EXTRACT III - Pink als Sensor der Gesellschaft…

Bird an Flower Market, Frogs, 2018/2021, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Was sehen wir, wenn wir Pink sehen? Für die einen ist es das künstliche Leuchten von Kaugummi-Automaten, für die anderen ein Symbol für stereotype Geschlechterzuschreibungen oder der grelle Schrei des Pop-Art-Kommerzes. Doch wer die Farbe lediglich als dekoratives Oberflächenphänomen abtut, verkennt ihre enorme Sprengkraft.

Construction, Helen Keller, 2018/2021, ChromaLuxe Print Mat © Nici Jost

Die schweizerisch-kanadische Künstlerin Nici Jost (*1984, Banff, Kanada) widmet sich seit über zwei Jahrzehnten der Dekonstruktion dieser wohl kontroversesten aller Farben. Inzwischen hat sie sich international einen Namen durch diese tiefgreifenden Untersuchungen gemacht. Dabei nutzt sie die Fotografie nicht nur als rein abbildendes Medium, sondern als analytisches Recherche-Instrument, um kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen sowie soziale Codes sichtbar zu machen.

Lipstick, 2018/2026, Fine Art Print © Nici Jost

Pink als Sensor der Gesellschaft
Ein zentraler Pfeiler ihres Schaffens ist das von ihr entwickelte „Pink Colour System“, in dem die Farbe als Sensor für verborgene Muster und gesellschaftliche Dynamiken fungiert. Besonders spannend ist hierbei ihr Blick auf die Globalität des Phänomens: Während eines Aufenthalts in Shanghai untersuchte sie, wie sehr Sprache und soziale Strukturen unsere Wahrnehmung von Farbe determinieren – Pink ist eben nicht überall gleich Pink.

Robyn 02, 2026, Fine Art Print © Nici Jost

Zwischen Ästhetik und Aktivismus
Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen von der klassischen Aufnahme bis hin zur technologischen Installation. Ein bemerkenswertes Beispiel für die Aktualität ihres Schaffens ist das Projekt Unity: Ein pinkfarbener Hut, der auf Sommerhitze reagiert. Hier wird die Farbe plötzlich zum Indikator für den Klimawandel und verlässt den rein ästhetischen Raum, um eine drängende ökologische Dimension einzunehmen.

Untiteld, 2018/2025 © Nici Jost

Es ist diese Vielschichtigkeit, die Josts Arbeit so relevant macht. Sie fordert uns auf, unsere Sehgewohnheiten zu hinterfragen und das vermeintlich "Liebliche" auf seine politische und gesellschaftliche Dynamik hin zu untersuchen.

Construction, Nike Air, 2018/2021, ChromaLux Print Mat © Nici Jost

Die Nikon Plaza am Schweizer Hauptsitz von Nikon in Egg/ZH fungiert als moderner Begegnungsort für Fotografie- und Videointeressierte. Auf zwei Etagen bietet sie Raum für wechselnde Ausstellungen und dient gleichzeitig als interaktiver Showroom. Besucherinnen und Besucher können dort das aktuelle Nikon Line-up sowie professionelle Optiken direkt testen und sich mit dem Fachpersonal austauschen. Ergänzt wird das Angebot durch einen Store sowie ein regelmässiges Rahmenprogramm aus Workshops und Bildungsressourcen, die den Standort zu einem lebendigen Zentrum der Imaging-Kultur machen.

Pink Collection, Object No. 28, 2019, ChromaLuxe Print Gloss © Nici Jost

Die Ausstellung EXTRACT III wird am 26. März 2026 eröffnet und kann bis zum 21. August 2026 im Nikon Plaza in Egg (ZH) besucht werden.

Ting, 2018/2025, Fine Art Print © Nici Jost

Ella Maillarts fotografische Weltreise...

Ella Maillart, Jour de foire à Weichang, dans l'ancienne province de Jehol, découverte de la lanterne magique, 1934, Mandchoukouo © Succession Ella Maillart et Photo Elysée Lausanne

In einer Ära, in der die Weltkarte noch weite, unentdeckte Regionen für westliche Reisende bot, überschritt eine Frau nicht nur geografische Grenzen, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit. Ella Maillart war weit mehr als eine blosse Touristin der Zwischenkriegszeit; sie war eine Chronistin des Wandels, die mit wachem Auge und ihrer Kamera die fragilen sozialen Gefüge Zentralasiens festhielt. Die aktuelle Würdigung ihres Werks durch Photo Elysée zeigt deutlich, dass ihre Bilder nicht nur ästhetische Zeitkapseln sind, sondern Dokumente von universellem Wert, die uns heute helfen, die tiefen Brüche der Geschichte zu verstehen.

Ella Maillart, Désert du Tsaïdam, 3000 m. Fin mai, mont Kitin Kara à - ou Noir - froid, dans la chaîne des Kuen Lun, 1935, Qinghai, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Maillarts Fotografien sind keine starren Porträts, sondern «fotografische Erzählungen», die von einer tiefen Neugier und einem radikalen Drang nach Unabhängigkeit zeugen. Wenn wir heute ihre Aufnahmen betrachten, sehen wir eine Welt im Umbruch: Ihr Werk dokumentiert die harten Realitäten des aufkeimenden Stalinismus [1]in Zentralasien ebenso wie die Errichtung von Mandschukuo [2]durch Japan oder die kulturellen Spannungen nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs. Dass ihr Nachlass im Jahr 2025 von der UNESCO in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde, unterstreicht die globale Bedeutung dieser Zeugnisse. Maillart lehrt uns, dass das Reisen eine Form des Verstehens ist – eine Suche nach der Essenz der menschlichen Kulturen, denen sie in der Fremde begegnete.

Ella Maillart, La chaîne des Tierskei à 4800 m. ; le col de Kachkassou est pratiqué par les caravanes venant de Chine, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein Leben zwischen dem Genfersee und dem Hindukusch[3]
Der Lebensweg der 1903 in Genf geborenen Ella Maillart war schon früh von einer aussergewöhnlichen Eigenständigkeit geprägt. In den 1930er-Jahren etablierte sie sich als eine der profiliertesten Reisenden ihrer Zeit, indem sie Regionen erkundete, die damals kaum eine westliche Frau allein bereiste. Ihre vier grossen Expeditionen führten sie durch die Sowjetunion, China, Afghanistan und den Iran. Dabei war sie nicht nur Reisende, sondern akribische Archivarin: Tausende von Fotografien entstanden auf diesen Wegen und bilden ein beeindruckendes visuelles Archiv.

Ella Maillart, Marché devant la madrasa Chir Arab, 1932, Boukhara, République socialiste soviétique d'Ouzbékistan, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Ein besonderes Juwel ihres Nachlasses ist die sogenannte Kartothek – ein System aus 48 Kisten, das Hunderte von Karten mit über 1000 Bildern und handgeschriebenen Bildunterschriften enthält. Diese Kombination aus Bild und Wort erlaubt es uns heute, ihre Reisen nachzuerleben und offenbart die Vielschichtigkeit ihrer Sicht auf die Welt. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz blieb Maillart eine wichtige Stimme; sie gab ihre Erlebnisse in zahlreichen Büchern und Vorträgen weiter und prägte so das Genre des Reiseberichts in einer damals fast ausschliesslich männlich dominierten Welt. Sie verstarb 1997 und hinterliess ein Erbe, das weit über die Grenzen der Schweiz hinausstrahlt.

Ella Maillart, Pâturage pour chameaux, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

Das Photo Elysée in Lausanne widmet sich seit 1985 der Geschichte und Zukunft der Fotografie, indem es bedeutende historische Werke mit zeitgenössischen Positionen verknüpft. Die beeindruckende Sammlung umfasst über 1,2 Millionen Objekte von den Anfängen um 1840 bis zum digitalen Zeitalter, darunter die Archive von Ikonen wie Sabine Weiss, René Burri oder Charlie Chaplin. Seit Juni 2022 residiert das Museum in einem modernen, 1400 Quadratmeter grossen Neubau der Architekten Aires Mateus im Kunstviertel Plateforme 10, wo es Raum für flexible und innovative Ausstellungsformate bietet.

 Die Ausstellung Ella Maillart. Fotografische Erzählungen kann bis zum 1. November 2026 im Photo Elyseé in Lausanne besucht werden.

Ella Maillart, Prêtres taoïstes, 1934, Pékin, République de Chine © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[1] Der Stalinismus bezeichnet die Ära unter Josef Stalin in der Sowjetunion, die durch eine extreme Zentralisierung der Macht und die totale Kontrolle aller Gesellschaftsbereiche geprägt war. Kennzeichnend waren die forcierte Industrialisierung, die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft sowie ein Repressionsapparat, der mittels Schauprozessen und Arbeitslagern (Gulags) jegliche Opposition unterdrückte. Ideologisch stützte sich das System auf einen ausgeprägten Personenkult und die Doktrin des «Sozialismus in einem Land», was zu einer oft gewaltvollen Umgestaltung des Staates führte.

Ella Maillart, Tombeaux : à droite, classique style musulman. À gauche, peut-être une survivance des adorateurs du Fen chez les Tadjiks actuels, 1935, Tashkurgan, République de Chine © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

[2] Mandschukuo war ein von 1932 bis 1945 bestehender Marionettenstaat des Japanischen Kaiserreichs in der Mandschurei (Nordostchina). Er wurde nach der japanischen Besetzung der Region proklamiert und stand unter der nominellen Herrschaft von Puyi, dem letzten Kaiser der Qing-Dynastie, diente jedoch faktisch als strategische Rohstoffbasis und Pufferstaat für Japans expansionistische Ambitionen auf dem asiatischen Festland. International wurde die Souveränität des Staates vom Völkerbund und den meisten Mächten nie anerkannt.

Ella Maillart, Sources du Syr-Daria et sommet du Sari-Tor, 1932, République soviétique socialiste autonome kirghize, URSS © Succession Ella Maillart et Photo Elysée, Lausanne

[3] Der Hindukusch ist ein rund 800 Kilometer langes Hochgebirge in Zentralasien, das sich vorwiegend über Afghanistan und Pakistan erstreckt. Er bildet eine historisch bedeutende Barriere zwischen Zentralasien und dem indischen Subkontinent, ist geprägt durch schwer zugängliche Pässe in Höhen von bis zu 7700 Metern und gilt seit der Antike als eine der markantesten kulturellen und geografischen Trennlinien der Welt.

Ella Maillart, La route japonaise en construction, 1934, Mandchoukouo © Nachlass Ella Maillart und Photo Elysée, Lausanne

Sonata II – Architektur der Stille...

U.T. (Sonate) #4, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Es gibt Bilder, die uns nicht wegen ihrer Schärfe, sondern wegen ihrer Unschärfe gefangen nehmen. In der Ausstellung „Sonata II – Spaces of Inner States“ des norwegischen Künstlers Nils Olav Bøe begegnen wir einer Welt, die gleichermassen vertraut wie vollkommen entrückt scheint. Was auf den ersten Blick wie monumentale, nebelverhangene Landschaften, geheimnisvolle Ruinen oder ferne Welten wirkt, entpuppt sich als ein meisterhaftes Spiel mit der Wahrnehmung.

U.T. (Sonate) #12, 2023-25, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 76 x 95 cm © Nils Olav Bøe

Bøe, 1958 in Oslo geboren, ist ein Konstrukteur von Sehnsuchtsorten. Seine epischen Visionen entstehen nicht etwa auf Reisen durch die Wildnis, sondern in der kontrollierten Stille seines Ateliers. Mit fast spielerischer Einfachheit erschafft er aus Pappe, Plastilin und weiterem einfachen Material Miniaturmodelle, die er anschliessend fotografisch und filmisch inszeniert. In seinen grossformatigen Archivinkjet-Prints auf Hahnemühle-Barytpapier verlieren diese winzigen Objekte ihren Massstab und verwandeln sich in zeitlose Räume. Ein kleiner Klumpen Modelliermasse wird zum massiven Eisberg, eine Pappwand zur antiken Stätte im Niemandsland.

