Einträge in Exhibition
Blickverbindungen: Warum F.C. Gundlach uns lehrt, dass wir nie allein schauen...

Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Fotografie wird oft als einsamer Akt missverstanden: Ein Auge hinter dem Sucher, ein isolierter Moment, eingefroren in der Stille des Auslösens. Doch das Werk von F.C. Gundlach erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Es ist ein lautes, vibrierendes Zeugnis davon, dass Bilder niemals im Vakuum entstehen. Sie sind das Resultat von Allianzen, von Netzwerken, die sich von Paris über New York bis Tokio spannten, und vom mutigen Dialog zwischen Auftraggebern, Künstlern und der Gesellschaft. Gundlach verstand früh, dass Modefotografie mehr war als nur die Präsentation von Kleidung; sie war ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen von Geschlecht und Identität, ein kulturelles Gut, das durch Austausch erst seine wahre Bedeutung erhielt.

Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Sein Schaffen war geprägt von einer seltenen Offenheit, die ihn zum Knotenpunkt einer ganzen Ära machte. Er war nicht nur der Fotograf, der die Cover deutscher Modemagazine prägte, sondern auch der Galerist, der neue Talente förderte, der Laborbesitzer, in dem experimentiert wurde, und der Sammler, der die Geschichte des Mediums bewahrte. Diese Vielseitigkeit ermöglichte es ihm, Brüche und Kontinuitäten in der fotokulturellen Entwicklung sichtbar zu machen. Seine Reisen und sein ständiger Austausch mit Akteuren der Szene waren keine bloße Begleiterscheinung, sondern der Treibstoff für seine Innovation. Er setzte neue Standards, indem er bestehende Grenzen testete und immer wieder neu definierte, was Fotografie sein kann. Heute, in einer Zeit der digitalen Isolierung, wirkt seine Haltung fast prophetisch: Dass wir Bilder immer gemeinsam betrachten, gemeinsam deuten und gemeinsam weiterentwickeln.

Abendkleid mit Nerzbolero, im Hintergrund Heinz Schulze-Varell, Berlin (West), 1962 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

F.C. Gundlach (1926–2021) gilt als einer der einflussreichsten Modefotografen Deutschlands. Seine Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, in denen er die visuelle Kultur der Bundesrepublik massgeblich mitgestaltete. Bekannt wurde er durch seine dynamischen Inszenierungen, die Mode in Bewegung zeigten und dabei stets den Zeitgeist einfingen. Doch Gundlach beschränkte sich nicht auf den kommerziellen Auftrag. Als Gründer der „Gundlach Gallery“ und später als Stifter engagierte er sich leidenschaftlich für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform. Er lehrte, sammelte und kuratierte, wobei er stets den Fokus auf den menschlichen Austausch legte. Sein Vermächtnis ist nicht nur eine Sammlung ikonischer Bilder, sondern eine lebendige Infrastruktur der Fotografie, die bis heute wirkt.

„Jet Age“, Hamburg, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg ist ein führender Ausstellungsort für internationale Kunst und befindet sich im Herzen der Stadt, direkt am Jungfernstieg. Seit seiner Eröffnung hat sich das Forum durch hochwertige Ausstellungen profiliert, die oft thematische Schwerpunkte setzen und Werke aus verschiedenen Epochen in Dialog bringen. Als private Institution, getragen von der Zeit-Stiftung F.C. Bucerius, genießt es internationale Reputation für seine kuratorische Unabhängigkeit und Qualität. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach unterstreicht einmal mehr den Anspruch des Hauses, fotokulturelle Diskurse nachhaltig zu prägen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Uli Richter, Abendkleid im Directoire-Stil vor Backdrop, Berlin (West), 1958 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung ist zentraler Bestandteil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, einem der wichtigsten Festivals für Fotografie im deutschsprachigen Raum. Unter dem Motto „Alliance, Infinity, Love - in the Face of the Other“ präsentiert die Triennale 2026 elf Ausstellungen in acht Häusern der Stadt. Sie versteht sich als Plattform für den globalen Austausch und untersucht, wie Fotografie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Verbindungen schaffen kann. Die Einbindung von Gundlachs Werk in diesen Kontext betont die Relevanz seines Netzwerkgedankens für die Gegenwart und zeigt, wie historische Positionen aktuelle Debatten bereichern können.

Gunel Person in der Villa von Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone wird am 7. Mai 2026 eröffnet und ist bis zum 16. August 2026 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen. Sie findet im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg statt, die ihrerseits bis zum 22. September 2026 dauert.

Jenseits des Filters: Die unbequeme Suche nach dem Glück...

MACHT LIEBE © Anne Morgenstern

Wir leben in einer Epoche, die das Glück nicht nur verspricht, sondern einfordert. Es ist zum Imperativ geworden, zur messbaren Grösse in Social-Media-Infografiken und zum Verkaufsargument für eine endlose Palette an Produkten, die uns ein optimiertes Dasein garantieren sollen. Doch was bleibt von diesem universellen Streben, wenn es zur Pflicht wird? Das Fotofestival Lenzburg 2026 wagt sich unter dem Titel «Forever Happy» genau in dieses Spannungsfeld vor. Es dekonstruiert die glatte Oberfläche des Glücks und legt seine Brüche, seine Widersprüche und seine oft schmerzhaften gesellschaftlichen Konstruktionen frei.

Rise with the images © Juliana Gómez Quijano

Die diesjährige Ausgabe versteht Fotografie nicht als blosse Abbildung einer heilen Welt, sondern als kritisches Werkzeug der Befragung. Im Stapferhaus trifft die festival-eigene Reflexion auf die immersive Ausstellung «Happy Pills» von Paolo Woods und Arnaud Robert. Ihre fünfjährige Recherche führt uns vor Augen, wie die Definition des Glücks zunehmend von der Pharmaindustrie gekapert wurde. Von der Schweiz bis in den Amazonas dokumentieren sie, wie chemische Lösungen versprechen, die Grenzen des Menschseins zu überwinden und unsichtbare Wunden zu heilen. Es ist eine konfrontative Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die Effizienz und Jugend über alles stellt und das Glück zur machbaren Aufgabe degradiert.

Beach Epiphany © Rodrigo Koraicho

Demgegenüber steht die melancholische Hommage an den kürzlich verstorbenen Martin Parr. Seine Serie «(All we need is) LOVE» entlarvt die Inszenierung von Zuneigung im öffentlichen Raum. Parrs schonungsloser, farbsatter Blick fängt Liebe nicht als reines Gefühl, sondern als Ritual, Ware und manchmal absurdes Scheitern ein. Herzförmige Souvenirs und erzwungene Lächeln werden zu Zeugen dafür, wie sehr auch unsere intimsten Regungen von sozialen Codes und Konsumzwängen geprägt sind. Das Festival zeigt hier keine idyllischen Momentaufnahmen, sondern die raw reality menschlicher Beziehungsdynamiken.

Add to Cart, Blessings © Tina Sturzenegger

Besonders bewegend ist der Jury Award an Karla Hiraldo Voleau, deren Werk «You Can Have It All (In Return for Everything)» den Körper als Ort des Widerstands und der Transformation nutzt. In der Tradition von Künstlerinnen wie Ana Mendieta reclaimt sie Freude als politischen Akt jenseits von Perfektionswahn. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wahres Glück vielleicht nicht im Erreichen eines idealen Zustands liegt, sondern in der Freiheit, vollständig und wahrhaftig zu fühlen – mit allen Narben und Brüchen. Von den post-sowjetischen Identitätssuchen Varvara Uhliks bis zur satirischen Konsumkritik Tina Sturzeneggers spannt das Festival einen Bogen, der das Publikum aus der passiven Betrachtung holt. Es ist eine Einladung, das eigene Verständnis von Zufriedenheit zu hinterfragen und zu erkennen, dass das Glück vielleicht gerade dort am greifbarsten ist, wo es am wenigsten perfekt erscheint.

The Taste of Travel, SBB Historic Archivs

Das Fotofestival Lenzburg wird am 9. Mai eröffnet und dauert bis zum 7. Juni 2026

Orte:
Lenzburg: Stapferhaus, Schloss Lenzburg, Müllerhaus, Müli-Märt, Altstadt (Open Air)
Aarau: Stadtmuseum
Baden: Merkareal (Open Air, neu)

Happy Pills, Galimberti © Paolo Woods

Wenn Bilder heilen - Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst…

Spring – Four Seasons, 2006 © Wendy Red Star, courtesy the artist; collection of the Newark Museum of Art

Was geschieht, wenn wir aufhören, Geschichte als monolithischen Block zu betrachten, und stattdessen beginnen, ihre Risse, Leerstellen und verdrängten Ecken mit Vorstellungskraft zu füllen? Die aktuelle Ausstellung im Museum Rietberg wagt genau diesen mutigen Schritt. Sie ist keine blosse Präsentation von Kunstwerken, sondern ein Akt des kollektiven Erinnerns und der aktiven Neuverhandlung unseres visuellen Gedächtnisses. Der Titel «Fast ein Paradies» nimmt ein kraftvolles Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009) auf: «Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, wenn wir erkennen, dass es niemals eine einzige Geschichte über einen Ort gibt, gewinnen wir eine Art Paradies zurück.» Genau diese Haltung leitet die zwanzig internationalen Künstlerpersönlichkeiten, die sich in dieser Ausstellung kritisch, poetisch und visionär mit kolonialzeitlichem Fotomaterial auseinandersetzen.

Das Avós (Von Grossmüttern), 2019 © Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes Wood DM

Das Herzstück der Ausstellung bildet die transformative Kraft der zeitgenössischen Kunst im Umgang mit dem fotografischen Erbe der Kolonialzeit. Die Kuratorinnen haben die Arbeiten in vier narrative Kapitel gegliedert, die wie Bewegungen in einer Symphonie der Erinnerung wirken. Im ersten Kapitel, «Formwandler*innen», wird die Abwesenheit von Bildern zum eigentlichen Sujet. Künstlerinnen und Künstler wie Rosana Paulino aus Brasilien oder Cédric Kouamé aus der Côte d’Ivoire machen schmerzhaft deutlich, dass das Fehlen von Fotografien schwarzer Personen oder die physische Zersetzung von Archivmaterial in tropischem Klima keine zufälligen Lücken sind, sondern Zeugnisse von Ausblendung und Machtstrukturen. Paulinos monumentale «Parede da Memória», in der sich elf Porträts 750-mal wiederholen, schreit geradezu nach Sichtbarkeit in einem kollektiven Gedächtnis, das sie bisher ignoriert hat.

Otjze I – Rituals of Initiation, 2022 © Tuli Mekondjo, courtesy the artist and Guns & Rain

Das zweite Kapitel, «Konfrontation», dekonstruiert die klischeehaften Bildwelten, die während der Kolonialzeit produziert wurden und unser globales Bildgedächtnis bis heute prägen. Hier wird der Kamera, die einst als Instrument zur Feststellung vermeintlicher «Andersartigkeit» diente, der Spiegel vorgehalten. Wendy Red Star konterkariert in ihrer Serie «Four Seasons» die idealisierte Darstellung indigener Nordamerikanerinnen durch den bewussten Einsatz von Plastikblumen und Kunstrasen, während Omar Victor Diop sich in «Being There» nonchalant in idyllische Szenen des weissen Amerikas der 1950er-Jahre projiziert – Orte, an denen er als schwarzer Mann zur Zeit der Rassentrennung nicht hätte sein dürfen. Diese Werke sind nicht nur Kritik; sie sind Akte der Aneignung und des Widerstands, die dominante Narrative erschüttern.

Tailoring Freedom – Delia, profile, 2023 © Sasha Huber, courtesy the artist, Harvard University

Besonders bewegend ist das dritte Kapitel «Fürsorge», in dem Künstlerinnen und Künstler historische Aufnahmen von Unrecht mit radikalem Mitgefühl behandeln. Sasha Huber, deren Arbeit tief in der Schweizer Kolonialverstrickung wurzelt, «repariert» Fotografien von versklavten Menschen, die vom Naturforscher Louis Agassiz für rassistische Studien missbraucht wurden. Mit einer Tackerpistole schiesst sie schimmernde Heftklammern in die Bilder, die wie Rüstungen wirken und die Porträtierten vor dem objektifizierenden Blick schützen. Ähnlich verwandelt Mary Enoch Elizabeth Baxter einen historischen Moment der Sexualisierung eines schwarzen Mädchens in einen Ort der Sicherheit, indem sie ihren eigenen Körper als Schutzraum anbietet. Hier wird Kunst zur Instanz der Heilung, die zwar die koloniale Wunde nicht vollständig schliessen kann, aber einen Raum für Anerkennung und Würde eröffnet.

Picnic, 2024 © Frida Orupabo, courtesy the artist; Museum Rietberg

Im finalen Kapitel «In the Photo Fantastic» greifen die Künstlerinnen und Künstler auf die Methode der «kritischen Fabulation» zurück, um historische Leerstellen mit Imagination zu füllen. Raphaël Barontini kehrt den kolonialen Blick um, indem er Nobosudru, eine Frau aus dem Kongo, die 1924 zum Symbol «der afrikanischen Frau» stilisiert wurde, zur Autorin ihrer eigenen Geschichte macht. Andrea Chung erschafft mit dem Mythos von Drexciya ein paradiesisches Unterwasserreich als Ort des Überlebens für jene, die während des Sklavenhandels ins Meer geworfen wurden. Diese spekulative Bildpraxis entlässt die Porträtierten in einen Raum voller Möglichkeiten, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfliessen.

Individual Beings (Moving VI), 2023–24 © Dimakatso Mathopa, courtesy the artist; Museum Rietberg

Die Schweizer Künstlerin Sasha Huber, geboren 1975 in Uster und heute in Helsinki lebend, nimmt in dieser Ausstellung eine zentrale Position ein. Mit ihren schweizerisch-haitianischen Wurzeln verbindet sie in ihrer Arbeit Geschichte und Gegenwart auf eindringliche Weise. Ihr charakteristisches Stilmittel, die Tackerpistole, symbolisiert sowohl Schmerz als auch den Versuch der Heilung kolonialer Wunden. Huber, die derzeit an der Zürcher Hochschule der Künste promoviert, versteht ihre Kunst als reparative Intervention. Ihre Teilnahme an dieser Ausstellung unterstreicht einmal mehr ihre internationale Bedeutung als Stimme für Zugehörigkeit und Fürsorge im Kontext postkolonialer Aufarbeitung.

Se o mar tivesse varandas (Hätte das Meer Balkone) #4, 2017 © Aline Motta, courtesy the artist

Das Museum Rietberg in Zürich, gelegen an der Gablerstrasse 15, profiliert sich mit «Fast ein Paradies» einmal mehr als führende Institution für aussereuropäische Kunst. Das Haus verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die als roter Faden durch alle Ausstellungskapitel ziehen. Diese eigenen Bestände aus Afrika und Asien werden nicht nur gezeigt, sondern aktiv von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern befragt und neu interpretiert. Ein eigens produzierter Film und ein partizipativer Ansatz, bei dem Zürcher Bürgerinnen und Bürger ihre privaten Fotoalben einbringen, erweitern den musealen Raum zu einem Ort des dialogischen Austauschs und der visuellen Vielstimmigkeit.

The Golden Ladies, 2026 © Raphaël Barontini, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist

Die Gruppenausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» ist noch bis zum 6. September 2026 im Museum Rietberg zu sehen.

Zwischen Ordnung und Chaos: Sandro Livio Straubes offenes Archiv…

© Sandro Livio Straube

Fotografie wird oft als das Medium der Fixierung verstanden – ein Werkzeug, um den flüchtigen Augenblick einzufangen und für die Ewigkeit zu bewahren. Doch was geschieht, wenn das Bild nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt begriffen wird? In der Ausstellung «Unsortiert» präsentiert Sandro Livio Straube eine Antwort, die so bestechend wie einfach ist: Das Archiv ist kein statischer Speicher, sondern ein lebendiges visuelles Archiv. Über siebzehn Jahre hinweg hat der Fotograf Bilder gesammelt, die nun bewusst ohne chronologische Zwänge oder thematische Schubladen miteinander in Dialog treten.

© Sandro Livio Straube

Straubes Ansatz entzieht sich der klassischen Erwartungshaltung an eine Retrospektive. Statt einer linearen Entwicklung folgt die Hängung der Logik des Assoziativen. Die Arbeiten, entstanden zwischen 2009 und 2026, stammen aus unterschiedlichsten Kontexten und wurden mit variierenden Techniken realisiert. Genau diese Heterogenität bildet das Herzstück der Ausstellung. Wie der Künstler selbst formuliert, dient ihm die Fotografie dazu, «Gedanken – und vielleicht auch mich selbst – zu ordnen». Doch dieser Ordnungsversuch ist paradox: Jede neue Aufnahme generiert zugleich neue Schichten von Material, neue Zusammenhänge und damit neue Unordnung. Das Archiv wächst, und mit ihm die Aufgabe, Beziehungen zwischen den Bildern immer wieder neu zu denken. In diesem Sinne sind die ausgestellten Werke keine abgeschlossenen Monumente, sondern Fragmente eines fortlaufenden Prozesses. Sie zeugen von der Suche nach Verbindungen im chaotischen Fluss des Lebens und halten das Denken in Bewegung, anstatt es in starren Kategorien ruhen zu lassen.

© Sandro Livio Straube

Sandro Livio Straube, geboren 1992 in Zürich, bewegt sich als Schweizer Architekt und Fotograf mühelos zwischen diesen beiden Disziplinen. Seine Praxis ist geprägt von fliessenden Übergängen zwischen der künstlerischen Fotografie und der Baukunst. Neben seiner Tätigkeit als Architekturfotograf für verschiedene Büros und der Teilnahme an Architekturwettbewerben, verfolgt er freie Projekte wie die Langzeitserie «Berge bleichen». Seine Arbeiten wurden international in Galerien, Museen und auf Messen gezeigt. Straube lebt und arbeitet heute in Vella und Lumbrein im Kanton Graubünden, wo er weiterhin den Raum zwischen gebauter Umwelt und bildlicher Reflexion auslotet.

Quallen, 2025 © Sandro Livio Straube

Die Galerie 94, geführt von Sascha Laue, ist dabei der ideale Ort für eine solche Position. Eingebettet im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden, versteht sich der Raum unter dem Leitspruch «augensache» als dedizierter Ort für Fotografie und Kunst. Das Programm spannt einen Bogen zwischen der Präsentation etablierter Positionen und der Förderung zeitgenössischer, aufstrebender Talente – ein Umfeld, in dem Straubes reflektierter Umgang mit dem Medium optimal zur Geltung kommt.

© Sandro Livio Straube

Vom 8. Mai bis 27. Juni 2026 lädt die Galerie 94 in Baden ein, dieses visuelle Archiv zu betreten. Die Vernissage findet am 7. Mai statt; vertiefende Einblicke gewährt ein Artist Talk mit dem Künstler am Samstag, 23. Mai 2026, um 15 Uhr.

Die Architektur des Sehens…

Aus der Serie Three Times a Day No1, 2010, © Beate Spitzmüller

Die Ausstellung «sight·seeing» von Judith Brunner und Beate Spitzmüller fordert eine Korrektur unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Der Titel ist keine Einladung zum touristischen Konsum von Ansichten, sondern ein Imperativ zum Innehalten. In einer Zeit, in der urbane Räume oft nur als Kulisse für schnelle Bewegungen dienen, dekonstruieren die beiden Künstlerinnen die Stadt als lebendiges Gefüge aus Übergängen, Kräften und Einschreibungen. Ihre Arbeiten verstehen das Urbane nicht als statische Grösse, sondern als Resonanzraum, in dem sich menschliche Existenz, architektonische Struktur und natürliche Umgebung fortwährend neu verhandeln.

moves11 crawl, Athen OAKA Calatrava, 2019 © Judith Brunner

Im Dialog der beiden künstlerischen Positionen entfaltet sich ein spannungsvolles Narrativ über die Beschaffenheit unserer Lebenswelt. Judith Brunner nähert sich dem Thema durch die Malerei. Ihre farbintensiven Bildräume, entstanden aus Acryl, Öl und irisierenden Pigmenten, verdichten urbane Strukturen zu energetischen Konstellationen. Es ist ein visueller Balanceakt: Weite, gestisch aufgetragene Farbflächen treffen auf präzise gesetzte geometrische Linien, die das scheinbar Stabile durchbrechen. In Serien wie «Gates» und «Moves» werden Brücken und Schwellen zu Metaphern für Transformation. Die Stadt wird hier zum Sinnbild gesellschaftlicher und existenzieller Prozesse zwischen Stabilität und Auflösung, zwischen Vertrautem und Ungewissem.

Aus der Serie Corpora No3, 2015 © Beate Spitzmüller

Dieser malerischen Abstraktion stellt Beate Spitzmüller eine verfremdete Realität gegenüber. Ihre schwarzweissen Fotografien, entstanden an Orten von Island bis Johannesburg, entziehen sich der blossen Abbildfunktion. Durch analoge und digitale Eingriffe wie Solarisationen und Überlagerungen werden Landschaften durchlässig, Körper zu Schattenflächen verdichtet. Was als Dokument beginnt, entpuppt sich als komplexer Bildraum, in dem Stadt und Natur ineinandergreifen. Ergänzt durch filmische Umsetzungen von Bleistiftzeichnungen, bei denen Linien in Bewegung geraten und Rhythmen sich verschieben, verweist Spitzmüller auf den fortwährenden Wandel aller Erscheinungen.

moves14, Puente-de-Conchi-Chile, 2021, © Judith Brunner

In dieser Verflechtung entsteht mehr als eine blosse Gegenüberstellung von Farbe und Schwarzweiss. Brunners Gemälde setzen strukturelle Akzente, während Spitzmüllers Arbeiten diese Setzungen in eine dynamische Wechselwirkung überführen. Es ist ein künstlerischer Dialog über urbane Räume als bewegliche Systeme. Hier überlagern sich Zeit, Erinnerung und Imagination. Das «sight·seeing» wird zum Akt der Erkenntnis: Die Stadt ist kein geschlossenes Gefüge, sondern ein offener Prozess, in dem innere und äussere Landschaften miteinander verschmelzen und ihre Grenzen permanent neu definieren.

Aus der Serie DAYbyDAY 03.02.2021, stop motion (01.01.2020-31.12.2024), seit 2006 © Beate Spitzmüller

Judith Brunner (*1955) studierte freie Malerei und Grafik an der UdK Berlin. Nach einem DAAD-Stipendium in New York und einem Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft lebte und arbeitete sie viele Jahre in den USA, wo sie unter anderem an der School of Visual Arts lehrte. Ihre Arbeiten sind in renommierten Sammlungen vertreten, darunter die Berlinische Galerie und das Kupferstichkabinett Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Beate Spitzmüller (*1963) studierte Keramik in Strassburg sowie Bildende und Interdisziplinäre Kunst in Freiburg und Frankfurt. Zu ihren prägenden Erfahrungen zählt die Mitarbeit am «Leeren Museum» von Ilja Kabakov. Ihre prozessorientierten Arbeiten untersuchen Verdichtungen von Stadtlandschaften und die Auflösung natürlicher Welten. Mit Stipendien in Norwegen, der Schweiz, Südafrika und Schweden sowie zahlreichen internationalen Ausstellungen ist ihre Arbeit weltweit sichtbar. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

moves10, Iowa High Threstle, 2019 © Judith Brunner

Verankert ist diese Präsentation in den kommunalen Galerien in Tempelhof-Schöneberg, die sich als offene Foren für zeitgenössische Kunst und kulturellen Austausch verstehen. Als Teil der Berliner Kunstlandschaft präsentieren sie in wechselnden Ausstellungen nationale und internationale Positionen, wobei ein Fokus auf diskursiven Formaten und der Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum liegt. Die Programme fördern den Dialog über gesellschaftlich relevante Themen und bieten Raum für experimentelle sowie etablierte künstlerische Ansätze. 

Die Ausstellung sight·seeing wird am 30. April 2026 eröffnet und kann bis zum 5. Juli 2026 im der kommunalen Galerie im Tempelhof Museum besucht werden.

Monica Biancardi: Wenn das Leben zum kostbarsten Kapital wird…

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das Projekt "Il capitale che cresce" von Monica Biancardi ist weit mehr als eine rein fotografische Dokumentation; es ist das Ergebnis einer siebzehnjährigen, leisen Begleitung. Die Arbeit stellt eine tiefgehende Untersuchung von Identität, Resilienz und dem schleichenden Verlust von Freiheit im palästinensischen Kontext dar. Den Kern dieser künstlerischen Auseinandersetzung bilden elf Schwarz-Weiss-Fotografien, die zwischen 2009 und 2023 entstanden sind. Sie zeigen das Heranwachsen der beduinischen Zwillinge Sara und Sarah, denen die Künstlerin auf einer ihrer zahlreichen Reisen begegnete. Mit analogen Mittelformatkameras eingefangen, zeugen diese Porträts von einer aussergewöhnlichen Sensibilität und einem über Jahre gewachsenen Vertrauensverhältnis. Die Bilder machen dabei nicht nur die physische Verwandlung der jungen Frauen sichtbar, sondern reflektieren auch die tiefgreifenden Metamorphosen ihrer sozialen Rollen sowie die fortschreitende Einschränkung ihrer Lebensperspektiven. Jede Aufnahme fängt die Spannung zwischen Beständigkeit und Wandel ein und vermittelt die stille Widerstandskraft der beiden Protagonistinnen.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Um die persönliche Geschichte der Zwillinge in einen grösseren gesellschaftspolitischen Rahmen zu setzen, wird die Erzählung durch ergänzende Werke erweitert, welche die Tragweite des Projekts verstärken. Eine Kartografie des Wandels in Form von sieben auf Plexiglas gravierten Karten verdeutlicht die progressive Fragmentierung des palästinensischen Territoriums seit der historischen Palästina-Karte von 1917 bis heute. Diese historische Einordnung wird durch eine visuelle Reise in Videoform ergänzt, die den Weg von Ostjerusalem bis zum Dorf Hataleen nachzeichnet und so die physische Realität der Geografie erfahrbar macht. Zudem thematisiert eine Auswahl von Zeichnungen ortsansässiger Kinder das Meer – ein Ort, der geografisch zwar nah, für die Gemeinschaft jedoch faktisch unerreichbar bleibt und somit lediglich in der Vorstellung existiert.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Die Arbeit, welche als Gewinner des PAC – Piano per l’Arte Contemporanea 2025 ausgezeichnet wurde, versteht zeitgenössische Kunst als Instrument für Bewusstsein und Dokumentation. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Betrachtung der aktuellen Veränderungen in den menschlichen und kulturellen Geografien. In einem begleitenden Diskurs zwischen der Künstlerin und Experten wie Eyal Weizman, Lorenzo Benedetti oder der Kuratorin Chiara Gatti werden die zentralen Themen wie Zeit, Transformation und das fundamentale Recht auf Freiheit weiter vertieft. So entsteht ein Raum, in dem das "wachsende Kapital" nicht ökonomisch, sondern als das Wachstum des menschlichen Lebens unter erschwerten Bedingungen verstanden wird.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Monica Biancardi ist eine italienische Künstlerin und Fotografin, deren Werk sich durch die Verbindung von poetischer Ausdruckskraft und dokumentarischer Präzision auszeichnet. Ein zentrales Merkmal ihrer Arbeitsweise ist die Verwendung analoger Mittelformatkameras, mit denen sie soziale und menschliche Metamorphosen über lange Zeiträume hinweg einfängt. Ihre Projekte entstehen oft aus einer tiefen, jahrelangen Begleitung ihrer Protagonisten, wobei Themen wie Identität, soziale Rollen und die Transformation kultureller Geografien im Fokus stehen. Ihre künstlerische Forschung wird regelmässig durch nationale Förderprogramme wie den PAC (Piano per l’Arte Contemporanea) gewürdigt.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das MAN Museo d’Arte della Provincia di Nuoro versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Ort der Dokumentation und Reflexion. Es fördert zeitgenössische Kunst als Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen festzuhalten und ein tieferes Bewusstsein für die Veränderungen in menschlichen und kulturellen Lebensräumen zu schaffen. Durch die Unterstützung innovativer Projekte im Rahmen des nationalen Förderprogramms PAC trägt das Museum massgeblich zur Erforschung aktueller Themen bei.

Die Ausstellung "Il capitale che cresce" kann vom 24. April bis zum 14. Juni 2026 besucht werden.

Palestina Map 2022

Zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit: Sebastian Copelands Grönland…

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Wenn die Natur spricht und wir nicht zuhören, lässt uns die Fotografie mit den Augen hören. Dieses Credo leitet Sebastian Copeland, einen der bedeutendsten Abenteurer und Fotografen unserer Zeit, dessen Werk tiefer geht als die blosse Dokumentation einer Landschaft. Im Haus der Fotografie entfaltet sich mit "Greenland: The Last Generation on Ice" eine immersive Reise durch eine Welt, die von atemberaubender Schönheit, zugleich aber von extremer Fragilität geprägt ist.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Copeland, einst kommerzieller Modefotograf auf der Madison Avenue, hat seine Karriere radikal neu ausgerichtet, um bedrohte Lebensräume ins Zentrum des globalen Bewusstseins zu rücken. Seine 27 Polarexpeditionen, bei denen er über 12'000 Kilometer auf Skiern zurücklegte – darunter eine Durchquerung der Antarktis –, sind nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern akribische Studien einer archaischen Natur. Bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad, konfrontiert mit Gletscherspalten und Eisbären, riskiert er sich selbst, um Momente festzuhalten, die wenigen Menschen vergönnt sind. Das Ergebnis sind Fotografien und Filme, die über mehrere Stockwerke verteilt den Betrachter in den Bann ziehen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Stärke von Copelands Arbeit liegt in ihrer Fähigkeit, die Distanz zwischen der realen, schmelzenden Eiswelt und der Wahrnehmung des Publikums zu überwinden. Seine Bilder der grönländischen Arktis und ihrer Inuit-Bevölkerung sind mehr als ästhetische Objekte; sie sind ein Appell. "Den Menschen zu helfen, sich in diese Welt zu verlieben, ist ein Katalysator für den Wunsch, sie zu schützen", so der Künstler, der auch als Klimaanalyst und Gründer der Sedna Foundation agiert. Die Ausstellung bietet somit keine passive Betrachtung, sondern eine emotionale Konfrontation mit der Klimakrise. Sie erinnert daran, dass das Eis, das wir bewundern, eine endliche Ressource ist – und dass Copelands Generation vielleicht die letzte ist, die sie in dieser Form erleben darf.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Sebastian Copeland gilt als einer der bedeutendsten Abenteurer unserer Zeit. Der preisgekrönte Polarforscher und Umweltschützer nutzt seine internationale Bekanntheit als Redner bei den Vereinten Nationen und seine Kunst, um global für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Nach seiner Karriere als Modefotograf widmet er sich seit über 25 Jahren ausschliesslich der Dokumentation bedrohter Polarregionen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Diese visionäre Arbeit findet im Haus der Fotografie in Olten ihre ideale Bühne. Der seit 2021 bestehende, dynamische Ausstellungsort hat sich unter der Ägide des International Photo Festival Olten (IPFO) schnell als kulturelle Instanz etabliert. In der Kirchgasse präsentiert das Haus regelmässig Werke von Weltformat – von David Lynch bis Martin Parr – und verbindet dabei kunstvolle Ästhetik konsequent mit gesellschaftlich relevanten Themen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Ausstellung "Greenland: The Last Generation on Ice" kann vom 11. April bis zum 19. Juli 2026 im Haus der Fotografie in Olten besucht werden.

Die Würde des Augenblicks: Das humanistische Erbe von Fred Stein…

Gypsy Rose Lee, 1957 © Fred Stein

Lange Zeit wurden die Arbeiten von Fred Stein (1909–1967) unterschätzt. Heute gilt sein Werk als massgebliche Brücke zwischen der europäischen Avantgarde und der amerikanischen Dokumentarfotografie. Stein war kein blosser Chronist des Urbanen; er war ein Seismograf der menschlichen Existenz, der dokumentarische Präzision mit einem zutiefst empathischen, humanistischen Blick vereinte. 

Steins Biografie ist untrennbar mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts verwoben. 1933 sah sich der promovierte jüdische Rechtsanwalt gezwungen, aus seiner Geburtsstadt Dresden vor dem NS-Regime zu fliehen. Diese Erfahrung von Exil und Verlust prägte sein gesamtes Schaffen und führte zu einer besonderen Sensibilität für Menschen am Rande der Gesellschaft – wie Immigranten, Arbeiter und Passanten. Zunächst in Paris und später in New York verlieh diese Perspektive seinen Aufnahmen eine unverwechselbare, würdevolle Tonalität.

