis und Pufferstaat für Japans expansionistische Ambitionen auf dem asiatischen Festland. International wurde die Souveränität des Staates vom Völkerbund und den meisten Mächten nie anerkannt.

Ella Maillart, Sources du Syr-Daria et sommet du Sari-Tor, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[3] Der Hindukusch ist ein rund 800 Kilometer langes Hochgebirge in Zentralasien, das sich vorwiegend über Afghanistan und Pakistan erstreckt. Er bildet eine historisch bedeutende Barriere zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent, ist geprägt durch schwer zugängliche Pässe in Höhen von bis zu 7700 Metern und gilt seit der Antike als eine der markantesten kulturellen und geografischen Trennlinien der Welt.

Ella Maillart, La route japonaise en construction, 1934, Mandchoukouo © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

Sonata II – Architektur der Stille...

U.T. (Sonate) #4, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Es gibt Bilder, die uns nicht wegen ihrer Schärfe, sondern wegen ihrer Unschärfe gefangen nehmen. In der Ausstellung „Sonata II – Spaces of Inner States“ des norwegischen Künstlers Nils Olav Bøe begegnen wir einer Welt, die gleichermassen vertraut wie vollkommen entrückt scheint. Was auf den ersten Blick wie monumentale, nebelverhangene Landschaften, geheimnisvolle Ruinen oder ferne Welten wirkt, entpuppt sich als ein meisterhaftes Spiel mit der Wahrnehmung.

U.T. (Sonate) #12, 2023-25, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 76 x 95 cm © Nils Olav Bøe

Bøe, 1958 in Oslo geboren, ist ein Konstrukteur von Sehnsuchtsorten. Seine epischen Visionen entstehen nicht etwa auf Reisen durch die Wildnis, sondern in der kontrollierten Stille seines Ateliers. Mit fast spielerischer Einfachheit erschafft er aus Pappe, Plastilin und weiterem einfachen Material Miniaturmodelle, die er anschliessend fotografisch und filmisch inszeniert. In seinen grossformatigen Archivinkjet-Prints auf Hahnemühle-Barytpapier verlieren diese winzigen Objekte ihren Massstab und verwandeln sich in zeitlose Räume. Ein kleiner Klumpen Modelliermasse wird zum massiven Eisberg, eine Pappwand zur antiken Stätte im Niemandsland.

U.T. (Sonate) #2, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Zwischen Realismus und Fiktion
Die Faszination dieser Arbeiten liegt in ihrem Spannungsfeld zwischen Realismus, Fiktion und Zeitlichkeit. Bøe nutzt die Körnigkeit und das Spiel mit dem Fokus, um einen Schleier über das Motiv zu legen, der den Betrachter zur aktiven Interpretation zwingt. Es kommt alles wirklich und unwirklich vor: Wir sehen zwischen Berghängen einen Gletscher, den Mond inmitten einer erleuchteten Wolke oder eine von einer niedrigen Mauer umgrenzte Fläche. Diese visuelle Orchestrierung von Bild, Film und Ton rührt an etwas, das jenseits des Greifbaren liegt.

U.T. 2, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Der Künstler selbst versteht seine Werke als Suche nach Bildern für „innere Seelenzustände“. Es ist eine Einladung zur Introspektion. In einer Zeit der digitalen Überforderung bieten Bøes neblige Schwarz-Weiss-Welten einen Schutzraum für das Ungefähre. Seine Arbeiten eröffnen die Möglichkeit, innere Räume und Zustände zu sehen – auch in uns selbst. 

Dass Bøes Arbeiten international geschätzt werden – von New York bis London und in bedeutenden Sammlungen wie dem Nationalmuseum Oslo vertreten – wundert kaum. Er beherrscht die seltene Kunst, das Kleine so gross zu denken, dass es Platz für unser aller Inneres bietet.

U.T. 11, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Die Galerie Susanne Albrecht, 1986 von der Kunsthistorikerin Susanne Albrecht in München gegründet und seit 2009 in Berlin ansässig, konzentriert sich auf die klassischen Medien Malerei, Fotografie, Zeichnung und Skulptur. Das Programm verbindet US-amerikanische Kunst der 1980er-Jahre mit zeitgenössischen Positionen aus China und Japan sowie Werken international renommierter Künstler wie Martin Parr oder Julian Opie. Geleitet von der Philosophie, dass sich zwar Formen wandeln, essenzielle Inhalte aber zeitlos lebendig bleiben, pflegt die Galerie einen beständigen Dialog zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen. 

Die Ausstellung Sonata II – Spaces of Inner States wird am 14. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie Susanne Albrecht in Berlin besucht werden.

Die Unendlichkeit im Augenblick: Sehnsucht und Nostalgie...

Aphrodite left, 2021 © Arpad Polgar

In der menschlichen Existenz klafft eine wehmütige Lücke: die Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Gabe, sich in jegliche idealisierte Raum-Zeit-Dimension zu projizieren. Dieser schmerzliche, doch zugleich faszinierende Kern bildet das Wesen der Sehnsucht – eine Anziehungskraft, die von einem gelebten oder imaginierten "Anderswo" ausgeht. Wenn die Seele zwischen dem Hier und Jetzt und einem verlorenen Paradies hin- und hergerissen ist, begibt sie sich auf eine Suche, die so aussichtslos wie poetisch bleibt. Die Fotografie dient dabei als mechanischer Ankerpunkt, um den flüchtigen Augenblick aus dem kontinuierlichen Fluss der Ereignisse zu heben und unsere fragmentierten Erinnerungsfetzen zu ergänzen.

Fly Self-Portrait, 2020 © Kim Schwanhaeusser

In einer gemeinsamen künstlerischen Wanderung erkunden zwei Positionen die Natur als Quelle der Inspiration und als behütetes Refugium. Obwohl sie oft dieselben Gebiete durchstreifen oder gemeinsam genutzte Studioszenen errichten, bewahrt jeder Künstler eine eigene visuelle Grammatik. Sie eint ein beinahe obsessives Verlangen, Motive aus natürlichen Ressourcen zu sammeln, um die Reibungsflächen zwischen Wirklichkeit und der Unendlichkeit der Fantasie zu untersuchen. Es scheint fast, als sei der Zustand des Sehnens selbst erstrebenswerter als die endgültige Auflösung der Spannungsfelder zwischen Existenz und Vorstellung.

late bloom © Arpad Polgar

Kim Schwanhaeusser, geboren 1991 in Hongkong, nach ihrem Biologiestudium freischaffende Fotografin und Künstlerin, lebt und arbeitet in Deutschland und in der Schweiz. Sie widmet ihr Schaffen einer beinah verlorenen Handwerkskunst: der analogen Schwarz-Weiss-Fotografie. Mit akribischer Sorgfalt erweckt sie Silberhalogenide [1]durch das Zusammenspiel von Licht und Chemie zum Leben – ein Prozess der bewussten Verlangsamung, der ihrem behutsamen Herantasten an das Sujet entspricht. Ihre Werke sind eine Hommage an natürliche Wunder, wobei sie Lebensformen unverblümt mit all ihren Unvollkommenheiten darstellt. Von tanzenden Schmetterlingen bis hin zu mystischen Nebelwäldern dringt sie zu einem Ursprung vor, der sich in der Einfachheit der natürlichen Essenz erschliesst.

Paper Kite Dance, 2021 © Kim Schwanhaeusser

Arpad Polgar, geboren 1967 in Genf, Fotograf und Künstler, lebt und arbeitet in der Schweiz. Er lässt seine Erkundung aus dem lebenslangen Bestreben entspringen, die Prozesse der Natur zu verstehen. Seine Faszination gilt den Zyklen der Metamorphose, dem stetigen Wechselspiel von Wachstum und Auflösung, von Erblühen und Zerfall. Durch die systematische Herauslösung von Typologien aus ihrem Werden ermöglicht er eine zeitunabhängige Erforschung des Flüchtigen. In seinen Arbeiten vermengen sich Naturfragmente mit Artefakten von Malschichten zu neu konfigurierten Topografien und transfigurierten botanischen Anatomien. Dieser Prozess ähnelt einem parallelen Metabolismus, der die ewigen Zyklen von Kontraktion und Expansion des Kosmos widerspiegelt.

The promise of entropy © Arpad Polgar

Die galerie 94 befindet sich im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden und wird von Sascha Laue geführt. Die Galerie versteht sich als ein Ort für Fotografie und Kunst, wobei sie unter dem Leitspruch "augensache" auftritt. Neben der Präsentation etablierter Positionen bietet sie auch Raum für zeitgenössische aufstrebende Talente.

Papilio memnon © Kim Schwanhaeusser

Die Ausstellung Sehnsucht – Nostalgia wird am 12. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie 94 in Baden besucht werden.

Botanica, imperial blue © Arpad Polgar

[1] Silberhalogenide sind lichtempfindliche chemische Verbindungen (wie Silberbromid), die in der analogen Fotografie als winzige Kristalle in der Filmschicht eingebettet sind. Bei Belichtung reagieren sie auf Photonen und bilden die Grundlage für das spätere Bild, das erst durch die chemische Entwicklung sichtbar wird.

Magnolia © Kim Schwanhaeusser

Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus

Edith Tudor-Hart, "Demonstration von Arbeitslosen", Wien, 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Fotografie von Edith Tudor-Hart (*1908 Wien – †1973 Brighton) bewegte sich zeitlebens in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und politischem Aktivismus. Der Berliner f³ – freiraum für fotografie zeigt nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive dieser bedeutenden österreichisch-britischen Exilfotografin.

Edith Tudor-Hart, "Frau mit Kind", Wien, 1930 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Tudor-Hart, geborene Suschitzky, gilt als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955. Ihr Werk ist geprägt von einem starken Engagement für gesellschaftliche Belange. Sie thematisierte in ihren Arbeiten Armut, Integration und Frauenrechte. Ihr Fokus lag auf der Abbildung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Ihre Motive reichten von Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, den Protesten gegen den aufkommenden Faschismus bis hin zu Bergmännern, Fabrikarbeitern und Fischern in Wales, der Frauenbewegung der Nachkriegszeit und den neuen Einrichtungen der Reformpädagogik. Ihre gestalterische Handschrift, ein sachlicher und sozialkritischer Stil, wurzelt in ihrem Studium am Bauhaus in Dessau Ende der 1920er-Jahre, wo sie Fotografie und Grafik belegte.

Edith Tudor-Hart, "Frauenrechtsbewegung", 1945 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der Lebensweg der aus einer säkularen jüdischen Familie in Wien stammenden Edith Tudor-Hart war geprägt von politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin in Wien und London, wo sie den Beruf auch ausübte. Als engagierte und überzeugte Kommunistin wurde sie 1933 in Wien inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil nach England. Um die Ausreise zu ermöglichen, heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten Zeitschriften wie der Picture Post oder der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ).

Edith Tudor-Hart, "Gee Street", Finsbury, London, ca. 1936 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Ein bisher wenig beachteter Aspekt ihrer Biografie: Es wird vermutet, dass sie bereits seit ihrer Jugend mit Nachrichtendiensten und den Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Historisch belegt ist ihre Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings "Cambridge Five". Die Angst vor Überwachung, der Druck durch den englischen Geheimdienst sowie gesundheitliche Gründe führten in den 1950er-Jahren dazu, dass sie ihre fotografische Tätigkeit beendete und Teile ihrer Negative vernichtete. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973 starb Edith Tudor-Hart in Brighton.

Edith Tudor-Hart, "Suppenausgabe", Wien, 1931 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.

Edith Tudor-Hart, "Hakenkreuze im Schatten", Wien, um 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der f³ – freiraum für fotografie bietet internationaler Fotografie eine Bühne. Seine Ausstellungen setzen sich visuell auf erstklassige Art und Weise mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ – freiraum für fotografie die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Edith Tudor-Hart, "Dienstmann", Wien, 1929 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Das Fotohof-Archiv wurde 2015 eröffnet und beherbergt vor allem Fotografien österreichischer, aber auch ausgewählter internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es werden Negative, digitale Daten, Dokumente und alle Materialien gesammelt, die eine Darstellung der künstlerischen Entwicklung ermöglichen.

Edith Tudor-Hart, "Kensal Haus", London, um 1937 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Ausstellung Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus von Edith Tudor-Hart wird am 6. März eröffnet und kann bis zum 17. Mai 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin besucht werden.