U.T. (Sonate) #2, 2024, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 140 x 175 cm © Nils Olav Bøe

Zwischen Realismus und Fiktion
Die Faszination dieser Arbeiten liegt in ihrem Spannungsfeld zwischen Realismus, Fiktion und Zeitlichkeit. Bøe nutzt die Körnigkeit und das Spiel mit dem Fokus, um einen Schleier über das Motiv zu legen, der den Betrachter zur aktiven Interpretation zwingt. Es kommt alles wirklich und unwirklich vor: Wir sehen zwischen Berghängen einen Gletscher, den Mond inmitten einer erleuchteten Wolke oder eine von einer niedrigen Mauer umgrenzte Fläche. Diese visuelle Orchestrierung von Bild, Film und Ton rührt an etwas, das jenseits des Greifbaren liegt.

U.T. 2, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Der Künstler selbst versteht seine Werke als Suche nach Bildern für „innere Seelenzustände“. Es ist eine Einladung zur Introspektion. In einer Zeit der digitalen Überforderung bieten Bøes neblige Schwarz-Weiss-Welten einen Schutzraum für das Ungefähre. Seine Arbeiten eröffnen die Möglichkeit, innere Räume und Zustände zu sehen – auch in uns selbst. 

Dass Bøes Arbeiten international geschätzt werden – von New York bis London und in bedeutenden Sammlungen wie dem Nationalmuseum Oslo vertreten – wundert kaum. Er beherrscht die seltene Kunst, das Kleine so gross zu denken, dass es Platz für unser aller Inneres bietet.

U.T. 11, 2025, Archivinkjet-Print, Hahnemühle-Barytpapier, 17 x 22 cm © Nils Olav Bøe

Die Galerie Susanne Albrecht, 1986 von der Kunsthistorikerin Susanne Albrecht in München gegründet und seit 2009 in Berlin ansässig, konzentriert sich auf die klassischen Medien Malerei, Fotografie, Zeichnung und Skulptur. Das Programm verbindet US-amerikanische Kunst der 1980er-Jahre mit zeitgenössischen Positionen aus China und Japan sowie Werken international renommierter Künstler wie Martin Parr oder Julian Opie. Geleitet von der Philosophie, dass sich zwar Formen wandeln, essenzielle Inhalte aber zeitlos lebendig bleiben, pflegt die Galerie einen beständigen Dialog zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen. 

Die Ausstellung Sonata II – Spaces of Inner States wird am 14. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie Susanne Albrecht in Berlin besucht werden.

Die Unendlichkeit im Augenblick: Sehnsucht und Nostalgie...

Aphrodite left, 2021 © Arpad Polgar

In der menschlichen Existenz klafft eine wehmütige Lücke: die Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Gabe, sich in jegliche idealisierte Raum-Zeit-Dimension zu projizieren. Dieser schmerzliche, doch zugleich faszinierende Kern bildet das Wesen der Sehnsucht – eine Anziehungskraft, die von einem gelebten oder imaginierten "Anderswo" ausgeht. Wenn die Seele zwischen dem Hier und Jetzt und einem verlorenen Paradies hin- und hergerissen ist, begibt sie sich auf eine Suche, die so aussichtslos wie poetisch bleibt. Die Fotografie dient dabei als mechanischer Ankerpunkt, um den flüchtigen Augenblick aus dem kontinuierlichen Fluss der Ereignisse zu heben und unsere fragmentierten Erinnerungsfetzen zu ergänzen.

Fly Self-Portrait, 2020 © Kim Schwanhaeusser

In einer gemeinsamen künstlerischen Wanderung erkunden zwei Positionen die Natur als Quelle der Inspiration und als behütetes Refugium. Obwohl sie oft dieselben Gebiete durchstreifen oder gemeinsam genutzte Studioszenen errichten, bewahrt jeder Künstler eine eigene visuelle Grammatik. Sie eint ein beinahe obsessives Verlangen, Motive aus natürlichen Ressourcen zu sammeln, um die Reibungsflächen zwischen Wirklichkeit und der Unendlichkeit der Fantasie zu untersuchen. Es scheint fast, als sei der Zustand des Sehnens selbst erstrebenswerter als die endgültige Auflösung der Spannungsfelder zwischen Existenz und Vorstellung.

late bloom © Arpad Polgar

Kim Schwanhaeusser, geboren 1991 in Hongkong, nach ihrem Biologiestudium freischaffende Fotografin und Künstlerin, lebt und arbeitet in Deutschland und in der Schweiz. Sie widmet ihr Schaffen einer beinah verlorenen Handwerkskunst: der analogen Schwarz-Weiss-Fotografie. Mit akribischer Sorgfalt erweckt sie Silberhalogenide [1]durch das Zusammenspiel von Licht und Chemie zum Leben – ein Prozess der bewussten Verlangsamung, der ihrem behutsamen Herantasten an das Sujet entspricht. Ihre Werke sind eine Hommage an natürliche Wunder, wobei sie Lebensformen unverblümt mit all ihren Unvollkommenheiten darstellt. Von tanzenden Schmetterlingen bis hin zu mystischen Nebelwäldern dringt sie zu einem Ursprung vor, der sich in der Einfachheit der natürlichen Essenz erschliesst.

Paper Kite Dance, 2021 © Kim Schwanhaeusser

Arpad Polgar, geboren 1967 in Genf, Fotograf und Künstler, lebt und arbeitet in der Schweiz. Er lässt seine Erkundung aus dem lebenslangen Bestreben entspringen, die Prozesse der Natur zu verstehen. Seine Faszination gilt den Zyklen der Metamorphose, dem stetigen Wechselspiel von Wachstum und Auflösung, von Erblühen und Zerfall. Durch die systematische Herauslösung von Typologien aus ihrem Werden ermöglicht er eine zeitunabhängige Erforschung des Flüchtigen. In seinen Arbeiten vermengen sich Naturfragmente mit Artefakten von Malschichten zu neu konfigurierten Topografien und transfigurierten botanischen Anatomien. Dieser Prozess ähnelt einem parallelen Metabolismus, der die ewigen Zyklen von Kontraktion und Expansion des Kosmos widerspiegelt.

The promise of entropy © Arpad Polgar

Die galerie 94 befindet sich im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden und wird von Sascha Laue geführt. Die Galerie versteht sich als ein Ort für Fotografie und Kunst, wobei sie unter dem Leitspruch "augensache" auftritt. Neben der Präsentation etablierter Positionen bietet sie auch Raum für zeitgenössische aufstrebende Talente.

Papilio memnon © Kim Schwanhaeusser

Die Ausstellung Sehnsucht – Nostalgia wird am 12. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie 94 in Baden besucht werden.

Botanica, imperial blue © Arpad Polgar

[1] Silberhalogenide sind lichtempfindliche chemische Verbindungen (wie Silberbromid), die in der analogen Fotografie als winzige Kristalle in der Filmschicht eingebettet sind. Bei Belichtung reagieren sie auf Photonen und bilden die Grundlage für das spätere Bild, das erst durch die chemische Entwicklung sichtbar wird.

Magnolia © Kim Schwanhaeusser

Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus

Edith Tudor-Hart, "Demonstration von Arbeitslosen", Wien, 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Fotografie von Edith Tudor-Hart (*1908 Wien – †1973 Brighton) bewegte sich zeitlebens in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und politischem Aktivismus. Der Berliner f³ – freiraum für fotografie zeigt nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive dieser bedeutenden österreichisch-britischen Exilfotografin.

Edith Tudor-Hart, "Frau mit Kind", Wien, 1930 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Tudor-Hart, geborene Suschitzky, gilt als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955. Ihr Werk ist geprägt von einem starken Engagement für gesellschaftliche Belange. Sie thematisierte in ihren Arbeiten Armut, Integration und Frauenrechte. Ihr Fokus lag auf der Abbildung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Ihre Motive reichten von Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, den Protesten gegen den aufkommenden Faschismus bis hin zu Bergmännern, Fabrikarbeitern und Fischern in Wales, der Frauenbewegung der Nachkriegszeit und den neuen Einrichtungen der Reformpädagogik. Ihre gestalterische Handschrift, ein sachlicher und sozialkritischer Stil, wurzelt in ihrem Studium am Bauhaus in Dessau Ende der 1920er-Jahre, wo sie Fotografie und Grafik belegte.

Edith Tudor-Hart, "Frauenrechtsbewegung", 1945 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der Lebensweg der aus einer säkularen jüdischen Familie in Wien stammenden Edith Tudor-Hart war geprägt von politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin in Wien und London, wo sie den Beruf auch ausübte. Als engagierte und überzeugte Kommunistin wurde sie 1933 in Wien inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil nach England. Um die Ausreise zu ermöglichen, heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten Zeitschriften wie der Picture Post oder der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ).

Edith Tudor-Hart, "Gee Street", Finsbury, London, ca. 1936 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Ein bisher wenig beachteter Aspekt ihrer Biografie: Es wird vermutet, dass sie bereits seit ihrer Jugend mit Nachrichtendiensten und den Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Historisch belegt ist ihre Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings "Cambridge Five". Die Angst vor Überwachung, der Druck durch den englischen Geheimdienst sowie gesundheitliche Gründe führten in den 1950er-Jahren dazu, dass sie ihre fotografische Tätigkeit beendete und Teile ihrer Negative vernichtete. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973 starb Edith Tudor-Hart in Brighton.

Edith Tudor-Hart, "Suppenausgabe", Wien, 1931 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.

Edith Tudor-Hart, "Hakenkreuze im Schatten", Wien, um 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der f³ – freiraum für fotografie bietet internationaler Fotografie eine Bühne. Seine Ausstellungen setzen sich visuell auf erstklassige Art und Weise mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ – freiraum für fotografie die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Edith Tudor-Hart, "Dienstmann", Wien, 1929 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Das Fotohof-Archiv wurde 2015 eröffnet und beherbergt vor allem Fotografien österreichischer, aber auch ausgewählter internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es werden Negative, digitale Daten, Dokumente und alle Materialien gesammelt, die eine Darstellung der künstlerischen Entwicklung ermöglichen.

Edith Tudor-Hart, "Kensal Haus", London, um 1937 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Ausstellung Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus von Edith Tudor-Hart wird am 6. März eröffnet und kann bis zum 17. Mai 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin besucht werden.