Flatrion Building, New York, 1947 © Fred Stein

In seinen frühen Pariser Arbeiten der 1930er-Jahre experimentierte Stein mit den stilistischen Mitteln der Moderne, wie unkonventionellen Blickwinkeln und starken Kontrasten. Dennoch unterschied er sich von Vertretern des «Neuen Sehens» durch den Verzicht auf extreme Formalismen zugunsten eines erzählerischen, beinahe literarischen Blicks. Nach seiner Übersiedlung nach New York fand dieser Stil in der Darstellung der pulsierenden Metropole seine Vollendung: Seine Strassenfotografie zeigt Menschen in Bewegung, spielende Kinder und Arbeitswelten in Begegnungen, die von Nähe und Respekt geprägt sind.

Gilr in Car, New York, 1947 © Fred Stein

Besonders hervorgehoben wird Steins Porträtfotografie. Zu seinen bekanntesten Bildern gehören Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Hannah Arendt, Georgia O'Keeffe und Salvador Dalí. Diese Porträts sind weniger repräsentative Inszenierungen als vielmehr psychologisch dichte Dialoge zwischen Fotograf und Modell. Stein arbeitete meist mit natürlichem Licht und bevorzugte reduzierte Kompositionen, um die Konzentration auf Blick, Haltung und Ausdruck zu lenken. Statt Heroisierung entstand eine Intimität, die den Menschen hinter der öffentlichen Figur sichtbar macht.

Man in Pushcart, New York, 1944 © Fred Stein

In Deutschland wird das Werk von Fred Stein exklusiv durch die Galerie noir blanche repräsentiert. Die Galerie wurde im Frühjahr 2017 gegründet und ist nach ihrem Umzug im Jahr 2023 im Düsseldorfer Stadtteil Flingern beheimatet. Ihr Name ist eine Hommage an Man Rays ikonisches Foto Noire et Blanche von 1926. In ihren hellen Räumen zeigt die Galerie neben Fred Stein gut 35 internationale Fotografen – darunter Andy Warhol, Gered Mankowitz und F.C. Gundlach – mit einem besonderen Schwerpunkt auf Schwarz-Weiss-Abzügen und handverlesenen Vintage-Prints. 

Die Ausstellug Fred Stein kann vom 10. April – 30. Mai 2026 in der Galerie noir blanche in Düsseldorf besucht werden.

Körper als Widerstand: Die visuelle Rebellion der Yumna Al-Arashi..

I Am Whoever You, Want Me to Be, 2018, from the series Axis of Evil © Yumna Al-Arashi

In der zeitgenössischen Fotografie gibt es Stimmen, die weit über das blosse Abbilden hinausgehen und bestehende Machtstrukturen aktiv dekonstruieren. Eine dieser prägnanten Stimmen gehört der jemenitisch-ägyptisch-amerikanischen Künstlerin Yumna Al-Arashi. Ihr Werk versteht sich als ein vielschichtiges Manifest, das sich gegen die weltweite Unterdrückung und Stereotypisierung von Frauen auflehnt. Dabei navigiert Al-Arashi in ihren Arbeiten sicher zwischen verschiedenen emotionalen und ästhetischen Registern, die von provokativer Verspieltheit über tiefe Poesie bis hin zu trotzigem Zorn reichen. Ihr Fokus liegt insbesondere auf der Darstellung der arabischen Welt sowie der Aufarbeitung kolonialer Erbschaften, die unser heutiges Denken noch immer unbewusst prägen.

Let Me In I, 2024, from the series, Let Me In (2024–doorlopend/ongoing) © Yumna Al-Arashi

Vom Dokumentarischen zur konzeptionellen Befreiung
Der Weg zur autonomen Kunst führte Al-Arashi ursprünglich über die klassische Dokumentarfotografie. Als Autodidaktin schuf sie zunächst Bilder für renommierte Publikationen wie National Geographic oder die New York Times. Doch der internationale Erfolg brachte ethische Bedenken mit sich: Al-Arashi erkannte die „Gewalt“, die der Fotografie durch ihre Machtdynamik innewohnt – eine Dynamik, die sich bereits in kriegerischen Begriffen wie „einfangen“ oder „aufnehmen“ widerspiegelt. 

Um dieser Einseitigkeit zu entkommen, entwickelte sie eine politischere, konzeptionelle Bildsprache. In ihren heutigen Werken schützt sie die Identität und Würde der porträtierten Frauen, indem sie deren Stärke und Schönheit radikal ins Zentrum rückt. Bemerkenswert ist dabei ihr Verzicht auf die schützende Anonymität hinter der Kamera: In konzeptuellen Selbstporträts macht sie ihren eigenen Körper zum integralen Bestandteil des politischen Dialogs und bricht so die traditionelle Hierarchie zwischen Fotografin und Motiv endgültig auf.

Looking at You Looking at Me, Looking at You IV, 2018, from the series Looking at You Looking at Me Looking at You © Yumna Al-Arashi

Ikonografie des Widerstands
Ein zentrales Motiv in Al-Arashis Schaffen ist die direkte Konfrontation mit westlicher Propaganda. Geprägt durch ihre Jugend in Washington D.C. während des „Krieges gegen den Terror“, hinterfragt sie die stigmatisierenden Erzählungen über die Herkunftsländer ihrer Vorfahren. Dies zeigt sich besonders deutlich in ihrem Diptychon Axis of Evil (2020), in dem sie Frauen aus sogenannten „Schurkenstaaten“ porträtiert. Durch die geschickte Gegenüberstellung von Profil- und Frontalansicht betont sie sowohl gemeinsame Züge als auch einen kollektiven Kampfgeist. Ähnlich kraftvoll agiert die Serie Shedding Skin (2017), welche in einem Beiruter Badehaus entstand. Hier eignet sich Al-Arashi die historisch oft orientalistisch verzerrte Sicht auf das Hamam neu an und ersetzt sie durch ein authentisches Bild weiblicher Solidarität. 

Northern Yemen II, 2013, from the series Northern Yemen (2013–2014) © Yumna Al-Arashi

Einen Höhepunkt ihres bisherigen Œuvres stellt das Buchprojekt Aisha (2024) dar, das auf Fotografien ihrer jemenitischen Grossmutter basiert und die verschwindende Tradition der Gesichtstätowierungen bei älteren Generationen nordafrikanischer Frauen dokumentiert. Das Werk, das 2025 als „schönstes Schweizer Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurde, fungiert als liebevolles Gegengewicht zur kolonial gefärbten Darstellung dieser Frauen in westlichen Archiven. Inspiriert von den Thesen Audre Lordes begreift Al-Arashi den Körper dabei als Träger von Erinnerungen und Quelle einer lebensbejahenden, erotischen Kraft. Für sie ist die bewusste Entscheidung über das eigene Aussehen der grösste Akt der Rebellion gegen eine Gesellschaft, die den weiblichen Körper ununterbrochen kontrollieren will.

South – Fire, 2025, from the series Tears for the Future © Yumna Al-Arashi, collection Huis Marseille

Yumna Al-Arashi wurde 1988 in Washington D.C. geboren und lebt seit 2020 in der Schweiz. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften in New York schloss sie 2022 ihren Master in Bildender Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre Arbeiten wurden bereits international in bedeutenden Institutionen wie dem MoMA PS1 in New York, dem Helmhaus Zürich oder dem Institut du Monde Arabe in Paris gezeigt.

East – Wind, 2025, from the series Tears for the Future © Yumna Al-Arashi, collection Huis Marseille

Den passenden Rahmen für ihre Einzelausstellung bietet das Huis Marseille, das seit 1999 als Amsterdams erste Adresse für Fotografie gilt. Untergebracht in zwei prachtvollen Kanalhäusern aus dem 17. Jahrhundert an der Keizersgracht, bietet es einen organischen Kontrast zum klassischen „White Cube“. Die authentischen Räume verstärken die Wirkung der gezeigten Werke, die oft speziell für diese Architektur konzipiert werden. Das Museum widmet sich fortlaufend der Frage, wie eine neue Bildsprache den Zeitgeist und den künstlerischen Charakter des Mediums widerspiegeln kann. 

Die Ausstellung Body as Resistance von Yumna Al-Arashi kann vom 14. Februar – 21. Juni 2026 im Huis Marseille in Amsterdam besucht werden.

Frank Horvat: Den Augenblick gewähren lassen...

Givenchy Hat for JDM, Paris, France, 1958 © Frank Horvat

Im Herzen der Provence, wo Weinreben auf zeitgenössische Architektur treffen, widmet das Château La Coste dem grossen Fotografen Frank Horvat eine bemerkenswerte Ausstellung. Unter dem Titel «Laisser la vie se produire» (Das Leben geschehen lassen) lädt die Galerie des Anciens Chais dazu ein, die Welt durch die Linse eines Mannes zu betrachten, der die Fotografie als einen Akt der Freiheit verstand.

For Glamour, Central Park, New York, USA, 1959 © Frank Horvat

Ein Titel als Lebensphilosophie
Der Name der Ausstellung ist einer Zeile von Rainer Maria Rilke entlehnt – einem Dichter, den Horvat tief verehrte. Es ist weit mehr als nur ein Motto; es ist eine Einladung, die Welt so zu bewohnen, wie sie ist. Horvats Werk zeichnet sich durch eine seltene Unvoreingenommenheit aus: Er liess flüchtige Momente, Körper in Bewegung und unerwartete Blickwinkel entstehen und stellte damit die Fähigkeit der Fotografie auf die Probe, die Zeit anzuhalten und gleichzeitig offen für den Zufall zu bleiben.

Monique Dutto at métro exit, for Jours de France, Paris, France © Frank Horvat

Vom Pariser Nachtleben zum Mode-Revoluzzer
Die Präsentation versammelt 46 Originalabzüge, die die Zeitspanne von Mitte der 1950er bis Ende der 1980er Jahre abdecken. Besonders eindrücklich sind seine frühen Schwarz-Weiss-Serien aus Paris und London. In der berühmten Serie Paris de nuit blickte er auf das Nachtleben der Nachkriegszeit. Seine Bilder von Tänzern, Nachtschwärmern und einsamen Cafés sind oft körnig, dunkel und von einer melancholischen Sinnlichkeit durchzogen.

Doch Horvat war kein reiner Dokumentarfotograf. Er revolutionierte die Modefotografie, indem er sie aus dem sterilen Studio auf die Strasse holte. Sein «Reportage-Stil» setzte auf natürliche Gesten und die Spontaneität des echten Lebens, ohne dabei den Sinn für Eleganz und Glamour zu verlieren. Für Magazine wie Vogue, Harper’s Bazaar oder Glamour schuf er Bilder, die bis heute durch ihre Modernität bestechen.

Carol Lobravico at Café Flore, for Harper's Bazaar, french high fashion, Paris, France, 1962 © Frank Horvat

Die Essenz des Unwiederholbaren
Für Frank Horvat war ein gutes Foto eines, das man nicht noch einmal machen kann. Er betonte, dass ein Bild unvorhersehbar sein müsse und alles darin enthaltene notwendig sein solle. Ob es seine frühen Reisen nach Indien, seine farbintensiven New-York-Serien der 80er Jahre oder seine späten digitalen Experimente waren: Horvat blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2020 ein Beobachter, der dem Moment mit Demut und Neugier begegnete.

Quai du Louvre, Couple, Paris, France, 1955 © Frank Horvat

Das Château La Coste liegt in einer der geschichtsträchtigsten Weinbauregionen Frankreichs, eingebettet in die malerische Landschaft zwischen Aix-en-Provence und dem Nationalpark Luberon. Seit der Eröffnung für das Publikum im Jahr 2011 hat sich das 200 Hektar grosse Anwesen zu einem Ort entwickelt, an dem Weinbau, zeitgenössische Kunst und moderne Architektur in einer einzigartigen Harmonie koexistieren. Besucher können auf dem Gelände über vierzig bedeutende Kunstwerke entdecken, die im Dialog mit der provenzalischen Natur aus Zypressen, Pinien und jahrhundertealten Eichen stehen.

Red coat in front of Upper West Side building, Upper West side, New York, 1984 © Frank Horvat

Die Ausstellung Laisser la vie se produire von Frank Horvat kann vom 15. Februar bis zum 12. April 2026 in der Galerie des Anciens Chais in Le-Puy-Ste-Réparade besucht werden.

 

Die Zähmung des Ungezähmten: Laurence Kubskis SAUVAGES...

Reconstitution d’un souvenir d’enfance, le concours de vitesse d’escargots 2024, © Laurence Kubski

In der zeitgenössischen westlichen Kultur ist das Bild der unberührten Natur längst einer Realität gewichen, in der jedes Lebewesen seinen Platz in einem engmaschigen System aus menschlicher Kontrolle und Fürsorge findet. Genau diesem Spannungsfeld widmet sich die Fotografin Laurence Kubski in ihrem Projekt SAUVAGES (dt. Wild).

Broches en forme d’edelweiss fabriquées par un chasseur à partir de dents de renards qu’il a luimême abattus 2024 © Laurence Kubski

Über den Zeitraum eines Jahres dokumentierte Kubski die vielfältigen Interaktionen zwischen Mensch und Tier im Kanton Freiburg. Ihre Linse fängt dabei Momente ein, in denen die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation zunehmend verschwimmt: Die Motive reichen von der technisierten Rettung von Rehkitzen mittels Drohnen vor der Mahd bis hin zur wissenschaftlichen Katalogisierung von Fledermäusen und Vögeln. Diese dokumentarischen Einblicke verwebt sie geschickt mit persönlichen Kindheitserinnerungen aus dem ländlichen Freiburg, wie etwa der Inszenierung eines Schneckenrennens.

Autocollants à appliquer sur les vitres pour éviter les collisions d’oiseaux 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung wirft damit die provokante Frage auf: Existiert das Wilde überhaupt noch? Kubskis Werk zeigt eine Fauna, die entweder überwacht, gejagt oder geschützt wird – aber in jedem Fall unter ständigem menschlichem Einfluss steht. Ob es handgefertigte Broschen aus Fuchszähnen sind oder die akribisch geordnete Glassammlung eines Taxidermisten im Naturhistorischen Museum – das Tier wird in diesen Kontexten oft zum Objekt oder Symbol menschlicher Kultur degradiert.

Fauvette à tête noire du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2025 © Laurence Kubski

Die Galerie FOCALE bietet den idealen Rahmen für diese ästhetische und soziologische Untersuchung. Kubski, die bereits mit dem Swiss Design Award ausgezeichnet wurde, gelingt es, lokale Praktiken als repräsentative Stichproben unserer heutigen westlichen Gesellschaft darzustellen. SAUVAGES ist somit weit mehr als nur ein Porträt der Freiburger Tierwelt; es ist ein Spiegel unseres eigenen Selbstverständnisses gegenüber der Natur.

Collection de yeux du taxidermiste du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung SAUVAGES wird am 18. April 2026 eröffnet und kann bis zum 14. Juni 2026 in der Galerie FOCALE besucht werden.

EXTRACT III - Pink als Sensor der Gesellschaft…

Bird an Flower Market, Frogs, 2018/2021, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Was sehen wir, wenn wir Pink sehen? Für die einen ist es das künstliche Leuchten von Kaugummi-Automaten, für die anderen ein Symbol für stereotype Geschlechterzuschreibungen oder der grelle Schrei des Pop-Art-Kommerzes. Doch wer die Farbe lediglich als dekoratives Oberflächenphänomen abtut, verkennt ihre enorme Sprengkraft.

Construction, Helen Keller, 2018/2021, ChromaLuxe Print Mat © Nici Jost

Die schweizerisch-kanadische Künstlerin Nici Jost (*1984, Banff, Kanada) widmet sich seit über zwei Jahrzehnten der Dekonstruktion dieser wohl kontroversesten aller Farben. Inzwischen hat sie sich international einen Namen durch diese tiefgreifenden Untersuchungen gemacht. Dabei nutzt sie die Fotografie nicht nur als rein abbildendes Medium, sondern als analytisches Recherche-Instrument, um kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen sowie soziale Codes sichtbar zu machen.

Lipstick, 2018/2026, Fine Art Print © Nici Jost

Pink als Sensor der Gesellschaft
Ein zentraler Pfeiler ihres Schaffens ist das von ihr entwickelte „Pink Colour System“, in dem die Farbe als Sensor für verborgene Muster und gesellschaftliche Dynamiken fungiert. Besonders spannend ist hierbei ihr Blick auf die Globalität des Phänomens: Während eines Aufenthalts in Shanghai untersuchte sie, wie sehr Sprache und soziale Strukturen unsere Wahrnehmung von Farbe determinieren – Pink ist eben nicht überall gleich Pink.

Robyn 02, 2026, Fine Art Print © Nici Jost

Zwischen Ästhetik und Aktivismus
Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von der klassischen Aufnahme bis hin zur technologischen Installation. Ein bemerkenswertes Beispiel für die Aktualität ihres Schaffens ist das Projekt Unity: Ein pinkfarbener Hut, der auf Sommerhitze reagiert. Hier wird die Farbe plötzlich zum Indikator für den Klimawandel und verlässt den rein ästhetischen Raum, um eine drängende ökologische Dimension einzunehmen.

Untiteld, 2018/2025 © Nici Jost

Es ist diese Vielschichtigkeit, die Josts Arbeit so relevant macht. Sie fordert uns auf, unsere Sehgewohnheiten zu hinterfragen und das vermeintlich "Liebliche" auf seine politische und gesellschaftliche Dynamik hin zu untersuchen.

Construction, Nike Air, 2018/2021, ChromaLux Print Mat © Nici Jost

Die Nikon Plaza am Schweizer Hauptsitz von Nikon in Egg/ZH fungiert als moderner Begegnungsort für Fotografie- und Videointeressierte. Auf zwei Etagen bietet sie Raum für wechselnde Ausstellungen und dient gleichzeitig als interaktiver Showroom. Besucherinnen und Besucher können dort das aktuelle Nikon Line-up sowie professionelle Optiken direkt testen und sich mit dem Fachpersonal austauschen. Ergänzt wird das Angebot durch einen Store sowie ein regelmässiges Rahmenprogramm aus Workshops und Bildungsressourcen, die den Standort zu einem lebendigen Zentrum der Imaging-Kultur machen.

Pink Collection, Object No. 28, 2019, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Die Ausstellung EXTRACT III wird am 26. März 2026 eröffnet und kann bis zum 21. August 2026 im Nikon Plaza in Egg (ZH) besucht werden.

Ting, 2018/2025, Fine Art Print © Nici Jost

Ella Maillarts fotografische Weltreise...

Ella Maillart, Jour de foire à Weichang, dans l'ancienne province de Jehol, découverte de la lanterne magique, 1934, Mandchoukouo © Succession Ella Maillart et Photo Elysée Lausanne

In einer Ära, in der die Weltkarte noch weite, unentdeckte Regionen für westliche Reisende bot, überschritt eine Frau nicht nur geografische Grenzen, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Ella Maillart war weit mehr als eine blosse Touristin der Zwischenkriegszeit; sie war eine Chronistin des Wandels, die mit wachem Auge und ihrer Kamera die fragilen sozialen Gefüge Zentralasiens festhielt. Die aktuelle Würdigung ihres Werks durch Photo Elysée zeigt deutlich, dass ihre Bilder nicht nur ästhetische Zeitkapseln sind, sondern Dokumente von universellem Wert, die uns heute helfen, die tiefen Brüche der Geschichte zu verstehen.

Ella Maillart, Désert du Tsaïdam, 3000 m. Fin mai, mont Kitin Kara à - ou Noir - froid, dans la chaîne des Kuen Lun, 1935, Qinghai, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Maillarts Fotografien sind keine starren Porträts, sondern «fotografische Erzählungen», die von einer tiefen Neugier und einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit zeugen. Wenn wir heute ihre Aufnahmen betrachten, sehen wir eine Welt im Umbruch: Ihr Werk dokumentiert die harten Realitäten des aufkeimenden Stalinismus [1]in Zentralasien ebenso wie die Errichtung von Mandschukuo [2]durch Japan oder die kulturellen Spannungen nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs. Dass ihr Nachlass im Jahr 2025 von der UNESCO in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde, unterstreicht die globale Bedeutung dieser Zeugnisse. Maillart lehrt uns, dass das Reisen eine Form des Verstehens ist – eine Suche nach der Essenz der menschlichen Kulturen, denen sie in der Fremde begegnete.

Ella Maillart, La chaîne des Tierskei à 4800 m. ; le col de Kachkassou est pratiqué par les caravanes venant de Chine, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein Leben zwischen dem Genfersee und dem Hindukusch[3]
Der Lebensweg der 1903 in Genf geborenen Ella Maillart war schon früh von einer aussergewöhnlichen Eigenständigkeit geprägt. In den 1930er-Jahren etablierte sie sich als eine der profiliertesten Reisenden ihrer Zeit, indem sie Regionen erkundete, die damals kaum eine westliche Frau allein bereiste. Ihre vier grossen Expeditionen führten sie durch die Sowjetunion, China, Afghanistan und den Iran. Dabei war sie nicht nur Reisende, sondern akribische Archivarin: Tausende von Fotografien entstanden auf diesen Wegen und bilden ein beeindruckendes visuelles Archiv.