Das Echo der schwindenden Natur: Ester Vonplons «Flügelschlag»

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

In einer Ära, in der die Spuren des Menschen fast jeden Winkel der Erde gezeichnet haben, begibt sich die Fotografin Ester Vonplon auf eine Suche nach dem, was – zumindest vermeintlich – noch unberührt geblieben ist. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung richtet sie den Blick auf die fragilen Ökosysteme ihrer Schweizer Heimat: von den tiefen Fichtenurwäldern des Uaul Scatlè über das alpine Hochtal Val Curciusa bis hin zur geschützten Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Ihre Arbeiten fungieren dabei als Memento mori, welche die Kraft und die gleichzeitige Vergänglichkeit einer Natur festhalten, die im Angesicht klimatischer Veränderungen und menschlicher Eingriffe bald verschwunden sein könnte.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Was diese Bilder so eindringlich macht, ist die Verbindung aus achtsamer Beobachtung und radikalem fotografischem Experiment. In der titelgebenden Serie «Flügelschlag» nutzt Vonplon die Technik des Fotogramms, um Abdrücke von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Steinen festzuhalten. Hierbei verwendet sie über hundert Jahre altes Cellofix-Papier, das einst von Soldaten im Ersten Weltkrieg für Lebenszeichen von der Front genutzt wurde. Durch diesen Bildträger verbindet sie die historische Zerbrechlichkeit des Materials mit der flüchtigen Existenz heutiger Ökosysteme.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Einen Weg des bewussten Kontrollverlusts beschreitet sie in der visuellen Untersuchung «I See Darkness». Ein stillgelegter Tunnel im Bündner Safiental diente ihr hierbei als Arbeitsort, Kamera und Dunkelkammer zugleich. Über Zeiträume von Wochen oder Monaten setzte sie grossformatiges Fotopapier den klimatischen Bedingungen und chemischen Reaktionen aus. Die Zeit selbst wird hier zur Bildhauerin und macht feine, oft nicht spürbare Einflüsse der Umwelt überhaupt erst sichtbar.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Die Serie «il uaul» (rätoromanisch für «der Wald») dokumentiert schliesslich die unwegsame Auenlandschaft Ogna da Pardiala in der Surselva. Mit einer analogen Grossformatkamera dringt Vonplon in dieses dichte Dickicht vor. Die eigentümliche Farbigkeit dieser Bilder ist das Resultat eines experimentellen, von der Künstlerin selbst vorgenommenen analogen Entwicklungsprozesses, der feinste Details dieser bedrohten Lebensräume offenbart.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Ester Vonplon (*1980 in Schlieren) lebt und arbeitet heute in Castrisch im Kanton Graubünden. Nach ihrem Studium an der Fotoschule am Schiffbauerdamm in Berlin schloss sie 2013 ihr Masterstudium in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre künstlerischen Projekte, die massgeblich von der Landschaft und Natur der Surselva inspiriert sind, präsentiert sie regelmässig im In- und Ausland. Für ihr Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manor Kunstpreis Graubünden sowie dem SAC-Kunstpreis.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Seit der Gründung 1993 widmet sich das Fotomuseum Winterthur der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur. Die Institution untersucht die kulturelle, soziale sowie politische Rolle des Mediums und dessen Wirkung auf unseren Alltag. Mit jährlich drei bis fünf Ausstellungen beleuchtet das Museum vielfältige Perspektiven junger und etablierter internationaler Kunstschaffender. Das Programm wird durch vielseitige Workshops, Veranstaltungen und digitale Formate ergänzt. Die museumseigene Sammlung umfasst heute rund 9'000 Werke von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Die Ausstellung Flügelschlag von Ester Vonplon kann bis zum 14. Juni 2026 im Fotomuseum Winterthur besucht werden.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

 

 

 

 

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

Frauen. Fragen. Fotoarchive. – Ein längst fälliger Blick in das Depot der Fotostiftung Schweiz...

Anny Wild-Siber, Ginster, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Es ist eine stille, aber tiefgreifende Diskrepanz, die in den Speichern unserer Gedächtnisinstitutionen schlummert. Wer die Geschichte der Schweizer Fotografie verstehen will, landet fast zwangsläufig bei einer Erzählung, die von Männern geschrieben und über Männer geführt wurde. Doch die Fotostiftung Schweiz in Winterthur bricht nun mit dieser Tradition: Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. rückt sie gezielt das Schaffen von sieben Fotografinnen in den Fokus, deren Archive nun erstmals umfassend hinterfragt und im Kontext ihrer Zeit beleuchtet werden.

Anny Wild-Siber, Magnolie, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Warum sind von den rund 160 Archiven der Fotostiftung nur 26 Frauen zuzuschreiben? Die Antwort liegt oft in den gesellschaftlichen Strukturen verborgen: Biografien von Frauen wiesen Brüche auf, Karrieren endeten abrupt mit der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. Viele talentierte Fotografinnen arbeiteten im Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder „Meister“, wodurch ihre Spuren in der Geschichtsschreibung oft verwischt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, dass technische Versiertheit allein nicht ausreichte, um einen dauerhaften Platz im Kanon zu finden.

Anny Wild-Siber, Drottningkaktus, ohne Datum, gemeinfrei / Public Domain

Anny Wild-Siber (1865–1942) repräsentiert den Typus der gut situierten Amateurfotografin, die sich das Medium Anfang des 20. Jahrhunderts als Autodidaktin aneignete. Ihre Autochromplatten und Edeldrucke spiegeln nicht nur hohe künstlerische Ambitionen wider, sondern dokumentieren vor allem ihr eigenes privates Umfeld. Vor ihrer Linse fand sich die Welt einer privilegierten Frau, die sie mit technisch anspruchsvollen Verfahren wie der Stereofotografie in dreidimensionalen Ansichten festhielt.

Gertrud Dübi-Müller (Umkreis), Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf, um 1916 ©Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) verfolgte einen ähnlichen Weg und nutzte die Fotografie, um ihre eigene Lebenswelt und ihr soziales Netz festzuhalten. Auch sie agierte als Autodidaktin, wobei ihre Arbeiten heute als wertvolle Zeitzeugnisse dienen, die den Blick einer Frau auf die gehobene Gesellschaft ihrer Zeit konservieren. Ihre Bilder lösen die Grenze zwischen Amateurfotografie und bewusster Dokumentation einer spezifischen sozialen Klasse auf.

Marie Ottomann-Rothacher, Zahmer Star, 1956 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002) steht für die Generation von Frauen, die in den 1930er-Jahren eine reguläre Berufslehre absolvierten. Obwohl sie als Fotografin und Laborantin für namhafte männliche Kollegen tätig war, blieb ihr eigenes Werk oft im Hintergrund. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus den Schweizer Bergregionen, in denen sie mit einem scharfen Blick für soziale Realitäten vor allem Kinder und deren oft entbehrungsreiches Leben porträtierte.

Margrit Aschwanden, Ovomaltinewerbung, Schweiz, 1940-1960 © Margrit Aschwanden / Fotostiftung Schweiz

Margrit Aschwanden (1913–2004) schaffte es, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld zeitweise durch die Führung eines eigenen Ateliers zusammen mit ihrer Schwester zu behaupten. Ihr Archiv zeigt die Herausforderungen zwischen familiärer Einbindung und professioneller Autonomie. Auffallend oft hatte sie dabei Kinder und Jugendliche vor der Kamera – häufig im Rahmen von Aufträgen für gemeinnützige Organisationen, was die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Bildthemen aufwirft.

Hedy Bumbacher, Wallis, 1944 © Hedy Bumbacher / Fotostiftung Schweiz

Hedy Bumbacher (1912–1992) fand erst über Umwege zur Fotografie, nachdem sie bereits ein universitäres Studium abgeschlossen hatte. Sie vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich und widmete sich intensiv der Dokumentation des Lebens in den Schweizer Alpen. Vor ihrem Objektiv standen – ähnlich wie bei Ottomann-Rothacher – die Bewohner der Bergregionen, wobei auch in ihrem Werk Kinder ein zentrales Motiv darstellten.

Leni Willimann, Muscheln (Isocardia cor), ca. 1960 © Leni Willimann / Fotostiftung Schweiz

Leni Willimann-Thöni (1918–2002) gehört zu den Absolventinnen der 1932 gegründeten Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sie blieb zeit ihres Lebens dem neusachlichen Stil ihres Lehrers Hans Finsler verbunden. Ihr Werk illustriert eine ästhetische Strenge und technische Präzision, die sich in sachlichen Kompositionen niederschlug, während sie als Person dennoch am Rande der offiziellen Fotogeschichte blieb.

Anita Niesz, Fiat-Werke, Turin, Italien, 1959 © Anita Niesz / Fotostiftung Schweiz

Anita Niesz (1925–2023) nutzte ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, um sich einer engagierten Sozialdokumentation zuzuwenden. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich, die in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Du erschienen, blickte sie weit über die Landesgrenzen hinaus. Dennoch blieb auch bei ihr ein Fokus auf Kinder und Jugendliche bestehen, oft fotografiert im Auftrag von Hilfswerken, was das Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und gesellschaftlicher Erwartung markiert.

Gertrud Dübi-Müller, Anna und Cuno Amiet, Tivoli, März 1911 © Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Diese Bestandsaufnahme ist mehr als eine blosse Präsentation; es ist ein notwendiger Korrekturbetrieb an einer einseitigen Historie. Indem die Fotostiftung Fotografien mit Dokumenten aus dem Gosteli-Archiv kombiniert, entsteht ein vielschichtiges Panorama des Kampfes um Anerkennung und Selbstbestimmung. Es geht darum, jene Vielstimmigkeit zu fördern, die die Fotografie als Zeitzeugnis erst wirklich wertvoll macht.

Marie Ottomann-Rothacher, Bauernkinder Escholzmatt, 1943 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Die Fotostiftung Schweiz widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1971 der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende Archive. Das Spektrum ihrer Sammlung reicht von den Anfängen des Mediums bis zur Gegenwart und umfasst sowohl künstlerische als auch dokumentarische und private Ausdrucksformen.

Leni Willimann-Thöni, Glühbirne, 1937–1940 © Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz

Die Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. ist vom 28. Februar bis zum 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Requiem pour pianos: Wenn die Stille eine Melodie bekommt…
Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

In der Stille verlassener Räume, dort, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Natur sich langsam ihr Terrain zurückerobert, findet der französische Künstler Romain Thiery die Protagonisten seiner Arbeit. Mit seiner Serie «Requiem pour pianos» bewegt er sich an den zerbrechlichen Grenzen von Fotografie, Klang und kollektivem Gedächtnis. Für Thiery ist das Klavier kein blosser Gegenstand; es ist tief in unserer Kultur verwurzelt und bewahrt sich selbst im tiefsten Verfall eine unveränderliche Noblesse.

Requiem pour pianos #11, Frankreich, 2014 © Romain Thiery

Doch Thiery begnügt sich nicht mit dem rein Visuellen. In seinem Projekt «Resonance for Pianos» verfolgt er einen immersiven Ansatz: Er nimmt vor Ort jeden einzelnen Ton auf, den diese versehrten Instrumente noch hervorbringen können. So rettet er die musikalische Seele der Klaviere, bevor sie endgültig verstummen.

Requiem pour pianos #85, Frankreich, 2019 © Romain Thiery

Eine Reise durch die Fragilität Europas
Thierys Spurensuche führt uns zunächst nach Nordfrankreich. In «Requiem pour pianos #7» (Frankreich, 2015) sehen wir ein Erard-Klavier, das seltsamerweise den Brand eines Schlosses aus dem 14. Jahrhundert überstand. Heute ist das Gebäude renoviert, das Instrument jedoch verschwunden – es existiert nur noch als flüchtiger Moment in Thierys Fotografie. Ähnlich tragisch ist die Geschichte hinter «Requiem pour pianos #11» (Frankreich, 2014): In einem prachtvollen französischen Lustschloss von 1863 stand einst ein edler Bösendorfer-Flügel. Ein Sturm im Jahr 1999 leitete den Zerfall des Gebäudes ein, das nach Plünderungen schliesslich abgerissen wurde.

Requiem pour pianos #146, Grossbritannien, 2024 © Romain Thiery

Einen besonderen Platz nimmt das Anwesen Erard im Südwesten Frankreichs ein. In «Requiem pour pianos #85» dokumentiert Thiery ein Interieur, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Instrumente von Erard wurden einst von Grössen wie Chopin, Liszt und sogar Beethoven geschätzt und stehen für höchste französische Klavierbaukunst. In diesem Herrenhaus erinnert das Motiv an eine Exzellenz, die mit dem Ende der Produktion in den 1980er-Jahren leise aus der Welt gefallen ist.

Requiem pour pianos #138, Italien, 2023 © Romain Thiery

In Grossbritannien begegnen wir in «Requiem pour pianos #146» (UK, 2024) der Grösse eines einst lebhaften Herrenhauses, das im 20. Jahrhundert als Altenheim und medizinisches Zentrum diente. Unter einer majestätischen Holztreppe zeugt dort ein unbrauchbares Klavier von den vielen ungeschriebenen Geschichten dieses Ortes. Weiter südlich, in der Toskana, steht eine Villa von 1875. In «Requiem pour pianos #138» (Italien, 2023) blicken wir in den prachtvollsten Raum, der vollständig mit Fresken verziert ist. Seit deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg dort Quartier bezogen, kehrten die Eigentümer nie zurück. Schwere Unwetter im Jahr 2024 brachten das Gebäude schliesslich zum Einsturz.