Das Echo der schwindenden Natur: Ester Vonplons «Flügelschlag»

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

In einer Ära, in der die Spuren des Menschen fast jeden Winkel der Erde gezeichnet haben, begibt sich die Fotografin Ester Vonplon auf eine Suche nach dem, was – zumindest vermeintlich – noch unberührt geblieben ist. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung richtet sie den Blick auf die fragilen Ökosysteme ihrer Schweizer Heimat: von den tiefen Fichtenurwäldern des Uaul Scatlè über das alpine Hochtal Val Curciusa bis hin zur geschützten Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Ihre Arbeiten fungieren dabei als Memento mori, welche die Kraft und die gleichzeitige Vergänglichkeit einer Natur festhalten, die im Angesicht klimatischer Veränderungen und menschlicher Eingriffe bald verschwunden sein könnte.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Was diese Bilder so eindringlich macht, ist die Verbindung aus achtsamer Beobachtung und radikalem fotografischem Experiment. In der titelgebenden Serie «Flügelschlag» nutzt Vonplon die Technik des Fotogramms, um Abdrücke von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Steinen festzuhalten. Hierbei verwendet sie über hundert Jahre altes Cellofix-Papier, das einst von Soldaten im Ersten Weltkrieg für Lebenszeichen von der Front genutzt wurde. Durch diesen Bildträger verbindet sie die historische Zerbrechlichkeit des Materials mit der flüchtigen Existenz heutiger Ökosysteme.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Einen Weg des bewussten Kontrollverlusts beschreitet sie in der visuellen Untersuchung «I See Darkness». Ein stillgelegter Tunnel im Bündner Safiental diente ihr hierbei als Arbeitsort, Kamera und Dunkelkammer zugleich. Über Zeiträume von Wochen oder Monaten setzte sie grossformatiges Fotopapier den klimatischen Bedingungen und chemischen Reaktionen aus. Die Zeit selbst wird hier zur Bildhauerin und macht feine, oft nicht spürbare Einflüsse der Umwelt überhaupt erst sichtbar.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Die Serie «il uaul» (rätoromanisch für «der Wald») dokumentiert schliesslich die unwegsame Auenlandschaft Ogna da Pardiala in der Surselva. Mit einer analogen Grossformatkamera dringt Vonplon in dieses dichte Dickicht vor. Die eigentümliche Farbigkeit dieser Bilder ist das Resultat eines experimentellen, von der Künstlerin selbst vorgenommenen analogen Entwicklungsprozesses, der feinste Details dieser bedrohten Lebensräume offenbart.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Ester Vonplon (*1980 in Schlieren) lebt und arbeitet heute in Castrisch im Kanton Graubünden. Nach ihrem Studium an der Fotoschule am Schiffbauerdamm in Berlin schloss sie 2013 ihr Masterstudium in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre künstlerischen Projekte, die massgeblich von der Landschaft und Natur der Surselva inspiriert sind, präsentiert sie regelmässig im In- und Ausland. Für ihr Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manor Kunstpreis Graubünden sowie dem SAC-Kunstpreis.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Seit der Gründung 1993 widmet sich das Fotomuseum Winterthur der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur. Die Institution untersucht die kulturelle, soziale sowie politische Rolle des Mediums und dessen Wirkung auf unseren Alltag. Mit jährlich drei bis fünf Ausstellungen beleuchtet das Museum vielfältige Perspektiven junger und etablierter internationaler Kunstschaffender. Das Programm wird durch vielseitige Workshops, Veranstaltungen und digitale Formate ergänzt. Die museumseigene Sammlung umfasst heute rund 9'000 Werke von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Die Ausstellung Flügelschlag von Ester Vonplon kann bis zum 14. Juni 2026 im Fotomuseum Winterthur besucht werden.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

 

 

 

 

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

Frauen. Fragen. Fotoarchive. – Ein längst fälliger Blick in das Depot der Fotostiftung Schweiz...

Anny Wild-Siber, Ginster, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Es ist eine stille, aber tiefgreifende Diskrepanz, die in den Speichern unserer Gedächtnisinstitutionen schlummert. Wer die Geschichte der Schweizer Fotografie verstehen will, landet fast zwangsläufig bei einer Erzählung, die von Männern geschrieben und über Männer geführt wurde. Doch die Fotostiftung Schweiz in Winterthur bricht nun mit dieser Tradition: Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. rückt sie gezielt das Schaffen von sieben Fotografinnen in den Fokus, deren Archive nun erstmals umfassend hinterfragt und im Kontext ihrer Zeit beleuchtet werden.

Anny Wild-Siber, Magnolie, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain

Warum sind von den rund 160 Archiven der Fotostiftung nur 26 Frauen zuzuschreiben? Die Antwort liegt oft in den gesellschaftlichen Strukturen verborgen: Biografien von Frauen wiesen Brüche auf, Karrieren endeten abrupt mit der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. Viele talentierte Fotografinnen arbeiteten im Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder „Meister“, wodurch ihre Spuren in der Geschichtsschreibung oft verwischt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, dass technische Versiertheit allein nicht ausreichte, um einen dauerhaften Platz im Kanon zu finden.

Anny Wild-Siber, Drottningkaktus, ohne Datum, gemeinfrei / Public Domain

Anny Wild-Siber (1865–1942) repräsentiert den Typus der gut situierten Amateurfotografin, die sich das Medium Anfang des 20. Jahrhunderts als Autodidaktin aneignete. Ihre Autochromplatten und Edeldrucke spiegeln nicht nur hohe künstlerische Ambitionen wider, sondern dokumentieren vor allem ihr eigenes privates Umfeld. Vor ihrer Linse fand sich die Welt einer privilegierten Frau, die sie mit technisch anspruchsvollen Verfahren wie der Stereofotografie in dreidimensionalen Ansichten festhielt.

Gertrud Dübi-Müller (Umkreis), Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf, um 1916 ©Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) verfolgte einen ähnlichen Weg und nutzte die Fotografie, um ihre eigene Lebenswelt und ihr soziales Netz festzuhalten. Auch sie agierte als Autodidaktin, wobei ihre Arbeiten heute als wertvolle Zeitzeugnisse dienen, die den Blick einer Frau auf die gehobene Gesellschaft ihrer Zeit konservieren. Ihre Bilder lösen die Grenze zwischen Amateurfotografie und bewusster Dokumentation einer spezifischen sozialen Klasse auf.

Marie Ottomann-Rothacher, Zahmer Star, 1956 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002) steht für die Generation von Frauen, die in den 1930er-Jahren eine reguläre Berufslehre absolvierten. Obwohl sie als Fotografin und Laborantin für namhafte männliche Kollegen tätig war, blieb ihr eigenes Werk oft im Hintergrund. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus den Schweizer Bergregionen, in denen sie mit einem scharfen Blick für soziale Realitäten vor allem Kinder und deren oft entbehrungsreiches Leben porträtierte.

Margrit Aschwanden, Ovomaltinewerbung, Schweiz, 1940-1960 © Margrit Aschwanden / Fotostiftung Schweiz

Margrit Aschwanden (1913–2004) schaffte es, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld zeitweise durch die Führung eines eigenen Ateliers zusammen mit ihrer Schwester zu behaupten. Ihr Archiv zeigt die Herausforderungen zwischen familiärer Einbindung und professioneller Autonomie. Auffallend oft hatte sie dabei Kinder und Jugendliche vor der Kamera – häufig im Rahmen von Aufträgen für gemeinnützige Organisationen, was die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Bildthemen aufwirft.

Hedy Bumbacher, Wallis, 1944 © Hedy Bumbacher / Fotostiftung Schweiz

Hedy Bumbacher (1912–1992) fand erst über Umwege zur Fotografie, nachdem sie bereits ein universitäres Studium abgeschlossen hatte. Sie vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich und widmete sich intensiv der Dokumentation des Lebens in den Schweizer Alpen. Vor ihrem Objektiv standen – ähnlich wie bei Ottomann-Rothacher – die Bewohner der Bergregionen, wobei auch in ihrem Werk Kinder ein zentrales Motiv darstellten.

Leni Willimann, Muscheln (Isocardia cor), ca. 1960 © Leni Willimann / Fotostiftung Schweiz

Leni Willimann-Thöni (1918–2002) gehört zu den Absolventinnen der 1932 gegründeten Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sie blieb zeit ihres Lebens dem neusachlichen Stil ihres Lehrers Hans Finsler verbunden. Ihr Werk illustriert eine ästhetische Strenge und technische Präzision, die sich in sachlichen Kompositionen niederschlug, während sie als Person dennoch am Rande der offiziellen Fotogeschichte blieb.

Anita Niesz, Fiat-Werke, Turin, Italien, 1959 © Anita Niesz / Fotostiftung Schweiz

Anita Niesz (1925–2023) nutzte ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, um sich einer engagierten Sozialdokumentation zuzuwenden. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich, die in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Du erschienen, blickte sie weit über die Landesgrenzen hinaus. Dennoch blieb auch bei ihr ein Fokus auf Kinder und Jugendliche bestehen, oft fotografiert im Auftrag von Hilfswerken, was das Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und gesellschaftlicher Erwartung markiert.

Gertrud Dübi-Müller, Anna und Cuno Amiet, Tivoli, März 1911 © Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz

Diese Bestandsaufnahme ist mehr als eine blosse Präsentation; es ist ein notwendiger Korrekturbetrieb an einer einseitigen Historie. Indem die Fotostiftung Fotografien mit Dokumenten aus dem Gosteli-Archiv kombiniert, entsteht ein vielschichtiges Panorama des Kampfes um Anerkennung und Selbstbestimmung. Es geht darum, jene Vielstimmigkeit zu fördern, die die Fotografie als Zeitzeugnis erst wirklich wertvoll macht.

Marie Ottomann-Rothacher, Bauernkinder Escholzmatt, 1943 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz

Die Fotostiftung Schweiz widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1971 der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende Archive. Das Spektrum ihrer Sammlung reicht von den Anfängen des Mediums bis zur Gegenwart und umfasst sowohl künstlerische als auch dokumentarische und private Ausdrucksformen.

Leni Willimann-Thöni, Glühbirne, 1937–1940 © Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz

Die Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. ist vom 28. Februar bis zum 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Requiem pour pianos: Wenn die Stille eine Melodie bekommt…
Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

Requiem pour pianos #7, Frankreich, 2015 © Romain Thiery

In der Stille verlassener Räume, dort, wo der Putz von den Wänden bröckelt und die Natur sich langsam ihr Terrain zurückerobert, findet der französische Künstler Romain Thiery die Protagonisten seiner Arbeit. Mit seiner Serie «Requiem pour pianos» bewegt er sich an den zerbrechlichen Grenzen von Fotografie, Klang und kollektivem Gedächtnis. Für Thiery ist das Klavier kein blosser Gegenstand; es ist tief in unserer Kultur verwurzelt und bewahrt sich selbst im tiefsten Verfall eine unveränderliche Noblesse.

Requiem pour pianos #11, Frankreich, 2014 © Romain Thiery

Doch Thiery begnügt sich nicht mit dem rein Visuellen. In seinem Projekt «Resonance for Pianos» verfolgt er einen immersiven Ansatz: Er nimmt vor Ort jeden einzelnen Ton auf, den diese versehrten Instrumente noch hervorbringen können. So rettet er die musikalische Seele der Klaviere, bevor sie endgültig verstummen.

Requiem pour pianos #85, Frankreich, 2019 © Romain Thiery

Eine Reise durch die Fragilität Europas
Thierys Spurensuche führt uns zunächst nach Nordfrankreich. In «Requiem pour pianos #7» (Frankreich, 2015) sehen wir ein Erard-Klavier, das seltsamerweise den Brand eines Schlosses aus dem 14. Jahrhundert überstand. Heute ist das Gebäude renoviert, das Instrument jedoch verschwunden – es existiert nur noch als flüchtiger Moment in Thierys Fotografie. Ähnlich tragisch ist die Geschichte hinter «Requiem pour pianos #11» (Frankreich, 2014): In einem prachtvollen französischen Lustschloss von 1863 stand einst ein edler Bösendorfer-Flügel. Ein Sturm im Jahr 1999 leitete den Zerfall des Gebäudes ein, das nach Plünderungen schliesslich abgerissen wurde.

Requiem pour pianos #146, Grossbritannien, 2024 © Romain Thiery

Einen besonderen Platz nimmt das Anwesen Erard im Südwesten Frankreichs ein. In «Requiem pour pianos #85» dokumentiert Thiery ein Interieur, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Die Instrumente von Erard wurden einst von Grössen wie Chopin, Liszt und sogar Beethoven geschätzt und stehen für höchste französische Klavierbaukunst. In diesem Herrenhaus erinnert das Motiv an eine Exzellenz, die mit dem Ende der Produktion in den 1980er-Jahren leise aus der Welt gefallen ist.

Requiem pour pianos #138, Italien, 2023 © Romain Thiery

In Grossbritannien begegnen wir in «Requiem pour pianos #146» (UK, 2024) der Grösse eines einst lebhaften Herrenhauses, das im 20. Jahrhundert als Altenheim und medizinisches Zentrum diente. Unter einer majestätischen Holztreppe zeugt dort ein unbrauchbares Klavier von den vielen ungeschriebenen Geschichten dieses Ortes. Weiter südlich, in der Toskana, steht eine Villa von 1875. In «Requiem pour pianos #138» (Italien, 2023) blicken wir in den prachtvollsten Raum, der vollständig mit Fresken verziert ist. Seit deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg dort Quartier bezogen, kehrten die Eigentümer nie zurück. Schwere Unwetter im Jahr 2024 brachten das Gebäude schliesslich zum Einsturz.