Ella Maillart, Marché devant la madrasa Chir Arab, 1932, Boukhara, République socialiste soviétique d'Ouzbékistan, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein besonderes Juwel ihres Nachlasses ist die sogenannte Kartothek – ein System aus 48 Kisten, das Hunderte von Karten mit über 1000 Bildern und handgeschriebenen Bildunterschriften enthält. Diese Kombination aus Bild und Wort erlaubt es uns heute, ihre Reisen nachzuerleben und offenbart die Vielschichtigkeit ihrer Sicht auf die Welt. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz blieb Maillart eine wichtige Stimme; sie gab ihre Erlebnisse in zahlreichen Büchern und Vorträgen weiter und prägte so das Genre des Reiseberichts in einer damals fast ausschliesslich männlich dominierten Welt. Sie verstarb 1997 und hinterliess ein Erbe, das weit über die Grenzen der Schweiz hinausstrahlt.

Ella Maillart, Pâturage pour chameaux, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Das Photo Elysée in Lausanne widmet sich seit 1985 der Geschichte und Zukunft der Fotografie, indem es bedeutende historische Werke mit zeitgenössischen Positionen verknüpft. Die beeindruckende Sammlung umfasst über 1,2 Millionen Objekte von den Anfängen um 1840 bis zum digitalen Zeitalter, darunter die Archive von Ikonen wie Sabine Weiss, René Burri oder Charlie Chaplin. Seit Juni 2022 residiert das Museum in einem modernen, 1400 Quadratmeter grossen Neubau der Architekten Aires Mateus im Kunstviertel Plateforme 10, wo es Raum für flexible und innovative Ausstellungsformate bietet.

 Die Ausstellung Ella Maillart. Fotografische Erzählungen kann bis zum 1. November 2026 im Photo Elyseé in Lausanne besucht werden.

Ella Maillart, Prêtres taoïstes, 1934, Pékin, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[1] Der Stalinismus bezeichnet die Ära unter Josef Stalin in der Sowjetunion, die durch eine extreme Zentralisierung der Macht und die totale Kontrolle aller Gesellschaftsbereiche geprägt war. Kennzeichnend waren die forcierte Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowie ein Repressionsapparat, der mittels Schauprozessen und Arbeitslagern (Gulags) jegliche Opposition unterdrückte. Ideologisch stützte sich das System auf einen ausgeprägten Personenkult und die Doktrin des «Sozialismus in einem Land», was zu einer oft gewaltvollen Umgestaltung des Staates führte.

Ella Maillart, Tombeaux : à droite, classique style musulman. À gauche, peut-être une survivance des adorateurs du Fen chez les Tadjiks actuels, 1935, Tashkurgan, République de Chine © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

[2] Mandschukuo war ein von 1932 bis 1945 bestehender Marionettenstaat des Japanischen Kaiserreichs in der Mandschurei (Nordostchina). Er wurde nach der japanischen Besetzung der Region proklamiert und stand unter der nominellen Herrschaft von Puyi, dem letzten Kaiser der Qing-Dynastie, diente jedoch faktisch als strategische Rohstoffbasis und Pufferstaat für Japans expansionistische Ambitionen auf dem asiatischen Festland. International wurde die Souveränität des Staates vom Völkerbund und den meisten Mächten nie anerkannt.

Ella Maillart, Sources du Syr-Daria et sommet du Sari-Tor, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[3] Der Hindukusch ist ein rund 800 Kilometer langes Hochgebirge in Zentralasien, das sich vorwiegend über Afghanistan und Pakistan erstreckt. Er bildet eine historisch bedeutende Barriere zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent, ist geprägt durch schwer zugängliche Pässe in Höhen von bis zu 7700 Metern und gilt seit der Antike als eine der markantesten kulturellen und geografischen Trennlinien der Welt.

Ella Maillart, La route japonaise en construction, 1934, Mandchoukouo © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

Sonata II – Architektur der Stille...

U.T. (Sonate) #4, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Es gibt Bilder, die uns nicht wegen ihrer Schärfe, sondern wegen ihrer Unschärfe gefangen nehmen. In der Ausstellung „Sonata II – Spaces of Inner States“ des norwegischen Künstlers Nils Olav Bøe begegnen wir einer Welt, die gleichermassen vertraut wie vollkommen entrückt scheint. Was auf den ersten Blick wie monumentale, nebelverhangene Landschaften, geheimnisvolle Ruinen oder ferne Welten wirkt, entpuppt sich als ein meisterhaftes Spiel mit der Wahrnehmung.

U.T. (Sonate) #12, 2023-25, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 76 x 95 cm © Nils Olav Bøe

Bøe, 1958 in Oslo geboren, ist ein Konstrukteur von Sehnsuchtsorten. Seine epischen Visionen entstehen nicht etwa auf Reisen durch die Wildnis, sondern in der kontrollierten Stille seines Ateliers. Mit fast spielerischer Einfachheit erschafft er aus Pappe, Plastilin und weiterem einfachen Material Miniaturmodelle, die er anschliessend fotografisch und filmisch inszeniert. In seinen grossformatigen Archivinkjet-Prints auf Hahnemühle-Barytpapier verlieren diese winzigen Objekte ihren Massstab und verwandeln sich in zeitlose Räume. Ein kleiner Klumpen Modelliermasse wird zum massiven Eisberg, eine Pappwand zur antiken Stätte im Niemandsland.

U.T. (Sonate) #2, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Zwischen Realismus und Fiktion
Die Faszination dieser Arbeiten liegt in ihrem Spannungsfeld zwischen Realismus, Fiktion und Zeitlichkeit. Bøe nutzt die Körnigkeit und das Spiel mit dem Fokus, um einen Schleier über das Motiv zu legen, der den Betrachter zur aktiven Interpretation zwingt. Es kommt alles wirklich und unwirklich vor: Wir sehen zwischen Berghängen einen Gletscher, den Mond inmitten einer erleuchteten Wolke oder eine von einer niedrigen Mauer umgrenzte Fläche. Diese visuelle Orchestrierung von Bild, Film und Ton rührt an etwas, das jenseits des Greifbaren liegt.

U.T. 2, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Der Künstler selbst versteht seine Werke als Suche nach Bildern für „innere Seelenzustände“. Es ist eine Einladung zur Introspektion. In einer Zeit der digitalen Überforderung bieten Bøes neblige Schwarz-Weiss-Welten einen Schutzraum für das Ungefähre. Seine Arbeiten eröffnen die Möglichkeit, innere Räume und Zustände zu sehen – auch in uns selbst. 

Dass Bøes Arbeiten international geschätzt werden – von New York bis London und in bedeutenden Sammlungen wie dem Nationalmuseum Oslo vertreten – wundert kaum. Er beherrscht die seltene Kunst, das Kleine so gross zu denken, dass es Platz für unser aller Inneres bietet.

U.T. 11, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Die Galerie Susanne Albrecht, 1986 von der Kunsthistorikerin Susanne Albrecht in München gegründet und seit 2009 in Berlin ansässig, konzentriert sich auf die klassischen Medien Malerei, Fotografie, Zeichnung und Skulptur. Das Programm verbindet US-amerikanische Kunst der 1980er-Jahre mit zeitgenössischen Positionen aus China und Japan sowie Werken international renommierter Künstler wie Martin Parr oder Julian Opie. Geleitet von der Philosophie, dass sich zwar Formen wandeln, essenzielle Inhalte aber zeitlos lebendig bleiben, pflegt die Galerie einen beständigen Dialog zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen. 

Die Ausstellung Sonata II – Spaces of Inner States wird am 14. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie Susanne Albrecht in Berlin besucht werden.

Die Unendlichkeit im Augenblick: Sehnsucht und Nostalgie...

Aphrodite left, 2021 © Arpad Polgar

In der menschlichen Existenz klafft eine wehmütige Lücke: die Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Gabe, sich in jegliche idealisierte Raum-Zeit-Dimension zu projizieren. Dieser schmerzliche, doch zugleich faszinierende Kern bildet das Wesen der Sehnsucht – eine Anziehungskraft, die von einem gelebten oder imaginierten "Anderswo" ausgeht. Wenn die Seele zwischen dem Hier und Jetzt und einem verlorenen Paradies hin- und hergerissen ist, begibt sie sich auf eine Suche, die so aussichtslos wie poetisch bleibt. Die Fotografie dient dabei als mechanischer Ankerpunkt, um den flüchtigen Augenblick aus dem kontinuierlichen Fluss der Ereignisse zu heben und unsere fragmentierten Erinnerungsfetzen zu ergänzen.

Fly Self-Portrait, 2020 © Kim Schwanhaeusser

In einer gemeinsamen künstlerischen Wanderung erkunden zwei Positionen die Natur als Quelle der Inspiration und als behütetes Refugium. Obwohl sie oft dieselben Gebiete durchstreifen oder gemeinsam genutzte Studioszenen errichten, bewahrt jeder Künstler eine eigene visuelle Grammatik. Sie eint ein beinahe obsessives Verlangen, Motive aus natürlichen Ressourcen zu sammeln, um die Reibungsflächen zwischen Wirklichkeit und der Unendlichkeit der Fantasie zu untersuchen. Es scheint fast, als sei der Zustand des Sehnens selbst erstrebenswerter als die endgültige Auflösung der Spannungsfelder zwischen Existenz und Vorstellung.

late bloom © Arpad Polgar

Kim Schwanhaeusser, geboren 1991 in Hongkong, nach ihrem Biologiestudium freischaffende Fotografin und Künstlerin, lebt und arbeitet in Deutschland und in der Schweiz. Sie widmet ihr Schaffen einer beinah verlorenen Handwerkskunst: der analogen Schwarz-Weiss-Fotografie. Mit akribischer Sorgfalt erweckt sie Silberhalogenide [1]durch das Zusammenspiel von Licht und Chemie zum Leben – ein Prozess der bewussten Verlangsamung, der ihrem behutsamen Herantasten an das Sujet entspricht. Ihre Werke sind eine Hommage an natürliche Wunder, wobei sie Lebensformen unverblümt mit all ihren Unvollkommenheiten darstellt. Von tanzenden Schmetterlingen bis hin zu mystischen Nebelwäldern dringt sie zu einem Ursprung vor, der sich in der Einfachheit der natürlichen Essenz erschliesst.

Paper Kite Dance, 2021 © Kim Schwanhaeusser

Arpad Polgar, geboren 1967 in Genf, Fotograf und Künstler, lebt und arbeitet in der Schweiz. Er lässt seine Erkundung aus dem lebenslangen Bestreben entspringen, die Prozesse der Natur zu verstehen. Seine Faszination gilt den Zyklen der Metamorphose, dem stetigen Wechselspiel von Wachstum und Auflösung, von Erblühen und Zerfall. Durch die systematische Herauslösung von Typologien aus ihrem Werden ermöglicht er eine zeitunabhängige Erforschung des Flüchtigen. In seinen Arbeiten vermengen sich Naturfragmente mit Artefakten von Malschichten zu neu konfigurierten Topografien und transfigurierten botanischen Anatomien. Dieser Prozess ähnelt einem parallelen Metabolismus, der die ewigen Zyklen von Kontraktion und Expansion des Kosmos widerspiegelt.