Requiem pour pianos #132, Ungarn, 2022 © Romain Thiery

Von Heilstätten und Seidenspinnereien
Auch im Osten Europas findet Thiery Resonanzen des Vergangenen. In Ungarn verfällt ein Jugendstilschloss, das einst als Waisenhaus diente; «Requiem pour pianos #132» (Ungarn, 2022) zeigt die Überreste einer Bibliothek und einen prächtigen Josef-Grund-Flügel. In Polen wiederum dokumentiert «Requiem pour pianos #33» (Polen, 2017) einen Palast aus dem 13. Jahrhundert. Nach einer wechselvollen Geschichte als Archiv und Sanatorium wurde er geplündert; das letzte Klavier im Inneren verschwand im Jahr 2021.

Requiem pour pianos #33, Polen, 2017 © Romain Thiery

Die Reise führt uns zurück nach Deutschland, zum Grabowsee. Das 1896 gegründete Sanatorium Heilstätte Grabowsee diente nach 1945 als sowjetisches Lazarett. Der einstige Ballsaal, den wir in «Requiem pour pianos #38» (Deutschland, 2018) sehen, ist heute eine gefragte Filmkulisse. Im Südwesten Frankreichs begegnen wir in «Requiem pour pianos #130» (Frankreich, 2022) erneut der Marke Erard – jenen Instrumenten, die einst von Chopin und Liszt geschätzt wurden. In diesem Herrenhaus scheint die Zeit stillzustehen und erinnert an eine Epoche, die in den 1980er-Jahren ihr Ende fand.

Requiem pour pianos #38, Deutschland, 2018 © Romain Thiery

In Österreich fand der Künstler in einem Raum, der als Autowerkstatt diente, ein Schweighofer-Klavier. «Requiem pour pianos #93» (Österreich, 2019) ist eines seiner Lieblingsbilder: Nach tagelangem Warten fing er den Moment ein, in dem das Licht das Instrument sanft streichelt und ihm eine fast sakrale Kraft verleiht. In Norditalien hingegen stehen in «Requiem pour pianos #109» (Italien, 2021) zwei majestätische Klaviere von Fratelli Colombo im Heizungsraum einer Seidenspinnerei von 1902. Wo einst ausschliesslich Frauen arbeiteten, bewahrt Thiery heute das letzte Echo der industriellen Vergangenheit.

Requiem pour pianos #130, Frankreich, 2022 © Romain Thiery

Das Finale im fernen Osten
Den Schlusspunkt dieser Reise bildet Japan. In «Requiem pour pianos #163» (Japon, 2025) beleuchtet das Licht in einer verlassenen ländlichen Grundschule ein Kawai-Klavier, das langsam von einem Meer aus Farnen verschlungen wird. Um diesen Ort zu erreichen, musste der Künstler tief in den Wald vordringen und begegnete neugierigen Affen – ein Symbol für die magische Rückeroberung durch die Natur in einem Land, in dem das Klavier als höchstes Zeichen für Bildung und Kultiviertheit gilt.

Requiem pour pianos #93, Österreich, 2019 © Romain Thiery

Romain Thiery ist ein französischer Fotograf und Pianist, der in seinem Schaffen Bild und Ton auf einzigartige Weise vereint. Seit 2014 bereist er die Welt, um verlassene Klaviere in leerstehenden Gebäuden aufzuspüren und deren melancholische Schönheit festzuhalten. Seine international ausgezeichneten Werke wurden bereits in Galerien von Paris bis Tokio ausgestellt und in renommierten Medien wie The Guardian oder Der Spiegel veröffentlicht.

Requiem pour pianos #109, Italien, 2021 © Romain Thiery

Scène55 ist ein kulturelles Zentrum in Mougins an der Côte d’Azur. Als interdisziplinäre Kulturstätte vereint es Theater, Musik, Tanz und bildende Kunst unter einem Dach. Die Einrichtung verfügt über einen modernen Ausstellungsraum, die Scène d'Exposition, in der namhafte zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren.

Requiem pour pianos #163, Japan, 2025 © Romain Thiery

Wer diese visuelle und klangliche Reise selbst erleben möchte, kann die Ausstellung noch bis am 6. Juni 2026 in der Scène55 in Mougins besuchen. Der Eintritt ist frei. Alle Werke sind als limitierte, handsignierte Originale auf hochwertigem Hahnemühle-Papier erhältlich.

Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile

Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.

Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.

Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken. 

Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt. 

Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche. 

Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.

Die Heilung der Linien: Über die Zerbrechlichkeit in Aimée Hovings «Binding Roots»

Anemone pastel mix, série Inflorescence © Aimée Hoving

Geduld und Staunen verschmelzen im Herzen der künstlerischen Praxis von Aimée Hoving. Ihre beiden Serien «Inflorescence» und «Family Affair» spiegeln einen inneren Garten wider: Ein Ort, an dem persönliche Wandlung im Einklang mit der Natur geschieht und das Licht immer einen Weg findet. Zwischen diesen Projekten zeichnet sich eine gemeinsame Reise ab, die gleichermassen pflanzlich wie menschlich ist: die Erfahrung von Zerbrechlichkeit als Grundbedingung unserer Existenz. Hoving erforscht dabei gezielt das, was weitergegeben, verwandelt und geheilt wird. 

Résurgence, de la série Family Affair © Aimée Hoving

Die Fotografie wird hier durch den bewussten Einsatz von Hand und Nadel erweitert und so zu einem Raum der Fürsorge. Risse und Leerstellen – gezeichnet durch das Verstreichen der Zeit oder den Durchgang einer Krankheit – werden nicht einfach kaschiert. Vielmehr werden sie gezähmt, offenbart und sublimiert. Die Schatten erhalten dadurch einen ganz eigenen Glanz und laden uns ein, unseren verletzlichen, vergänglichen und doch zutiefst lebendigen Anteil mit neuen Augen zu betrachten. 

Flower bed with light pink Achillea, série Inflorescence © Aimée Hoving

Aimée Hoving, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in Coppet und ist Absolventin der renommierten ECAL in Lausanne. In ihren Arbeiten gelingt es ihr, Poesie, den unverfälschten Blick eines Kindes und eine gewisse Leichtigkeit selbst in die intimsten Bereiche des Lebens zu bringen. Indem sie Mitglieder ihrer eigenen Familie inszeniert, führt sie uns in eine oft beunruhigende Wahrnehmung des Alltags. Sie erforscht dabei Themen wie genetische Mutationen, multikulturelle Wurzeln und Kindheitserinnerungen, während sie stets ungelöste Rätsel in ihren Bildern schweben lässt. 

Haunted, série Family Affair © Aimée Hoving

Ihre Werke wurden bereits international gewürdigt, unter anderem mit dem Swiss Design Award und dem Kulturpreis der Fondation Leenards. Hovings Fotografien sind in bedeutenden Sammlungen vertreten und wurden in Institutionen wie der Saatchi Gallery in London, dem SCOP in Shanghai sowie der MEP in Paris ausgestellt. 

Loves me loves me not rainbow, série Inflorescence © Aimée Hoving

Seit 1982 am Place du Château in Nyon ansässig, ist FOCALE der älteste noch aktive Ort in der Schweiz, der ausschliesslich der Fotografie gewidmet ist. In einem charaktervollen Gebäude im Herzen der Altstadt fördert der Verein eine Fotografie an der Schnittstelle zwischen Dokumentation und ästhetischer Forschung. Mit der Eröffnung einer spezialisierten Buchhandlung im Jahr 1989 hat sich FOCALE zudem als lebendige Plattform für den Austausch und als Treffpunkt für Profis und Amateure der Fotokunst etabliert. 

Maybe, série Family Affair © Aimée Hoving

Die Ausstellung Binding Roots wird am 5. Februar eröffnet und kann bis 25. April 2026 in der focale in Nyon besucht werden. 

Little pastel Ferula, série Inflorescence © Aimée Hoving

Das Antlitz des Anderen: Christa Mayers fotografische Innenwelten

Carsten und Hase, 1996, aus der Serie Abwesende II, 1987-1996 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

In der Geschichte der Fotografie gibt es Positionen, die sich nicht allein über ihre Ästhetik definieren, sondern über die Tiefe der menschlichen Begegnung, die sie ermöglichen. Das Werk von Christa Mayer ist ein solches Zeugnis eines "berührenden Sehens". Als Fotografin und Psychologin zugleich hat sie über vier Jahrzehnte hinweg ein Œuvre geschaffen, das die Kamera nicht als Barriere, sondern als Instrument der Empathie nutzt, um das Unbewusste der Innenwelten sichtbar zu machen.

Büffelkuh, Varanasi, Indien, 2001 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Bereits seit den frühen 1980er-Jahren formte Mayer ihre progressive künstlerische Handschrift in der legendären Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg in Berlin. Diese von Michael Schmidt gegründete Institution bot ihr den Raum, sich als eine der wenigen Frauen erfolgreich zu behaupten. Es war diese Zeit des Aufbruchs und der künstlerischen Selbstbehauptung, in der sie 1983 mit dem Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Mayanischer Schamane, Yucatán, Mexiko, 1987 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Den Kern ihres Schaffens bilden die Porträts aus der Langzeitpsychiatrie einer Berliner Klinik, in der sie mehr als zwei Jahrzehnte als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitete. Hier entstanden Bilder, die weit jenseits jeder voyeuristischen Neugier liegen. Mayer suchte nach der "Schönheit im Angesicht des Anderen". In ihren "dialogischen Bildnissen" wird die Kamera zum Spiegel der Seele; sie fangen das innere Erleben von Patientinnen, Patienten und Angehörigen ein und verleihen jenen eine Stimme, die oft am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung stehen.

Junge und Hund, Istanbul, 1992 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Doch Mayers Blick beschränkt sich nicht auf das klinische Umfeld. Er weitet sich aus auf das "Strasstheater" der Welt. In den urbanen Umgebungen von Istanbul und Italien beobachtete sie die Miniaturdramen der Passantinnen und Passanten mit derselben Intensität wie die Gesichter in ihrem beruflichen Umfeld. Später wandelte sich ihr Fokus hin zur Natur. In ihren Aufnahmen aus Indien, den USA oder Frankreich werden Küsten und Wälder zu symbolisch aufgeladenen Orten. Die Landschaft fungiert hier als Projektionsfläche für das Verhältnis von Innen und Ausssen – eine visuelle Metaphysik, die die Rätselhaftigkeit des menschlichen Daseins in die Weite der Natur übersetzt.

Ohne Titel, aus der Serie Abwesende I, 1979–1986 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Christa Mayer, 1945 in Bad Kissingen geboren, verbindet in ihrer Biografie auf einzigartige Weise wissenschaftliche Analyse und künstlerische Intuition. Nach ihrem Psychologiestudium in Würzburg und Berlin widmete sie sich fast dreissig Jahre lang der therapeutischen Arbeit, während sie parallel ihr fotografisches Werk entwickelte. Ihre Arbeiten, die heute in bedeutenden Sammlungen wie der Berlinischen Galerie oder dem Museum Folkwang in Essen vertreten sind, zeugen von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Thema Identität. Ob in ihren frühen Selbstporträts oder in der intensiven Aufarbeitung familiärer Beziehungen – wie in ihrem Buch "Meine Mutter, meine Schwester und ich" – Mayer gelingt es stets, das "Fremde im Eigenen" aufzuspüren. Ihr Lebenswerk, das nun anlässlich ihres 80. Geburtstags umfassend gewürdigt wird, ist ein Plädoyer für ein Sehen, das nicht bewertet, sondern versteht.

Tänzerin, Cihangir, Istanbul, 1992 © Christa Mayer, VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Das Haus am Kleistpark zählt zu den bedeutendsten kommunalen Galerien Berlins. Beheimatet im ehemaligen Botanischen Museum, blickt der Ort auf eine reiche Geschichte zurück: Wo heute zeitgenössische Kunst präsentiert wird, befand sich einst das Herbarium von Adelbert von Chamisso. Mit einem klaren Fokus auf die Fotografie und der Förderung lokaler Kunstschaffender durch das hauseigene Arbeitsstipendium hat sich die Institution als zentrale Plattform für den gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurs etabliert.

Die Ausstellung "Christa Mayer. Fotografie – Das Werk" kann vom 16. Januar bis zum 6. April 2026 im Haus am Kleistpark (Grunewaldstrasse 6-7, 10823 Berlin) besucht werden.

Movement…

Freihändig auf dem Fahrrad, 1946 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Ausstellung Movement führt durch die jahrzehntelange, bewegte und sich stets wandelnde Karriere des Schweizer Fotografen René Groebli – einem Künstler, der nie stillstand und immer wieder Neues, bisher Ungesehenes wagte, ohne sich permanent auf einen bestimmten Stil, ein Genre oder eine Technik festzulegen.

Entkleiden, Auge der Liebe, 1952 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Groeblis Gesamtwerk ist so facettenreich, dass es nicht in einzelnen, ikonischen Bildern gelesen werden kann. Es umfasst dynamische Strassenfotografien voller Bewegungsunschärfe, Experimente in Farbe, Montagetechniken sowie intime Studien über Leben, Liebe und Körperlichkeit in Schwarzweiss. Wenn sich etwas verlässlich durch sein Œuvre zieht, ist es ein klar erkennbarer, unstillbarer Durst nach neuen Ausdrucksformen. Eine seiner ersten Aufnahmen – freihändig vom Fahrrad aus über den Lenker hinweg fotografiert – zeugt bereits von einer frühen Faszination des Künstlers für Geschwindigkeit und steht symbolisch für eine Karriere, die keinem linearen Verlauf folgt und den vorherrschenden formalen Normen stets einen Schritt vorauseilen wird.

Magie der Schiene, (#569), 1949 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Groebli fühlt und arbeitet lyrisch und intuitiv. Eine begonnene Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule bei Hans Finsler, dessen Schule in der kühlen, statischen Neuen Sachlichkeit verwurzelt ist, brach er alsbald ab, um stattdessen der lockenden Lebendigkeit der Strassen, Clubs und Bühnen Zürichs zu folgen. Wie ein Filmemacher versucht er, das Wesen der Bewegung in statischen Bildern sichtbar zu machen, verzichtet dabei auf perfekte Schärfe, lässt Elemente des Zufalls bewusst zu und fängt so nicht nur Bewegung, sondern auch Emotionen ein. Dieser subjektive, freie Umgang mit dem Medium Fotografie zeugt von einer cineastischen Sensibilität, die in krassem Gegensatz zur damals vorherrschenden Strenge der Schweizer Nachkriegsfotografie steht.

Ballspiel auf der Quaibrücke, 1950 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Ausstellung lädt dazu ein, Groeblis Fotografie so zu erfahren, wie er sie gelebt hat: als dynamische, zentrifugale Kraft, die Bewegung in all ihren Formen einfängt – physisch, emotional und künstlerisch – und sie offenbart einen Künstler, für den die Fotografie nicht nur ein Mittel war, die Welt neutral zu dokumentieren, sondern ein lebendiges Medium in ständigem Wandel: bewegt und bewegend.

Cornelia, 1961 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Bildhalle am Stauffacherquai in Zürich hat sich seit ihrer Gründung durch Mirjam Cavegn zu einer der bedeutendsten Adressen für klassische und zeitgenössische Fotografie in der Schweiz entwickelt. Die Galerie, die heute auch mit einem Standort in Amsterdam international präsent ist, zeichnet sich durch ein Programm aus, das eine Brücke zwischen den grossen Meistern des 20. Jahrhunderts – wie René Groebli oder Werner Bischof – und innovativen zeitgenössischen Positionen schlägt. Mit einem feinen Gespür für die haptische Qualität und die erzählerische Kraft des Mediums schafft die Bildhalle einen Raum, in dem Fotografie nicht nur als Dokument, sondern als eigenständige, poetische Kunstform gefeiert wird. 

Die Ausstellung kann bis 28. Februar 2026 in der Bildhalle besucht werden.

Wo das Leben spielt...

Skitour auf den Titilis, 1945. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Er war Sportfotograf, kletterte für das perfekte Bild in die Eigernordwand und lichtete Weltstars wie Louis Armstrong ab. Doch am liebsten war Milou Steiner dort, wo das normale Leben passierte. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Aarau zeigt das facettenreiche Werk eines Mannes, der Fotografie als Handwerk und Berufung verstand. 

Bergführerschule Jungfraujoch, 1961. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Es gibt Fotografen, die jagen den einen, lauten Moment. Und es gibt solche wie Milou Steiner (1915–1994). Steiner war kein Paparazzo, obwohl er lange als Pressefotograf – unter anderem für den Blick – arbeitete. Sein Werkzeug war nicht die Ellbogenmentalität, sondern der Respekt und ein wacher Blick für den Alltag. Die umfassende Ausstellung «Wo das Leben spielt» im Stadtmuseum Aarau zeigt nun die Bandbreite dieses Fotografen , dessen Karriere in einem zutiefst bewegten Europa begann und dessen Bilder – wie etwa die Serie über den Wiederaufbau Münchens – eindrückliche Zeitdokumente sind. 

Louis Armstrong mit Velma Middleton, Kongresshaus Zürich, 1955 Milou Steiner © StAAG/RBA | RBA16-313_1

Nach diesen frühen Jahren galt sein Blick voll und ganz dem alltäglichen Leben – den Momenten, die für die Menschen das Leben lebenswert machten. Steiner, der seinen Künstlernamen Milou bereits mit 18 Jahren wählte, war ein «Augenmensch», der genau wusste, wo und wann er sein musste. Als aufmerksamer Chronist dokumentierte er den enormen gesellschaftlichen Wandel fast beiläufig, aber mit einem präzisen Blick für das Wesentliche. Seine Serien spannen den Bogen von der Nachkriegszeit bis hin zur technologischen Transformation der heimischen Gesellschaft. Dabei interessierten ihn nicht nur die Innovationen selbst, sondern vor allem ihr Einfluss auf den Alltag der Bevölkerung. So hielt er kuriose Meilensteine wie die frühe Computer-Partnervermittlung mittels der sogenannten «Heiratsmaschine» (IBM 1410) fest und begleitete Pionierprojekte wie den Migros-Lastwagen, der als rollender Laden die Lebensmittelversorgung revolutionierte und direkt zu den Menschen brachte. Sein Interesse an sozialen Gefügen machte dabei auch an der Landesgrenze nicht halt: Eine seiner letzten Auslandsreportagen widmete er etwa dem männlich dominierten Strassenleben in der Türkei, was seinen Ruf als Fotografen unterstreicht, der stets den Menschen im Kontext seiner Umgebung suchte. 

Matrosen mit Sextanten auf See vor Scheveningen, Niederlande 1954. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Doch Steiner war nicht nur der stille Beobachter des städtischen Alltags, er suchte auch das Abenteuer und scheute aussergewöhnliche Einsätze nicht. Für das perfekte Bild war ihm kein Weg zu steil: Er kletterte für die Berichterstattung zum Film «Sein bester Freund» 1950 sogar mit dem Filmteam in die Westflanke der berüchtigten Eigernordwand. Für ihn galt der Grundsatz, dass man sich bewegen muss, um ein gutes Bild zu bekommen. Diese professionelle Gelassenheit bewahrte er auch, wenn er das Parkett wechselte und grosse Namen vor seine Linse traten. In Zusammenarbeit mit dem People-Journalisten Jack «Chasseur» Stark fotografierte Steiner Weltstars wie Louis Armstrong , Romy Schneider oder die Beatles. Dabei mied er das blosse Spektakel und zeigte den Menschen hinter dem Star, weshalb er in der Szene als besonders verlässlicher und anständiger Fotograf galt. 

Alp-Fahrt mit dem Schiff, Insel Ufenau 1959. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Hinter dem vielseitigen Profi stand dabei immer auch der Familienmensch Emil «Milou» Steiner. Seine Frau Margareth «Greta» Heiduk und die Kinder Emilio und Marianne waren oft Teil seiner Arbeit und wurden in seine Leidenschaft eingebunden. Die Ausstellung, die auf dem rund 11'000 Fotografien umfassenden Nachlass im Ringier Bildarchiv basiert, ist somit mehr als eine Werkschau. Sie ist eine Hommage an einen Chronisten, der zeigte, dass die grossen Geschichten oft im Kleinen liegen. 

Migros auf Rädern, 1955. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Die Ausstellung Wo das Leben spielt von Milou Steiner kann bis am 27. September 2026 im Stadtmuseum Aarau besucht werden.

Hannah Villiger: Sculpting the Self…

Hannah Villiger, Block XXXVI, 1994, fünfzehn C-Prints, montiert auf Aluminium, 289 x 481 cm, Kunstmuseum St.Gallen, erworben vom Kunstverein St.Gallen 1996 © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die Schweizer Künstlerin Hannah Villiger (1951–1997) verstand sich stets als Bildhauerin, obwohl die Fotografie ihr Hauptmedium war. Unter dem Titel Sculpting the Self widmet das Kunstmuseum St.Gallen ihrem Werk nun eine fokussierte Kabinettausstellung, die genau diese mediale Schnittstelle beleuchtet.

Hannah Villiger, Baum, 1984/85, C-Print, montiert auf Aluminium, 125 x 123 cm, Kunstmuseum St.Gallen, Schenkung aus dem Nachlass der Künstlerin 2001 © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die von Henna Keski-Mäenpää kuratierte Präsentation konzentriert sich auf Villigers zentrale Schaffensphase der 1990er-Jahre. Gezeigt werden die ikonischen, grossformatigen «Block»-Arbeiten im Dialog mit selten präsentierten Werkgruppen aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Villigers Untersuchung des «Körpers» endete dabei nicht beim eigenen Physischen. Auch ihre urbane Umgebung – Hochhäuser oder Bäume – behandelte sie wie skulpturale Objekte, deren Oberflächen sie mittels der Kamera fragmentierte und neu kartografierte. Durch die radikale Vergrösserung der intimen Polaroid-Aufnahmen entstehen Bildräume, die unsere gewohnte Wahrnehmung von Distanz und Nähe herausfordern.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Realisiert in Zusammenarbeit mit der Stiftung The Estate of Hannah Villiger, unterstreicht die Ausstellung die anhaltende Relevanz einer Künstlerin, die 1994 gemeinsam mit Pipilotti Rist die Schweiz an der Biennale von São Paulo vertrat. Ihr Werk gilt als wegweisend für die performative Fotografie und wurde zuletzt in Retrospektiven im Muzeum Susch und im Centre Pompidou gewürdigt.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Der Ausstellungsort selbst setzt mit dieser Positionierung ein Zeichen. Als führendes Haus der Ostschweiz mit einer Sammlung von über 12'000 Werken fungiert das Kunstmuseum St.Gallen als Brückenbauer zwischen acht Jahrhunderten Kunstgeschichte und der Gegenwart. Zwischen dem traditionsreichen Kunklerbau und der experimentellen Lokremise bietet das Museum den idealen Resonanzraum, um historische Narrative zu erweitern. Die aktuelle Ausstellung löst diesen Anspruch ein, indem sie das kulturelle Erbe mit einer radikalen Position verknüpft, die das fotografische Medium bildhauerisch neu dachte.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die Ausstellung Hannah Villiger: Sculpting the Self kann bis 30. April 2026 im Kunstmuseum St. Gallen besucht werden.

Extra Terra…

Tanti Patati © Franziska Martin

Extra Terra – eine tiefgründige Reise in die faszinierende, alpine Vergangenheit des Tessins. Ausgehend von einem scheinbar bizarren Phänomen – dem Anbau von Gemüse auf Felsblöcken – beleuchtet Franziska Martin die Überlebenskunst der "Terrieri" im Bavona-Tal. Die Arbeit, die zwischen Dokumentation und Illusion oszilliert, verbindet historische Recherche mit poetischer Bildgestaltung und stellt grundlegende Fragen zur Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Tanti Patati © Franziska Martin

Während einer Wanderung im Bavona-Tal stiess Franziska Martin auf einen beeindruckend grossen Felsblock, auf dessen oberer Fläche eine kleine Wiese wuchs. Steinstufen führten hinauf. Sie liess sich auf dem Stein fotografieren. Die Information einer Freundin, dass die Talbewohner auf solchen Steinbrocken Gemüse angebaut hätten, faszinierte sie so sehr und liess sie nicht mehr los. Diese Faszination und Neugierde entwickelte sich zu einem intensiven Forschungsprojekt.

Balóm dla Predascia © Franziska Martin

In einer Broschüre fand Franziska Martin eine Aufnahme von 1885, die einen Felsblock mit einer angelehnten Leiter zeigte. Oben stand jemand, und daneben befand sich eine kleine, kaum sichtbare Figur. Die Bildunterschrift lautete "Giardino Pensile" (dt. hängender Garten). Dank einem Historiker und einem Zeitzeugen erfuhr sie mehr über die Menschen im Bavona-Tal – den Terrieri, die sich selbst als "Erdenbewohner" ("gens de la terre") bezeichneten und deren Dörfer "Terre" genannt wurden.

Bohnen © Franziska Martin

Das Bavona-Tal ist von steilen Felswänden, die von Gletschern geformt wurden, geprägt und ist voller riesiger Felsblöcke. Fruchtbarer Boden war äusserst rar und wurde durch wiederholte Bergstürze und Gerölllawinen weiter dezimiert. Ziergärten gab es nicht. Dies zwang die Terrieri zu grossem Einfallsreichtum. Sie begannen, auf grossen Felsblöcken Gemüsegärten und Wiesen anzulegen, die im Tessiner Dialekt Giarditt (dt. Garten) oder Prato Pensile (dt. hängende Wiese) genannt wurden.