Requiem pour pianos #132, Ungarn, 2022 © Romain Thiery

Von Heilstätten und Seidenspinnereien
Auch im Osten Europas findet Thiery Resonanzen des Vergangenen. In Ungarn verfällt ein Jugendstilschloss, das einst als Waisenhaus diente; «Requiem pour pianos #132» (Ungarn, 2022) zeigt die Überreste einer Bibliothek und einen prächtigen Josef-Grund-Flügel. In Polen wiederum dokumentiert «Requiem pour pianos #33» (Polen, 2017) einen Palast aus dem 13. Jahrhundert. Nach einer wechselvollen Geschichte als Archiv und Sanatorium wurde er geplündert; das letzte Klavier im Inneren verschwand im Jahr 2021.

Requiem pour pianos #33, Polen, 2017 © Romain Thiery

Die Reise führt uns zurück nach Deutschland, zum Grabowsee. Das 1896 gegründete Sanatorium Heilstätte Grabowsee diente nach 1945 als sowjetisches Lazarett. Der einstige Ballsaal, den wir in «Requiem pour pianos #38» (Deutschland, 2018) sehen, ist heute eine gefragte Filmkulisse. Im Südwesten Frankreichs begegnen wir in «Requiem pour pianos #130» (Frankreich, 2022) erneut der Marke Erard – jenen Instrumenten, die einst von Chopin und Liszt geschätzt wurden. In diesem Herrenhaus scheint die Zeit stillzustehen und erinnert an eine Epoche, die in den 1980er-Jahren ihr Ende fand.

Requiem pour pianos #38, Deutschland, 2018 © Romain Thiery

In Österreich fand der Künstler in einem Raum, der als Autowerkstatt diente, ein Schweighofer-Klavier. «Requiem pour pianos #93» (Österreich, 2019) ist eines seiner Lieblingsbilder: Nach tagelangem Warten fing er den Moment ein, in dem das Licht das Instrument sanft streichelt und ihm eine fast sakrale Kraft verleiht. In Norditalien hingegen stehen in «Requiem pour pianos #109» (Italien, 2021) zwei majestätische Klaviere von Fratelli Colombo im Heizungsraum einer Seidenspinnerei von 1902. Wo einst ausschliesslich Frauen arbeiteten, bewahrt Thiery heute das letzte Echo der industriellen Vergangenheit.

Requiem pour pianos #130, Frankreich, 2022 © Romain Thiery

Das Finale im fernen Osten
Den Schlusspunkt dieser Reise bildet Japan. In «Requiem pour pianos #163» (Japon, 2025) beleuchtet das Licht in einer verlassenen ländlichen Grundschule ein Kawai-Klavier, das langsam von einem Meer aus Farnen verschlungen wird. Um diesen Ort zu erreichen, musste der Künstler tief in den Wald vordringen und begegnete neugierigen Affen – ein Symbol für die magische Rückeroberung durch die Natur in einem Land, in dem das Klavier als höchstes Zeichen für Bildung und Kultiviertheit gilt.

Requiem pour pianos #93, Österreich, 2019 © Romain Thiery

Romain Thiery ist ein französischer Fotograf und Pianist, der in seinem Schaffen Bild und Ton auf einzigartige Weise vereint. Seit 2014 bereist er die Welt, um verlassene Klaviere in leerstehenden Gebäuden aufzuspüren und deren melancholische Schönheit festzuhalten. Seine international ausgezeichneten Werke wurden bereits in Galerien von Paris bis Tokio ausgestellt und in renommierten Medien wie The Guardian oder Der Spiegel veröffentlicht.

Requiem pour pianos #109, Italien, 2021 © Romain Thiery

Scène55 ist ein kulturelles Zentrum in Mougins an der Côte d’Azur. Als interdisziplinäre Kulturstätte vereint es Theater, Musik, Tanz und bildende Kunst unter einem Dach. Die Einrichtung verfügt über einen modernen Ausstellungsraum, die Scène d'Exposition, in der namhafte zeitgenössische Künstler ihre Werke präsentieren.

Requiem pour pianos #163, Japan, 2025 © Romain Thiery

Wer diese visuelle und klangliche Reise selbst erleben möchte, kann die Ausstellung noch bis am 6. Juni 2026 in der Scène55 in Mougins besuchen. Der Eintritt ist frei. Alle Werke sind als limitierte, handsignierte Originale auf hochwertigem Hahnemühle-Papier erhältlich.

Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile

Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.

Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.

Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken. 

Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt. 

Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche. 

Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.

Die Heilung der Linien: Über die Zerbrechlichkeit in Aimée Hovings «Binding Roots»

Anemone pastel mix, série Inflorescence © Aimée Hoving

Geduld und Staunen verschmelzen im Herzen der künstlerischen Praxis von Aimée Hoving. Ihre beiden Serien «Inflorescence» und «Family Affair» spiegeln einen inneren Garten wider: Ein Ort, an dem persönliche Wandlung im Einklang mit der Natur geschieht und das Licht immer einen Weg findet. Zwischen diesen Projekten zeichnet sich eine gemeinsame Reise ab, die gleichermassen pflanzlich wie menschlich ist: die Erfahrung von Zerbrechlichkeit als Grundbedingung unserer Existenz. Hoving erforscht dabei gezielt das, was weitergegeben, verwandelt und geheilt wird. 

Résurgence, de la série Family Affair © Aimée Hoving

Die Fotografie wird hier durch den bewussten Einsatz von Hand und Nadel erweitert und so zu einem Raum der Fürsorge. Risse und Leerstellen – gezeichnet durch das Verstreichen der Zeit oder den Durchgang einer Krankheit – werden nicht einfach kaschiert. Vielmehr werden sie gezähmt, offenbart und sublimiert. Die Schatten erhalten dadurch einen ganz eigenen Glanz und laden uns ein, unseren verletzlichen, vergänglichen und doch zutiefst lebendigen Anteil mit neuen Augen zu betrachten. 

Flower bed with light pink Achillea, série Inflorescence © Aimée Hoving

Aimée Hoving, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in Coppet und ist Absolventin der renommierten ECAL in Lausanne. In ihren Arbeiten gelingt es ihr, Poesie, den unverfälschten Blick eines Kindes und eine gewisse Leichtigkeit selbst in die intimsten Bereiche des Lebens zu bringen. Indem sie Mitglieder ihrer eigenen Familie inszeniert, führt sie uns in eine oft beunruhigende Wahrnehmung des Alltags. Sie erforscht dabei Themen wie genetische Mutationen, multikulturelle Wurzeln und Kindheitserinnerungen, während sie stets ungelöste Rätsel in ihren Bildern schweben lässt. 

Haunted, série Family Affair © Aimée Hoving

Ihre Werke wurden bereits international gewürdigt, unter anderem mit dem Swiss Design Award und dem Kulturpreis der Fondation Leenards. Hovings Fotografien sind in bedeutenden Sammlungen vertreten und wurden in Institutionen wie der Saatchi Gallery in London, dem SCOP in Shanghai sowie der MEP in Paris ausgestellt. 

Loves me loves me not rainbow, série Inflorescence © Aimée Hoving

Seit 1982 am Place du Château in Nyon ansässig, ist FOCALE der älteste noch aktive Ort in der Schweiz, der ausschliesslich der Fotografie gewidmet ist. In einem charaktervollen Gebäude im Herzen der Altstadt fördert der Verein eine Fotografie an der Schnittstelle zwischen Dokumentation und ästhetischer Forschung. Mit der Eröffnung einer spezialisierten Buchhandlung im Jahr 1989 hat sich FOCALE zudem als lebendige Plattform für den Austausch und als Treffpunkt für Profis und Amateure der Fotokunst etabliert. 

Maybe, série Family Affair © Aimée Hoving

Die Ausstellung Binding Roots wird am 5. Februar eröffnet und kann bis 25. April 2026 in der focale in Nyon besucht werden. 

Little pastel Ferula, série Inflorescence © Aimée Hoving

Das Antlitz des Anderen: Christa Mayers fotografische Innenwelten

Carsten und Hase, 1996, aus der Serie Abwesende II, 1987-1996 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

In der Geschichte der Fotografie gibt es Positionen, die sich nicht allein über ihre Ästhetik definieren, sondern über die Tiefe der menschlichen Begegnung, die sie ermöglichen. Das Werk von Christa Mayer ist ein solches Zeugnis eines "berührenden Sehens". Als Fotografin und Psychologin zugleich hat sie über vier Jahrzehnte hinweg ein Œuvre geschaffen, das die Kamera nicht als Barriere, sondern als Instrument der Empathie nutzt, um das Unbewusste der Innenwelten sichtbar zu machen.

Büffelkuh, Varanasi, Indien, 2001 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Bereits seit den frühen 1980er-Jahren formte Mayer ihre progressive künstlerische Handschrift in der legendären Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg in Berlin. Diese von Michael Schmidt gegründete Institution bot ihr den Raum, sich als eine der wenigen Frauen erfolgreich zu behaupten. Es war diese Zeit des Aufbruchs und der künstlerischen Selbstbehauptung, in der sie 1983 mit dem Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Mayanischer Schamane, Yucatán, Mexiko, 1987 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Den Kern ihres Schaffens bilden die Porträts aus der Langzeitpsychiatrie einer Berliner Klinik, in der sie mehr als zwei Jahrzehnte als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitete. Hier entstanden Bilder, die weit jenseits jeder voyeuristischen Neugier liegen. Mayer suchte nach der "Schönheit im Angesicht des Anderen". In ihren "dialogischen Bildnissen" wird die Kamera zum Spiegel der Seele; sie fangen das innere Erleben von Patientinnen, Patienten und Angehörigen ein und verleihen jenen eine Stimme, die oft am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung stehen.

Junge und Hund, Istanbul, 1992 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Doch Mayers Blick beschränkt sich nicht auf das klinische Umfeld. Er weitet sich aus auf das "Strasstheater" der Welt. In den urbanen Umgebungen von Istanbul und Italien beobachtete sie die Miniaturdramen der Passantinnen und Passanten mit derselben Intensität wie die Gesichter in ihrem beruflichen Umfeld. Später wandelte sich ihr Fokus hin zur Natur. In ihren Aufnahmen aus Indien, den USA oder Frankreich werden Küsten und Wälder zu symbolisch aufgeladenen Orten. Die Landschaft fungiert hier als Projektionsfläche für das Verhältnis von Innen und Ausssen – eine visuelle Metaphysik, die die Rätselhaftigkeit des menschlichen Daseins in die Weite der Natur übersetzt.

Ohne Titel, aus der Serie Abwesende I, 1979–1986 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Christa Mayer, 1945 in Bad Kissingen geboren, verbindet in ihrer Biografie auf einzigartige Weise wissenschaftliche Analyse und künstlerische Intuition. Nach ihrem Psychologiestudium in Würzburg und Berlin widmete sie sich fast dreissig Jahre lang der therapeutischen Arbeit, während sie parallel ihr fotografisches Werk entwickelte. Ihre Arbeiten, die heute in bedeutenden Sammlungen wie der Berlinischen Galerie oder dem Museum Folkwang in Essen vertreten sind, zeugen von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Thema Identität. Ob in ihren frühen Selbstporträts oder in der intensiven Aufarbeitung familiärer Beziehungen – wie in ihrem Buch "Meine Mutter, meine Schwester und ich" – Mayer gelingt es stets, das "Fremde im Eigenen" aufzuspüren. Ihr Lebenswerk, das nun anlässlich ihres 80. Geburtstags umfassend gewürdigt wird, ist ein Plädoyer für ein Sehen, das nicht bewertet, sondern versteht.

