Einträge in Exhibition
Im Blau des Augenblicks

Birnbaum II, Guggenbühl, 20.4.2021, Fujiflex Color Print (Infrarotaufnahme). © Simone Kappeler

Inmitten einer Gegenwart, deren visuelle Welten zunehmend an Bildschirmen und durch Algorithmen perfektioniert werden, setzt Simone Kappeler auf das unbändige Eigenleben des Lichts. Ihre Ausstellung «nature vivante» im Kunstmuseum Thurgau befreit die Pflanzenwelt aus der Starre des Stilllebens und macht das Unsichtbare zur sinnlichen Gewissheit.

Bläulinge und Perlmutterfalter, Val Sumvitg, 2.7.2005, Ilfochrome Color Print (Infrarotaufnahme). © Simone Kappeler

Ein Halm neigt sich im Wind über ein Blatt Seidelbastpapier, das von eisensalzhaltiger Lösung getränkt ist. Kein Knicken, kein Brechen und kein vorschneller Schnitt trennt die Pflanze von ihren Wurzeln in der herbstlichen Buntbrache. Stattdessen geschieht das Bild an Ort und Stelle: von der Sonne belichtet, vom Zufall dirigiert und im tiefen Preussischblau der Cyanotypie für die Dauer einer Berührung fixiert. Was Simone Kappeler an den Wegrändern und Wiesen der Ostschweiz ins Bild setzt, verweigert sich jeder botanischen Klassifizierung und jedem musealen Konservierungsdrang. Wo die traditionelle Kunstgeschichte mit dem Begriff der «nature morte» das Stillleben über das Erstarren der Dinge definierte, setzt die Thurgauer Fotokünstlerin auf das lebendige Werden. Ihre Natur atmet und verändert sich unaufhörlich.

Buntbrache mit Wilder Möhre und Rainfarn, Sandplatte, 8.12.2016, Cyanotypie auf Seidelbastpapier. © Simone Kappeler

Kappelers Arbeiten sind Inseln der Entschleunigung im unaufhaltsamen Strom der Zeit. Konsequent analog arbeitend, nutzt sie die Materialität des Mediums als seismografisches Werkzeug. Wenn sie zu Röntgenfilmen greift, legt sie die fragile innere Architektur von Stängeln und Blütenkelchen frei; nutzt sie Infrarotmaterial, öffnet sich eine Sphäre jenseits des menschlichen Sehvermögens, angelehnt an die Facettenaugen der Insektenwelt. Die Technik bleibt dabei stets Erkenntnismittel und verfällt nie dem Selbstzweck. Es entsteht eine poetische Alchemie, die das streifende Streulicht, das Zittern eines Grashalms oder das Verblühen vor dem Vergessen bewahrt, ohne der Pflanze ihre Lebendigkeit zu nehmen.

Schachbrettfalter, Gräte, 12.7.2022, Digitalfotografie. © Simone Kappeler

Geboren 1952 in Frauenfeld, fand Simone Kappeler bereits als Elfjährige zur Kamera, um mit naturwissenschaftlichem Forschergeist die Entwicklung von Molcheiern festzuhalten. Nach Studien der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich sowie der Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich entwickelte sie über fünf Jahrzehnte hinweg ein eigenständiges Werk. Für ihr Schaffen, das in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gewürdigt wurde und von einer kontinuierlichen Befragung des Mediums zeugt, erhielt sie 2021 den Thurgauer Kulturpreis.

Spinne in Straussblütiger Margerite, Gräte, 2.6.2020, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler

Das Kunstmuseum Thurgau hat seinen Sitz in der Kartause Ittingen bei Warth, einem ehemaligen Kloster der Kartäuser aus dem 12. Jahrhundert, das heute als Kulturzentrum, Museum und Seminarort genutzt wird. Das Museum widmet sich der regionalen wie internationalen Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und verbindet in seinen Ausstellungsräumen zeitgenössische Positionen mit der historischen Bausubstanz und den umgebenden Gärten der Anlage.

Buntbrache I, Fruthwilen, 3.1.2017, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler

Die Ausstellung «Simone Kappeler – nature vivante» ist vom 13. September 2026 bis zum 21. Februar 2027 im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen zu sehen. Zur Präsentation ist im St. Galler Verlag jungle books der von der Künstlerin herausgegebene Begleitband «Simone Kappeler – Handwurz und Zittergras» erschienen.

Zitronenfalter, Riethalde, 11.7.2023, Fujiflex Color Print von Polaroid. © Simone Kappeler

Akelei, 20.5.1998, analoge Schwarz-Weiss-Röntgenfotografie auf Barytpapier. © Simone Kappeler

Wenn die Zeit verschwimmt

Auszeit, fête nationale française, Lunas 2015 © Regine Flury

Wenn eine Kuratorin nach vielen Jahren der Vermittlung ihr eigenes fotografisches Schaffen zeigt, verändert sich der Blickwinkel. In der Basler Einzelausstellung «fern und doch so nah» breitet Regine Flury Arbeiten aus vier Jahrzehnten aus – ein unaufgeregter, empathischer Dialog über Fürsorge, Beziehungen und das Ineinandergleiten von Erinnerung und Gegenwart.

In Beziehung, KITA Gampiross, Basel 1981 © Regine Flury

Ein Mädchen springt barfuss vom Sockel, der Rock fliegt in der Luft, der Moment ist ganz Leichtigkeit und Bewegung. Es ist eine Schwarzweissfotografie aus einer Kindertagesstätte von 1981, getragen von einer Nähe, die ohne jede Pose auskommt. Unweit davon glimmt das Papier einer Laterne am Abend eines französischen Quartierfests, während andere Arbeiten Landschaften und Industriezonen in analogen Mehrfachbelichtungen übereinanderlegen. Regine Flury sucht nicht den lauten Effekt. Ihre Bilder beobachten ruhig und genau dort, wo sich Menschen begegnen oder der Alltag eine kurze Pause einlegt.

Beunruhigt, Neuseeland 2009 © Regine Flury

Entlang der Themen «Unsichtbare Arbeit», «In Beziehung» und «Beunruhigt» verbindet die Ausstellung frühe Aufnahmen mit aktuellen Werken. Das Archiv wird dabei lebendig: Vergangenes rückt heran, Zeitgrenzen werden durchlässig. Flurys Aufmerksamkeit gilt Tätigkeiten, die selten im Zentrum stehen – etwa die alltäglichen Handgriffe einer Reinigungskraft oder unbezahlte Betreuungsarbeit. Auf Jahrmärkten und «Chilbis» fängt sie die bunten Augenblicke des Fests ebenso ein wie die Stille danach, wenn die Musik verklungen ist und der Alltag zurückkehrt. In der Serie «Beunruhigt» verschränken sich Natureindrücke aus der Ferne mit technischen Bauten der Region Basel. Die Aufnahmen spiegeln ein vertrautes Nachdenken über Distanz und Verbundenheit.

Beunruhigt, 2026 © Regine Flury

Regine Flury, geboren 1959, lebt und arbeitet in Basel. Von 1987 bis 2024 unterrichtete sie Fotografie an der Schule für Gestaltung Basel, zudem lehrte sie am Institut Mode-Design der HGK und wirkt heute noch als Expertin und Mentorin. Seit vielen Jahren realisiert sie eigene freie Fotoprojekte, die sich stets durch eine feine menschliche Beobachtung und gesellschaftliche Wachheit auszeichnen.

Unsichtbare Arbeit, Paris 2026 © Regine Flury

Im Jahr 2011 gründete Flury gemeinsam mit weiteren Fotografie-Engagierten den Verein BelleVue – Ort für Fotografie. Das Haus im Basler Hinterhaus ist ein Ort für offene Diskussionen, Führungen und Ausstellungen, den sie massgeblich geprägt hat. Nun wechselt sie die Rolle als Vermittlerin und Kuratorin und tritt erstmals in einer Einzelausstellung als Fotografin in Erscheinung.

Auszeit, Lange Erlen, Basel 2026 © Regine Flury

Die Ausstellung «fern und doch so nah» ist vom 22. November bis 20. Dezember 2026 sowie vom 9. Januar bis 31. Januar 2027 bei BelleVue – Ort für Fotografie in Basel zu sehen.

In Beziehung, Frauenstreik, Basel 1991 © Regine Flury

 

Seismografen emotionaler Zustände: Rebecca Bowrings «Knowing Thunder»

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

In ihrer Serie «Knowing Thunder Gives Away What Lightning Tries to Hide» dekonstruiert die Genfer Fotografin Rebecca Bowring die vertrauten Stereotypen häuslicher Gewalt. Ihre Arbeiten sind keine lauten Anklagen, sondern leise, präzise Seismografen emotionaler Zustände, die von Isolation, permanenter Anpassung und dem unaufhörlichen Warten auf die Entladung erzählen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Ein Baum, windschief und einsam an einem Berghang stehend, tapeziert an eine schlichte Zimmerwand direkt über einem weissen Heizkörper. Das ungezähmte Aussen bricht unvermittelt in die klaustrophobische Begrenzung des Privaten ein. Es herrscht eine trügerische Stille, die unmittelbar berührt und beunruhigt. Als im Frühjahr 2020 der Lockdown das öffentliche Leben stilllegte, erlebte Rebecca Bowring ein beklemmendes Déjà-vu: Die erzwungene Trennung von der Welt, das Eingesperrtsein und die soziale Isolation fühlten sich erschreckend vertraut an. Es war die Rekapitulation einer früheren, von psychischer Kontrolle und toxischer Enge geprägten Beziehung. In jenen Jahren war die analoge Kamera für die Fotografin ein Überlebenswerkzeug – ein Atemholen, um sich für Momente der ständigen Überwachung des Partners zu entziehen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Bowrings Ansatz verweigert sich bewusst der voyeuristischen Ästhetik. Wo die mediale Öffentlichkeit nach eindeutigen Beweisen – nach Hämatomen, blutigen Wunden oder zerstörten Gegenständen – verlangt, richtet sie den Fokus auf die unsichtbaren, schleichenden Versehrungen. Um die emotionale Realität dieser Erfahrung fassbar zu machen, klebte die Fotografin analoge Bilder aus jener Zeit an die Wände ihres Heims und fotografierte sie erneut ab. Diese doppelte Brechung – das Bild im Bild, das Schichten von Innen- und Aussenräumen – spiegelt das psychische Gefüge einer dauerhaften Bedrohung: das permanente Sich-Krumm-Machen, die Selbstauslöschung, das lauernde Gefühl, dass der Donner niemals weit entfernt ist. Indem sie diese Re-Fotografien mit unveränderten Landschafts- und Detailaufnahmen kombiniert, entsteht ein fragiles Gleichgewicht zwischen Beklemmung und Sehnsucht nach Flucht, das die Vielschichtigkeit traumatischer Erfahrungen ohne jedes Pathos erfahrbar macht.