Kartoffel fällt auf Gras, Collage © Franziska Martin

Ab dem 16. Jahrhundert entstanden diese ungewöhnlichen Gärten, teilweise als Felsen nach Naturkatastrophen mit Nutzungsrechten vergeben wurden. Die Terrieri umfassten die Felsen mit Trockenmauern und füllten sie mit Erde auf, um ebene Anbauflächen zu schaffen.

Verdoppelt © Franziska Martin

Diese Giarditt wurden über Generationen hinweg gepflegt und waren Lebensgrundlagen mit individuellen Namen wie "Balóm di Franc" oder "Balóm dla Predascia". Das Bavona-Tal ist der einzige Ort in der Schweiz, an dem diese einzigartige Form der Landwirtschaft praktiziert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg verliessen viele die Gegend, die Tradition wurde nur noch von wenigen bis in die 1970er Jahre fortgesetzt. Viele dieser Hängewiesen sind heute verlassen und verfallen, oft von Wald überwuchert. 2011 erfasste die Fondation Bavona in einem Inventar noch 150 Giarditts, deren Anbauflächen von 2–3 m² bis zu 500 m² und insgesamt etwa 6500 m² umfassten.

Fels und Spargel © Franziska Martin

Franziska Martins tiefgehende Auseinandersetzung mit diesen Steinen und den verborgenen Geschichten, die sie bewahren, ist eine Kombination aus Recherche, dem Sammeln von Fragmenten der Vergangenheit und dem Versuch, die Bilder ihrer inneren Vorstellungskraft lebendig werden zu lassen. Sie sieht in der Geschichte der Terrieri, die durch Mut, Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit eine Heimat in einer steinigen Welt schufen, ein wichtiges Vermächtnis. Dieses erinnert uns an die Notwendigkeit, sorgsam mit Ressourcen umzugehen und heutigen Herausforderungen mit Resilienz und Demut zu begegnen.

Giarditt in der Nacht © Franziska Martin

Franziska Martin arbeitet als freiberufliche Fotografin mit Fokus auf Reportage und Porträt. Ihre persönlichen Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Fotografie und Collage, zwischen Dokumentation und Illusion. Sie befassen sich mit den Themen Zeit und Veränderung sowie mit der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt – besonders interessiert sie, wie der Mensch seine Umgebung prägt und zugleich von ihr geprägt wird. Ihre Arbeit ist inspiriert von künstlerischen Ansätzen, die Erzählung, Fiktion und dokumentarische Elemente miteinander verweben und die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit hinterfragen. 

Martin absolvierte ihre Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste München in der Fotoklasse von Armin Linke (2018–2025). Zuvor studierte sie an der F+F Schule für Kunst und Design und erwarb ein CAS in Kulturmanagement an der HSLU Hochschule Luzern. Sie ist seit 2016 als freie Fotografin tätig und Mitglied von SIYU (professionelle fotografie schweiz), dem Pool Collective und der Hard Cover Art Gallery.

Wal Kartoffeln im Weltall © Franziska Martin

Die Ausstellung Extra Terra kann bis 13. November 2025 in der Galerie Strates in Lausanne besucht werden.

Ernst Scheidegger und das Bergell…

Ruine der spätgotischen Wallfahrtskirche San Gaudenzio bei Casaccia © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Ernst Scheidegger und das Bergell – ist eine Hommage an das Bergell, seine Menschen und seine Geschichte, auch eine Art Zeitdokument, ein Beitrag zur Dokumentation und Bewahrung regionaler Identität… Das Buch wurde anlässlich der Ausstellung Ernst Scheidegger und das Bergell von der Stiftung Museum Ciäsa Granda und Atelier Giacometti in Stampa herausgegeben. 

Jakob Messerli schreibt in seinem Essay, wie Ernst Scheidegger durch eine Zufallsbegegnung während des Militärdienstes 1943 erstmals ins Bergell kam und Alberto Giacometti traf. Dieses Zusammentreffen war grundlegend: Es führte zur lebenslangen Freundschaft mit Giacometti und legte damit auch den Grundstein für Scheideggers enge und bleibende Beziehung zum Bergell. Er folgt in seinem Text der Spur dieser biografischen und künstlerischen Verflechtung. Er zeigt auf, dass Scheidegger nicht nur als Porträtist von Künstlern wie Giacometti und Varlin Bedeutung erlangte, sondern das Tal selbst immer mehr zum zentralen Gegenstand seines fotografischen Schaffens wurde. Obwohl Scheidegger selbst einmal meinte, er habe im Bergell "gar nicht so viel fotografiert", umfasst sein Nachlass rund 5.000 Aufnahmen aus dieser Region – von Landschaften über Dörfer und Architektur bis hin zu einfachen Szenen des Alltags…

 

Castasegna, das Grenzdorf zu Italien © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Acht Erinnerungen von Bergellerinnen und Bergellern zeichnen ein spannendes und humorvolles Bild von Ernst Scheidegger, dem roten Porsche, der Toscano-Zigarre und dem Boxer... 

Gian Andrea Walthers Erinnerung an Ernst Scheidegger zeichnet ein klares Bild eines diskreten, doch unverkennbaren Charakters. Er prägt sich durch Details wie den roten Porsche, den Boxer und die Toscano-Zigarre ein. Walther lernte Scheidegger indirekt durch ein Varlin-Bild kennen und sah ihn später regelmässig in Bondo. Er beschreibt ihn als äusserst taktvoll und zurückhaltend, aber stets freundlich – eine wohltuende Ausnahme. Scheideggers Leidenschaft fürs Fischen war legendär; sein rotes Auto am 1. Mai signalisierte den Beginn der Saison. Eine Anekdote über einen spontanen Braten, den Scheidegger nicht allein essen wollte, offenbart seine unkomplizierte Herzlichkeit… 

Remo Capadrutts Erinnerungen an Ernst Scheidegger zeichnen ein lebendiges Bild des Künstlers, das über seine fotografische Arbeit hinausgeht. Capadrutt erinnert sich an den "roten Porsche", dessen lautes Erscheinen Kinderaugen leuchten liess, und an Scheideggers markante Erscheinung in Bondo: stets mit kurzen Haaren, Hund und einer Toscano-Zigarre. Diese Details verleihen Scheidegger eine fast filmische Präsenz. Besonders charmant ist die Schilderung der gemeinsamen Leidenschaft fürs Fischen an der Mera. Capadrutt, der noch vor Sonnenaufgang am Fluss war, erinnert sich schmunzelnd an Scheideggers leichten Unmut, wenn er feststellte, dass der andere schon vor ihm die besten Stellen belegt hatte. Die Anekdote vom Fang eines über ein Kilo schweren Fisches, bei dem das ganze Dorf zusah, unterstreicht nicht nur Scheideggers Geschick als Fischer, sondern auch seinen Stellenwert in der Gemeinschaft. Capadrutts Erzählungen bieten ein intimes Porträt, das den Menschen Ernst Scheidegger im Alltag des Bergells greifbar macht…

Lottan unterhalb von Soglio © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Patrizia Guggenheims Erinnerungen an Ernst Scheidegger zeichnen das Bild eines facettenreichen Mannes, der tief in das Leben im Bergell eintauchte. Sie beschreibt ihn als prägenden Teil ihrer Kindheit, der mit seinem knallroten Porsche und dem unkonventionellen Designmobiliar eine faszinierende Andersartigkeit ins Dorf brachte. Scheideggers Wohnräume, ob in Bondo oder Zürich, waren bewusst inszeniert, aber stets warm und menschlich – eine Synthese seiner Bauhaus-Schulung und einzigartigen Persönlichkeit. Besonders lebendig wird seine Leidenschaft für das Fischen, bei dem er selbst in eleganten Stiefeln erschien, sowie sein Engagement im Garten des Pfarrhauses, wo er Johannisbeersirup herstellte. Die Erinnerung an gemeinsame Kochstunden, in denen Scheidegger der jungen Patrizia zeigte, wie man frische Pasta mit exotischen Gewürzen zubereitet, ist besonders rührend. Diese Episode, die bis heute nachwirkt, offenbart seine Fähigkeit, Wissen und Leidenschaft auf empathische Weise zu teilen. Guggenheims Erzählungen beleuchten einen Ernst Scheidegger, der über den Künstler hinausgeht und als Exotikum mit tief menschlicher Wärme in Erinnerung bleibt… 

Renato Chiesas Erinnerungen an Ernst Scheidegger zeichnen ein prägnantes Bild des Künstlers, untrennbar verbunden mit seinen festen Gewohnheiten im Bergell. An erster Stelle steht der rote Porsche, stets präsent und ein unverwechselbares Symbol für Scheideggers Ankunft und Präsenz im Tal. Dazu gesellt sich die charakteristische Toscano-Zigarre, die das visuelle Gesamtbild abrundet und ihn sofort erkennbar machte. Chiesa, der Scheidegger zunächst als Kind im elterlichen Geschäft erlebte, erinnert sich an seine regelmässigen Besuche, um Fleisch für Zürich oder die lokale Spezialität "Lüganga passa" zu kaufen. Diese Begegnungen offenbaren eine bodenständige Seite des Künstlers, der trotz seines exotischen Auftritts tief in den Alltag des Dorfes integriert war. Auch Scheideggers Fischerstiefel und sein dunkelbrauner Boxer, der ihn sogar im Porsche begleitete, sind feste Bestandteile dieser Erinnerungen. Obwohl Scheidegger als eher zurückhaltend beschrieben wird, war seine Präsenz umso markanter. Für Renato Chiesa, selbst ein "Autoliebhaber", wurde der rote Porsche zum Synonym für Ernst Scheidegger – ein bleibendes Zeichen für eine Persönlichkeit, die das Dorf auf ihre ganz eigene Weise prägte….

 

Malojapassstrasse © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Arnoldo Giacomettis Erinnerungen an Ernst Scheidegger offenbaren eine Persönlichkeit, die trotz ihrer Berühmtheit und der Assoziation mit dem "goldenen Zeitalter" Bondos eher im Hintergrund agierte. Auch für Giacometti sind die visuellen Marker unvergesslich: der rote Porsche vor dem Pfarrhaus, der Hund und die Fischrute. Scheidegger gehörte zur exklusiven Riege von Varlins Freunden, darunter Grössen wie Dürrenmatt und Frisch, die das kulturelle Leben Bondos in den Sechzigern und Siebzigern prägten. Doch im Gegensatz zu manchen seiner prominenten Zeitgenossen, die man abends im Restaurant Sciora traf, blieb Scheidegger für Giacometti eher zurückgezogen. Seine Kontakte schienen sich vornehmlich auf Varlins Kreis zu beschränken, ohne eine tiefere Integration in das Dorfleben. Giacomettis persönliche Anekdote über die Führung Scheideggers und einer russischen Dame durch das Hotel Bregaglia bietet einen seltenen, intimen Einblick. Diese Begegnung, beginnend im Keller und endend auf der Terrasse mit Blick auf Bondo, unterstreicht Scheideggers anhaltendes Interesse an der Region und dessen Bedeutung für ihn. Giacomettis Erzählung zeichnet das Bild eines Mannes, der zwar Teil einer intellektuellen Elite war, aber dennoch eine gewisse Distanz zum Alltagsleben Bondos wahrte, ein stiller Beobachter mit einer tiefen Verbundenheit zum Tal… 

Ivana Semadenis Erinnerungen an Ernst Scheidegger zeichnen das Bild eines Mannes, der trotz seiner Prominenz aufmerksam und zugänglich blieb. Auch für sie sind die ikonischen Merkmale präsent: der rote Porsche, die kurzen Haare, die Toscano-Zigarre und der stets begleitende Boxer. Sie erinnert sich, ihn in der Nähe des Milchladens bei den Crotti gesehen zu haben, wo er womöglich selbst Milch holte – ein Detail, das ihn fest im lokalen Alltag verankert. Besonders lebendig wird die Anekdote über eine Frau im Dorf, die für den "gutaussehenden" Scheidegger schwärmte und sich später über einen zu tief fliegenden Film-Helikopter beschwerte. Dies illustriert Scheideggers Aura und die Wirkung seiner Filmarbeit auf die Dorfgemeinschaft. Semadenis persönlichste Erinnerung ist jedoch das unerwartete Kompliment Scheideggers zu ihrer Art, Bilder aufzuhängen: "Endlich einmal jemand, der die Bilder nicht zu hoch aufhängt." Diese scheinbar kleine Geste, die ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist, offenbart Scheideggers geschultes Auge und seine Fähigkeit, Wertschätzung auf eine sehr persönliche und nachhaltige Weise auszudrücken. Ivana Semadenis Bericht zeigt einen Ernst Scheidegger, der über sein künstlerisches Schaffen hinaus als feinsinniger Beobachter und nahbarer Mensch in Erinnerung bleibt…

 