Tänzerin, Cihangir, Istanbul, 1992 © Christa Mayer, VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Das Haus am Kleistpark zählt zu den bedeutendsten kommunalen Galerien Berlins. Beheimatet im ehemaligen Botanischen Museum, blickt der Ort auf eine reiche Geschichte zurück: Wo heute zeitgenössische Kunst präsentiert wird, befand sich einst das Herbarium von Adelbert von Chamisso. Mit einem klaren Fokus auf die Fotografie und der Förderung lokaler Kunstschaffender durch das hauseigene Arbeitsstipendium hat sich die Institution als zentrale Plattform für den gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurs etabliert.

Die Ausstellung "Christa Mayer. Fotografie – Das Werk" kann vom 16. Januar bis zum 6. April 2026 im Haus am Kleistpark (Grunewaldstrasse 6-7, 10823 Berlin) besucht werden.

Movement…

Freihändig auf dem Fahrrad, 1946 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Ausstellung Movement führt durch die jahrzehntelange, bewegte und sich stets wandelnde Karriere des Schweizer Fotografen René Groebli – einem Künstler, der nie stillstand und immer wieder Neues, bisher Ungesehenes wagte, ohne sich permanent auf einen bestimmten Stil, ein Genre oder eine Technik festzulegen.

Entkleiden, Auge der Liebe, 1952 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Groeblis Gesamtwerk ist so facettenreich, dass es nicht in einzelnen, ikonischen Bildern gelesen werden kann. Es umfasst dynamische Strassenfotografien voller Bewegungsunschärfe, Experimente in Farbe, Montagetechniken sowie intime Studien über Leben, Liebe und Körperlichkeit in Schwarzweiss. Wenn sich etwas verlässlich durch sein Œuvre zieht, ist es ein klar erkennbarer, unstillbarer Durst nach neuen Ausdrucksformen. Eine seiner ersten Aufnahmen – freihändig vom Fahrrad aus über den Lenker hinweg fotografiert – zeugt bereits von einer frühen Faszination des Künstlers für Geschwindigkeit und steht symbolisch für eine Karriere, die keinem linearen Verlauf folgt und den vorherrschenden formalen Normen stets einen Schritt vorauseilen wird.

Magie der Schiene, (#569), 1949 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Groebli fühlt und arbeitet lyrisch und intuitiv. Eine begonnene Ausbildung an der Zürcher Kunstgewerbeschule bei Hans Finsler, dessen Schule in der kühlen, statischen Neuen Sachlichkeit verwurzelt ist, brach er alsbald ab, um stattdessen der lockenden Lebendigkeit der Strassen, Clubs und Bühnen Zürichs zu folgen. Wie ein Filmemacher versucht er, das Wesen der Bewegung in statischen Bildern sichtbar zu machen, verzichtet dabei auf perfekte Schärfe, lässt Elemente des Zufalls bewusst zu und fängt so nicht nur Bewegung, sondern auch Emotionen ein. Dieser subjektive, freie Umgang mit dem Medium Fotografie zeugt von einer cineastischen Sensibilität, die in krassem Gegensatz zur damals vorherrschenden Strenge der Schweizer Nachkriegsfotografie steht.

Ballspiel auf der Quaibrücke, 1950 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Ausstellung lädt dazu ein, Groeblis Fotografie so zu erfahren, wie er sie gelebt hat: als dynamische, zentrifugale Kraft, die Bewegung in all ihren Formen einfängt – physisch, emotional und künstlerisch – und sie offenbart einen Künstler, für den die Fotografie nicht nur ein Mittel war, die Welt neutral zu dokumentieren, sondern ein lebendiges Medium in ständigem Wandel: bewegt und bewegend.

Cornelia, 1961 © René Groebli, Courtesy of Bildhalle

Die Bildhalle am Stauffacherquai in Zürich hat sich seit ihrer Gründung durch Mirjam Cavegn zu einer der bedeutendsten Adressen für klassische und zeitgenössische Fotografie in der Schweiz entwickelt. Die Galerie, die heute auch mit einem Standort in Amsterdam international präsent ist, zeichnet sich durch ein Programm aus, das eine Brücke zwischen den grossen Meistern des 20. Jahrhunderts – wie René Groebli oder Werner Bischof – und innovativen zeitgenössischen Positionen schlägt. Mit einem feinen Gespür für die haptische Qualität und die erzählerische Kraft des Mediums schafft die Bildhalle einen Raum, in dem Fotografie nicht nur als Dokument, sondern als eigenständige, poetische Kunstform gefeiert wird. 

Die Ausstellung kann bis 28. Februar 2026 in der Bildhalle besucht werden.

Das Meer ist schief – Robert Bösch und die Autonomie des Bildes

Mount-Everest-Gipfel, Blick nach Tibet © Robert Bösch

Das Meer ist schief… oder Bilder, die ich gesehen habe – so liesse sich die Begegnung mit dem neuen Bildband von Robert Bösch beschreiben. Es ist ein Werk, das sich der klassischen Dokumentation entzieht. Bösch beansprucht in seinen einleitenden Gedanken nicht, die Welt oder seine Wahrnehmung davon abzubilden. Vielmehr sucht, fotografiert und entscheidet er, was nicht auf das Bild kommt. So erscheint das Meer schief, die blau-silbern schimmernden Wasserspiegelungen wirken wie ein Design mit visueller Intensität und das Schneefeld wie die Oberfläche des Mondes.

Schilf © Robert Bösch

«Sie stehen nicht für etwas Grösseres, sie stehen nicht für das, was davor oder daneben war, sie stehen für nichts anderes als für sich selbst». Das ist die Grundhaltung des Buches: Die Fotografien sind keine Dokumente, keine Erzählungen, keine Symbole – sondern autonome Bilder. Sie entstehen aus der Welt, wie sie ist – aber sie stehen für sich selbst. Sie sind nicht Teil einer Geschichte, sondern die Geschichte selbst.

Basislager Mount Everest, Khumbugletscher, Nepal © Robert Bösch

Bösch greift auf die klassische Fotografie zurück – aber nicht, um sie zu wiederholen, sondern um sie zu verändern. Er ist weltweit unterwegs, um Motive zu finden, die er «herauslöst». Nicht um sie zu dokumentieren, sondern um sie zu formen. Die Bilder sind teils ruhig, teils kraftvoll – geprägt von sattbunten Farben, poetischem Schwarzweiss, messerscharfen Linien und dynamischen Szenen.

Rotes Auto auf Passstrasse, Susten, Schweiz © Robert Bösch

Es sind Fragmente einer globalen Reise: Ein Elefant, der majestätisch durch die Wüste schreitet. Ein Gorilla, der durch den Wald läuft. Eine tiefrote Decke über weissem Geländer. Schilf, das an japanische Tuschezeichnungen erinnert. Strassenkreuzungen in Uganda, quirlig, chaotisch, lebendig. Bergwelten, Landschaften und Wasser-Aufnahmen, die atmosphärisch an ein Turner-Gemälde erinnern.

Palmen, Lago Maggiore, Schweiz © Robert Bösch

Verlagsinformationen: Bilder, die ich gesehen habe – ein exklusives Werk mit Böschs neuesten, meist unveröffentlichten Bildern. Prächtiger, grossformatiger Bildband in hochwertiger Ausstattung.              

In seinem neuesten Buch präsentiert der renommierte Fotograf Robert Bösch eine Auswahl herausragender Fotografien, die er in seiner Schweizer Heimat und auf Reisen rund um den Globus aufgenommen hat – von der Antarktis über Venedig bis zu den Wüsten Namibias. Die teils ruhigen, teils kraftvollen Aufnahmen spiegeln Böschs einzigartige Sicht auf die Welt und laden die Betrachterinnen und Betrachter ein, die Welt durch seine Linse zu entdecken. Dabei zeigt sich nicht nur die grosse Vielfalt seiner Motivlandschaften, sondern auch die Fähigkeit, alltägliche Momente in faszinierende Kompositionen zu verwandeln. Bösch kombiniert die Kunst des Sehens mit der Entdeckungslust und verleiht seinen Bildern eine unverwechselbare Tiefe. Das Werk ist ein eindrückliches Zeugnis seiner lebenslangen Leidenschaft für Fotografie.

Kunsthaus, Zürich, Schweiz © Robert Bösch

Robert Bösch (*23. August 1954 in Schlieren, Kanton Zürich) ist Fotograf, Geograf und Bergführer – und seit über 40 Jahren professionell unterwegs. Als Alpinist begleitete er Extremtouren, erklomm den Mount Everest (2001), dokumentierte Ueli Steck. Als Fotograf machte er sich mit Actionfotografie international einen Namen – für GEO, Stern, National Geographic, Spiegel.  

Doch in den letzten Jahren wandte er sich der Landschafts- und Kunstfotografie zu. Seine Bücher Mountains (Lebenswerk), No Man’s Land, BIRDS und NOT SEEN markieren diesen Wandel: weg vom Abenteuer, hin zur Form, zur Komposition, zur Entscheidung. Heute lebt er in Oberägeri (ZG), ist Nikon-Ambassador und arbeitet ausschliesslich als freischaffender Berufsfotograf – mit dem Spezialgebiet: Was nicht aufs Bild kommt.

Giraffen, Lake Mburo National Park, Uganda © Robert Bösch

Der Christoph Merian Verlag mit Sitz in Basel, ist ein renommierter Schweizer Verlag, der sich auf hochwertige Bildbände, Kunst- und Kulturpublikationen spezialisiert hat. Gegründet 1983, ist er bekannt für seine sorgfältige Gestaltung, seine Fokussierung auf Schweizer Künstler und seine internationale Ausrichtung.

Möwen, Zürich, Schweiz © Robert Bösch

Bilder, die ich gesehen habe (ISBN 978-3-03969-053-4) von Robert Bösch kann direkt beim Christoph Merian Verlag oder im Buchhandel bezogen werden.

Pyramiden von Gizeh, Ägypten © Robert Bösch

"Businessman", Delhi, Indien © Robert Bösch

Kampala, Uganda © Robert Bösch

Aletschhorn, Schweiz © Robert Bösch

Wo das Leben spielt...

Skitour auf den Titilis, 1945. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Er war Sportfotograf, kletterte für das perfekte Bild in die Eigernordwand und lichtete Weltstars wie Louis Armstrong ab. Doch am liebsten war Milou Steiner dort, wo das normale Leben passierte. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Aarau zeigt das facettenreiche Werk eines Mannes, der Fotografie als Handwerk und Berufung verstand. 

Bergführerschule Jungfraujoch, 1961. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Es gibt Fotografen, die jagen den einen, lauten Moment. Und es gibt solche wie Milou Steiner (1915–1994). Steiner war kein Paparazzo, obwohl er lange als Pressefotograf – unter anderem für den Blick – arbeitete. Sein Werkzeug war nicht die Ellbogenmentalität, sondern der Respekt und ein wacher Blick für den Alltag. Die umfassende Ausstellung «Wo das Leben spielt» im Stadtmuseum Aarau zeigt nun die Bandbreite dieses Fotografen , dessen Karriere in einem zutiefst bewegten Europa begann und dessen Bilder – wie etwa die Serie über den Wiederaufbau Münchens – eindrückliche Zeitdokumente sind. 

Louis Armstrong mit Velma Middleton, Kongresshaus Zürich, 1955 Milou Steiner © StAAG/RBA | RBA16-313_1

Nach diesen frühen Jahren galt sein Blick voll und ganz dem alltäglichen Leben – den Momenten, die für die Menschen das Leben lebenswert machten. Steiner, der seinen Künstlernamen Milou bereits mit 18 Jahren wählte, war ein «Augenmensch», der genau wusste, wo und wann er sein musste. Als aufmerksamer Chronist dokumentierte er den enormen gesellschaftlichen Wandel fast beiläufig, aber mit einem präzisen Blick für das Wesentliche. Seine Serien spannen den Bogen von der Nachkriegszeit bis hin zur technologischen Transformation der heimischen Gesellschaft. Dabei interessierten ihn nicht nur die Innovationen selbst, sondern vor allem ihr Einfluss auf den Alltag der Bevölkerung. So hielt er kuriose Meilensteine wie die frühe Computer-Partnervermittlung mittels der sogenannten «Heiratsmaschine» (IBM 1410) fest und begleitete Pionierprojekte wie den Migros-Lastwagen, der als rollender Laden die Lebensmittelversorgung revolutionierte und direkt zu den Menschen brachte. Sein Interesse an sozialen Gefügen machte dabei auch an der Landesgrenze nicht halt: Eine seiner letzten Auslandsreportagen widmete er etwa dem männlich dominierten Strassenleben in der Türkei, was seinen Ruf als Fotografen unterstreicht, der stets den Menschen im Kontext seiner Umgebung suchte. 