Die in Genf lebende und arbeitende Fotografin Rebecca Bowring versteht es meisterhaft, persönliche Versehrungen und kollektive Fragestellungen in eine vielschichtige, fast haptisch erfahrbare Bildsprache zu überführen. Ihre konzeptuelle Fotografie, die regelmässig historische Verfahren wie Cyanotypie, bedruckte Seidentücher oder die Handwerkstechnik des Quiltens einbindet, erforscht die Materialität des Bildes ebenso wie vergessene Archive und weibliche Lebensrealitäten. Bowrings Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt – darunter dem renommierten near.prize der Schweizerischen Vereinigung für zeitgenössische Fotografie – und war bereits in Institutionen und auf Festivals von Nyon über Verzasca bis nach Helsinki und Kuala Lumpur zu sehen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Mit der Präsentation von «Knowing Thunder» knüpft der Luzerner Raum BULB 6000 an seinen programmatischen Anspruch an, der zeitgenössischen Fotografie eine experimentelle und diskursive Bühne zu bieten. Gegründet von Kunstschaffenden als unabhängiger Off-Space, versteht sich die Plattform als Knotenpunkt für fotografische Positionen, die gesellschaftliche Bruchlinien ausloten, Sehgewohnheiten hinterfragen und den Dialog über die Möglichkeiten des fotografischen Mediums vorantreiben.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Die Ausstellung «Knowing Thunder» von Rebecca Bowring ist vom 7. November bis zum 5. Dezember 2026 im Off-Space BULB 6000 in Luzern zu sehen; die Vernissage findet am Samstag, 7. November 2026, ab 16:00 Uhr statt.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

 

Zehn Jahre, ein Gesicht: Die Poesie der Reduktion

Tino Crown, 2016 Bastiaan Woudt

Eine Dekade, fünfzehn Werke, ein prägendes Gesicht: Der Fotograf Bastiaan Woudt und Tinotenda Mushore zelebrieren in Alkmaar eine seltene Kontinuität der Form. Ein fotografischer Dialog, der über das Spiel von Licht und Schatten hinausgeht und die vollendete Poesie der Reduktion in monochromer Strenge greifbar macht.

Tino II, 2018 © Bastiaan Woudt

Ein schwarzer Strohhut von ausladender Dimension, darunter ein lediglich im Profil angedeutetes Gesicht, der Körper gänzlich verborgen in einem dunklen Kegel. Die Fotografie «Modiste», die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Hutmacherhaus Maison Michel entstand, ist das jüngste Resultat einer künstlerischen Begegnung, die vor mehr als zehn Jahren mit einem einfachen Moodboard begann. Als Bastiaan Woudt der aus Simbabwe stammenden Tinotenda Mushore seine Visionen präsentierte, erkannten sie eine tiefe Resonanz. Es war der Auftakt zu einem kontinuierlichen Zwiegespräch, das bis heute anhält und essenzielle Werke hervorgebracht hat, die mittlerweile in renommierten Sammlungen wie dem Getty Museum oder dem Rijksmuseum vertreten sind.

Cycle II, 2020 © Bastiaan Woudt

Was an den Wänden in Alkmaar hängt, trägt unverkennbar Woudts Handschrift: monochrome Strenge, grafische Präzision, starke Kontraste und eine geradezu skulpturale Auffassung des menschlichen Körpers. Die Entscheidung für Schwarz-Weiss ist hierbei keine rein ästhetische Gefälligkeit, sondern eine bewusste Reduktion, die rigoros alles Ablenkende eliminiert. Die serielle Hängung der fünfzehn limitierten Werke aus den Jahren 2016 bis 2026 offenbart keine simple Wiederholung, sondern eine hochfeine Verschiebung der Form. Während frühe Arbeiten wie «Tino Crown» noch Haut, Haar und feine Körnung in den Fokus rücken, übernimmt allmählich die reine Abstraktion die Regie: In «Cycle II» wird das Gesicht zur Silhouette zwischen weissen Scheiben, bis der Körper in «Fold» beinahe vollständig unter einem plissierten Fächer verschwindet. Erst in den jüngsten Bildern kehrt die Serie zu Stoff, Geste und spürbarer Präsenz zurück.

Fold, 2022 © Bastiaan Woudt

 

Tinotenda Mushore verleiht diesem Zwiegespräch seine eigentliche Tiefe. In Simbabwe aufgewachsen und mit zwölf Jahren in die Niederlande übergesiedelt, sprach sie in Interviews offen über die Realität Schwarzer Models: über oberflächliche Diversitätsquoten, unvorbereitete Visagisten und das enge Raster, in das Schwarze Frauen oft gedrängt werden. Diese Lebenserfahrung fliesst unmittelbar in die fotografische Arbeit ein. In den stillen Studio-Sessions wird Mushore nicht für ein fremdes Bild instrumentalisiert, sondern in ihrer ureigenen Identität wahrgenommen – eine Präsenz, die den Werken ihre Gravitas schenkt. 

Der 1987 geborene Niederländer Bastiaan Woudt etablierte sich als Autodidakt innert weniger Jahre als feste Grösse der zeitgenössischen Schwarz-Weiss-Fotografie. Inspiriert von Grössen wie Irving Penn und Richard Avedon, prägen grafische Strenge, monochrome Kontraste und eine sublime Lichtregie seine Landschaften, Porträts und Stillleben.

Mit Publikationen wie dem in fünf Tagen restlos ausverkauften Band «Tino» (2020) sowie weltweiten Ausstellungen und Ankäufen renommierter Institutionen wie dem Rijksmuseum in Amsterdam und dem Getty Museum in Los Angeles hat er eine unverwechselbare Ästhetik im internationalen Kunstdiskurs verankert.

Modiste, 2026 © Bastiaan Woudt

Das Studio Woudt in Alkmaar dient dem Künstler nicht nur als persönliches Atelier, sondern auch als eigene Galerie, in der er seine Werke gänzlich nach eigenen Vorstellungen kuratiert. Ergänzt wird dieses kreative Zentrum durch die von ihm gegründete Plattform und den Verlag 1605 Collective, welche etablierten sowie aufstrebenden Talenten eine unabhängige, ästhetisch anspruchsvolle Bühne bieten. 

Die Präsentation «Ten years, one face» ist bis zum 31. März 2027 im Studio Woudt in Alkmaar für das Publikum geöffnet. Die fünfzehn ausgestellten Werke umfassen vier verschiedene Formate, welche alle in limitierter Auflage erscheinen. Ergänzend wird ein begleitender Katalog herausgegeben, der die visuelle Dekade dieser besonderen Zusammenarbeit in gedruckter Form festhält.

Art, Exhibition, FineArtMiryam Abebe
Die Poesie des Beiläufigen

Nino Migliori, Il tuffatore, 1951 © Fondazione Nino Migliori ETS

Zum hundertsten Geburtstag von Nino Migliori widmet das Centro Saint-Bénin in Aosta dem italienischen Fotografen eine Retrospektive seines Frühwerks. Unter dem Titel «La dialettica del reale» versammeln 160 Fotografien aus den Jahren 1950 bis 1959 den Aufbruch der italienischen Nachkriegszeit – festgehalten in einer feinsinnigen Balance zwischen dokumentarischer Anteilnahme und formaler Erneuerung.

Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS

Wer die Fotografie des italienischen Neorealismus vor Augen hat, denkt zumeist an existenzielle Schwere, an zerfurchte Gesichter und die Trümmer der Nachkriegsjahre. Nino Migliori wählte einen anderen Weg. Seine Arbeiten aus den fünfziger Jahren teilen zwar die tiefe Verbundenheit mit der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen, doch sie verweigern sich der sentimentalen Geste ebenso wie dem propagandistischen Pathos. Die Wirklichkeit, die Migliori mit der Kamera erkundete, ist voller leiser Pointen, unbewachter Augenblicke und einer unverstellten Neugier auf das Leben.

Nino Migliori, Milano, 1954 © Fondazione Nino Migliori ETS

In den vier grossen Zyklen jenes Jahrzehnts – «Gente dell'Emilia», «Gente del Sud», «Delta del Po» und «Gente del Nord» – fächert sich dieses Panorama auf. In der Emilia begegnet man der lebhaften Commedia des Alltags, den beiläufigen Gesten und Strassenszenen, die durch eine präzise Bildkomposition gehalten werden. Im Süden meisselt das harte Licht die Konturen einer archaischen Welt heraus, ohne sie ins Exotische abgleiten zu lassen; im nebligen Po-Delta wiederum verdichtet sich die Arbeit der Flussfischer zu einer stillen, fast meditativen Beständigkeit. Schliesslich dokumentiert der Blick nach Norden das beschleunigte Tempo der Städte am Vorabend des wirtschaftlichen Aufschwungs. Migliori begegnet all diesen Lebensräumen mit einer Haltung, die anthropologische Genauigkeit mit subtilem Humor und lyrischer Zurückhaltung vereint.

Nino Migliori, Periferia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS

Gleichzeitig trug sein Blick stets den Keim der Abstraktion in sich. Parallel zur Chronik des Alltags begann Migliori schon früh, die Ränder des Sichtbaren zu erforschen: verwitterte Fassaden, abblätternde Plakate, Flecken und Mauerstrukturen, in denen die Realität in ein eigenständiges Formenspiel übergeht. Die Fotografie war für ihn kein unbestechliches Dokument, sondern ein offenes Feld der Interpretation, das das Wesentliche erst durch Weglassen und Kadrieren freilegt. Darin liegt die eigentliche Dialektik seines Frühwerks: Er durchquerte den Neorealismus, um ihn von innen heraus für das formale Experiment zu öffnen.

Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS

Nino Migliori, geboren am 29. September 1926 in Bologna, zählt zu den vielseitigsten Pionieren der europäischen Nachkriegsfotografie. Seit seinen Anfängen im Jahr 1948 verfolgt er eine Doppelspurigkeit aus sozialer Beobachtung und radikaler Materialforschung. Früh erfand er kameralose Techniken wie die chemisch behandelten «Ossidazioni» oder die mit Hitze erzeugten «Pirogrammi». 1982 gründete er die interdisziplinäre Forschungsgruppe Abrecal, wandte sich in den späten neunziger Jahren digitalen Verfahren zu und untersuchte ab 2006 in der Serie «Lumen» die skulpturale Wirkung des Kerzenlichts. Eine grosse Einzelausstellung im Maison Européenne de la Photographie in Paris im Jahr 2018 bekräftigte seinen internationalen Rang.

Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS

Das Centro Saint-Bénin in Aosta, eingerichtet in einer romanischen Klosterkirche, bietet für diese Arbeiten einen bemerkenswert konzentrierten Resonanzraum. Unter der Direktion von Daria Jorioz und der Kuration von Mauro Zanchi knüpft das Haus nahtlos an frühere Präsentationen von Fotoklassikern wie Mario Giacomelli, Robert Capa oder Inge Morath an und eröffnet zugleich einen differenzierten Blick auf eine Schlüsselphase der italienischen Bildkultur.

Nino Migliori, Milano, 1954 © Fondazione Nino Migliori ETS

Die Ausstellung «La dialettica del reale. Fotografie 1950–1959» ist vom 10. Oktober 2026 bis zum 7. März 2027 im Centro Saint-Bénin in Aosta zu sehen. Zur Ausstellung erscheint im Verlag Dario Cimorelli Editore in Zusammenarbeit mit der Fondazione Nino Migliori ein zweisprachiger Begleitband auf Italienisch und Französisch, der alle 160 Werke dokumentiert und durch Essays sowie ein Gespräch mit dem Künstler vertieft.

In naher Ferne: Cécile Wick und die Poetik der Landschaft

Sommerstille, 2025, Pigment-Druck auf Moab Entrada Rag Natural-Papier, Edition von / of 3, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Mit Druckgrafik, Zeichnung und Fotografie befragt Cécile Wick im Museum Franz Gertsch das Wesen der Natur. Ihre Arbeiten suchen nicht die blosse Dokumentation eines Ortes, sondern dessen malerische Verwandlung.

Sommerflimmern, Pigment-Druck auf Moab Entrada Rag Natural-Papier, Edition von / of 3, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Ein flüchtiges Glänzen auf stehendem Wasser, das verästelte Geflecht lichter Baumkronen oder ein isoliert leuchtender Himmelskörper im tiefen Schwarz: In den Werken von Cécile Wick wird Natur zur reinen Vergegenwärtigung. Die Schweizer Künstlerin nutzt das fotografische Ausgangsmaterial nicht als beweiskräftiges Dokument, sondern begreift das Bild als autonome Setzung. Die Kamera sammelt Eindrücke auf Reisen und Streifzügen – von alpinen Schneefeldern über Meeresküsten bis zu feinsten Blattstrukturen –, doch die geografische Verortung tritt dabei vollständig zurück. Der reale Schauplatz dient ihr lediglich als Impuls, um in einen vielschichtigen Dialog mit den Bildtraditionen östlicher und westlicher Landschaftskunst einzutreten.

leere tage, 2025, Pigment-Druck auf Moab Entrada Rag Natural-Papier, Edition von / of 3, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Indem Wick die kühle Glätte der reinen Fotografie hinter sich lässt, schlägt sie die Brücke zur Malerei. Über experimentelle druckgrafische Verfahren – von samtigen Monotypien über Gumprints und Pigmentdrucke bis hin zu Silber-Lithografien auf samtig-dunklem Grund – verleiht sie ihren Motiven eine spürbare materielle Tiefe und eine differenzierte Grauwert- und Farbskala. Ihre Bildräume entfalten eine kontemplative Kraft, getragen von Stille und einer verdichteten Zeitlichkeit. In ihnen begegnen sich Werden und Vergehen, Licht und Schatten sowie ein feines Gespür für das Erhabene der Natur. Im Innehalten vor dem Werk scheint der Fluss der Zeit anzuhalten: Das Gestern, das Jetzt und das Morgen fallen in einem einzigen Moment zusammen.

leise melodie, 2025, Pigment-Druck auf Rives B.F.K.-Papier, Edition von / of 5, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Cécile Wick (*1954) blickt auf ein jahrzehntelanges Schaffen an den Schnittstellen von Fotografie, Grafik und Malerei zurück. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Theaterwissenschaft in Zürich und Paris lehrte sie bis 2015 als Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre Arbeiten wurden durch internationale Stipendien und Aufenthalte geprägt sowie mit dem Kunstpreis des Kantons Zürich gewürdigt. Neben Ausstellungen im In- und Ausland realisierte sie wiederholt Kunst-und-Bau-Arbeiten im öffentlichen Raum. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

Mond 1, 2026, Monotypie, Unikat, Steindruckerei Wolfensberger, Zürich © Cécile Wick

Das Kabinett des Museum Franz Gertsch in Burgdorf bietet für diese konzentrierte Werkbefragung den idealen Rahmen. In der von Anna Wesle gemeinsam mit der Künstlerin eingerichteten Ausstellung sind aktuelle Monotypien, Lithografien, Gumprints und Pigmentdrucke aus den Jahren 2024 bis 2026 versammelt, ergänzt durch Tuschzeichnungen auf schlichten Holzkonstruktionen unter Glas.

Leuchter 1 , 2026, Monotypie, Unikat, Steindruckerei Wolfensberger, Zürich © Cécile Wick

Die Ausstellung «In naher Ferne» ist vom 19. September bis zum 29. November 2026 im Kabinett des Museum Franz Gertsch in Burgdorf zu sehen. Zur Ausstellung ist ein begleitender Katalog bei Modo Press in Frankfurt am Main erschienen.

silverroses , 2025, Silber-Lithografie auf Sirio Ultra Black-Papier, Edition von / of 15, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

silverstrands , 2025, Silber-Lithografie auf Sirio Ultra Black-Papier, Edition von / of 15, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Vom Warten auf die Sonne: Anne Morgensterns Ästhetik des unaufhaltsamen Verfalls

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

In ihrer ersten Einzelausstellung in der Zürcher Galerie Lullin + Ferrari seziert die Fotografin Anne Morgenstern eine Gesellschaft am Kipppunkt. Die neue Serie «Sunset Sour» ist eine visuelle Untersuchung von Orten und Körpern, an denen sich Opulenz und unabwendbarer Zerfall begegnen – ein Abgesang, der überraschend viel Wärme birgt.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Alles in diesen Fotografien scheint auf die Sonne zu warten, die als Protagonistin und heimliche Erzählerin dieser Geschichte von Dekadenz und Exzess fungiert. Morgenstern fängt eine Welt ein, die sich verzweifelt an den Status quo klammert und das Bestehende, wie Jugend und Reichtum, um jeden Preis bewahren möchte. Es ist ein beinahe tragisches Festhalten, das den drohenden Zusammenbruch nur erahnen lässt. Auf den Bildern werden Körper und Architektur zu Seismographen dieser vergeblichen Kraftanstrengung: Narben, Falten, verwitterter Marmor und abblätternde Farbe künden als Vorzeichen vom unaufhaltsamen Wandel. Doch Morgensterns Blick, der sich zwischen Porträt, urbanem Detail und Stillleben bewegt, formuliert keine blosse Klage. Die Künstlerin taucht ihre Motive in eine gesättigte Tonlage, die von der Spannung zwischen Widerstand und Hingabe lebt. Gegen eine Welt, die nur das Neue schätzt, behauptet sie eine Schönheit, die durch die Berührung der Zeit erst recht prächtig wird. Sommersprossige, gebräunte Haut und behandeltes Haar werden nicht abgewertet, sondern in ihrer gezeichneten Tiefe gefeiert. Das Licht der Sonne, launisch und egoistisch gespendet, macht diese Momente umso kostbarer, da sie unweigerlich flüchtig sind. Es ist eine Aufforderung, den Griff zu lockern und die Sonne zu geniessen, bevor sie schliesslich untergeht.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Die in Leipzig geborene und in Zürich arbeitende Fotografin blickt in ihrer Praxis hinter gesellschaftliche Konventionen, um leise Momente mit tieferer Erzählkraft freizulegen. Für ihre präzise Arbeit wurde Anne Morgenstern bereits vielfach ausgezeichnet: 2025 erhielt sie bei den Swiss Press Awards den Titel als Fotografin des Jahres für ihre Reportage «Swifties», 2023 den Hansel-Mieth-Preis und 2022 den Swiss Design Award für ihr Fotobuch «MACHT LIEBE». Zuvor wurde ihr Projekt «Land ohne Mitte» 2016 mit dem Deutschen Fotobuchpreis gewürdigt.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Den kuratorischen Raum für diese Reflexion bietet die 2008 von Corrado Ferrari und Etienne Lullin gegründete Galerie Lullin + Ferrari. In den grosszügigen Räumlichkeiten in der Nachbarschaft des Zürcher Löwenbräu-Areals widmet sich die Galerie zeitgenössischen, konzeptuellen Positionen, die visuelle Strenge und intellektuelle Tiefe vereinen. Das anspruchsvolle Programm beweist historisches Bewusstsein und fördert internationale Talente ebenso wie etablierte Kunstschaffende.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Die Ausstellung «Sunset Sour» mit der neuen Serie von Anne Morgenstern wird bei Lullin + Ferrari in Zürich präsentiert und ist noch bis zum 7. November 2026 zu sehen.

Geometrie des Schattens...

Fan Ho, Approaching Shadow, 1954 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Lichtbahnen schneiden durch den Dunst enger Gassen, während menschliche Silhouetten im Spiel von Kontrast und Rhythmus verharren: Mit Fan Ho zeigt der Turiner Palazzo Falletti di Barolo das meisterhafte Werk eines Chronisten, der das Hong Kong der Fünfziger- und Sechzigerjahre in zeitlose Bildmetaphern verwandelte.  

Fan Ho, Controversy, 1956 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Eine scharfe Diagonale teilt die Mauer, das Dunkel schiebt sich unerbittlich in den hellen Raum, während eine einzelne Gestalt am Rand der Treppe innehält. In Fotografien wie Approaching Shadow oder Street Scene wird der flüchtige Augenblick nicht bloss dokumentiert, sondern einer strengen choreografischen Ordnung unterworfen. Fan Ho fand in den dampfenden, überfüllten Strassenschluchten der Metropole keine Hektik, sondern eine fast kontemplative Stille. Seine Bildsprache balanciert präzise zwischen sozialem Realismus und geometrischer Abstraktion: Lastenträger, Strassenverkäufer und spielende Kinder werden zu existenziellen Akteuren in einem Bühnenbild aus Lichtkanten, Gegenlicht und tiefstem Schwarz. 

Fan Ho, Coolies and Hawkers, 1958 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Die visuelle Kraft dieser Arbeiten gründet in einem doppelten Schöpfungsprozess. Ho verstand das Fotografieren als «Komposition aus erster Hand» vor Ort und vollendete das Werk in der Dunkelkammer als «Komposition aus zweiter Hand». Durch radikalen Beschnitt der Negative, Tonwertmanipulationen und die gezielte Reduktion auf Linienführungen und Chiaroscuro[1] verwandelte er urbane Begebenheiten in poetische Bildräume. Aufnahmen wie Pattern oder A Play of Light and Shadow etablieren ein rhythmisches Gefüge aus Horizontalen und Vertikalen, in dem die Realität zum Anlass einer reinen formalen Konstruktion wird. Dennoch verlor Ho nie den Menschen aus dem Blick; seine Ästhetik zeugt von tiefem Respekt vor der Würde, Resilienz und Verletzlichkeit der Porträtierten.  