Drei Schafe © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Donato Salis' Erinnerungen an Ernst Scheidegger zeichnen das Bild eines Mannes, der tief in das Alltagsleben des Bergells eingebettet war und vor allem als Mensch und passionierter Fischer in Erinnerung bleibt. Salis beschreibt Scheidegger als einen "ganz guten Menschen", der "gute Sachen gemacht" hat – eine Wertschätzung, die über seine künstlerische Tätigkeit hinausgeht. Für Salis ist Scheideggers Präsenz untrennbar mit dem roten Porsche und dem stets an seiner Seite befindlichen Boxer verbunden, ein vertrautes Bild für alle im Tal. Salis hebt besonders Scheideggers Liebe zum Fischen hervor. Trotz seiner Bekanntheit als Fotograf – dessen Arbeiten Salis erst später in Buchform kennenlernte – war er für die Einheimischen primär der regelmässig fischende Besucher. Scheideggers Besuche in Salis' Crotto, wo er auf einen Drink vorbeischaute und plauderte, zeugen von einer nahbaren und verständigen Persönlichkeit. Die ständige Begleitung seines Hundes und das charakteristische Foulard sowie die gerauchte Toscanelli sind Details, die das Bild eines Mannes vervollständigen, der das Bergell auf seine eigene, unaufdringliche Weise prägte und in den Erinnerungen als vertrauter Teil der Gemeinschaft weiterlebt… 

Armando Ruinellis Erinnerungen an Ernst Scheidegger kulminieren in einer überraschend persönlichen Begegnung, die einen ungewöhnlichen Einblick in Scheideggers Wertschätzung für das Bergell bietet. Auch für Ruinelli sind die bekannten Marker präsent: der rote Porsche und der Boxer. Doch der Kern seiner Erzählung ist der Kauf einer Scheidegger-Fotografie von einer Ausstellung in Maloja. Ruinelli, beeindruckt von den "phänomenalen" Schwarz-Weiss-Bildern, bestellte eines – ohne grosse Erwartungen an die Lieferung. Die Überraschung war umso grösser, als Ernst Scheidegger höchstpersönlich mit der kleinen Pappschachtel an Ruinellis Bürotür klingelte. Scheideggers Begründung – "Wenn ein Bergeller eine meiner Fotografien kauft, habe ich mir erlaubt, der NZZ zu sagen, die bringe ich" – offenbart seine tiefe Verbundenheit zur Region und ihren Menschen. Die Begegnung selbst wird als kurz und etwas unbeholfen beschrieben; Ruinelli, überrumpelt, behandelte den berühmten Fotografen fast wie einen Boten. Trotz der verpassten Gelegenheit für ein längeres Gespräch bleibt diese Episode ein eindrückliches Zeugnis von Scheideggers Demut und seiner persönlichen Geste gegenüber einem Käufer aus dem Tal. Ruinellis Schilderung fängt die Essenz eines Künstlers ein, der über seine Kunst hinaus eine unerwartete menschliche Seite zeigte…

 

Die Albigna-Staumauer ist gebaut, der See gestaut und der Albignagletscher reicht noch bis zum Stausee © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Informationen des Verlags: 1943 kam der Fotograf Ernst Scheidegger (1923–2016) während seines Militärdienstes erstmals ins Bergell. In Maloja begegnete der Neunzehnjährige Alberto Giacometti – der Beginn einer besonderen Freundschaft, die bis zum Tode Giacomettis 1966 wahrte. Auch dem Bergell und seinen Menschen blieb Scheidegger sein Leben lang eng verbunden, von 1965 an hatte er in Bondo auch einen Zweitwohnsitz.

Berühmt ist Ernst Scheidegger für seine Künstler:innenporträts. Im Bergell hat er immer wieder Alberto Giacometti und später auch den Schweizer Maler Varlin (Willy Guggenheim, 1900–1977) fotografiert. Sein Nachlass umfasst jedoch auch rund 5000 Aufnahmen, die das Bergell selbst zum Gegenstand haben: Landschaften, Dörfer, Gebäude und Menschen. Diese Bilder sind bisher kaum ausgestellt und wahrgenommen worden.

Dieses Buch versammelt einen repräsentativen Querschnitt dieser Bergell-Bilder. Sie formen eine Langzeitreportage in 60 schwarz-weiss-Aufnahmen über dieses einzigartige Tal am Südrand der Schweiz. Ein Essay zu Ernst Scheidegger im Bergell, eine Kurzbiografie und Erinnerungen an ihn von acht Bergeller:innen ergänzen die Abbildungen.

 

Die Ställe auf der Ebene westlich von Bondo (Caltüra) © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Das Archiv von Ernst Scheidegger (1923–2016), einem der bedeutendsten Schweizer Fotografen des 20. Jahrhunderts, wird von der Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv verwaltet. Diese Stiftung wurde 2010 von Scheidegger selbst ins Leben gerufen, um sein umfassendes Lebenswerk zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Archiv umfasst beeindruckende 80.000 Negative, rund 50.000 Diapositive und zahlreiche Filme über Künstler und Reisereportagen. Scheidegger war besonders bekannt für seine Künstlerporträts von Grössen wie Alberto Giacometti (dessen Bild auf der Schweizer 100-Franken-Note von Scheidegger stammt), Joan Miró, Hans Arp und Max Bill. Seine Aufnahmen Giacomettis in dessen Pariser Atelier und im Bergell prägen bis heute das Bild des Künstlers. Zudem beinhaltet das Archiv umfangreiche Reportagefotografie. Scheidegger arbeitete für die renommierte Agentur Magnum und bereiste den Nahen Osten, Indien und den Fernen Osten; seine Reportagen erschienen in Magazinen wie "Paris-Match", "Life" und "Stern". Auch frühe Arbeiten und Alltagsszenen aus den 1940er- bis 1970er-Jahren sind Teil der Sammlung. Ergänzt wird dies durch filmische Arbeiten über Künstler wie Giacometti, Hans Erni und Max Bill. Der offizielle Sitz der Stiftung ist in Zürich, von wo aus das Werk Scheideggers durch Ausstellungen und Publikationen aktiv gefördert wird.

 

Plazza d’Zura in Bondo mit dem Pfarrhaus in der Mitte, Ernst Scheideggers Zweitwohnsitz ab 1965 © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.

 

Terrassierte Kulturlandschaft bei Soglio © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

Das Museo Ciäsa Granda ist ein Talmuseum im Bergell, untergebracht in der Ciäsa Granda, einem beeindruckenden Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert in Stampa. Es bietet einen umfassenden Einblick in die Kunst, Natur und Kultur des Bergells. Im Museum sind Werke der berühmten Künstlerfamilie Giacometti (Giovanni, Augusto, Alberto und Diego) sowie von Varlin ausgestellt. Ein besonderes Highlight ist der Bezug zum Atelier von Giovanni und Alberto Giacometti, das besichtigt werden kann. Neben der Kunst beherbergt das Museum eine umfangreiche Sammlung von Fauna und Mineralien der Region, präsentiert in über 50 Dioramen. Zudem werden verschiedene historische Handwerke wie die Serpentin- und Kastanienverarbeitung gezeigt, und die Geschichte der Bündner Zuckerbäcker beleuchtet. Das Museo Ciäsa Granda bietet Dauer- und Wechselausstellungen und ist ein beliebtes Ziel für Familien, um die Lebensweise und Geschichte des Bergells zu entdecken.

Bergsturz bei Vicosoprano, 1990 © 2025 Stiftung Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich

"Ernst Scheidegger und das Bergell" (ISBN 978-3-03942-299-9) kann direkt bei Scheidegger & Spiess bestellt oder im Buchhandel bezogen werden. 

Die Ausstellung "Ernst Scheidegger und das Bergell" kann bis 19. Oktober im Museo Ciäsa Granda in Stampa besucht werden.

Limen, soglia di passaggio…

Aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Mario Cresci, einer der bedeutendsten italienischen zeitgenössischen Fotografen, hat während seines einwöchigen Aufenthalts in Ragusa ein künstlerisches Projekt realisiert – eine Interaktion mit dem iberischen Territorium und mit Drucken und Kartografien Siziliens aus der Collezione Zipelli della Fondazione Cesare e Doris Zipelli della Banca Agricola Popolare di Ragusa. Als Zeugnis der geopolitischen Bedeutung der Insel im Laufe der Jahrhunderte, sowohl als Ausdruck der Aufmerksamkeit ausländischer Reisender als auch der Arbeit europäischer Kartographen und Illustratoren der damaligen Zeit, bestätigt die Sammlung der Karten von Sizilien die Einzigartigkeit der Insel im Hinblick auf die historischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ereignisse, die sie in den verschiedenen historischen Epochen beeinflusst haben.

Aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Mario Cresci (Chiavari 1942) ist Fotograf, visueller Designer und Dozent an der ISIA Universität von Urbino. Seit den 1960er Jahren ist er Autor eklektischer Werke, die sich durch eine Freiheit der Forschung auszeichnen, die Zeichnung, Fotografie, Video und Installationen miteinander verbindet. Als einer der ersten seiner Generation in Italien wendet er die Designkunst an und kombiniert sie mit dem Experimentieren mit visuellen Sprachen. 2004 wurde die anthologische Ausstellung „Le case della fotografia“ im GAM in Turin gezeigt. 2023 präsentiert er eine Neuinterpretation seines Werks durch spezifische Schwerpunkte, die in zwei großen Ausstellungen gezeigt wurden: „L'esorcismo del tempo, 1960-1980“ im MAXXI in Rom und „Colorland, 1975-1983“ im Monastero di Astino für die Fondazione MIA in Bergamo. 2019 veröffentlichte er mit „Segni migranti. Storia di grafica e fotografia“, eine wichtige Publikation über seine Forschung. Er lebt und arbeitet in Bergamo.

Aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Die Mario Cresci Archive Association wurde im Mai 2023 auf Initiative von Mario Cresci und seinen Mitarbeitern gegründet, um die Werke des Künstlers zu fördern und aufzuwerten und seine Urheberschaft durch Forschung, Archivierung, Authentifizierung, Dokumentation und Ausstellungsaktivitäten zu schützen.

Aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Collezione Zipelli della Fondazione Cesare e Doris Zipelli della Banca Agricola Popolare di Ragusa: Die Stiftung verfolgt das Ziel, die von Cesare Zipelli hinterlassene Sammlung zu erhalten und aufzuwerten und sie der Öffentlichkeit, Universitäten und kulturellen Einrichtungen zugänglich zu machen. Sie plant den Erwerb weiterer Kulturgüter und die Förderung kreativer sowie wissenschaftlicher Aktivitäten, insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Kunst und soziale Studien, mit Fokus auf Sizilien und die Provinz Ragusa. Zusätzlich fördert sie Studien und Forschungen, vergibt Stipendien und Preise, veröffentlicht Werke und organisiert kulturelle Veranstaltungen. Die Stiftung strebt Kooperationen mit öffentlichen und privaten Einrichtungen an, um ihre Ziele zu erreichen.

Aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Das Ragusa Foto Festival ist ein jährliches Fotografie-Event in Ragusa, Sizilien. Es umfasst Ausstellungen, Workshops, Vorträge und Begegnungen mit renommierten Fotografen und aufstrebenden Talenten. Das Festival möchte die Fotokultur fördern und bietet eine Plattform für den Austausch von Ideen und Inspirationen im Bereich der visuellen Kunst.

Collage aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Die Ausstellung "Limen, soglia di passaggio" von Mario Cresci kann bis 30. September 2024 im Palazzo Garofalo in Ragusa Ibla besucht werden.

Collage aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Collage aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

Collage aus Limen, soglia di passaggio © Mario Cresci

L'immagine dell'empresente. FOSCO MARAINI. Una retrospettiva...

Kinder laufen auf dem Kutcharo-See. Japan. Hokkaidō. 1953-1954.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari

Das MUSEC in Lugano feiert die Fotografie von Fosco Maraini zwanzig Jahre nach seinem Tod mit der grössten Retrospektive, die ihm je gewidmet wurde. Sie ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das vor zwei Jahren gestartet wurde und an dem die wichtigsten Institutionen beteiligt waren, die sein Werk von Anfang an bewahrt und gefördert haben. Auf diese Weise ist es möglich, Maraini die ihm gebührende Rolle in der Geschichte der Fotografie zuzuweisen und gleichzeitig auf mehreren Ebenen über die grundlegenden Werte einer Kunstform nachzudenken, die heute, angesichts der neuen Grenzen der Technologie, ihrer Substanz in Frage stellt. Eine Überlegung, die darauf abzielt, zu unterstreichen, dass jede Darstellung der Realität, sei sie konkret oder abstrakt, nur dann einen Sinn hat, wenn sie in der Lage ist, ein geistiges Universum und eine ursprüngliche Vision der Welt wiederherzustellen.

Wandernder Musiker. Tibet. 1937.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari.