Matrosen mit Sextanten auf See vor Scheveningen, Niederlande 1954. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Doch Steiner war nicht nur der stille Beobachter des städtischen Alltags, er suchte auch das Abenteuer und scheute aussergewöhnliche Einsätze nicht. Für das perfekte Bild war ihm kein Weg zu steil: Er kletterte für die Berichterstattung zum Film «Sein bester Freund» 1950 sogar mit dem Filmteam in die Westflanke der berüchtigten Eigernordwand. Für ihn galt der Grundsatz, dass man sich bewegen muss, um ein gutes Bild zu bekommen. Diese professionelle Gelassenheit bewahrte er auch, wenn er das Parkett wechselte und grosse Namen vor seine Linse traten. In Zusammenarbeit mit dem People-Journalisten Jack «Chasseur» Stark fotografierte Steiner Weltstars wie Louis Armstrong , Romy Schneider oder die Beatles. Dabei mied er das blosse Spektakel und zeigte den Menschen hinter dem Star, weshalb er in der Szene als besonders verlässlicher und anständiger Fotograf galt. 

Alp-Fahrt mit dem Schiff, Insel Ufenau 1959. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Hinter dem vielseitigen Profi stand dabei immer auch der Familienmensch Emil «Milou» Steiner. Seine Frau Margareth «Greta» Heiduk und die Kinder Emilio und Marianne waren oft Teil seiner Arbeit und wurden in seine Leidenschaft eingebunden. Die Ausstellung, die auf dem rund 11'000 Fotografien umfassenden Nachlass im Ringier Bildarchiv basiert, ist somit mehr als eine Werkschau. Sie ist eine Hommage an einen Chronisten, der zeigte, dass die grossen Geschichten oft im Kleinen liegen. 

Migros auf Rädern, 1955. Foto: Milou Steiner © StAAG/Ringier Bildarchiv

Die Ausstellung Wo das Leben spielt von Milou Steiner kann bis am 27. September 2026 im Stadtmuseum Aarau besucht werden.

Peggy Kleiber – Reise in das fotografische Werk…

Rom, 1964 © Peggy Kleiber

Poesie des Alltäglichen: Die späte Entdeckung der Peggy Kleiber

Vom Glück des Sehens und der Diskretion: Der Verlag edition clandestin hebt mit der Monografie «Peggy Kleiber» einen verborgenen Schatz der Schweizer Fotografiegeschichte. Ein Buch wie eine Reise – von den Gassen Roms bis in das Herz einer Familie.

© Peggy Kleiber

Manchmal beginnt Kunstgeschichte mit einem Fundstück, das eigentlich gar nicht gefunden werden wollte. Im Fall von Peggy Kleiber (1940–2015) waren es zwei Koffer, die nach ihrem Tod in ihrer Wohnung standen. Der Inhalt: Rund 15’000 Fotografien, aufgenommen zwischen 1959 und den frühen 1990er-Jahren. Zu Lebzeiten blieb dieses Werk weitgehend unsichtbar, ein privates Archiv einer Frau, die hauptberuflich als Lehrerin arbeitete und ihre Bilder selten zeigte.

Nun liegt mit dem Bildband «Peggy Kleiber», herausgegeben von der Association – Les Photographies de Peggy Kleiber, eine Publikation vor, die dieses Werk dem Vergessen entreisst. Und was für ein Werk es ist: Es ist keine chronologische Abhandlung, sondern eine «poetische Reise von aussen nach innen».

© Peggy Kleiber

Der Blick der Flaneurin

Wer war diese Frau, die mit ihrer Leica M3 durch Europa reiste? Peggy Kleiber war eine Beobachterin der leisen Töne. Ihre Fotografien zeugen von einer tiefen, fast zärtlichen Aufmerksamkeit für die Welt. Das Buch gliedert sich in drei grosse Themenbereiche: Reisen, Gesellschaft und Familie.

Besonders eindrücklich sind ihre Aufnahmen aus Italien. Rom wurde für die junge Peggy Kleiber zur Wahlheimat, ein «geliebtes Gesicht». Fernab der touristischen Pfade des Dolce Vita suchte sie das Authentische in den Vorstädten und Gassen. Ihre Bilder fangen das Licht der Ewigen Stadt ein, die «unglaubliche Symphonie von Farben» – auch wenn sie in Schwarz-Weiss fotografierte. Wir sehen spielende Kinder auf Plätzen, Nonnen, die in einen Bus steigen, oder das flirrende Leben in Trastevere. Es sind Bilder, die bezeugen, dass das Gesehene tatsächlich existiert hat, ganz im Sinne Roland Barthes.

© Peggy Kleiber

Zwischen Poesie und Politik

Doch Peggy Kleiber war mehr als eine romantische Reisende. Ihr Werk ist durchzogen von einem feinen, aber bestimmten gesellschaftspolitischen Bewusstsein. Beeinflusst von der Lektüre der Philosophin Simone Weil, begab sie sich 1965 in eine Fabrik in Roggwil, um Arbeiterinnen zu fotografieren. In Sizilien dokumentierte sie die Arbeit des Sozialreformers Danilo Dolci und fing die Gesichter der Strassenkinder von Partinico ein.

Lorenzo Pallini beschreibt in seinem Essay im Buch treffend, wie Kleiber eine Verbindung herstellte zwischen den grossen Anliegen der Gesellschaft und den kleinen Momenten des Alltags. Sie war da, sie sah hin, aber sie drängte sich nie auf. Ihre Haltung war die einer «diskreten» Zeugin, die sich oft unsichtbar machte, um den anderen Raum zu geben.

© Peggy Kleiber

Das Familienalbum als Kunstwerk

Der dritte Teil des Buches führt ins Intime: zur Familie. Peggy Kleiber, die selbst keine eigenen Kinder hatte, wurde zur Chronistin ihrer grossen Verwandtschaft. Ihr 2006 selbst gestaltetes Buch «Rue Neuve 44» dient als Basis für diesen Abschnitt16. Hier zeigt sich eine andere Qualität ihres Schaffens: Die Distanz der Strassenfotografie weicht einer vertrauten Nähe. Wir sehen Kinder beim Spielen, Hochzeiten, das Leben in seinen Zyklen.

Sylvia Battegay arbeitet in ihrem Text heraus, wie Kleiber in diesen Bildern das «Geheimnis der persönlichen Existenz» wahrt. Es sind Aufnahmen voller Lebensfreude, in denen Tränen und Traurigkeit zwar nicht gezeigt werden, aber als leise Ahnung mitschwingen.

© Peggy Kleiber

Ein Plädoyer für «Fledermaus-Erzählungen»

Warum haben wir diesen Namen noch nie gehört? Teresa Gruber liefert in ihrem Beitrag eine kluge Antwort. Sie bezeichnet Werke wie jenes von Kleiber als «Fledermaus-Erzählungen» – Geschichten, die sich ausserhalb der etablierten Kanons der (männlich dominierten) Kunstgeschichte bewegen, deren Frequenzen wir erst lernen müssen zu hören. Kleiber war keine Berufsfotografin, sie strebte nicht nach Ruhm im Kunstfeld. Doch gerade diese Unabhängigkeit macht ihren Blick so unverstellt und wertvoll für eine «Vielstimmigkeit» der Schweizer Fotogeschichte.

© Peggy Kleiber

Dieser sorgfältig gestaltete Band ist mehr als eine Monografie; er ist eine Einladung, das Sehen neu zu lernen. Peggy Kleibers Bilder erinnern uns daran, dass «Aufmerksamkeit die seltenste und reinste Form der Generosität ist» – ein Zitat von Simone Weil, das dem Buch vorangestellt ist. edition clandestin hat dieser Generosität nun den Raum gegeben, den sie verdient.

© Peggy Kleiber

Sylvia Battegay: Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin befasst sich in ihrer Arbeit mit gesellschaftlicher und kultureller Diversität sowie politischer Kunst. Seit 2021 ist sie als Lektorin für den Verlag edition clandestin tätig und hat diesen Bildband redaktionell betreut.

 Teresa Gruber: Sie ist Kuratorin bei der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. In ihrer kuratorischen Tätigkeit verantwortete sie unter anderem Ausstellungen zu renommierten Fotografinnen wie Manon, Annelies Štrba, Binia Bill und Lucia Moholy.

© Peggy Kleiber

Lorenzo Pallini: Der Filmemacher, Fotograf und Dozent ist seit Jahren im Bereich des Dokumentarfilms aktiv. Er war einer der Kuratoren der ersten italienischen Ausstellung über Peggy Kleiber («Tutti i giorni della vita»), die 2023 im Museo di Roma in Trastevere zu sehen war.

 Hélène Faignot: Sie ist die Nichte von Peggy Kleiber und engagiert sich in der «Association – Les Photographies de Peggy Kleiber». Im Buch steuerte sie den persönlichen Text «Unsere Peggy» bei, der einen intimen Einblick in das Leben der Fotografin gibt.

© Peggy Kleiber

Francesca Petrarca Sie zeichnet für die Buchgestaltung verantwortlich und verfasste gemeinsam mit Sylvia Battegay den einleitenden Text «La Peggy».

© Peggy Kleiber

Der Verlag edition clandestin wurde 1989 von Judith Luks gegründet. Im Zentrum der Publikationstätigkeit des in Biel/Bienne, Schweiz, domizilierten Verlages stehen Kunstbücher, bibliophile Vorzugsausgaben und Kunstblätter. Vermehrt werden auch belletristische Werke in Kombination mit Fotos, Zeichnungen und Illustrationen ins Programm aufgenommen, Richtung Graphic Novel. edition clandestin ist Mitglied vom SBVV und von SWIPS (Swiss Independent Publishers), der Plattform der unabhängigen Schweizer Verlage.

© Peggy Kleiber

Das Buch Peggy Kleiber (ISBN 978-3 907262-74-0) kann direkt bei der edition clandestin oder im Buchhandel bezogen werden.

Hannah Villiger: Sculpting the Self…

Hannah Villiger, Block XXXVI, 1994, fünfzehn C-Prints, montiert auf Aluminium, 289 x 481 cm, Kunstmuseum St.Gallen, erworben vom Kunstverein St.Gallen 1996 © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die Schweizer Künstlerin Hannah Villiger (1951–1997) verstand sich stets als Bildhauerin, obwohl die Fotografie ihr Hauptmedium war. Unter dem Titel Sculpting the Self widmet das Kunstmuseum St.Gallen ihrem Werk nun eine fokussierte Kabinettausstellung, die genau diese mediale Schnittstelle beleuchtet.