The promise of entropy © Arpad Polgar

Die galerie 94 befindet sich im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden und wird von Sascha Laue geführt. Die Galerie versteht sich als ein Ort für Fotografie und Kunst, wobei sie unter dem Leitspruch "augensache" auftritt. Neben der Präsentation etablierter Positionen bietet sie auch Raum für zeitgenössische aufstrebende Talente.

Papilio memnon © Kim Schwanhaeusser

Die Ausstellung Sehnsucht – Nostalgia wird am 12. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie 94 in Baden besucht werden.

Botanica, imperial blue © Arpad Polgar

[1] Silberhalogenide sind lichtempfindliche chemische Verbindungen (wie Silberbromid), die in der analogen Fotografie als winzige Kristalle in der Filmschicht eingebettet sind. Bei Belichtung reagieren sie auf Photonen und bilden die Grundlage für das spätere Bild, das erst durch die chemische Entwicklung sichtbar wird.

Magnolia © Kim Schwanhaeusser

Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus

Edith Tudor-Hart, "Demonstration von Arbeitslosen", Wien, 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Fotografie von Edith Tudor-Hart (*1908 Wien – †1973 Brighton) bewegte sich zeitlebens in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und politischem Aktivismus. Der Berliner f³ – freiraum für fotografie zeigt nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive dieser bedeutenden österreichisch-britischen Exilfotografin.

Edith Tudor-Hart, "Frau mit Kind", Wien, 1930 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Tudor-Hart, geborene Suschitzky, gilt als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955. Ihr Werk ist geprägt von einem starken Engagement für gesellschaftliche Belange. Sie thematisierte in ihren Arbeiten Armut, Integration und Frauenrechte. Ihr Fokus lag auf der Abbildung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Ihre Motive reichten von Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, den Protesten gegen den aufkommenden Faschismus bis hin zu Bergmännern, Fabrikarbeitern und Fischern in Wales, der Frauenbewegung der Nachkriegszeit und den neuen Einrichtungen der Reformpädagogik. Ihre gestalterische Handschrift, ein sachlicher und sozialkritischer Stil, wurzelt in ihrem Studium am Bauhaus in Dessau Ende der 1920er-Jahre, wo sie Fotografie und Grafik belegte.

Edith Tudor-Hart, "Frauenrechtsbewegung", 1945 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der Lebensweg der aus einer säkularen jüdischen Familie in Wien stammenden Edith Tudor-Hart war geprägt von politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin in Wien und London, wo sie den Beruf auch ausübte. Als engagierte und überzeugte Kommunistin wurde sie 1933 in Wien inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil nach England. Um die Ausreise zu ermöglichen, heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten Zeitschriften wie der Picture Post oder der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ).

Edith Tudor-Hart, "Gee Street", Finsbury, London, ca. 1936 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Ein bisher wenig beachteter Aspekt ihrer Biografie: Es wird vermutet, dass sie bereits seit ihrer Jugend mit Nachrichtendiensten und den Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Historisch belegt ist ihre Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings "Cambridge Five". Die Angst vor Überwachung, der Druck durch den englischen Geheimdienst sowie gesundheitliche Gründe führten in den 1950er-Jahren dazu, dass sie ihre fotografische Tätigkeit beendete und Teile ihrer Negative vernichtete. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973 starb Edith Tudor-Hart in Brighton.

Edith Tudor-Hart, "Suppenausgabe", Wien, 1931 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.

Edith Tudor-Hart, "Hakenkreuze im Schatten", Wien, um 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der f³ – freiraum für fotografie bietet internationaler Fotografie eine Bühne. Seine Ausstellungen setzen sich visuell auf erstklassige Art und Weise mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ – freiraum für fotografie die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Edith Tudor-Hart, "Dienstmann", Wien, 1929 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Das Fotohof-Archiv wurde 2015 eröffnet und beherbergt vor allem Fotografien österreichischer, aber auch ausgewählter internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es werden Negative, digitale Daten, Dokumente und alle Materialien gesammelt, die eine Darstellung der künstlerischen Entwicklung ermöglichen.

Edith Tudor-Hart, "Kensal Haus", London, um 1937 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Ausstellung Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus von Edith Tudor-Hart wird am 6. März eröffnet und kann bis zum 17. Mai 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin besucht werden.

Das Echo der schwindenden Natur: Ester Vonplons «Flügelschlag»

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

In einer Ära, in der die Spuren des Menschen fast jeden Winkel der Erde gezeichnet haben, begibt sich die Fotografin Ester Vonplon auf eine Suche nach dem, was – zumindest vermeintlich – noch unberührt geblieben ist. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung richtet sie den Blick auf die fragilen Ökosysteme ihrer Schweizer Heimat: von den tiefen Fichtenurwäldern des Uaul Scatlè über das alpine Hochtal Val Curciusa bis hin zur geschützten Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Ihre Arbeiten fungieren dabei als Memento mori, welche die Kraft und die gleichzeitige Vergänglichkeit einer Natur festhalten, die im Angesicht klimatischer Veränderungen und menschlicher Eingriffe bald verschwunden sein könnte.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Was diese Bilder so eindringlich macht, ist die Verbindung aus achtsamer Beobachtung und radikalem fotografischem Experiment. In der titelgebenden Serie «Flügelschlag» nutzt Vonplon die Technik des Fotogramms, um Abdrücke von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Steinen festzuhalten. Hierbei verwendet sie über hundert Jahre altes Cellofix-Papier, das einst von Soldaten im Ersten Weltkrieg für Lebenszeichen von der Front genutzt wurde. Durch diesen Bildträger verbindet sie die historische Zerbrechlichkeit des Materials mit der flüchtigen Existenz heutiger Ökosysteme.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Einen Weg des bewussten Kontrollverlusts beschreitet sie in der visuellen Untersuchung «I See Darkness». Ein stillgelegter Tunnel im Bündner Safiental diente ihr hierbei als Arbeitsort, Kamera und Dunkelkammer zugleich. Über Zeiträume von Wochen oder Monaten setzte sie grossformatiges Fotopapier den klimatischen Bedingungen und chemischen Reaktionen aus. Die Zeit selbst wird hier zur Bildhauerin und macht feine, oft nicht spürbare Einflüsse der Umwelt überhaupt erst sichtbar.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Die Serie «il uaul» (rätoromanisch für «der Wald») dokumentiert schliesslich die unwegsame Auenlandschaft Ogna da Pardiala in der Surselva. Mit einer analogen Grossformatkamera dringt Vonplon in dieses dichte Dickicht vor. Die eigentümliche Farbigkeit dieser Bilder ist das Resultat eines experimentellen, von der Künstlerin selbst vorgenommenen analogen Entwicklungsprozesses, der feinste Details dieser bedrohten Lebensräume offenbart.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Ester Vonplon (*1980 in Schlieren) lebt und arbeitet heute in Castrisch im Kanton Graubünden. Nach ihrem Studium an der Fotoschule am Schiffbauerdamm in Berlin schloss sie 2013 ihr Masterstudium in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre künstlerischen Projekte, die massgeblich von der Landschaft und Natur der Surselva inspiriert sind, präsentiert sie regelmässig im In- und Ausland. Für ihr Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manor Kunstpreis Graubünden sowie dem SAC-Kunstpreis.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Seit der Gründung 1993 widmet sich das Fotomuseum Winterthur der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur. Die Institution untersucht die kulturelle, soziale sowie politische Rolle des Mediums und dessen Wirkung auf unseren Alltag. Mit jährlich drei bis fünf Ausstellungen beleuchtet das Museum vielfältige Perspektiven junger und etablierter internationaler Kunstschaffender. Das Programm wird durch vielseitige Workshops, Veranstaltungen und digitale Formate ergänzt. Die museumseigene Sammlung umfasst heute rund 9'000 Werke von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Die Ausstellung Flügelschlag von Ester Vonplon kann bis zum 14. Juni 2026 im Fotomuseum Winterthur besucht werden.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

 

 

 

 

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

Frauen. Fragen. Fotoarchive. – Ein längst fälliger Blick in das Depot der Fotostiftung Schweiz...

Anny Wild-Siber, Ginster, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Es ist eine stille, aber tiefgreifende Diskrepanz, die in den Speichern unserer Gedächtnisinstitutionen schlummert. Wer die Geschichte der Schweizer Fotografie verstehen will, landet fast zwangsläufig bei einer Erzählung, die von Männern geschrieben und über Männer geführt wurde. Doch die Fotostiftung Schweiz in Winterthur bricht nun mit dieser Tradition: Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. rückt sie gezielt das Schaffen von sieben Fotografinnen in den Fokus, deren Archive nun erstmals umfassend hinterfragt und im Kontext ihrer Zeit beleuchtet werden.

Anny Wild-Siber, Magnolie, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Warum sind von den rund 160 Archiven der Fotostiftung nur 26 Frauen zuzuschreiben? Die Antwort liegt oft in den gesellschaftlichen Strukturen verborgen: Biografien von Frauen wiesen Brüche auf, Karrieren endeten abrupt mit der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. Viele talentierte Fotografinnen arbeiteten im Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder „Meister“, wodurch ihre Spuren in der Geschichtsschreibung oft verwischt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, dass technische Versiertheit allein nicht ausreichte, um einen dauerhaften Platz im Kanon zu finden.

Anny Wild-Siber, Drottningkaktus, ohne Datum, gemeinfrei / Public Domain

Anny Wild-Siber (1865–1942) repräsentiert den Typus der gut situierten Amateurfotografin, die sich das Medium Anfang des 20. Jahrhunderts als Autodidaktin aneignete. Ihre Autochromplatten und Edeldrucke spiegeln nicht nur hohe künstlerische Ambitionen wider, sondern dokumentieren vor allem ihr eigenes privates Umfeld. Vor ihrer Linse fand sich die Welt einer privilegierten Frau, die sie mit technisch anspruchsvollen Verfahren wie der Stereofotografie in dreidimensionalen Ansichten festhielt.

Gertrud Dübi-Müller (Umkreis), Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf, um 1916 ©Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) verfolgte einen ähnlichen Weg und nutzte die Fotografie, um ihre eigene Lebenswelt und ihr soziales Netz festzuhalten. Auch sie agierte als Autodidaktin, wobei ihre Arbeiten heute als wertvolle Zeitzeugnisse dienen, die den Blick einer Frau auf die gehobene Gesellschaft ihrer Zeit konservieren. Ihre Bilder lösen die Grenze zwischen Amateurfotografie und bewusster Dokumentation einer spezifischen sozialen Klasse auf.

Marie Ottomann-Rothacher, Zahmer Star, 1956 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002) steht für die Generation von Frauen, die in den 1930er-Jahren eine reguläre Berufslehre absolvierten. Obwohl sie als Fotografin und Laborantin für namhafte männliche Kollegen tätig war, blieb ihr eigenes Werk oft im Hintergrund. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus den Schweizer Bergregionen, in denen sie mit einem scharfen Blick für soziale Realitäten vor allem Kinder und deren oft entbehrungsreiches Leben porträtierte.