Die Ausstellung in der Villa Malpensata in Lugano zeigt 223 zum Teil unveröffentlichte Fotografien, die zwischen 1928 und 1971 in Europa und Asien aufgenommen wurden. Die Auswahl der Fotografien ist das Ergebnis einer eingehenden Untersuchung des Fotoarchivs von Maraini, angefangen bei den Hunderten von illustrierten Publikationen, die es erst ermöglichten, die Kapitel zu definieren, mit denen das Projekt strukturiert werden sollte, bis hin zu den Tausenden von Negativen, die im Gabinetto Vieusseux in Florenz aufbewahrt werden. Unter Berücksichtigung der laufenden "Entdeckungen", der fehlenden oder unbrauchbaren Negative und der vergleichenden Auswahl, die notwendig war, um Harmonie und visuelle Kohärenz zu gewährleisten, nahm die Auswahl so Gestalt an. Die von Francesco Paolo Campione, dem Direktor des MUSEC, kuratierte Ausstellung bringt die Facetten der Fotografie Marainis wieder zum Vorschein: eine Fotografie von Menschen und Kulturen; von Landschaften, die sich ins Unendliche öffnen; von Innenarchitekturen, in denen die geheimen Geometrien der inneren Welt widerhallen; von Details, die sich inmitten der Handlung einer Realität offenbaren, die mit seltener Intelligenz interpretiert und mit einer kultivierten und äusserst feinen Ästhetik beschrieben wird. Es sind Bilder, die "all'empresente ergriffen" sind, wie Maraini mit einem ihrer überraschenden Neologismen zu sagen pflegte. Bilder also, die in jenem unwiederholbaren Moment eingefangen wurden, in dem das Auge die Bewegungen des Herzens und der Seele wahrnimmt.

Maiglöckchen. Italien. Um 1930.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari.

Fosco Maraini wurde am 15. November 1912 in Florenz als Sohn von Antonio Maraini (1886-1963), einem bekannten Bildhauer aus einer alteingesessenen Tessiner Familie, und Edith (Yoï) Crosse (1877-1944), einer Schriftstellerin englischer Abstammung und ungarisch-polnischer Herkunft, geboren. 1935 heiratete er die Malerin Topazia Alliata (1913-2015), die aus einer sizilianischen Aristokratenfamilie stammte und wie er eine begeisterte Bergsteigerin war. Das Paar hatte drei Töchter: Dacia (geb. 1936), Yuki (1939-1995) und Toni (geb. 1941). 1937 unternahm Maraini mit dem bekannten Orientalisten Giuseppe Tucci (1894-1984) eine lange Expedition nach Tibet. Nach seiner Rückkehr nach Italien schloss er sein Studium ab und erwarb 1938 einen Abschluss in Naturwissenschaften an der Universität von Florenz. Ein Stipendium ermöglichte es ihm, mit seiner Familie nach Sapporo auf der Insel Hokkaido umzuziehen, wo er die Ainu erforschte. Infolge des Krieges wurden Maraini und seine Familie auch mehrere Monate in einem Konzentrationslager in Nagoya interniert. 1946 kehrte Maraini mit seiner Frau und seinen Töchtern nach Italien zurück und nahm seine Bibliothek und seine Sammlung von etwa fünfhundert Objekten der Kunst und der materiellen Kultur der Ainu mit, die sich heute im Museum für Anthropologie und Ethnologie der Universität Florenz befinden.

Wäschetag. Kampanien. Neapel. 1952-1953.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari.

Im Jahr 1948 unternahm er zusammen mit Tucci eine zweite Expedition nach Tibet, nach der er das erfolgreiche Buch Secret Tibet (1951) veröffentlichte. Zwischen 1949 und 1953 widmete er sich einer intensiven Dokumentationsarbeit. Anschliessend begann er eine Phase dokumentarischer Arbeit, in der er mehrere Kurzfilme in Sizilien produzierte. In dieser Zeit hatte der Verleger Di Donato die Idee zu einem Fotoband, der den Titel Nostro Sud tragen sollte, der jedoch nie realisiert wurde. Dieses Projekt führte Maraini auf eine zweijährige Reise (1952-1953) durch ganz Süditalien, auf der er Tausende von Fotos machte. Im Frühjahr und Sommer 1951 dokumentierte er unter der wissenschaftlichen Leitung von Ernst Kitzinger (1912-2003) auch die byzantinischen Mosaike in Palermo und Monreale. In der gleichen Zeit startete er ein Dokumentarfilmprojekt in Griechenland, das nie abgeschlossen wurde, und machte mehr als 700 Fotos.

Neue Mythen. Nordgriechenland. Juni 1951.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari.

1954 kehrte Maraini für weitere Dokumentarfilme nach Japan zurück. In dieser Zeit machte er auch viele Fotos und sammelte Material für mehrere Bücher, darunter Ore giapponesi (1956), The Island of the Fishwomen (1960) und Japan: Patterns of Continuity (1971). Maraini war auch ein begeisterter Bergsteiger und nahm zwischen 1958 und 1959 an Expeditionen zum Gasherbrum IV im Karakorum und zum Saraghrar Peak am Hindukusch teil, die zu den Büchern Gasherbrum 4. Baltoro, Karakorùm (1959) und Paropàmiso (1963). Zwischen 1960 und 1964 war er Fellow am St. Antony's College (Abteilung für fernöstliche Zivilisation) in Oxford. Auf dem Weg nach Japan, um sein Studium abzuschliessen, reiste er 1962 durch mehrere asiatische Länder. 1970 ernannte ihn das Aussenministerium zum Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des italienischen Pavillons auf der Weltausstellung in Osaka. Im selben Jahr heiratete er seine zweite Frau, Mieko Namiki (geb. 1940), eine japanische Designerin, die er vier Jahre zuvor kennen gelernt hatte. 1972 kehrte er dauerhaft nach Florenz zurück, wo er bis 1983 an der Universität Japanische Sprache und Literatur lehrte. Parallel dazu arbeitete er an der Systematisierung der komplexen Wechselwirkungen zwischen seinen künstlerischen, wissenschaftlichen und literarischen Interessen. 1983 gründete er die Italienische Gesellschaft für Japanstudien (Aistugia), deren Ehrenpräsident er bis zu seinem Tod war. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Maraini der Neuordnung seines umfangreichen Bild- und Textarchivs, vertiefte seine Japanstudien und arbeitete an der Gründung des Zentrums für Orientalische Studien Vieusseux-Asia, das 2001 eingeweiht wurde. Fosco Maraini verstarb am 8. Juni 2004 in Florenz. Seinem Wunsch entsprechend wurde er auf dem kleinen Friedhof von Alpe di Sant'Antonio in der Garfagnana beigesetzt, wo er ein Haus besass.

Wissensdurst. Japan. 1953-1963.
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari. 

Das Museo delle Culture wurde 1985 und beherbergt den grössten Teil der aussergewöhnlichen Sammlung des Tessiner Künstlers Serge Brignoni . Die prächtige Villa im neoklassizistischen Stil liegt am Seeufer in einem botanischen Park mit tropischen und subtropischen Arten.

Eishöhle. Pakistan. Karakorum. 30. April-3. September 1958
Copyright: Fotografie von Fosco Maraini / Eigentum Gabinetto Vieusseux © 2024 Archivi Alinari.

Die Ausstellung L'immagine dell'empresente. Fosco Mariani. Una retrospettiva kann bis 19. Januar im MUSEC – Museo delle Culture in Lugano besucht werden.

Au début, la photographie...

Femme à l’ombrelle sur la rive haute du Mississippi, près de St. Louis, Missouri, Juillet-Septembre 1900, 8,3 x 8,4 cm – Papier avec émulsion au chlorure d’argent. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

Die Ausstellung Au début, la photographie im Pavillon Populaire in Montpellier bringt zwei aussergewöhnliche Künstlerinnen zusammen, deren fotografisches Werk oft im Schatten ihrer bekannteren Tätigkeiten steht: Gabriele Münter, eine der führenden Figuren des Expressionismus und Mitbegründerin des Blauen Reiters, und Eudora Welty, eine gefeierte amerikanische Schriftstellerin und Chronistin des amerikanischen Südens.  

Die Ausstellung beleuchtet die frühen fotografischen Arbeiten dieser beiden Künstlerinnen, die in vielerlei Hinsicht überraschend sind. Sie bietet einen seltenen Einblick in ihre visuelle Weltwahrnehmung und erlaubt es uns, die Anfänge ihrer kreativen Wege zu verfolgen.

Emmy, the donkey, Fred, Johnnie, Dallas, our room, Guion, Texas, Février, Mars 1900 8,5 x 8,7 cm - Papier avec émulsion au chlorure d’argent. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

 

Gabriele Münter - Einblicke in eine expressionistische Seele. Münters Fotografien sind geprägt von einem tiefen Verständnis für Komposition und Licht, das zweifellos ihre malerischen Werke beeinflusst hat. Ihre Aufnahmen, oft schnörkellos, zeigen eine Sensibilität und eine Neigung zur Atmosphäre. Landschaften, Porträts und alltägliche Szenen erhalten durch Münters Linse eine besondere Bedeutung und Präsenz. Ihre Fotografie wirkt manchmal wie eine Vorstufe ihrer späteren expressionistischen Werke – man kann förmlich die Übergänge von Licht und Schatten in ihre Gemälde nachzeichnen.

Garçons jouant entre Abilene et le lac d’Abilene le jour de notre départ, Texas, 17 mai 1900 8,4 x 8,7 cm – Papier avec émulsion au chlorure d’argent. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

Eudora Welty - Die Chronistin des Alltags. Weltys Fotografien wiederum dokumentieren die tiefen sozialen und kulturellen Schichten des amerikanischen Südens der 1930er Jahre. Sie zeigt die Menschen in ihrem alltäglichen Leben, oft in Momenten der Arbeit oder in ihren Gemeinschaften. Ihre Bilder sind sowohl dokumentarisch als auch poetisch, sie sind Zeugnisse einer Zeit und einer Region, die sie auch literarisch festgehalten hat. Weltys Gespür für das Erzählerische findet in ihren Fotografien einen deutlichen Ausdruck; jedes Bild scheint eine grössere Geschichte zu verbergen, die darauf wartet, entdeckt zu werden.

Petit garçon au chapeau sur une véranda, Marshall, Texas, Mai-Juin 1900, 8,5 x 9,5 cm - Négatif celluloïd. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

Die Ausstellung ist sorgfältig kuratiert, die Werke sind in einem harmonischen Dialog zueinander arrangiert. Auf subtile Weise wird hervorgehoben, wie beide Künstlerinnen, obwohl geografisch und kulturell weit voneinander entfernt, ähnliche ästhetische Fragen und soziale Themen bearbeitet haben. Der kunsthistorische Kontext, der durch erklärende Texte und historische Hintergrundinformationen vermittelt wird, hilft dem Betrachter, die Bedeutung und die Einflüsse dieser fotografischen Arbeiten umfassend zu verstehen.

Petite fille dans une rue, St. Louis, Missouri, Juillet-Septembre 1900, 8,7 x 9,6 cm - Négatif celluloïd. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

"Au début, la photographie" ist eine Ausstellung, die sowohl für Kenner als auch für Neulinge auf dem Gebiet der Kunstfotografie faszinierend ist. Sie zeigt die Bedeutung der Fotografie als Ausdrucksmittel und ihre Fähigkeit, tiefere Schichten der Realität offenzulegen. Münter und Welty, jede auf ihre Weise, bieten uns durch ihre frühen Arbeiten neue Einblicke in ihre kreativen Prozesse und in ihre Sicht auf die Welt. Diese Ausstellung im Pavillon Populaire ist ein Muss für alle Kunstliebhaber, die bereit sind, die Anfänge zweier beeindruckender Künstlerinnen zu entdecken und die Fotografie als eine erweiterte Sprache der Kunst zu schätzen wissen.

Home sweet home at aunt Annie’s, Plainview, Texas, 1899/1900, 6 x 10,2 cm - Papier avec émulsion au chlorure d’argent. Fondation Gabriele Münter et Johannes Eichner, Munich. © ADAGP, Paris, 2024

Gabriele Münter, geboren am 19. Februar 1877 in Berlin, war eine bedeutende deutsche Malerin des Expressionismus und eine Pionierin der künstlerischen Fotografie. In den 1890er Jahren begann sie mit Zeichenkursen in Düsseldorf und entdeckte bald die Fotografie für sich. 1901 zog sie nach München, studierte an der Künstlerinnenschule und der Phalanx-Kunstschule, wo sie Wassily Kandinsky kennenlernte. Gemeinsam bereisten sie Europa und die USA, wobei Münter stets mit ihrer Kamera Eindrücke festhielt. Ihre Fotografien dieser Reisen dokumentieren eindrucksvoll Alltagsszenen, Architektur und Natur.

Mardi gras dans une rue de la Nouvelle-Orléans, 1935 © Reproduit avec l’autorisation du Mississipi Department of Archives History et Russell & Volkening en tant qu’agents de l’auteur © 2024 Eudora Welty & Eudora Welty, LLC

1909 war Münter Mitbegründerin der Neuen Künstlervereinigung München und 1911 Mitglied der Gruppe "Der Blaue Reiter". Ihre Fotografien spielten eine wesentliche Rolle in ihrem künstlerischen Schaffen und beeinflussten die visuelle Sprache der Gruppe.  