Hannah Villiger, Baum, 1984/85, C-Print, montiert auf Aluminium, 125 x 123 cm, Kunstmuseum St.Gallen, Schenkung aus dem Nachlass der Künstlerin 2001 © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die von Henna Keski-Mäenpää kuratierte Präsentation konzentriert sich auf Villigers zentrale Schaffensphase der 1990er-Jahre. Gezeigt werden die ikonischen, grossformatigen «Block»-Arbeiten im Dialog mit selten präsentierten Werkgruppen aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Villigers Untersuchung des «Körpers» endete dabei nicht beim eigenen Physischen. Auch ihre urbane Umgebung – Hochhäuser oder Bäume – behandelte sie wie skulpturale Objekte, deren Oberflächen sie mittels der Kamera fragmentierte und neu kartografierte. Durch die radikale Vergrösserung der intimen Polaroid-Aufnahmen entstehen Bildräume, die unsere gewohnte Wahrnehmung von Distanz und Nähe herausfordern.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Realisiert in Zusammenarbeit mit der Stiftung The Estate of Hannah Villiger, unterstreicht die Ausstellung die anhaltende Relevanz einer Künstlerin, die 1994 gemeinsam mit Pipilotti Rist die Schweiz an der Biennale von São Paulo vertrat. Ihr Werk gilt als wegweisend für die performative Fotografie und wurde zuletzt in Retrospektiven im Muzeum Susch und im Centre Pompidou gewürdigt.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Der Ausstellungsort selbst setzt mit dieser Positionierung ein Zeichen. Als führendes Haus der Ostschweiz mit einer Sammlung von über 12'000 Werken fungiert das Kunstmuseum St.Gallen als Brückenbauer zwischen acht Jahrhunderten Kunstgeschichte und der Gegenwart. Zwischen dem traditionsreichen Kunklerbau und der experimentellen Lokremise bietet das Museum den idealen Resonanzraum, um historische Narrative zu erweitern. Die aktuelle Ausstellung löst diesen Anspruch ein, indem sie das kulturelle Erbe mit einer radikalen Position verknüpft, die das fotografische Medium bildhauerisch neu dachte.

Hannah Villiger, Arbeit, 1975, Schwarz-Weiss Fotografie, 70 x 100 cm, Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER © Stiftung THE ESTATE OF HANNAH VILLIGER

Die Ausstellung Hannah Villiger: Sculpting the Self kann bis 30. April 2026 im Kunstmuseum St. Gallen besucht werden.

Extra Terra…

Tanti Patati © Franziska Martin

Extra Terra – eine tiefgründige Reise in die faszinierende, alpine Vergangenheit des Tessins. Ausgehend von einem scheinbar bizarren Phänomen – dem Anbau von Gemüse auf Felsblöcken – beleuchtet Franziska Martin die Überlebenskunst der "Terrieri" im Bavona-Tal. Die Arbeit, die zwischen Dokumentation und Illusion oszilliert, verbindet historische Recherche mit poetischer Bildgestaltung und stellt grundlegende Fragen zur Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Tanti Patati © Franziska Martin

Während einer Wanderung im Bavona-Tal stiess Franziska Martin auf einen beeindruckend grossen Felsblock, auf dessen oberer Fläche eine kleine Wiese wuchs. Steinstufen führten hinauf. Sie liess sich auf dem Stein fotografieren. Die Information einer Freundin, dass die Talbewohner auf solchen Steinbrocken Gemüse angebaut hätten, faszinierte sie so sehr und liess sie nicht mehr los. Diese Faszination und Neugierde entwickelte sich zu einem intensiven Forschungsprojekt.

Balóm dla Predascia © Franziska Martin

In einer Broschüre fand Franziska Martin eine Aufnahme von 1885, die einen Felsblock mit einer angelehnten Leiter zeigte. Oben stand jemand, und daneben befand sich eine kleine, kaum sichtbare Figur. Die Bildunterschrift lautete "Giardino Pensile" (dt. hängender Garten). Dank einem Historiker und einem Zeitzeugen erfuhr sie mehr über die Menschen im Bavona-Tal – den Terrieri, die sich selbst als "Erdenbewohner" ("gens de la terre") bezeichneten und deren Dörfer "Terre" genannt wurden.

Bohnen © Franziska Martin

Das Bavona-Tal ist von steilen Felswänden, die von Gletschern geformt wurden, geprägt und ist voller riesiger Felsblöcke. Fruchtbarer Boden war äusserst rar und wurde durch wiederholte Bergstürze und Gerölllawinen weiter dezimiert. Ziergärten gab es nicht. Dies zwang die Terrieri zu grossem Einfallsreichtum. Sie begannen, auf grossen Felsblöcken Gemüsegärten und Wiesen anzulegen, die im Tessiner Dialekt Giarditt (dt. Garten) oder Prato Pensile (dt. hängende Wiese) genannt wurden.

Kartoffel fällt auf Gras, Collage © Franziska Martin

Ab dem 16. Jahrhundert entstanden diese ungewöhnlichen Gärten, teilweise als Felsen nach Naturkatastrophen mit Nutzungsrechten vergeben wurden. Die Terrieri umfassten die Felsen mit Trockenmauern und füllten sie mit Erde auf, um ebene Anbauflächen zu schaffen.

Verdoppelt © Franziska Martin

Diese Giarditt wurden über Generationen hinweg gepflegt und waren Lebensgrundlagen mit individuellen Namen wie "Balóm di Franc" oder "Balóm dla Predascia". Das Bavona-Tal ist der einzige Ort in der Schweiz, an dem diese einzigartige Form der Landwirtschaft praktiziert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg verliessen viele die Gegend, die Tradition wurde nur noch von wenigen bis in die 1970er Jahre fortgesetzt. Viele dieser Hängewiesen sind heute verlassen und verfallen, oft von Wald überwuchert. 2011 erfasste die Fondation Bavona in einem Inventar noch 150 Giarditts, deren Anbauflächen von 2–3 m² bis zu 500 m² und insgesamt etwa 6500 m² umfassten.

Fels und Spargel © Franziska Martin

Franziska Martins tiefgehende Auseinandersetzung mit diesen Steinen und den verborgenen Geschichten, die sie bewahren, ist eine Kombination aus Recherche, dem Sammeln von Fragmenten der Vergangenheit und dem Versuch, die Bilder ihrer inneren Vorstellungskraft lebendig werden zu lassen. Sie sieht in der Geschichte der Terrieri, die durch Mut, Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit eine Heimat in einer steinigen Welt schufen, ein wichtiges Vermächtnis. Dieses erinnert uns an die Notwendigkeit, sorgsam mit Ressourcen umzugehen und heutigen Herausforderungen mit Resilienz und Demut zu begegnen.

Giarditt in der Nacht © Franziska Martin

Franziska Martin arbeitet als freiberufliche Fotografin mit Fokus auf Reportage und Porträt. Ihre persönlichen Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Fotografie und Collage, zwischen Dokumentation und Illusion. Sie befassen sich mit den Themen Zeit und Veränderung sowie mit der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt – besonders interessiert sie, wie der Mensch seine Umgebung prägt und zugleich von ihr geprägt wird. Ihre Arbeit ist inspiriert von künstlerischen Ansätzen, die Erzählung, Fiktion und dokumentarische Elemente miteinander verweben und die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit hinterfragen. 

Martin absolvierte ihre Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste München in der Fotoklasse von Armin Linke (2018–2025). Zuvor studierte sie an der F+F Schule für Kunst und Design und erwarb ein CAS in Kulturmanagement an der HSLU Hochschule Luzern. Sie ist seit 2016 als freie Fotografin tätig und Mitglied von SIYU (professionelle fotografie schweiz), dem Pool Collective und der Hard Cover Art Gallery.

Wal Kartoffeln im Weltall © Franziska Martin

Die Ausstellung Extra Terra kann bis 13. November 2025 in der Galerie Strates in Lausanne besucht werden.

Encounters – Denise Scott Brown…

London Buses,1950s © Denise Scott Brown

Encounters – ein Buch, eigentlich eine Dokumentation über die Architektur der Nachkriegszeit, die Fotografie und vor allem über eine beindruckende Frau.

De-Budé, Geneva Loop, Geneva, 1962 © Denise Scott Brown

In der Einleitung geht Izzy Kornblatt auf das Leben von Denise Scott Brown ein. Er schreibt über die Begegnung und die Zusammenarbeit mit ihr und die Entstehung von Encounters. Anhand eins teilweise fertiggestellten Buchmanuskript mit dem Titel Wayward Eye: Photographs 1950 to 1970 und vielen Anekdoten und Erklärungen von Denise Scott Brown konnte Izzy Kornblatt in das Archiv eintauchen. Ihre Fotografien dokumentieren Reisen von Johannesburg nach London und durch Europa, zurück nach Südafrika, über den Atlantik nach Philadelphia und quer durch die Vereinigten Staaten nach Kalifornien und Las Vegas. Nach diesen Reiserouten geordnet bieten Scott Browns Fotografien eine umfassende Erzählung, in der ihre Erfahrungen in Südafrika, Europa und die Grundlage für die Sicht auf Las Vegas bilden, für di sie berühmt werden sollte.

Santa Monica Beach, Santa Monica, 1966 © Denise Scott Brown

In diesem Buch wird vom Erzählbogen von Scott Browns Biografie abgewichen, um die Fotografien in eine erweiterten Kontext zu stellen und neue Sichtweisen zu eröffnen. Das Buch zeigt eine Vielfalt von Fäden, die diese Bilder über Raum und Zeit hinweg verbinden. Die Sequenz beginnt mit Fleeting Moments, das die flüchtigen, alltäglichen Begegnungen zwischen Menschen untersucht, die Scott Brown faszinierten. In Motion werden viele Fotografien zusammengeführt, die sie aus Autos, Bussen, Schiffen, Zügen und Flugzeugen aufgenommen hat – Bilder, die eine Welt des beschleunigten Wandels aus der privilegierten Position eines Menschen einfachen, der sie frei durchqueren kann. Philadelphia – ein intimes Portrait einer Stadt, in der Denise Scott Brown, während der Deindustrialisierung und der Stadterneuerung heimisch wurde.

NW cor. 40th and Mkt., West Philadelphia,1964 © Denise Scott Brown

Informationen des Verlages: Für Denise Scott Brown, eine der bedeutendsten Architektinnen der Nachkriegszeit, ist die Fotografie seit jeher ein zentrales Medium, um die Welt, in der Gestaltende arbeiten, wahrzunehmen, festzuhalten und zu hinterfragen. Fasziniert vom Vergänglichen und Alltäglichen fotografierte Scott Brown sowohl aus Freude am Beobachten, zu Forschungszwecken und für ihre Lehrtätigkeit, später dann auch als Teil von Entwurfs- und Planungsprozessen. Mit ihrer Alpa-Kamera [1]versuchte sie, die grosse Komplexität des Lebens um sie herum einzufangen – und sichtbar zu machen, wie Architektinnen und Planer an dessen Gestaltung mitwirken.

 “Encounters" zeigt erstmals eine bedeutende Auswahl von Scott Browns Fotografien aus den 1950er bis 1970er Jahren – jenen prägenden Jahrzehnten, in denen sie ihre Heimatstadt Johannesburg verliess, um in London zu studieren, durch Europa reiste, in die USA übersiedelte, ihr starkes Interesse an den Nachkriegsvorstädten entdeckte, aus dem später "Learning from Las Vegas" entstehen sollte, und sich dem Büro ihres Mannes Robert Venturi anschloss. 

"Encounters" lädt dazu ein, Scott Browns fotografisches Schaffen nicht chronologisch, sondern thematisch zu entdecken. So eröffnet sich ein neuer Zugang zu diesem Werk, das hier nicht als lineare Zeitdokumentation erscheint, sondern als Ergebnis einer aufmerksamen, beobachtenden Praxis. Die in Zusammenarbeit zwischen Denise Scott Brown und Izzy Kornblatt zusammengestellte Fotosammlung, ergänzt durch einen Essay über ihr Verständnis des Alltäglichen, gewährt einen Einblick in Denkweisen, die das Sehen und Gestalten unserer Welt durch Designerinnen und Designer bis heute prägen.

I Love You, Phila., Philadelphia, early 1960s © Denise Scott Brown

Denise Scott Brown ist Architektin, Planerin und Stadtgestalterin sowie Theoretikerin, Autorin und Dozentin, deren Projekte und Ideen Gestaltende und Denkende weltweit beeinflusst haben. Während ihrer mehr als fünfzigjährigen Zusammenarbeit mit Robert Venturi [2]prägte sie die Entwicklung von Venturi, Scott Brown and Associates massgeblich. Sie war als verantwortliche Direktorin für Stadtplanung, Städtebau und Campusplanung tätig und spielte bei zahlreichen Gebäudeentwürfen des Büros eine führende Rolle. Scott Brown leitete Planungsprojekte für die South Street und die Altstadt von Philadelphia, für Miami Beach und Memphis sowie für die University of Pennsylvania, die University of Michigan und die Tsinghua University. Zu den von ihr mitgestalteten Bauten gehören der Sainsbury-Flügel der Nationalgallery in London sowie das Parlamentsgebäude des Départements Haute-Garonne in Toulouse, Frankreich.