Fan Ho, Different Directions, 1958 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Fan Ho, 1931 in Shanghai geboren und mit 18 Jahren nach Hong Kong übergesiedelt, eignete sich die Fotografie weitgehend autodidaktisch an. Oft als «Cartier-Bresson des Orients» bezeichnet, schuf er sein massgebliches fotografisches Lebenswerk bereits vor seinem 28. Lebensjahr und wurde mit hunderten internationalen Auszeichnungen gewürdigt. Später fand seine visuelle Sensibilität im Film eine Fortsetzung, wo er über Jahrzehnte als Schauspieler und Regisseur wirkte – während seine Fotografien heute in führenden Museen weltweit vertreten sind.  

Fan Ho, Hong Kong Venice, 1962 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Der prachtvolle Palazzo Falletti di Barolo, eine der bedeutendsten Adelsresidenzen des Turiner Barocks und einstiges Zentrum geistig-kultureller Salons des Risorgimento[2], bietet für diese Bildwelten eine wirkungsvolle Kulisse. In Zusammenarbeit mit der Hong-Konger Blue Lotus Gallery, die sich der Vermittlung asiatischer Fotografiegeschichte verschrieben hat, holt die Kulturinitiative Ares das Werk des Meisters erstmals in einer grossen Retrospektive nach Italien.  

Fan Ho, Street Scene, 1957 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Die Ausstellung «FAN HO. Il maestro della fotografia di Hong Kong», kuratiert von Elisa Maupas und Sarah Van Ingelgom, versammelt hundert fotografische Originalarbeiten und ist vom 11. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 im Palazzo Falletti di Barolo in Turin zu sehen. Zur Ausstellung erscheint eine begleitende Monografie bei Dario Cimorelli Editore.

Fan Ho, Sun Rays, 1959 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

[1] Chiaroscuro (italienisch für «hell-dunkel») bezeichnet die dramatische Verteilung von starkem Licht und tiefem Schatten zur Erzeugung von Raumtiefe und Atmosphäre. Ursprünglich in der Malerei der Renaissance und des Barocks geprägt, dient das Stilmittel in der Schwarz-Weiss-Fotografie dem präzisen Modellieren von Silhouetten und Bildkonturen.

[2] Risorgimento (italienisch für «Wiedererstehung») bezeichnet die politisch-kulturelle Epoche des 19. Jahrhunderts, die zur nationalen Einigung Italiens und zur Gründung des Nationalstaats führte. Geistig getragen wurde die Bewegung von liberalen und intellektuellen Zirkeln, für die Salons wie jene im Turiner Palazzo Falletti di Barolo ein zentrales Forum bildeten.

Fan Ho, White String, 1959 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Nachleben: Wie Bilder die Zeit überdauern...

Rain series n. 1 2007 – 2008 © Abbas Kiarostami, Courtesy Repetto Gallery

Das internationale Festival «Grenze» präsentiert in Verona Arbeiten, die sich mit dem Fortwirken und Verändern von Fotografien beschäftigen. Im Mittelpunkt der neunten Ausgabe steht die fotografische Arbeit des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami – flankiert von internationalen Projekten wie jenem der Schweizer Fotografin Aline Bovard Rudaz.  

Cherche Radiumineuse ©Aline Bovard Rudaz

Fotografien verändern sich mit der Zeit: Sie geraten in Vergessenheit, tauchen in Archiven wieder auf und erhalten in neuen Kontexten andere Bedeutungen. Unter dem Begriff «Nachleben» – angelehnt an den Kunsthistoriker Aby Warburg – untersucht die diesjährige Ausgabe des Festivals «Grenze», was von Bildern bleibt, wenn Geschichte und Erinnerung ihren Sinn verschieben. Die Kuratoren Simone Azzoni und Francesca Marra haben dafür Arbeiten ausgewählt, die das Medium Fotografie zwischen Archiv, Dokumentation und persönlicher Erinnerung verorten. Das Festival bespielt dabei verschiedene Orte in Verona: Von Veronetta über die ehemalige Kaserne Chiodo bis hin zu den Scavi Scaligeri wird die Stadt selbst zum Ausstellungsraum.  

Torneranno le Lucciole © Chiara Innocenti

Im internationalen Programm greifen mehrere Arbeiten gesellschaftliche Themen und Arbeitswelten auf. Aus Schweizer Sicht fällt das Projekt von Aline Bovard Rudaz auf, die sich mit den an Silikose erkrankten Arbeiterinnen der Schweizer Uhrenindustrie befasst. Roland Schmid dokumentiert Lebensrealitäten in Osteuropa, während Yiming Zhu den Alltag chinesischer Seidenstickerinnen zeigt. Ergänzt wird die Auswahl durch Positionen von Chiara Innocenti, Julieta Averbuj, Vedad Divović sowie weiteren Kunstschaffenden, die über eine offene Ausschreibung ausgewählt wurden.  

Glimmers, feathers and staring skies © Joel Jimenez Jara

Die Hauptausstellung widmet sich dem fotografischen Werk von Abbas Kiarostami. Der 2016 verstorbene iranische Filmemacher nutzte die Kamera über Jahrzehnte hinweg abseits seiner Filmarbeiten für Landschaftsstudien und Naturbeobachtungen. In Verona wird dieser Teil seines Schaffens gezeigt, um die Verbindung zwischen dem Einzelbild und der filmischen Bewegung zu beleuchten.  

USSR, Ukraine, Kyiv, 1991 © Roland Schmid

Das Festival «Grenze – Arsenali Fotografici» versteht sich als Plattform für zeitgenössische Fotografie und urbane Entwicklung. In Zusammenarbeit mit europäischen Partnern wie dem Belgrade Photo Month oder dem Pariser Festival Circulation(s) verknüpft es Ausstellungen mit Vermittlungsangeboten für Familien und Portfolio-Sichtungen für Nachwuchsfotografen.  

A Silkworm’s Dreams Weave A Rhyme, Earthborn © Yiming Zhu

Die neunte Ausgabe des Festivals «Grenze» («Nachleben») findet vom 18. September bis zum 18. Oktober 2026 an verschiedenen Orten in Verona statt, darunter Il Meccanico, das Magazzino Bedeschi und die Scavi Scaligeri.

Illusionen des Wohlstands: Beat Josts fotografische Zeitkapseln

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Ein sonnengelber Wandapparat vor floralen Kacheln, ein Junge, der verträumt an einem Glace leckt, und eine junge Frau, die im Kostüm keck auf einer Waschmaschine hockt: Die Bilder von Beat Jost (1936–2026) erzählen von einer Epoche, in der die Zukunft glänzte und das Versprechen des Wohlstands in greifbare Nähe rückte. Als einer der gefragtesten Berner Werbe- und Sachfotografen prägte Jost die visuelle Kultur der 1960er- bis 1980er-Jahre massgeblich. Für Traditionsmarken wie das Warenhaus Loeb, Wander-Ovomaltine, Vidmar[1], IBA[2] oder Pierrot-Friola[3] setzte er die aufblühende Warenwelt mit meisterhafter Präzision in Szene und schuf Motive, die das Alltagsgedächtnis einer ganzen Generation formten. 

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Unter dem Titel «Beat Jost – Schöne neue Welt» werden diese fotografischen Zeitkapseln nun in einer umfassenden Ausstellung im Berner Kornhausforum präsentiert. Aus zeitlicher Distanz entfalten die rund 50 ausgewählten Arbeiten, die aus dem im Staatsarchiv des Kantons Bern verwahrten Bildarchiv stammen, einen ganz eigenen Zauber. Längst haben sich die sorgfältig komponierten Arrangements von ihrem ursprünglichen Verkaufszweck gelöst. Viele der abgebildeten Produkte sind von den Ladentischen verschwunden, doch die Fotografien bleiben als Zeitzeugen einer Epoche, in der die Schweiz das Wirtschaftswunder zelebrierte und die Konsumgesellschaft ihre Identität fand.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Die Retrospektive richtet den Blick bewusst über das freigestellte Werbeobjekt hinaus. Sie zeigt, mit welcher Raffinesse Jost Räume schuf, Modelle im gesellschaftlichen Umfeld verankerte und Sehnsüchte nach Modernität und Komfort visuell greifbar machte. Es entsteht ein vielschichtiger Dialog zwischen nostalgischer Vertrautheit und kulturhistorischer Erkundung, der das Publikum dazu einlädt, den Verheissungen der Nachkriegsjahre nachzuspüren.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Der Berner Fotograf Beat Jost (1936–2026) zählte zu den bedeutendsten Werbe- und Sachfotografen der Schweizer Nachkriegsmoderne. In einer Phase wirtschaftlicher Expansion schuf er für führende Unternehmen wie Loeb, Wander-Ovomaltine, Vidmar, IBA und Pierrot-Friola präzise inszenierte Produkt- und Milieubilder für Inserate, Broschüren und Kataloge. Sein umfangreiches Bildarchiv wird heute im Staatsarchiv des Kantons Bern aufbewahrt.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Das Kornhausforum im Herzen von Bern ist ein zentraler Ort für Fotografie, Architektur, Gestaltung und gesellschaftlichen Diskurs. Im 2. Obergeschoss des historischen Gebäudes bietet die Institution regelmässig Raum für Ausstellungen, die sich mit visueller Kultur, Stadtentwicklung und zeithistorischen Fragen auseinandersetzen.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Die Ausstellung «Beat Jost – Schöne neue Welt» wird am 3. September 2026 eröffnet und kann bis zum 7. Februar 2027 im Berner Kornhausforum besucht werden.

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

[1] Die 1902 gegründete Vidmar AG (später in Liebefeld bei Bern ansässig) zählte zu den führenden Schweizer Herstellern von Archiv- und Büromöbeln aus Stahl, Lagersystemen und Tresoranlagen. Ihre funktionale Formensprache prägte die schweizerische Arbeits- und Industriewelt der Nachkriegsdekaden massgeblich. Das ehemalige Fabrikareal, die heutigen Vidmarhallen, ist heute ein etabliertes Kulturzentrum im Grossraum Bern. 

[2] Die IBA AG entwickelte sich von Bern aus zu einem der führenden Schweizer Anbieter von Büromaterial, Betriebseinrichtungen und Organisationssystemen. Über Jahrzehnte hinweg prägte das Traditionsunternehmen mit seinen weit verbreiteten Katalogen und Sortimenten die administrative Arbeitswelt und die Ausstattung schweizerischer Büros im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs. 

[3] Die Schweizer Traditionsmarke Pierrot-Friola war insbesondere für ihre Glace-Kreationen und Tiefkühlprodukte bekannt. Mit ihren weit verbreiteten Stängeliglaces und Dessertspezialitäten prägte der Hersteller die helvetische Alltagskultur und den sommerlichen Konsum der Nachkriegsjahrzehnte massgeblich.

Wenn die Zeit auf Papier weiterblüht

Calla © Walter Schels

Das Vergehen als schöpferischer Akt: Während Berlin Walter Schels mit einer Retrospektive ehrt, zeigt die Galerie VisuleX in Hamburg seine intimen Pflanzenstudien. Arbeiten, in denen Licht, Chemie und getrocknete Blütenblätter zu einer eigenwilligen Metamorphose finden. 

Tulpe © Walter Schels

In den Arbeiten von Walter Schels geschieht etwas Unerwartetes mit dem Vergehen: Es verliert seine Schwere und wird zur Form. Aus vertrockneten Disteln und verblühten Sonnenblumen entstehen keine melancholischen Stillleben, sondern zarte Gefüge auf Papier. Wer vor diesen Werken steht, schaut nicht auf ein fertiges Abbild, sondern auf das Verstreichen von Zeit: Getrocknete Blütenblätter und kristallisierende Salze verbinden sich zu einer stofflichen Verwandlung, die das botanische Porträt hinter sich lässt und den Prozess selbst sichtbar macht. 

Artischocke © Walter Schels

Walter Schels, 1936 in Landshut geboren, lebt seit vielen Jahren in Hamburg und feiert in diesem Sommer seinen 90. Geburtstag. Sein Blick auf die Welt war stets von einer existenziellen Neugier geprägt – von den ersten Zügen Neugeborener bis zu Gesichtern im Moment des Übergangs. In den Pflanzenstudien setzt er diese Suche mit den Mitteln des Materials fort. Er arbeitet mit abgelaufenen Filmen, überlagerten Papieren und gealterten Fixierern. Die Chemie altert mit dem Motiv, sie bringt eigene Farbverläufe und kristalline Adern hervor, die sich wie Sedimente über das Bild legen. 

© Walter Schels

In seinen jüngsten Arbeiten lässt Schels schliesslich die Kamera ganz beiseite. Auf grossen Bögen treffen Licht, Entwickler und getrocknete Pflanzenfragmente direkt aufeinander. Für Schels ist ein Bild nie endgültig abgeschlossen: Auch nach dem Trocknen reagieren die organischen Reste im Papier im Verborgenen weiter. Jedes Blatt bleibt ein Unikat, gezeichnet von der Zeit, die es festhalten wollte. 

© Walter Schels

Dass diese stillen Spätwerke in Hamburg zu sehen sind, fügt sich in das Profil der Galerie VisuleX. Seit 2015 widmet sich der Raum an der Alster zeitgenössischen Positionen der Fotografie, mit einem feinen Gespür für Natur- und Architekturthemen, die den Blick für das Wesentliche schärfen. 

© Walter Schels

Die Ausstellung «Walter Schels | Nachblüte» ist vom 31. Juli bis zum 22. August 2026 in der Galerie VisuleX in Hamburg zu sehen. Parallel dazu würdigt das Ausstellungshaus C/O Berlin das Gesamtwerk des Fotografen in der Retrospektive «Walter Schels. 16° Fische. Fotografien von 1958–2026».

Licht auf Gaza: Das wiederentdeckte Fotostudio von Kegham Djeghalian

Autoportrait de Kegham Djeghalian Sr avec ses enfants, Gaza, c.1952

Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation. 

In der Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable» tritt eine faszinierte künstlerische Begegnung ans Licht: Ein Enkel befragt das fotografische Erbe seines Grossvaters. 2018 entdeckte Kegham Djeghalian Jr. im Haus seines Vaters in Kairo drei rote Schachteln, gefüllt mit Negativen, Dokumenten und persönlichen Erinnerungstücken. Was als späte Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begann, weitet sich rasch zu einem vielschichtigen Porträt des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens in Gaza im 20. Jahrhundert aus. 

Bal masqué à Gaza, photo par Kegham Djeghalian Sr, mi-1960s

Der künstlerische Ansatz von Djeghalian Jr. bricht bewusst mit den Konventionen klassischen Archivierens. Anstatt eine chronologische Reihenfolge zu erzwingen oder die Aufnahmen mit festen Jahreszahlen und erklärenden Legenden zu versehen, setzt er auf eine typologische Anordnung in vier Themenfeldern: «Le Studio», «Gaza Memento», «Album de famille» und «Zoom Call». Dieser Verzicht auf das Eindeutige ermöglicht eine sogenannte «unmade archive» – eine offene, unvollendbare Archivpraxis, die sich jeder endgültigen Schliessung widersetzt. Die Bilder, befreit vom Korsett der reinen Dokumentation, sprechen für sich: Strandbegegnungen, Maskenbälle, Porträts aus dem Studio und familiäre Momente verdichten sich zu einer alternativen Historiografie. Sie zeigen Gaza jenseits der üblichen Schablonen als einen Ort lebendiger Alltagskultur, voller Würde, Wärme und Vielschichtigkeit. 

La Boite Ouverte, 2018 par Kegham Djeghalian Jr

Kegham Djeghalian Senior (1915–1981) überlebte als Kleinkind den Völkermord an den Armeniern und wuchs in Syrien und dem Libanon auf. Anfang der 1930er-Jahre zog er nach Palästina und gründete 1944 in Gaza das erste professionelle Fotostudio der Stadt: Photo Kegham. Über fast vier Jahrzehnte hielt er das Leben der Stadt und ihrer Bewohner fest – von historischen Ereignissen bis hin zu alltäglichen Porträts, Hochzeitsszenen und Strandaufnahmen. Trotz politischer Umbrüche verliess er Gaza bis zu seinem Tod im Jahr 1981 nicht. 

Kegham Djeghalian Junior ist ein palästinensisch-armenischer visueller Künstler, Art Director und Modeexperte mit Wirkungsstätten in Kairo und Paris. Er lehrt als Professor an der German International University (GIU), wo er die künstlerische Leitung des Modedesign-Departements innehat. Seine künstlerischen Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Fotografie, Archivpraxis und Mode. Seine Werke wurden international in renommierten Institutionen gezeigt, darunter das Centre Pompidou in Paris, The Photographers' Gallery in London und die Sharjah Biennale. 

Kegham Djeghalian devant son studio à Gaza, mi-1970

Das im Herzen des Quartiers La Joliette gelegene Centre Photographique Marseille (CPM) ist ein zeitgenössisches Kunstzentrum, das sich der Fotografie widmet. Es versteht sich als Ort des Kunstschaffens, der Vermittlung und des Austauschs. Entstanden aus der Tradition des Vereins Les Ateliers de l'Image, bietet das CPM ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops und Fachveranstaltungen. Das Zentrum engagiert sich für die Förderung regionaler wie internationaler Positionen und regt zum kritischen Diskurs über Bildpraktiken der Gegenwart an. 

Studio Photo Kegham sur la rue Omar al Mokhtar, Gaza, c. 1960

Die Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable – Kegham Djeghalian Junior im Dialog mit Kegham Djeghalian Senior» ist bis zum 12. September 2026 im Centre Photographique Marseille zu sehen. Sie findet im Rahmen der Saison Méditerranée 2026, des Printemps de l'Art Contemporain (PAC) und als Satellitenprogramm der Rencontres d'Arles (Grand Arles Express) statt.

«Flora Humana»: Natur als Skulptur...

Flora Humana ist eine fotografische Arbeit, die Pflanzenformen in den Mittelpunkt stellt und ihre überraschende Nähe zum Menschlichen sichtbar macht. Ein grosser Teil der Aufnahmen entstand im Botanischen Garten der Universität Bern, dessen Artenvielfalt eine intensive Auseinandersetzung mit denselben Pflanzen über längere Zeit ermöglichte. Die Schwarz-Weiss-Fotografien wecken Assoziationen an Figuren, Gesten oder Charaktere und lassen die Grenzen zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung fliessend werden. 

Ausgangspunkt dieser Bildserie ist das wiederholte, aufmerksame Beobachten durch den Künstler. Mit der Zeit treten Details, Strukturen und Formen hervor, die im schnellen Blick leicht übersehen werden. Vergrösserte und isolierte Pflanzenfragmente entfalten so eine faszinierende Präsenz und eröffnen neue Perspektiven auf Vertrautes – es entstehen Bilder zwischen Natur und Skulptur, die dazu einladen, Pflanzen mit anderen Augen zu betrachten. 

Hinter dieser sensiblen Herangehensweise steht Ramón Quensel. Der gebürtige Mexikaner (Real de Catorce, San Luis Potosí) lebt heute in Bern. In seiner Fotografie verbindet er die Mystik der Natur mit seiner Leidenschaft für Musik, Menschen und die Geschichten des Alltags. Licht und Schatten spielen dabei eine zentrale Rolle als visuelle Sprache, um Stimmungen, Ideen und Emotionen spürbar werden zu lassen. 

Sein Werk reicht von Reportage bis Still Life. Mit Offenheit, Neugier und Gespür für Details stellt er sich jedem neuen Projekt individuell, immer mit dem Anspruch, sich als Fotograf und als Mensch weiterzuentwickeln. 

Zyklamen © Ramón Quensel

Die im März 2026 gegründete Fotogalerie Bern präsentiert vom 27. bis zum 30. August 2026 die Fotoausstellung «Flora Humana» von Ramón Quensel.

Zwischen Dokumentation und Kunst: Das Vermächtnis der Bechers..

Winding towers in Belgium, France and Great Britain, BHB-FT-17, 1966-1979, Gelatin silver prints © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Bernd und Hilla Becher haben die Fotografie des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt, indem sie eine strikte methodische Haltung entwickelten, die bis heute nachwirkt. Ihr Werk, das funktionale Industriebauten ins Zentrum rückte, oszilliert zwischen nüchterner Dokumentation und konzeptueller Kunst. Die aktuelle Retrospektive in der Fondazione MAST in Bologna beleuchtet diese einzigartige Arbeitsweise und zeigt, wie das Paar durch systematische Reihen und Typologien eine neue visuelle Sprache schuf, die Generationen von Künstlern beeinflusste. 