Während des Ersten Weltkriegs lebte sie in Skandinavien und der Schweiz, bevor sie 1920 nach Murnau am Staffelsee zurückkehrte. Dort setzte sie ihre Fotografietätigkeit fort und dokumentierte das ländliche Leben und die Natur.  

Gabriele Münter starb am 19. Mai 1962 in Murnau. Ihr fotografisches Werk gilt heute als integraler Bestandteil ihres künstlerischen Œuvres und bietet einzigartige Einblicke in ihre vielseitige Kreativität.

Le porche, Années 30 © Reproduit avec l’autorisation du Mississipi Department of Archives History et Russell & Volkening © 2024 Eudora Welty & Eudora Welty, LLC

Eudora Welty (1909–2001) war eine gefeierte amerikanische Schriftstellerin und Fotografin, bekannt für ihre einfühlsamen Schilderungen des Lebens in den Südstaaten der USA. Geboren am 13. April 1909 in Jackson, Mississippi, zeigte sie schon früh eine aussergewöhnliche Beobachtungsgabe, die sich später in ihren literarischen und visuellen Werken widerspiegelte. Nach ihrem Studium kehrte Welty in den 1930er Jahren nach Mississippi zurück und arbeitete für die Works Progress Administration (WPA). Mit ihrer Voigtländer-Kamera dokumentierte sie das Alltagsleben während der Grossen Depression. Ihre Fotografien zeigen eine Mischung aus dokumentarischer Präzision und tiefem Mitgefühl und bieten intime Einblicke in die sozialen und ökonomischen Bedingungen der Zeit.

Promeneuses, Années 30 © Reproduit avec l’autorisation du Mississipi Department of Archives History et Russell & Volkening © 2024 Eudora Welty & Eudora Welty, LLC

1941 veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichtensammlung, "A Curtain of Green", die sie literarisch bekannt machte. Sie gewann zahlreiche Preise, darunter den Pulitzer-Preis für "The Optimist's Daughter" (1973). In späteren Jahren wurden ihre Fotografien wiederentdeckt und fanden ein breiteres Publikum. Die Kombination ihrer literarischen und fotografischen Arbeiten bietet einen tiefen Einblick in die amerikanische Südstaatenerfahrung des 20. Jahrhunderts.

Crystal Springs, Années 30 © Reproduit avec l’autorisation du Mississipi Department of Archives History et Russell & Volkening © 2024 Eudora Welty & Eudora Welty, LLC

Eudora Welty verstarb am 23. Juli 2001 in Jackson, Mississippi, und hinterliess ein anhaltendes Erbe in Literatur und Fotografie, das Generationen inspiriert.

Fayette, Années 30 © Reproduit avec l’autorisation du Mississipi Department of Archives History et Russell & Volkening © 2024 Eudora Welty & Eudora Welty, LLC

Die Ausstellung "Au début, la photographie" kann noch bis 29 September 2024 im Pavillon Populaire in Montpellier besucht werden.

Gian Paolo Barbieri: Beyond Fashion…

Janette in Andre Laug, Vogue Italia, Milano, 1975 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Dem Meister, der die Geschichte der zeitgenössischen Mode- und Kostümfotografie geprägt hat, widmen das House of Lucie Ostuni und die Lucie Awards die Retrospektive "Gian Paolo Barbieri: Beyond Fashion", die in Zusammenarbeit mit der Gian Paolo Barbieri Foundation und der Galerie 29 Arts In Progress in Mailand vom 5. Juli bis 31. August 2024 stattfindet.

Audrey Hepburn in Valentino, Roma, 1969 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Neben zahlreichen Meisterwerken Barbieris werden auch einige bisher unveröffentlichte Fotografien ausgestellt, die von den 1960er bis in die 2000er Jahre reichen und das Ergebnis einer eingehenden Recherche im Archiv des Künstlers sind. Gian Paolo Barbieri ist es gelungen, der italienischen Mode ein einzigartiges Gesicht zu geben, das sich bis dahin niemand vorstellen konnte. Er wurde zum Komplizen und Begleiter jener Stylisten, die mit dem Aufkommen des "Made in Italy" zu den Protagonisten einer neuen Ära von Kostüm und Mode werden sollten.

An ihrer Seite interpretiert er die schönste Saison dieses neuen Aufschwungs. In der Ausstellung wechseln sich intime und spontane Aufnahmen von Models und Prominenten wie Veruschka, Naomi Campbell, Marpessa, Eva Herzigova, Monica Bellucci, Mina und Isabella Rossellini mit ikonischen Fotografien (darunter Audrey Hepburn im Jahr 1969) ab, die Barbieri für einige der legendärsten Werbekampagnen italienischer und internationaler Modemarken wie Versace, Ferrè, Vivienne Westwood, Dolce & Gabbana, Valentino und Armani konzipiert hat.

Sue Smithers for Yves Saint Laurent, Vogue France, Paris, 1977 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Die Ausstellung bietet dem Publikum aber auch innovative Bilder in Bezug auf Kulissen und Styling, die das Ergebnis des unverkennbaren Einfallsreichtums des Künstlers sind: eine ironische und gleichzeitig kultivierte, raffinierte und provokative Fotografie, reich an Bezügen zur Kunstgeschichte, eklektischen Aussenkulissen an exotischen Orten und Filmzitaten, ein Echo seiner jugendlichen Erfahrung im Cinecittà in Rom.

Naomi Campbell in Yves Saint Laurent, Parigi, 1988 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Aus seiner Sicht ist Mode ohne Kunst nackt und leer. Und die Frauen auf den ausgestellten Bildern sind für diesen Anlass von den kanonischen Posen der Modefotografie befreit, um zu den Sprecherinnen einer neuen unkonventionellen Eleganz zu werden, die ihre lässigere und sinnlichere Seite offenbart.

Christy Turlington in Yves Saint Laurent, Parigi, 1988 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Barbieri - Gewinner des Lucie Award 2018 als bester internationaler Modefotograf (Outstanding Achievement in Fashion) - ist ein wertvoller Fotograf, immer: in der studierten Beleuchtung und auch kalibriert, durch seine alte Vertrautheit mit Kino und Theater, im Make-up, in der bewegungslosen Aufhängung der Posen.

Mariolina Della Gatta, Milano, 1965 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Gian Paolo Barbieri fasziniert, verunsichert, berührt das Herz und den Geist der Betrachterin und des Betrachters. Und das ist auch die Funktion der Fotografie und, im weiteren Sinne, der Kunst.

Frauke Quast, Mauritius, 1983 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Gian Paolo Barbieri (Mailand, 1935) ist seit mehr als 60 Jahren einer der einflussreichsten internationalen Modefotografen. Er hat an den grössten Werbekampagnen internationaler Marken wie Valentino, Gianni Versace, Gianfranco Ferré, Giorgio Armani, Bulgari, Yves Saint Laurent, Dolce & Gabbana, Vivienne Westwood und vielen anderen mitgewirkt und mit seinen ikonischen und zeitlosen Aufnahmen jahrzehntelang die Seiten von Vogue Italia, Vogue Paris, Vogue America, L'Officiel, GQ und Vanity Fair gefüllt. Barbieri, der vom Magazin Stern zu den vierzehn besten Modefotografen gezählt wird, ist ein Künstler, der zunehmend in renommierten Museumssammlungen vertreten ist (Victoria and Albert Museum, National Portrait Gallery London, Kunstforum in Wien, MAMM Moskau, Erarta Museum für zeitgenössische Kunst St. Petersburg, Musée du quai Branly Paris, Nicola Erni Collection Zug). Seine Bilder wurden in vielen Publikationen (Artificial (1982), Gian Paolo Barbieri (1988), Tahiti Tattoos (1989), Madagascar (1997), Equator (1999), A History of Fashion (2001), Dark Memories (2013), Skin (2015), Fiori della mia Vita (2016)) veröffentlicht. 2018 erhielt Gian Paolo Barbieri in New York den Lucie Award 2018 als bester internationaler Modefotograf (Outstanding Achievement in Fashion). Im Juni 2022 gewinnt "L'uomo e la bellezza", der erste Dokumentarfilm über die Arbeit und das Leben des Künstlers, den Publikumspreis in der Sektion Biografilm Art & Music des Biografilm Festivals 2022 in Bologna.

Neith Hunter, Grecia, 1983 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

House of Lucie ist ein Raum für zeitgenössische Fotografie, der Wechselausstellungen, Vorträge, Workshops und Veranstaltungen präsentiert. House of Lucie wurde 2016 von Hossein Farmani als Raum für zeitgenössische Fotografie gegründet, um die herausragenden Arbeiten der Lucie-Preisträger zu präsentieren und seine Leidenschaft für die Entdeckung, Sammlung und Verbreitung der fotografischen Arbeiten lokaler und internationaler Talente zu fördern. Der Raum beherbergt auch die zahllosen Gewinner internationaler Fotowettbewerbe und Auszeichnungen, die in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt (USA, China, Japan, Frankreich, ...) von der Lucie Foundation organisiert werden, um die Arbeit von professionellen, Amateur- und Studentenfotografen zu unterstützen.

Die Lucie Awards wurden 2003 als Teil der Aufgabe der Lucie Foundation ins Leben gerufen, die Meister der Fotografie zu ehren, aufstrebende Talente zu entdecken und zu fördern und die Wertschätzung der Fotografie weltweit zu unterstützen. Im Laufe der Jahre hat die Lucie Foundation über 172 der wichtigsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Fotografie mit den Lucie Awards geehrt. Mit dieser alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung werden die grössten Leistungen der Fotografie gewürdigt. Hossein Farmani ist der Gründer der Lucie Foundation und leitet die Lucie Awards gemeinsam mit Susan Baraz.

Aly Dunne in Gianfranco Ferré, Milano, 1992 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

Die 2016 vom Künstler selbst gegründete Stiftung Gian Paolo Barbieri ist eine Kultureinrichtung, die im Bereich der bildenden Kunst tätig ist und das Ziel verfolgt, die künstlerische Person des Stifters, sein fotografisches Werk und alle materiellen und immateriellen Güter, die von seiner künstlerisch-kreativen Tätigkeit zeugen, zu fördern sowie ganz allgemein die historische und zeitgenössische Fotografie und jede andere Form des kulturellen Ausdrucks in ihren verschiedenen Realisierungen zu fördern. Gian Paolo Barbieri, Präsident der gleichnamigen Stiftung, ist einer der einflussreichsten Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Tätigkeit der Stiftung stützt sich auf das Archiv, das das gesamte künstlerische Erbe von Gian Paolo Barbieri aufbewahrt. Ihr Hauptzweck ist die Bewahrung, der Schutz, die Verwaltung, der Erwerb, die Archivierung, die Katalogisierung, die Authentifizierung und die Förderung des Archivs und der Werke des Stifters in der Gemeinschaft zur Verbreitung der fotografischen Kultur in Italien und weltweit. Für ein heterogenes Publikum, das sich als Insider, Wissenschaftler, Enthusiasten und Liebhaber der Fotografie, der Mode und der Kunst versteht, werden eine Reihe von Initiativen durchgeführt, deren Ausgangspunkt dieses Erbe ist: Buchveröffentlichungen, Fotoausstellungen, Ausstellungen, Veranstaltungen, Vorträge und Konferenzen. Darüber hinaus gibt es auch Aktivitäten im Zusammenhang mit der Bildung junger Menschen in Zusammenarbeit mit Universitäts- und Kunstinstitutionen für Besichtigungen, Workshops und Ausbildungsaktivitäten, die mit den sozialen Zielen übereinstimmen.

Jewel mask, Milan, 2000 © Gian Paolo Barbieri, courtesy of Fondazione Gian Paolo Barbieri and 29 Arts In Progress Gallery Milan

29 ARTS IN PROGRESS ist eine bedeutende Galerie für Fotokunst, die sich im Herzen von Mailand, im historischen Viertel Sant'Ambrogio, befindet. Die Galerie vertritt die Werke international anerkannter Fotografen (darunter Gian Paolo Barbieri, Mario Testino, Greg Gorman, Rankin und Michel Haddi) und widmet der Porträt- und Modefotografie besondere Aufmerksamkeit. Seit ihrer Eröffnung hat die Galerie Ausstellungen in Partnerschaft mit öffentlichen und privaten Museen kuratiert (V&A Museum, London; Hong Kong Arts Centre; Palazzo Reale und Triennale, Mailand; Museo delle Culture, Lugano und Nicola Erni Collection Zug). Die Mitbegründer und Direktoren der Galerie, Eugenio Calini und Luca Casulli, leiten 29 ARTS IN PROGRESS mit dem Ziel, die höchsten Standards im Sammeln von Kunstfotografie zu erfüllen.