 Scott Brown wurde 1931 in Nkana, Nordrhodesien (heute Sambia) geboren, wuchs in Johannesburg auf und besuchte die Universität Witwatersrand, bevor sie Südafrika verliess und nach London zog, wo sie ihren Abschluss an der Architectural Association machte. 1958 übersiedelte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie an der University of Pennsylvania Masterabschlüsse in Architektur und Planung erwarb. 1967 heiratete sie Robert Venturi, mit dem sie fortan sowohl privat als auch beruflich eng zusammenarbeitete. Sie unterrichtete unter anderem an der University of Pennsylvania, der University of California in Los Angeles, der University of California in Berkeley, an der Yale University sowie an der Princeton University und ist Autorin renommierter Bücher, darunter "Learning from Las Vegas" (1972, gemeinsam mit Robert Venturi und Steven Izenour), "Urban Concepts" (1990) und "Having Words" (2009).

 Scott Brown erhielt Ehrendoktortitel von vierzehn Institutionen, ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Philosophical Society sowie International Fellow des Royal Institute of British Architects. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die sie erhielt, zählt die AIA-Goldmedaille, die ihr und Venturi 2015 gemeinsam verliehen wurde – zum ersten Mal wurde dieser Preis an mehr als einen Architekten vergeben.

Rotterdam Berg Polder, 1957 © Denise Scott Brown

Izzy Kornblatt ist Kritiker, Historiker und Designer und lebt in New Haven, Connecticut. Seine Artikel wurden in "Architectural Record", wo er als Redakteur tätig ist, sowie in anderen Publikationen wie "Architectural Review" und "New York Review of Architecture" veröffentlicht und sind in vier Büchern erschienen. Er hat mehrere unabhängige Designprojekte realisiert und Ausstellungen im Athenaeum of Philadelphia, an der University of Pennsylvania und an der Yale University School of Architecture kuratiert.  

Er wurde in Massachusetts geboren und studierte am Swarthmore College, an der National Taiwan University und an der Harvard Graduate School of Design. Derzeit promoviert er in Architekturtheorie und -geschichte an der Yale University.

Boardwalk at [Santa Cruz] Beach Calif., California,1965 © Denise Scott Brown

Lars Müller Publishers wurde 1983 vom Designer Lars Müller gegründet. Mit sorgfältig redigierten und gestalteten Publikationen zu Architektur, Design, Fotografie, zeitgenössischer Kunst und Gesellschaft hat sich der Verlag weltweit - nicht nur in Fachgebieten - einen Namen gemacht. Das Verlagsprogramm spiegelt Müllers eigene vielfältige Interessen wider. Es dokumentiert historische Entwicklungen und zeitgenössische Phänomene, indem es überzeugende Arbeiten aus den Bereichen Bildende Kunst, Objekt- und Umweltgestaltung vorstellt und deren gesellschaftliche und kulturelle Relevanz erforscht. Lars Müller arbeitet eng mit seinen Herausgebern und Autoren zusammen, um bedeutende Publikationen von grosser Eigenständigkeit und auf höchstem Niveau zu produzieren. Lars Müller Publishers ist Mitglied von SWIPS Swiss Independent Publishers und der MOTOVUN Group of International Publishers. Lars Müller ist Einzelmitglied der ICAM (International Confederation of Architectural Museums).

Los Angeles,1967 © Denise Scott Brown

Encounters - Denise Scott Brown (ISBN 978-3-03778-794-6) kann direkt bei Lars Müller Publishers oder im Buchhandel bezogen werden.

Miami Beach, late 1970s (VSB Col.) © Denise Scott Brown

[1] ALPA-Kameras sind modulare, in der Schweiz gefertigte Präzisionskamerasysteme, die vor allem in der professionellen Fotografie eingesetzt werden. Sie zeichnen sich durch hochwertige Materialien, ein flexibles Baukastensystem und die Möglichkeit zur Kombination mit verschiedenen Objektiven und digitalen Rückteilen aus. Weitere Informationen unter alpa.swiss.

[2] Robert Venturi (1925–2018) war ein bedeutender US-amerikanischer Architekt und Architekturtheoretiker. Er gilt als Mitbegründer des Postmodernismus in der Architektur. Mit seinem Werk "Complexity and Contradiction in Architecture" (1966) prägte er die Kritik an der Moderne und forderte mehr Vielschichtigkeit und Ironie im Bauwesen. Venturis Arbeiten verbinden Funktionalität mit ornamentalen Elementen und beeinflussten nachhaltig die Architektur des 20. Jahrhunderts.

Africa hsg JHB, Soweto, South Africa, 1957–1958 © Denise Scott Brown

Central Park from RCA Building, New York City, 1962 © Denise Scott Brown

Bath Crescent, England, mid 1950s © Denise Scott Brown

Venice Den. S. Marco, Denise Scott Brown in the Piazza San Marco, c.1956. © Robert Scott Brown

City hall & flowers, Johannesburg, 1950s © Denise Scott Brown

Las Vegas, mid 1960s © Denise Scott Brown

International Photo Festival Olten: Fotografien, die die Welt bewegen...

© Aïda Muluneh

Bereits zum 5. Mal versammeln sich Ende August 2025 international renommierte Fotografinnen und Fotografen in der Stadt an der Aare, um dem Publikum einmalige Einblicke in ihr Schaffen zu gewähren. Zu den Gästen zählen dieses Jahr unter anderem der weltberühmte britische Fotograf PLATON, das Schweizer Fotografen-Duo Braschler/Fischer, die äthiopische Fotografin und Künstlerin Aïda Muluneh, der amerikanische Portraitfotograf Dan Winters, der Schweizer Fotograf und Schauspieler Carlos Leal u.v.m.

Das diesjährige Line-up ist hochkarätig und verspricht fünf Tage voller fotografischer Höhepunkte. Unter den prominenten Gästen befinden sich der weltbekannte britische Fotograf Platon, das Schweizer Duo Braschler/Fischer, die äthiopische Künstlerin Aïda Muluneh, der amerikanische Portraitfotograf Dan Winters sowie der Schweizer Fotograf und Schauspieler Carlos Leal.

Ein zentraler Bestandteil des Festivals sind die zahlreichen Indoor- und Outdoor-Ausstellungen. Eine davon ist "Displaced" des Schweizer Duos Braschler/Fischer, die im Haus der Fotografie zu sehen ist. Das globale Kunst- und Fotoprojekt thematisiert die Vertreibung von Menschen infolge klimabedingter Katastrophen. Eine weitere Ausstellung ist "Heroes of Another Story" von Carlos Leal. Des Weiteren präsentiert die Ausstellung "PHOTOVILLE4600" zum vierten Mal Werke von Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt auf dem Munzingerplatz. Eine hochkarätig besetzte Jury wählte die 54 ausgestellten Bilder aus. Ausserdem bietet der IPFO Campus über 70 Workshops an, geleitet von renommierten Fachleuten wie Dan Winters und Braschler/Fischer

Weitere Highlights sind die Stories behind:
Platon berichtet über seine persönlichen Begegnungen mit Wladimir Putin, Benjamin Netanjahu, Donald Trump und den Tech-Titanen Elon Musk und Mark Zuckerberg. Er hatte auch andere prominente Persönlichkeiten wie George Clooney, Adele, Nicole Kidman, Muhammad Ali, Edward Snowden und Stephen Hawking mehrfach vor seiner Kamera.

Das Fotografenpaar Braschler/Fischer gibt einen exklusiven Einblick in die Entstehung ihres Projekts über klimabedingte Veränderungen, das sie mit den Vereinten Nationen realisiert haben. Sie sprechen über die intensiven Vorarbeiten, über herausfordernde Bedingungen bei Reisen in abgelegene Regionen bis hin zu den individuellen Erfahrungen, die sie mit jeder porträtierten Person gemacht haben.

Aïda Muluneh untersucht in ihrer Keynote die Rolle der Fotografie als wirkungsvolles Medium für Lobbyarbeit und soziales Engagement. Ausgehend von ihrer Arbeit als Künstlerin, Kuratorin und Kulturproduzentin reflektiert sie über die persönlichen und kulturellen Beweggründe, die ihre Bildsprache prägen.

Das Internationale Photo Festival in Olten findet vom 20. – 24. August 2025 statt.

Hier geht's zum ganze Programm…

In memoriam: Rosalind Fox Solomon…

Patua Para Sculptor's Community at Kali Puja, Girl Of The Image Makers Community, Before Kali Puja, Calcutta, 1981 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Eine prägende Gestalt der Fotografie ist von uns gegangen. Rosalind Fox Solomon, eine Pionierin des Porträts, verstarb am 23. Juni 2025. Geboren 1930 in Highland Park, Illinois, war sie bekannt für ihre Porträts und ihr tiefes Gespür für kulturelle Unterschiede.


Mrs. Ova Heggi and her Mannequin, Chattanooga, Tennessee, USA, 1974 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Ihren Weg zur Fotografie fand Solomon erst spät. Nach ihrem Abschluss am Goucher College 1951 zog sie nach Chattanooga, Tennessee. Ihr ehrenamtliches Engagement für "The Experiment in International Living" führte sie 1968 nach Japan, wo sie mit einer Instamatic-Kamera zu fotografieren begann. Mit 38 Jahren traf sie die Entscheidung, die Fotografie zu ihrem Beruf zu machen und studierte bei der einflussreichen Lisette Model in New York. Model ermutigte sie, das zu fotografieren, was sie kannte, was zu ihren frühen Arbeiten in und um Chattanooga führte.

Chacas, Ancash, Peru, 1995 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Ihre Fotografien aus dem amerikanischen Süden wurden später in dem gefeierten Buch "Liberty Theater" (2018) veröffentlicht. Die Bilder, die über Jahrzehnte entstanden, setzen sich mit sozialer Klasse, Rassismus und der Geschichte des Bürgerkriegs auseinander. Solomon nutzte eine Mittelformatkamera mit Weitwinkelobjektiv und ihr direkter, konfrontativer Stil im quadratischen Format betonte die psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte ihrer Sujets. "Ich machte diese Fotos mit dem Interesse, sowohl die Schönheit als auch die Traurigkeit darzustellen, die ich um mich herum sah", sagte Solomon.

Landmine Zone, Pnom Penh, Cambodia, 1992 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Ein Guggenheim-Stipendium ermöglichte ihr ab 1979, ihre Arbeit international auszuweiten. Ihre Reisen führten sie unter anderem nach Lateinamerika und Indien, wo sie sich mit Themen wie Ritualen, Spiritualität und dem Überlebenskampf befasste. Dies mündete 1986 in der bedeutenden Einzelausstellung "Rosalind Fox Solomon: Ritual" im Museum of Modern Art.

Bananas, Salvador, Bahia, Brazil, 1980 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Ihr vielleicht wirkungsmächtigstes Werk entstand auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise. Ihre Serie "Portraits in the Time of AIDS" (1988) verlieh den Betroffenen Sichtbarkeit und Würde in einer von Stigma geprägten Zeit.

Captive Bird, Chichicastenango, Guatemala, 1977 © Rosalind Fox Solomon / MUUS Collection

Rosalind Fox Solomon, deren Werk in über 50 Museumssammlungen weltweit vertreten ist, war auch als Performancekünstlerin tätig, wobei sie ihre eigenen Texte mit Video und Klang kombinierte. Bis ins hohe Alter blieb sie künstlerisch aktiv. Mit ihr verliert die Welt eine Künstlerin, die unermüdlich die Komplexität menschlicher Beziehungen, Liebe und Tod erforschte.