Cooling tower, 1962, Mont-Cenis coal mine, Herne, Ruhr region, Germany, PSD-BHB-2024-056 1, 1965, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Ihre fotografische Praxis begann Ende der 1950er-Jahre, im Moment, als die industrielle Landschaft im Wandel begriffen war. Fördertürme, Gasometer, Kühltürme und Silos wurden zu den Hauptakteuren ihrer Bilder. Statt diese Objekte isoliert abzulichten, stellten die Bechers sie in Raster zusammen, sogenannte Typologien, die den vergleichenden Blick schärfen. Durch die konsequente Beibehaltung von Distanz, Perspektive und Lichtbedingungen trat die reine Form der Bauten hervor, losgelöst von ihrem spezifischen Standort. Diese "anonymen Skulpturen", wie sie die Bauten nannten, wurden so zu Studien über Variationsmöglichkeiten innerhalb einer funktionalen Gattung. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie diese Methode nicht nur das Industrielle fassbar machte, sondern auch soziale Aspekte beleuchtete, etwa in den Aufnahmen von Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet, die den Wiederaufbau nach dem Krieg dokumentieren. Der Einfluss dieses Ansatzes reicht weit über das eigene Werk hinaus. Als Dozenten an der Düsseldorfer Kunstakademie prägten sie Schüler wie Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff, deren Arbeiten im Foyer der Stiftung als direkter Dialog zum Hauptteil präsentiert werden. 

Gas tank, 1886, Tyldesley near Manchester, Great Britain, PSD-BHB-2024-041, 1966, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Hinter dieser strengen Systematik steht die Lebensgeschichte zweier Menschen, die ihre individuellen Hintergründe zu einer einzigen Vision vereinten. Bernd Becher (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015) arbeiteten als untrennbares Künstlerpaar und entwickelten ab 1959 in Deutschland, den Benelux-Staaten, Grossbritannien, Frankreich, Italien sowie den USA und Kanada ihren dokumentarischen Stil. Bernd, ursprünglich Dekorationsmaler und Grafiker, und Hilla, ausgebildete Fotografin, verbanden ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zu einer gemeinsamen, objektiven Bildsprache, die stark von der Neuen Sachlichkeit beeinflusst war. Ihr Archiv und ihr Nachlass werden heute von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln sowie dem Bernd & Hilla Becher Studio in Düsseldorf betreut; ihr Sohn Max Becher vertritt den Estate. 

Framework houses of the Siegen industrial region, BHB-FW-B, 1959-1973, 15 Gelatin silver prints © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Bernd & Hilla Becher Archive, Cologne, and Museum für Gegenwartskunst Siegen, acquired with funds from the Kunststiftung NRW

Die Fondazione MAST in Bologna ist eine internationale Kultur- und Philanthropie-Institution, die 2013 gegründet wurde und sich an der Schnittstelle von Technologie, Kunst und Innovation bewegt. Als offener Ort für Bildung und Kunst befindet sie sich neben dem Hauptsitz der Coesia-Gruppe und versteht sich als Brücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Die Ausstellungsräume zeigen temporäre Präsentationen, die sich spezifisch der Fotografie im Kontext von Industrie und Arbeitswelt widmen. 

Hilla Becher, Sea snail (Venus comb), PSD-BHB-2024-080, 1960s, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Die Retrospektive "Bernd & Hilla Becher. History of a Method" ist vom 23. April bis zum 27. September 2026 in den MAST Galleries zu sehen. Konzipiert wurde die Ausstellung von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln in Kooperation mit dem Becher-Studio und für Bologna neu adaptiert. Sie präsentiert über 350 originale Schwarz-Weiss-Fotografien sowie umfangreiches Archivmaterial wie Zeichnungen, Bücher und Plakate. Gegliedert in zehn Sektionen – von "Industrielle Landschaften" über "Typologien" bis zu den frühen Arbeiten der beiden Künstler – bietet sie eine tiefgehende Analyse ihrer Methodik und lädt dazu ein, den Blick für das Unscheinbare neu zu schärfen.

Brennende Farben, kühle Präzision…

Bombardopolis, Haiti, 1986 © Alex Webb / Magnum Photos

In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen. 

Webb sucht nicht das inszenierte Postkartenmotiv. «... alle Ideen meines Werks haben sich aus der Idee des Reisens und Umherstreifens ergeben», so Webb selbst. Dieses Umherstreifen ist bei ihm jedoch kein zielloses Schlendern, sondern eine hochkonzentrierte Jagd nach jenen raren Sekundenbruchteilen, in denen das Chaos der Strasse für einen Wimpernschlag in perfekter Balance erstarrt. Es ist die Suche nach jenen Momenten, in denen sich die gesellschaftliche Realität von Indien über Griechenland bis nach Haiti und Mexiko in ein dichtes, farbintensives Drama verwandelt. 

Die Leica M macht Webb zum Choreografen des Zufalls. Er baut eine visuelle Dichte auf, in der Vorder-, Mittel- und Hintergrund gleichermassen eigene Geschichten erzählen: Da ist das spielende Kind im tiefen Schatten, dort ein Passant im fahlen Gegenlicht und am Rande ein verblasstes Plakat an der Wand, das das Geschehen ironisch kommentiert. Durch diese Staffelung entstehen Bilder, die man langsam lesen muss – man weiss oft gar nicht, wo das Auge zuerst verweilen soll. 

Es ist diese atmosphärische Dichte, die uns gefangen nimmt. Seine Bilder beschwören nicht nur die physische Hitze sonnenüberfluteter Orte herauf, sondern verleihen ihnen zugleich eine metaphysische Wärme. Der amerikanische Kunsthistoriker Max Kozloff beschrieb dieses Phänomen treffend als eine «Atmosphäre gespannter Energie, voller latenter Bewegung, die jederzeit in Aktion übergehen könnte». Es ist kein beiläufiges Dokumentieren, sondern eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Welt, die zeigt, dass Fotografie eine universelle Sprache ist. Jedes Bild in «Selections» ist eine präzise Komposition – berauschend, lebendig und zutiefst humanistisch. 

Grenada, 1979 © Alex Webb / Magnum Photos

Alex Webb, geboren am 5. Mai 1952 in San Francisco, entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Fotografie. Nach dem Studium der Literatur und Geschichte an der Harvard University (1970–1974) folgte die fotografische Ausbildung am Apeiron Workshops in New York. Seine Karriere startete Webb zunächst im klassischen Schwarzweiss. Erst die Entdeckung der farbintensiven Strassenlandschaften der Karibik und Lateinamerikas brachte ihn zur Farbfotografie, deren dokumentarische Spielart er revolutionieren sollte. Seit 1979 ist Webb Vollmitglied der legendären Agentur Magnum Photos. Seine Werke hängen weltweit in renommierten Häusern wie dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Museum of Fine Arts in Boston. Neben zahlreichen Preisen, darunter die Leica Medal of Excellence (2000), veröffentlichte er über 15 Fotobücher, darunter das Standardwerk The Suffering of Light. Im Herbst 2026 wird sein neues Buch Walking Blues erwartet, das sich den urbanen Landschaften der USA widmet. 

Tehuantepec, Mexico, 1985 © Alex Webb / Magnum Photos

Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 hat sich die Leica Galerie Salzburg als eine der wichtigsten Adressen für Fotokunst in Westösterreich etabliert. Seit 2015 im idyllischen Stadtteil Parsch (Gaisbergstrasse 12) beheimatet, zeigt das Haus ein feines Gespür für internationale Fotogrössen und fördert zugleich lokale Talente. Sie versteht sich nicht nur als Galerie, sondern als lebendiger Treffpunkt für Sammler, Kunstschaffende und Fotobegeisterte. Die Ausstellung fällt zudem in ein historisches Jubiläum: Vor 50 Jahren eröffnete die erste Leica Galerie in Wetzlar. Seither prägen diese Orte des Dialogs weltweit den Blick auf unsere Welt.

Die Ausstellung «Selections» von Alex Webb ist bis zum 31. Oktober 2026 zu besuchen.

Farbe als Gefühl, Schrift als Bild: Ein Sommer in Turin…

FIAT Lingotto, Torino, Italia, 2011 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia tritt in eine neue Phase. Seit François Hébel im November 2025 die künstlerische Leitung übernommen hat, zeichnet sich ein Programm ab, das zwei unterschiedliche Zugänge zur Fotografie nebeneinanderstellt. Vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zeigt das Haus Arbeiten von Harry Gruyaert und Werner Jeker. Es ist der erste vollständige Zyklus, der unter seiner Verantwortung kuratiert wurde.

Essaouira, Marocco, 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Harry Gruyaert steht im Zentrum der Hauptausstellung. Der 1941 geborene Belgier, seit langem Mitglied von Magnum Photos, gehörte in Europa zu den ersten, die der Farbfotografie eine eigenständige, kreative Bedeutung gaben. In den 1970er- und 80er-Jahren, als die Fotografie noch stark vom Schwarzweiss dominiert wurde, folgte Gruyaert keinem dokumentarischen Imperativ, sondern entwickelte eine Sprache, in der Farbe nicht beschreibt, sondern empfinden lässt.

Baie de Somme, Francia, 1991 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Die Turiner Ausstellung ist die erste umfassende Retrospektive seiner Arbeit in Italien. Sie führt chronologisch durch sein Schaffen und beginnt mit der Serie «TV Shots». In diesen Bildern setzt sich Gruyaert mit den ersten Farbfernsehübertragungen auseinander und fängt die damalige, noch ungewohnte Farbigkeit des Mediums ein. Die Ausstellung führt weiter durch die verschiedenen Stationen seiner Reisen. Besonders Marocco nimmt eine Schlüsselrolle ein: Für Gruyaert war es ein Ort der Offenbarung, an dem Landschaft und menschliche Präsenz zu einer visuellen Einheit verschmolzen. Jeder Ort, den er bereiste, erhielt in seinen Bildern eine spezifische chromatische Qualität.

Fiandre, Belgio 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Technisch spannt die Ausstellung einen Bogen von der analogen zur digitalen Ära. Gruyaerts Arbeit ist geprägt vom Einsatz von Kodachrome-Film und Cibachrome-Prints im 20. Jahrhundert, Materialien, die für ihre besondere Leuchtkraft bekannt waren, bis hin zu den Möglichkeiten des Digitalen im 21. Jahrhundert. Sein Ansatz ist dabei stärker von der Malerei und dem Kino beeinflusst als von der traditionellen Fotografie. Licht, Farbe und Komposition stehen über dem narrativen Inhalt. Wie der Künstler selbst festhält, ist Farbe physischer als Schwarzweiss; sie muss die Betrachtenden unmittelbar durch ihre Nuancen treffen, bevor der Verstand die Situation einordnen kann. Die Ausstellung macht diese sinnliche Qualität erfahrbar und zeigt, wie Gruyaert Farbe als eigenständiges Material begriffen hat.

Manifesto © Werner Jeker

Als konzeptuellen Gegenpol zur malerischen Farbwelt Gruyaerts präsentiert der Projektraum die Arbeit von Werner Jeker unter dem Titel «Photo Typo». Der 1944 in der Schweiz geborene Grafiker nimmt eine Sonderstellung im internationalen Design ein. Jeker hat in seiner Karriere über 800 Plakate entworfen, hauptsächlich für kulturelle Institutionen, und dabei eine eigene visuelle Sprache entwickelt, in der Fotografie und Typografie eine untrennbare Symbiose eingehen.

Allestimento © Werner Jeker

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl seiner Arbeiten und fokussiert auf jene Plakate, in denen das fotografische Bild als strukturelles Element der Komposition dient. Jekers Ansatz zeichnet sich durch einen kalibrierten Eingriff aus: Er verändert das fotografische Original nicht in seinem Inhalt, sondern bewahrt dessen dokumentarische Integrität. Durch die präzise Platzierung von Text und die grafische Anordnung amplifiziert er jedoch die visuelle Wirkung des Bildes und hebt es auf eine neue Ebene. Diese Methode unterscheidet ihn von vielen Zeitgenossen, die das Foto oft stark bearbeiteten oder nur als Illustration nutzten.

Manifesto © Werner Jeker

Seine Zusammenarbeit mit Fotografen wie René Burri, Raymond Depardon oder Henri Cartier-Bresson unterstreicht diese Haltung. Jeker verstand das dokumentarische Bild und setzte es in einen neuen Kontext, ohne es zu verfälschen. Die gezeigten Arbeiten belegen, wie ein Gebrauchsgrafik-Objekt wie ein Plakat zur autonomen Kunstform werden kann. Für sein innovatives Wirken, besonders im Umgang mit der Fotografie, wurde Jeker unter anderem mit dem Infinity Award ausgezeichnet. Die Ausstellung im Projektraum würdigt diesen spezifischen Beitrag zur visuellen Kultur und zeigt, wie Typografie das Verständnis eines Fotos lenken kann, ohne es zu dominieren.

Allestimento © Werner Jeker

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia befindet sich in der Via delle Rosine 18 in Turin. Die Institution wurde 2015 gegründet und versteht sich als fester Ankerpunkt für die Fotokultur in Italien. Mit seinen Haupträumen und dem spezifischen Projektraum bietet das Zentrum eine Plattform für nationale und internationale Positionen und verbindet Ausstellungen mit Bildungsangeboten, Gesprächen und Workshops. Als privat finanzierte Stiftung agiert es unabhängig und fördert den Dialog zwischen der italienischen und der internationalen Fotoszene. 

Die Ausstellungen von Gruyaert und Jeker sind vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Sie markieren den ersten Ausstellungszyklus unter der Direktion von François Hébel und setzen einen klaren inhaltlichen Akzent für die kommende Saison. 

Unterwegs in Turin…
Der Bicerin ist Turins flüssige Seele. In diesem kleinen Glas, das dem Getränk im Piemontesischen seinen Namen gab, vereinen sich drei Welten: dunkle, dichte Schokolade, kräftiger Espresso und eine hauchzarte Krone aus Milchcreme. Keine Mischung, sondern eine kunstvolle Schichtung, die seit dem 18. Jahrhundert im ältesten Kaffeehaus der Stadt zelebriert wird. Hier tranken einst Dumas und Verdi, heute lädt das Getränk zur entschleunigten Pause ein. Der Bicerin widersteht dem Trend des «Coffee to go»; er fordert Zeit und Genuss. Jeder Schluck offenbart ein neues Aroma, von der leichten Creme bis zur tiefen Schokolade. Er ist mehr als ein Heissgetränk – er ist ein Stück gelebter Geschichte und das warme Herz des Turiner Winters. Ein Muss für jeden, der die Eleganz des Piemonts schmecken möchte.

Comme des images Provins...

Ipanema Beach, Rio de Janeiro, Brazil, 1958 © René Burri - Agence Magnum - Fondation René Burri

Vom Juni bis September 2026 findet in Provins (Seine-et-Marne) erstmals das Fotografie-Festival «comme des images» statt. Die Veranstaltung nutzt mehrere historische und kulturelle Orte der Stadt, um zeitgenössische Fotografie sowie Werke aus der Geschichte des Mediums zu präsentieren. Ein zentrales Element ist die Förderung der künstlerischen Produktion durch eine Residenz, die in diesem Jahr mit dem Fotografen Fred Delangle besetzt ist. 

Sans titre, 1946 © Erwin Blumenfeld - © The Estateof Erwin Blumenfeld

Im Fokus der Residenz steht die Arbeit von Fred Delangle, der über einen Zeitraum von mehreren Monaten eine Serie speziell für die Stadt Provins entwickelt hat. Seine Arbeiten, die sich thematisch mit der nächtlichen Atmosphäre der mittelalterlichen Stadt auseinandersetzen, werden in der Église Sainte-Croix ausgestellt. Nach 40 Jahren Schliessung wird die Kirche erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Delangle fokussiert sich in seinen Langzeitprojekten vor allem auf urbane Räume, darunter Arbeiten in Indien und Venedig. Ergänzend zu Delangle wird in der Kirche eine Projektion mit Werken des Magnum-Fotografen René Burri (1933–2014) präsentiert, die dessen photojournalistisches Schaffen würdigt. 

Série Opprinnelsen, La Porte © Florence D'elle - agence révélateur

Das Festivalprogramm umfasst zudem mehrere thematische Ausstellungen an verschiedenen Standorten. In der Médiathèque Alain Peyrefitte ist die Gruppenausstellung «Paysages Rêvés» zu sehen, die sieben Künstlerinnen und Künstler zusammenbringt, welche historische fotografische Verfahren anwenden. Dazu gehören Aassmaa Akhannouch (Cyanotypie), Grégor Beltzig (Fresson-Druck), Florence D’elle (Ferrotypie/Nasskollodium), Irène Jonas (kolorierte Fotografie), Jens Knigge (Platin-Palladium-Druck), Laurent Millet (Gummibichromat) und Takeshi Shikama (Platin-Palladium-Druck auf Gampi-Papier). Jede Position stellt einen spezifischen technischen Ansatz vor, der die Geschichte der Fotografie nachzeichnet. 

Série Northern Lights, Ground N°4 © Jens Knigge, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Weitere Ausstellungsorte sind der Espace Pôle Gare und das Atelier Galerie Guedamour. Im Espace Pôle Gare werden Farbarbeiten des Modefotografen Erwin Blumenfeld (1897–1969) gezeigt, die während seiner Zeit in New York (1941–1960) entstanden sind. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Erwin Blumenfeld Foundation realisiert. Im Atelier Galerie Guedamour präsentiert Estelle Lagarde ihre Serie «Entre», die zwischen 2018 und 2020 in der Abtei von Chéhéry entstand. Die Arbeiten basieren auf analogen Silberabzügen ohne digitale Nachbearbeitung und thematisieren den Zustand des Ortes zwischen Verfall und Wiederherstellung. 

Série Boulevar de l'Océan © Aassmaa Akhannouch, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Die Öffnungszeiten variieren je nach Standort. Die Église Sainte-Croix und der Espace Pôle Gare sind freitags bis sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Die Médiathèque Alain Peyrefitte hat unter der Woche erweiterte Öffnungszeiten, bleibt jedoch im August geschlossen. Das Atelier Galerie Guedamour ist donnerstags und freitags sowie samstags zugänglich, ansonsten nach Vereinbarung. Die Organisation liegt bei der Association Comme des Images, gegründet von Sabine Guedamour und Sébastien Mariau, die bereits 2023 die «Rencontres de Provins» initiiert hatten.

Série Voyage sur le fil de soi, 2019 © Gregor Beltzig

Zagara: Wenn der Duft der Orangenblüte nach Schweigen riecht…

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Ausgehend von einer konkreten Familiengeschichte – ihre Urgrossmutter musste 1939 in Sizilien vor einem versuchten Femizid fliehen – webt Amico ein dichtes Netz aus persönlichen Archivbildern, Landschaftsaufnahmen, Porträts und Recherchematerialien. Sie behandelt das Familienalbum nicht als passiven Speicher von Erinnerungen, sondern als einen umkämpften Ort, an dem Narrative neu verhandelt werden können. Was in den Bildern oft unsichtbar bleibt: Die Gewalt, das Trauma, das erzwungene Schweigen, wird durch die Installation greifbar. Audioarbeiten, Videos und eben der omnipräsente Duft der Orangenblüte immersieren das Publikum in eine «emotionale Landschaft», die zeigt, wie gesellschaftliche Normen Frauen idealisieren und gleichzeitig in unsichtbare Käfige sperren. Die Schönheit der Blüte wird hier zur Metapher für eine Weiblichkeit, die erdrückt, statt zu befreien. 

Amicos Ansatz ist geprägt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Bevor sie zur Kamera griff, studierte sie Rechtswissenschaften. Dieser juristische Hintergrund schärft ihren Blick für Strukturen: Sie untersucht nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch das Rechtssystem als Rahmen von Gewalt und Schutz sowie die Rolle der Medien bei der Darstellung – oder Verschleierung – von Femiziden. Ihre Arbeit oszilliert zwischen sozialer Untersuchung und relationaler Praxis, wobei sie das Archiv aktiv nutzt, um gelöschte Stimmen wieder hörbar zu machen. Die Ausstellung ist Teil des Jahresprogramms «handle with care» und wird im Dialog mit einer Werkpremiere von Virginie Rebetez gezeigt, was unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema familiärer Erinnerung kontrastiert. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Tiziana Amico (*1991, Italien) ist eine in der Schweiz lebende Fotografin und visuelle Forscherin. Ihre Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie und Recht wurde bereits mit dem 2. Preis beim Swiss Press Photo Award 2025 (Kategorie «International») für das Werk «Nunca Fui Adolescente» ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbands near. für zeitgenössische Fotografie. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Das Photoforum Pasquart in Biel/Bienne, gelegen an der Seevorstadt, versteht sich seit langem als wichtiger Knotenpunkt für die zeitgenössische Fotografie in der Schweiz. Als Institution, die sich der Reflexion und Vermittlung des Mediums verschrieben hat, bietet das Forum mit dieser Ausstellung einen Raum für dringliche gesellschaftliche Diskurse. Die Präsentation von «Zagara» unterstreicht den Anspruch des Hauses, Fotografie nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Werkzeug zur Aufarbeitung von Geschichte und Machtverhältnissen zu begreifen. 

Die Ausstellung «Zagara – Ciò che resta» von Tiziana Amico ist bis zum 30. August 2026 im Photoforum Pasquart in Biel zu besuchen.

YAN, 1956: Ein fotografischer Zeitzeuge in Sardinien...

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Siebzig Jahre sind vergangen, seit Jean Dieuzaide, genannt Yan, seine Kamera durch die Landschaften Sardiniens schweifen liess. Was damals als dokumentarische Reise begann, ist heute mehr als nur eine Sammlung von Bildern: Es ist ein visuelles Archiv einer Insel im Wandel, eingefangen durch den humanistischen Blick eines der bedeutendsten französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vom 11. Juni bis 15. September 2026 widmet das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro diesem historischen Moment eine umfassende Retrospektive.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» lädt dazu ein, das Sardinien der Nachkriegszeit neu zu entdecken. Dieuzaides Fotografien zeigen nicht nur Landschaften und traditionelle Rituale, sondern Menschen in ihrem Alltag – ihre Gesichter, ihre Arbeit, ihre Würde. In einer Zeit, in der sich Europa langsam von den Verwüstungen des Krieges erholte und moderne Transformationen die ländlichen Gesellschaften zu verändern begannen, dokumentierte Yan diese Übergangsmomente mit einer Sensibilität, die über das Dokumentarische hinausgeht. Seine Bilder erzählen von einer Insel, die zwischen Tradition und Moderne oszilliert, und bewahren ein kulturelles Erbe, das heute teilweise nur noch in diesen Fotografien existiert.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Jean Dieuzaide (1921–2003), bekannt unter dem Künstlernamen Yan, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der humanistischen Fotografie in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Karriere begann in Toulouse, wo er 1944 eines der ersten offiziellen Porträts von General Charles de Gaulle während der Befreiung der Stadt aufnahm – ein Bild, das ihn über Nacht bekannt machte. Yan entwickelte in den folgenden Jahrzehnten einen unverwechselbaren Stil, geprägt von Empathie, Respekt und einem tiefen Interesse am menschlichen Dasein. 

Seine Anerkennung in der fotografischen Welt wurde durch zahlreiche Preise untermauert: 1955 erhielt er den prestigeträchtigen Prix Niépce, 1961 den Prix Nadar. Darüber hinaus war Yan 1970 einer der Mitbegründer der Rencontres d'Arles, dem heute weltweit bedeutendsten Fotografie-Festival. In den 1950er-Jahren reiste er nicht nur durch Frankreich, sondern auch den gesamten südeuropäischen Raum, darunter Spanien, Italien und eben Sardinien. Seine Arbeit zeichnete sich stets durch eine respektvolle Nähe zu den Menschen aus, die er porträtierte – nie als Objekte der Beobachtung, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichten.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro ist eine Institution von zentraler Bedeutung für die Bewahrung und Vermittlung der sardischen Kultur. Als Teil des ISRE (Istituto Superiore Regionale Etnografico) widmet sich das Museum der Erforschung, Dokumentation und Präsentation volkstümlicher Traditionen der Insel. Nuoro, oft als «die sardische Stadt» bezeichnet, liegt im Herzen der Insel und gilt seit jeher als kulturelles Zentrum, in dem Sprache, Bräuche und Identität besonders lebendig gehalten werden. 

Das Museum versteht sich nicht als statisches Archiv, sondern als lebendiger Ort der Reflexion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sardiniens. Durch Ausstellungen wie die vorliegende wird die Verbindung zwischen lokaler Identität und internationaler künstlerischer Perspektive hergestellt. Die Zusammenarbeit mit den Archives Municipales de Toulouse, die den Nachlass von Jean Dieuzaide bewahren, unterstreicht den transnationalen Charakter dieses Projekts und die Bedeutung kultureller Kooperation über Ländergrenzen hinweg.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» wird vom ISRE-Istituto Superiore Regionale Etnografico organisiert und von Elisa Medde kuratiert. Sie ist vom 11. Juni bis 15. September 2026 im Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro zu besuchen. Das Projekt wurde durch das italienische Kulturministerium im Rahmen des Förderprogramms «Strategia Fotografia 2025» der Direzione Generale Creatività Contemporanea unterstützt.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die präsentierten Arbeiten stammen aus dem Fonds Jean Dieuzaide der Archives Municipales de Toulouse und bieten einen umfassenden Einblick in die Reise des Fotografen durch Sardinien im Jahr 1956. Neben den fotografischen Arbeiten thematisiert die Ausstellung auch den Prozess des Sehens und Erzählens selbst: Wie wurde Sardinien durch die Linse eines fremden Beobachters transformiert? Welche Narrative entstanden daraus? Und welche Bedeutung haben diese Bilder siebzig Jahre später für das Verständnis von Erinnerung, Territorium und kultureller Identität?

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Zwischen Realität und Wahrnehmung: Shirana Shahbazis vielschichtige Räume...

Displacement 17, 2023, handkolorierter Silbergelatineabzug auf Barytpapier auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Fotografie ist für Shirana Shahbazi mehr als nur ein Abbild der Wirklichkeit; sie ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Wahrnehmung. In der Ausstellung «All at Once. An Interplay with Li Tavor» im Kunstmuseum Luzern wird dies eindrücklich sichtbar. Die Zürcher Künstlerin, die seit 30 Jahren ihrem Medium treu bleibt, schafft es, die Betrachtenden in vielschichtige visuelle Räume eintauchen zu lassen, in denen sich Analoges und Digitales, Figuration und Abstraktion auf einzigartige Weise begegnen.

Falling 01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shahbazis künstlerische Herangehensweise ist geprägt von einem experimentellen Umgang mit dem fotografischen Medium. Oft beginnt die Entstehung eines Werkes mit einem einzigen Bild, das sie in einem aufwendigen Prozess weiterentwickelt. Durch den Einsatz verschiedener Drucktechniken wie Siebdruck oder Lithografie übersetzt sie ihre Aufnahmen von Landschaften, Gebäuden, Personen und Objekten in vielschichtige Darstellungen. Besonders charakteristisch ist ihre seit 2023 laufende Serie «Displacements». Hier fotografiert die Künstlerin Modelle architektonischer Fragmente, die sie im Studio bühnenhaft inszeniert. Das Ergebnis sind mehrschichtige Schwarz-Weiss-Abzüge, die durch handaufgetragene, lasierende Farbverläufe erweitert werden. In diesen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen oben und unten, innen und aussen – ein wiederkehrendes Motiv in Shahbazis Schaffen, mit dem sie das Verhältnis von Realität und Wirklichkeit auslotet. Diese Erkundung setzt sich auch in ihrer Videoarbeit «An Other Place» (2023) fort, für die sie erstmals mit 16mm-Film experimentierte und für die Luzerner Ausstellung eine neue Arbeit kreiert hat.

Teacher, 2019, vierfarbige Lithografie auf Baumwollpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Ausstellung selbst präsentiert ein dichtes Geflecht aus Oberflächen, Formaten, Farben und Licht, in dem Shahbazis Œuvre zwar losgelöst von Ort und Zeit wirkt, dennoch fest im Museumsraum verankert bleibt. Das Herzstück der Präsentation bildet ein dialogischer Ansatz: Neben Shahbazis Arbeiten sind auch Werke von Li Tavor und Monir Shahroudy Farmanfarmaian zu sehen. Li Tavor reagiert dabei direkt auf die Ausstellungsarchitektur mit von der Decke hängenden Latexbahnen, die sich je nach Blickwinkel mit Shahbazis Wandarbeiten überlagern. So entsteht ein dreidimensionaler Dialog, den das Publikum räumlich erfahren kann.

Baum, 2017, Lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shirana Shahbazi (*1974) ist eine in Zürich lebende Künstlerin, die ursprünglich aus der analogen Fotografie kommt. Ihre Arbeiten sind international bekannt und zeugen von einer konsequenten Weiterentwicklung des Mediums über drei Jahrzehnte hinweg. Aktuell zeigt sie ihre Präsenz im öffentlichen Raum auch durch eine temporäre Installation am Baugerüst des Zürcher Grossmünsters während dessen umfassender Sanierung.

Stilleben-33-2007, 2007, C-Print auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Li Tavor ist Architektin, Komponistin, Performerin sowie Ton- und Bildkünstlerin mit Wohnsitz in Zürich. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich häufig mit den vielfältigen Beziehungsmöglichkeiten innerhalb einer gebauten Umwelt. Darüber hinaus untersucht sie, wie die Verflechtung von Klang-, Raum- und Zeitwahrnehmung diese Subjektivitäten erschafft, widerspiegelt und prägt. Charakteristisch für ihre Praxis ist die Arbeit mit Latex, das sie zu grossflächigen, hängenden Installationen formt. Dabei untersucht sie intensiv das Wechselspiel zwischen Sichtbarkeit und Verhüllung.

Fahne, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Monir Shahroudy Farmanfarmaian (1922–2019) gilt als eine der bedeutendsten iranischen Künstlerinnen der Gegenwart. Als erste Künstlerin verband sie erfolgreich traditionelle persische Techniken wie Spiegelmosaik und Hinterglasmalerei mit den Prinzipien der islamischen Geometrie und der Rhythmik moderner westlicher Abstraktion. Ihre über sechs Jahrzehnte umfassende Karriere brachte Skulpturen und Installationen hervor, die durch das komplexe Zusammenspiel von Licht, Reflexion und Form bestechen und sich jeder einfachen Kategorisierung entziehen. Zu ihren Ehren wurde 2017 das Monir-Museum in Teheran eröffnet, wo die Künstlerin, die auch traditionelle Volkskunst sammelte, bis zu ihrem Tod lebte und wirkte.

Wolke, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Das Kunstmuseum Luzern gehört zu den bedeutendsten Schweizer Kunstmuseen. Interessiert an aktuellen gesellschaftlichen Themen, setzt sich das Haus für Öffentlichkeit, Barrierefreiheit und Inklusion ein und fördert aktiv Vielfalt und Austausch. Für seine rund zehn Ausstellungen pro Jahr pflegt das Kunstmuseum Luzern Partnerschaften in der Region wie auch in ganz Europa. Engagierte Wechselausstellungen von internationaler Reichweite, die jährlich neu konzipierte Sammlungspräsentation oder erste Einzelausstellungen aufstrebender Künstlerinnen und Künstler bieten ein abwechslungsreiches Programm, bei dem jeweils drei Ausstellungen parallel zu sehen sind. Dies ermöglicht Entdeckungen jenseits des bereits Bekannten. Die inhaltliche Fülle spiegelt sich im reichhaltigen, ebenso interessanten wie vergnüglichen Angebot des Vermittlungsteams wider.

Spiegel, 2014, zweifarbige Lithografie auf Zerkall Büttenpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die von Fanni Fetzer kuratierte Ausstellung «Shirana Shahbazi. All at Once. An Interplay with Li Tavor» wird am 3. Juli eröffnet und ist bis zum 18. Oktober 2026 zu besuchen. Für alle, die sich von Shahbazis Kunst inspirieren lassen möchten, wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Kurhaus Kleve und wird von verschiedenen Stiftungen und Partnern unterstützt.