Margrit Aschwanden, Ovomaltinewerbung, Schweiz, 1940-1960 © Margrit Aschwanden / Fotostiftung Schweiz

Margrit Aschwanden (1913–2004) schaffte es, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld zeitweise durch die Führung eines eigenen Ateliers zusammen mit ihrer Schwester zu behaupten. Ihr Archiv zeigt die Herausforderungen zwischen familiärer Einbindung und professioneller Autonomie. Auffallend oft hatte sie dabei Kinder und Jugendliche vor der Kamera – häufig im Rahmen von Aufträgen für gemeinnützige Organisationen, was die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Bildthemen aufwirft.

Hedy Bumbacher, Wallis, 1944 © Hedy Bumbacher / Fotostiftung Schweiz

Hedy Bumbacher (1912–1992) fand erst über Umwege zur Fotografie, nachdem sie bereits ein universitäres Studium abgeschlossen hatte. Sie vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich und widmete sich intensiv der Dokumentation des Lebens in den Schweizer Alpen. Vor ihrem Objektiv standen – ähnlich wie bei Ottomann-Rothacher – die Bewohner der Bergregionen, wobei auch in ihrem Werk Kinder ein zentrales Motiv darstellten.

Leni Willimann, Muscheln (Isocardia cor), ca. 1960 © Leni Willimann / Fotostiftung Schweiz

Leni Willimann-Thöni (1918–2002) gehört zu den Absolventinnen der 1932 gegründeten Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sie blieb zeit ihres Lebens dem neusachlichen Stil ihres Lehrers Hans Finsler verbunden. Ihr Werk illustriert eine ästhetische Strenge und technische Präzision, die sich in sachlichen Kompositionen niederschlug, während sie als Person dennoch am Rande der offiziellen Fotogeschichte blieb.

Anita Niesz, Fiat-Werke, Turin, Italien, 1959 © Anita Niesz / Fotostiftung Schweiz

Anita Niesz (1925–2023) nutzte ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, um sich einer engagierten Sozialdokumentation zuzuwenden. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich, die in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Du erschienen, blickte sie weit über die Landesgrenzen hinaus. Dennoch blieb auch bei ihr ein Fokus auf Kinder und Jugendliche bestehen, oft fotografiert im Auftrag von Hilfswerken, was das Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und gesellschaftlicher Erwartung markiert.

Gertrud Dübi-Müller, Anna und Cuno Amiet, Tivoli, März 1911 © Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Diese Bestandsaufnahme ist mehr als eine blosse Präsentation; es ist ein notwendiger Korrekturbetrieb an einer einseitigen Historie. Indem die Fotostiftung Fotografien mit Dokumenten aus dem Gosteli-Archiv kombiniert, entsteht ein vielschichtiges Panorama des Kampfes um Anerkennung und Selbstbestimmung. Es geht darum, jene Vielstimmigkeit zu fördern, die die Fotografie als Zeitzeugnis erst wirklich wertvoll macht.

Marie Ottomann-Rothacher, Bauernkinder Escholzmatt, 1943 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Die Fotostiftung Schweiz widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1971 der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende Archive. Das Spektrum ihrer Sammlung reicht von den Anfängen des Mediums bis zur Gegenwart und umfasst sowohl künstlerische als auch dokumentarische und private Ausdrucksformen.

Leni Willimann-Thöni, Glühbirne, 1937–1940 © Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz

Die Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. ist vom 28. Februar bis zum 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Requiem pour pianos: Wenn die Stille eine Melodie bekommt…
Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

In der Stille verlassener Räume, dort, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Natur sich langsam ihr Terrain zurückerobert, findet der französische Künstler Romain Thiery die Protagonisten seiner Arbeit. Mit seiner Serie «Requiem pour pianos» bewegt er sich an den zerbrechlichen Grenzen von Fotografie, Klang und kollektivem Gedächtnis. Für Thiery ist das Klavier kein blosser Gegenstand; es ist tief in unserer Kultur verwurzelt und bewahrt sich selbst im tiefsten Verfall eine unveränderliche Noblesse.

Requiem pour pianos #11, Frankreich, 2014 © Romain Thiery

Doch Thiery begnügt sich nicht mit dem rein Visuellen. In seinem Projekt «Resonance for Pianos» verfolgt er einen immersiven Ansatz: Er nimmt vor Ort jeden einzelnen Ton auf, den diese versehrten Instrumente noch hervorbringen können. So rettet er die musikalische Seele der Klaviere, bevor sie endgültig verstummen.

Requiem pour pianos #85, Frankreich, 2019 © Romain Thiery

Eine Reise durch die Fragilität Europas
Thierys Spurensuche führt uns zunächst nach Nordfrankreich. In «Requiem pour pianos #7» (Frankreich, 2015) sehen wir ein Erard-Klavier, das seltsamerweise den Brand eines Schlosses aus dem 14. Jahrhundert überstand. Heute ist das Gebäude renoviert, das Instrument jedoch verschwunden – es existiert nur noch als flüchtiger Moment in Thierys Fotografie. Ähnlich tragisch ist die Geschichte hinter «Requiem pour pianos #11» (Frankreich, 2014): In einem prachtvollen französischen Lustschloss von 1863 stand einst ein edler Bösendorfer-Flügel. Ein Sturm im Jahr 1999 leitete den Zerfall des Gebäudes ein, das nach Plünderungen schliesslich abgerissen wurde.

Requiem pour pianos #146, Grossbritannien, 2024 © Romain Thiery

Einen besonderen Platz nimmt das Anwesen Erard im Südwesten Frankreichs ein. In «Requiem pour pianos #85» dokumentiert Thiery ein Interieur, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Instrumente von Erard wurden einst von Grössen wie Chopin, Liszt und sogar Beethoven geschätzt und stehen für höchste französische Klavierbaukunst. In diesem Herrenhaus erinnert das Motiv an eine Exzellenz, die mit dem Ende der Produktion in den 1980er-Jahren leise aus der Welt gefallen ist.

Requiem pour pianos #138, Italien, 2023 © Romain Thiery

In Grossbritannien begegnen wir in «Requiem pour pianos #146» (UK, 2024) der Grösse eines einst lebhaften Herrenhauses, das im 20. Jahrhundert als Altenheim und medizinisches Zentrum diente. Unter einer majestätischen Holztreppe zeugt dort ein unbrauchbares Klavier von den vielen ungeschriebenen Geschichten dieses Ortes. Weiter südlich, in der Toskana, steht eine Villa von 1875. In «Requiem pour pianos #138» (Italien, 2023) blicken wir in den prachtvollsten Raum, der vollständig mit Fresken verziert ist. Seit deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg dort Quartier bezogen, kehrten die Eigentümer nie zurück. Schwere Unwetter im Jahr 2024 brachten das Gebäude schliesslich zum Einsturz.

Requiem pour pianos #132, Ungarn, 2022 © Romain Thiery

Von Heilstätten und Seidenspinnereien
Auch im Osten Europas findet Thiery Resonanzen des Vergangenen. In Ungarn verfällt ein Jugendstilschloss, das einst als Waisenhaus diente; «Requiem pour pianos #132» (Ungarn, 2022) zeigt die Überreste einer Bibliothek und einen prächtigen Josef-Grund-Flügel. In Polen wiederum dokumentiert «Requiem pour pianos #33» (Polen, 2017) einen Palast aus dem 13. Jahrhundert. Nach einer wechselvollen Geschichte als Archiv und Sanatorium wurde er geplündert; das letzte Klavier im Inneren verschwand im Jahr 2021.

Requiem pour pianos #33, Polen, 2017 © Romain Thiery

Die Reise führt uns zurück nach Deutschland, zum Grabowsee. Das 1896 gegründete Sanatorium Heilstätte Grabowsee diente nach 1945 als sowjetisches Lazarett. Der einstige Ballsaal, den wir in «Requiem pour pianos #38» (Deutschland, 2018) sehen, ist heute eine gefragte Filmkulisse. Im Südwesten Frankreichs begegnen wir in «Requiem pour pianos #130» (Frankreich, 2022) erneut der Marke Erard – jenen Instrumenten, die einst von Chopin und Liszt geschätzt wurden. In diesem Herrenhaus scheint die Zeit stillzustehen und erinnert an eine Epoche, die in den 1980er-Jahren ihr Ende fand.

Requiem pour pianos #38, Deutschland, 2018 © Romain Thiery

In Österreich fand der Künstler in einem Raum, der als Autowerkstatt diente, ein Schweighofer-Klavier. «Requiem pour pianos #93» (Österreich, 2019) ist eines seiner Lieblingsbilder: Nach tagelangem Warten fing er den Moment ein, in dem das Licht das Instrument sanft streichelt und ihm eine fast sakrale Kraft verleiht. In Norditalien hingegen stehen in «Requiem pour pianos #109» (Italien, 2021) zwei majestätische Klaviere von Fratelli Colombo im Heizungsraum einer Seidenspinnerei von 1902. Wo einst ausschliesslich Frauen arbeiteten, bewahrt Thiery heute das letzte Echo der industriellen Vergangenheit.

Requiem pour pianos #130, Frankreich, 2022 © Romain Thiery

Das Finale im fernen Osten
Den Schlusspunkt dieser Reise bildet Japan. In «Requiem pour pianos #163» (Japon, 2025) beleuchtet das Licht in einer verlassenen ländlichen Grundschule ein Kawai-Klavier, das langsam von einem Meer aus Farnen verschlungen wird. Um diesen Ort zu erreichen, musste der Künstler tief in den Wald vordringen und begegnete neugierigen Affen – ein Symbol für die magische Rückeroberung durch die Natur in einem Land, in dem das Klavier als höchstes Zeichen für Bildung und Kultiviertheit gilt.

Requiem pour pianos #93, Österreich, 2019 © Romain Thiery

Romain Thiery ist ein französischer Fotograf und Pianist, der in seinem Schaffen Bild und Ton auf einzigartige Weise vereint. Seit 2014 bereist er die Welt, um verlassene Klaviere in leerstehenden Gebäuden aufzuspüren und deren melancholische Schönheit festzuhalten. Seine international ausgezeichneten Werke wurden bereits in Galerien von Paris bis Tokio ausgestellt und in renommierten Medien wie The Guardian oder Der Spiegel veröffentlicht.

Requiem pour pianos #109, Italien, 2021 © Romain Thiery

Scène55 ist ein kulturelles Zentrum in Mougins an der Côte d’Azur. Als interdisziplinäre Kulturstätte vereint es Theater, Musik, Tanz und bildende Kunst unter einem Dach. Die Einrichtung verfügt über einen modernen Ausstellungsraum, die Scène d'Exposition, in der namhafte zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren.

Requiem pour pianos #163, Japan, 2025 © Romain Thiery

Wer diese visuelle und klangliche Reise selbst erleben möchte, kann die Ausstellung noch bis am 6. Juni 2026 in der Scène55 in Mougins besuchen. Der Eintritt ist frei. Alle Werke sind als limitierte, handsignierte Originale auf hochwertigem Hahnemühle-Papier erhältlich.

Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile

Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.

Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.

Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken. 

Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt. 

Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche. 

Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.