Fan Ho, Approaching Shadow, 1954 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Lichtbahnen schneiden durch den Dunst enger Gassen, während menschliche Silhouetten im Spiel von Kontrast und Rhythmus verharren: Mit Fan Ho zeigt der Turiner Palazzo Falletti di Barolo das meisterhafte Werk eines Chronisten, der das Hong Kong der Fünfziger- und Sechzigerjahre in zeitlose Bildmetaphern verwandelte.
Fan Ho, Controversy, 1956 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Eine scharfe Diagonale teilt die Mauer, das Dunkel schiebt sich unerbittlich in den hellen Raum, während eine einzelne Gestalt am Rand der Treppe innehält. In Fotografien wie Approaching Shadow oder Street Scene wird der flüchtige Augenblick nicht bloss dokumentiert, sondern einer strengen choreografischen Ordnung unterworfen. Fan Ho fand in den dampfenden, überfüllten Strassenschluchten der Metropole keine Hektik, sondern eine fast kontemplative Stille. Seine Bildsprache balanciert präzise zwischen sozialem Realismus und geometrischer Abstraktion: Lastenträger, Strassenverkäufer und spielende Kinder werden zu existenziellen Akteuren in einem Bühnenbild aus Lichtkanten, Gegenlicht und tiefstem Schwarz.
Fan Ho, Coolies and Hawkers, 1958 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Die visuelle Kraft dieser Arbeiten gründet in einem doppelten Schöpfungsprozess. Ho verstand das Fotografieren als «Komposition aus erster Hand» vor Ort und vollendete das Werk in der Dunkelkammer als «Komposition aus zweiter Hand». Durch radikalen Beschnitt der Negative, Tonwertmanipulationen und die gezielte Reduktion auf Linienführungen und Chiaroscuro[1] verwandelte er urbane Begebenheiten in poetische Bildräume. Aufnahmen wie Pattern oder A Play of Light and Shadow etablieren ein rhythmisches Gefüge aus Horizontalen und Vertikalen, in dem die Realität zum Anlass einer reinen formalen Konstruktion wird. Dennoch verlor Ho nie den Menschen aus dem Blick; seine Ästhetik zeugt von tiefem Respekt vor der Würde, Resilienz und Verletzlichkeit der Porträtierten.
Fan Ho, Different Directions, 1958 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Fan Ho, 1931 in Shanghai geboren und mit 18 Jahren nach Hong Kong übergesiedelt, eignete sich die Fotografie weitgehend autodidaktisch an. Oft als «Cartier-Bresson des Orients» bezeichnet, schuf er sein massgebliches fotografisches Lebenswerk bereits vor seinem 28. Lebensjahr und wurde mit hunderten internationalen Auszeichnungen gewürdigt. Später fand seine visuelle Sensibilität im Film eine Fortsetzung, wo er über Jahrzehnte als Schauspieler und Regisseur wirkte – während seine Fotografien heute in führenden Museen weltweit vertreten sind.
Fan Ho, Hong Kong Venice, 1962 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Der prachtvolle Palazzo Falletti di Barolo, eine der bedeutendsten Adelsresidenzen des Turiner Barocks und einstiges Zentrum geistig-kultureller Salons des Risorgimento[2], bietet für diese Bildwelten eine wirkungsvolle Kulisse. In Zusammenarbeit mit der Hong-Konger Blue Lotus Gallery, die sich der Vermittlung asiatischer Fotografiegeschichte verschrieben hat, holt die Kulturinitiative Ares das Werk des Meisters erstmals in einer grossen Retrospektive nach Italien.
Fan Ho, Street Scene, 1957 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
Die Ausstellung «FAN HO. Il maestro della fotografia di Hong Kong», kuratiert von Elisa Maupas und Sarah Van Ingelgom, versammelt hundert fotografische Originalarbeiten und ist vom 11. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 im Palazzo Falletti di Barolo in Turin zu sehen. Zur Ausstellung erscheint eine begleitende Monografie bei Dario Cimorelli Editore.
Fan Ho, Sun Rays, 1959 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery
[1] Chiaroscuro (italienisch für «hell-dunkel») bezeichnet die dramatische Verteilung von starkem Licht und tiefem Schatten zur Erzeugung von Raumtiefe und Atmosphäre. Ursprünglich in der Malerei der Renaissance und des Barocks geprägt, dient das Stilmittel in der Schwarz-Weiss-Fotografie dem präzisen Modellieren von Silhouetten und Bildkonturen.
[2] Risorgimento (italienisch für «Wiedererstehung») bezeichnet die politisch-kulturelle Epoche des 19. Jahrhunderts, die zur nationalen Einigung Italiens und zur Gründung des Nationalstaats führte. Geistig getragen wurde die Bewegung von liberalen und intellektuellen Zirkeln, für die Salons wie jene im Turiner Palazzo Falletti di Barolo ein zentrales Forum bildeten.
Fan Ho, White String, 1959 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery