Zagara: Wenn der Duft der Orangenblüte nach Schweigen riecht…

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Ausgehend von einer konkreten Familiengeschichte – ihre Urgrossmutter musste 1939 in Sizilien vor einem versuchten Femizid fliehen – webt Amico ein dichtes Netz aus persönlichen Archivbildern, Landschaftsaufnahmen, Porträts und Recherchematerialien. Sie behandelt das Familienalbum nicht als passiven Speicher von Erinnerungen, sondern als einen umkämpften Ort, an dem Narrative neu verhandelt werden können. Was in den Bildern oft unsichtbar bleibt: Die Gewalt, das Trauma, das erzwungene Schweigen, wird durch die Installation greifbar. Audioarbeiten, Videos und eben der omnipräsente Duft der Orangenblüte immersieren das Publikum in eine «emotionale Landschaft», die zeigt, wie gesellschaftliche Normen Frauen idealisieren und gleichzeitig in unsichtbare Käfige sperren. Die Schönheit der Blüte wird hier zur Metapher für eine Weiblichkeit, die erdrückt, statt zu befreien. 

Amicos Ansatz ist geprägt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Bevor sie zur Kamera griff, studierte sie Rechtswissenschaften. Dieser juristische Hintergrund schärft ihren Blick für Strukturen: Sie untersucht nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch das Rechtssystem als Rahmen von Gewalt und Schutz sowie die Rolle der Medien bei der Darstellung – oder Verschleierung – von Femiziden. Ihre Arbeit oszilliert zwischen sozialer Untersuchung und relationaler Praxis, wobei sie das Archiv aktiv nutzt, um gelöschte Stimmen wieder hörbar zu machen. Die Ausstellung ist Teil des Jahresprogramms «handle with care» und wird im Dialog mit einer Werkpremiere von Virginie Rebetez gezeigt, was unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema familiärer Erinnerung kontrastiert. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Tiziana Amico (*1991, Italien) ist eine in der Schweiz lebende Fotografin und visuelle Forscherin. Ihre Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie und Recht wurde bereits mit dem 2. Preis beim Swiss Press Photo Award 2025 (Kategorie «International») für das Werk «Nunca Fui Adolescente» ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbands near. für zeitgenössische Fotografie. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Das Photoforum Pasquart in Biel/Bienne, gelegen an der Seevorstadt, versteht sich seit langem als wichtiger Knotenpunkt für die zeitgenössische Fotografie in der Schweiz. Als Institution, die sich der Reflexion und Vermittlung des Mediums verschrieben hat, bietet das Forum mit dieser Ausstellung einen Raum für dringliche gesellschaftliche Diskurse. Die Präsentation von «Zagara» unterstreicht den Anspruch des Hauses, Fotografie nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Werkzeug zur Aufarbeitung von Geschichte und Machtverhältnissen zu begreifen. 

Die Ausstellung «Zagara – Ciò che resta» von Tiziana Amico ist bis zum 30. August 2026 im Photoforum Pasquart in Biel zu besuchen.

YAN, 1956: Ein fotografischer Zeitzeuge in Sardinien...

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Siebzig Jahre sind vergangen, seit Jean Dieuzaide, genannt Yan, seine Kamera durch die Landschaften Sardiniens schweifen liess. Was damals als dokumentarische Reise begann, ist heute mehr als nur eine Sammlung von Bildern: Es ist ein visuelles Archiv einer Insel im Wandel, eingefangen durch den humanistischen Blick eines der bedeutendsten französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vom 11. Juni bis 15. September 2026 widmet das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro diesem historischen Moment eine umfassende Retrospektive.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» lädt dazu ein, das Sardinien der Nachkriegszeit neu zu entdecken. Dieuzaides Fotografien zeigen nicht nur Landschaften und traditionelle Rituale, sondern Menschen in ihrem Alltag – ihre Gesichter, ihre Arbeit, ihre Würde. In einer Zeit, in der sich Europa langsam von den Verwüstungen des Krieges erholte und moderne Transformationen die ländlichen Gesellschaften zu verändern begannen, dokumentierte Yan diese Übergangsmomente mit einer Sensibilität, die über das Dokumentarische hinausgeht. Seine Bilder erzählen von einer Insel, die zwischen Tradition und Moderne oszilliert, und bewahren ein kulturelles Erbe, das heute teilweise nur noch in diesen Fotografien existiert.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Jean Dieuzaide (1921–2003), bekannt unter dem Künstlernamen Yan, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der humanistischen Fotografie in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Karriere begann in Toulouse, wo er 1944 eines der ersten offiziellen Porträts von General Charles de Gaulle während der Befreiung der Stadt aufnahm – ein Bild, das ihn über Nacht bekannt machte. Yan entwickelte in den folgenden Jahrzehnten einen unverwechselbaren Stil, geprägt von Empathie, Respekt und einem tiefen Interesse am menschlichen Dasein. 

Seine Anerkennung in der fotografischen Welt wurde durch zahlreiche Preise untermauert: 1955 erhielt er den prestigeträchtigen Prix Niépce, 1961 den Prix Nadar. Darüber hinaus war Yan 1970 einer der Mitbegründer der Rencontres d'Arles, dem heute weltweit bedeutendsten Fotografie-Festival. In den 1950er-Jahren reiste er nicht nur durch Frankreich, sondern auch den gesamten südeuropäischen Raum, darunter Spanien, Italien und eben Sardinien. Seine Arbeit zeichnete sich stets durch eine respektvolle Nähe zu den Menschen aus, die er porträtierte – nie als Objekte der Beobachtung, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichten.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro ist eine Institution von zentraler Bedeutung für die Bewahrung und Vermittlung der sardischen Kultur. Als Teil des ISRE (Istituto Superiore Regionale Etnografico) widmet sich das Museum der Erforschung, Dokumentation und Präsentation volkstümlicher Traditionen der Insel. Nuoro, oft als «die sardische Stadt» bezeichnet, liegt im Herzen der Insel und gilt seit jeher als kulturelles Zentrum, in dem Sprache, Bräuche und Identität besonders lebendig gehalten werden. 

Das Museum versteht sich nicht als statisches Archiv, sondern als lebendiger Ort der Reflexion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sardiniens. Durch Ausstellungen wie die vorliegende wird die Verbindung zwischen lokaler Identität und internationaler künstlerischer Perspektive hergestellt. Die Zusammenarbeit mit den Archives Municipales de Toulouse, die den Nachlass von Jean Dieuzaide bewahren, unterstreicht den transnationalen Charakter dieses Projekts und die Bedeutung kultureller Kooperation über Ländergrenzen hinweg.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» wird vom ISRE-Istituto Superiore Regionale Etnografico organisiert und von Elisa Medde kuratiert. Sie ist vom 11. Juni bis 15. September 2026 im Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro zu besuchen. Das Projekt wurde durch das italienische Kulturministerium im Rahmen des Förderprogramms «Strategia Fotografia 2025» der Direzione Generale Creatività Contemporanea unterstützt.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die präsentierten Arbeiten stammen aus dem Fonds Jean Dieuzaide der Archives Municipales de Toulouse und bieten einen umfassenden Einblick in die Reise des Fotografen durch Sardinien im Jahr 1956. Neben den fotografischen Arbeiten thematisiert die Ausstellung auch den Prozess des Sehens und Erzählens selbst: Wie wurde Sardinien durch die Linse eines fremden Beobachters transformiert? Welche Narrative entstanden daraus? Und welche Bedeutung haben diese Bilder siebzig Jahre später für das Verständnis von Erinnerung, Territorium und kultureller Identität?

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Zwischen Realität und Wahrnehmung: Shirana Shahbazis vielschichtige Räume...

Displacement 17, 2023, handkolorierter Silbergelatineabzug auf Barytpapier auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Fotografie ist für Shirana Shahbazi mehr als nur ein Abbild der Wirklichkeit; sie ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Wahrnehmung. In der Ausstellung «All at Once. An Interplay with Li Tavor» im Kunstmuseum Luzern wird dies eindrücklich sichtbar. Die Zürcher Künstlerin, die seit 30 Jahren ihrem Medium treu bleibt, schafft es, die Betrachtenden in vielschichtige visuelle Räume eintauchen zu lassen, in denen sich Analoges und Digitales, Figuration und Abstraktion auf einzigartige Weise begegnen.

Falling 01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shahbazis künstlerische Herangehensweise ist geprägt von einem experimentellen Umgang mit dem fotografischen Medium. Oft beginnt die Entstehung eines Werkes mit einem einzigen Bild, das sie in einem aufwendigen Prozess weiterentwickelt. Durch den Einsatz verschiedener Drucktechniken wie Siebdruck oder Lithografie übersetzt sie ihre Aufnahmen von Landschaften, Gebäuden, Personen und Objekten in vielschichtige Darstellungen. Besonders charakteristisch ist ihre seit 2023 laufende Serie «Displacements». Hier fotografiert die Künstlerin Modelle architektonischer Fragmente, die sie im Studio bühnenhaft inszeniert. Das Ergebnis sind mehrschichtige Schwarz-Weiss-Abzüge, die durch handaufgetragene, lasierende Farbverläufe erweitert werden. In diesen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen oben und unten, innen und aussen – ein wiederkehrendes Motiv in Shahbazis Schaffen, mit dem sie das Verhältnis von Realität und Wirklichkeit auslotet. Diese Erkundung setzt sich auch in ihrer Videoarbeit «An Other Place» (2023) fort, für die sie erstmals mit 16mm-Film experimentierte und für die Luzerner Ausstellung eine neue Arbeit kreiert hat.

Teacher, 2019, vierfarbige Lithografie auf Baumwollpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Ausstellung selbst präsentiert ein dichtes Geflecht aus Oberflächen, Formaten, Farben und Licht, in dem Shahbazis Œuvre zwar losgelöst von Ort und Zeit wirkt, dennoch fest im Museumsraum verankert bleibt. Das Herzstück der Präsentation bildet ein dialogischer Ansatz: Neben Shahbazis Arbeiten sind auch Werke von Li Tavor und Monir Shahroudy Farmanfarmaian zu sehen. Li Tavor reagiert dabei direkt auf die Ausstellungsarchitektur mit von der Decke hängenden Latexbahnen, die sich je nach Blickwinkel mit Shahbazis Wandarbeiten überlagern. So entsteht ein dreidimensionaler Dialog, den das Publikum räumlich erfahren kann.

Baum, 2017, Lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shirana Shahbazi (*1974) ist eine in Zürich lebende Künstlerin, die ursprünglich aus der analogen Fotografie kommt. Ihre Arbeiten sind international bekannt und zeugen von einer konsequenten Weiterentwicklung des Mediums über drei Jahrzehnte hinweg. Aktuell zeigt sie ihre Präsenz im öffentlichen Raum auch durch eine temporäre Installation am Baugerüst des Zürcher Grossmünsters während dessen umfassender Sanierung.

Stilleben-33-2007, 2007, C-Print auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Li Tavor ist Architektin, Komponistin, Performerin sowie Ton- und Bildkünstlerin mit Wohnsitz in Zürich. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich häufig mit den vielfältigen Beziehungsmöglichkeiten innerhalb einer gebauten Umwelt. Darüber hinaus untersucht sie, wie die Verflechtung von Klang-, Raum- und Zeitwahrnehmung diese Subjektivitäten erschafft, widerspiegelt und prägt. Charakteristisch für ihre Praxis ist die Arbeit mit Latex, das sie zu grossflächigen, hängenden Installationen formt. Dabei untersucht sie intensiv das Wechselspiel zwischen Sichtbarkeit und Verhüllung.

Fahne, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Monir Shahroudy Farmanfarmaian (1922–2019) gilt als eine der bedeutendsten iranischen Künstlerinnen der Gegenwart. Als erste Künstlerin verband sie erfolgreich traditionelle persische Techniken wie Spiegelmosaik und Hinterglasmalerei mit den Prinzipien der islamischen Geometrie und der Rhythmik moderner westlicher Abstraktion. Ihre über sechs Jahrzehnte umfassende Karriere brachte Skulpturen und Installationen hervor, die durch das komplexe Zusammenspiel von Licht, Reflexion und Form bestechen und sich jeder einfachen Kategorisierung entziehen. Zu ihren Ehren wurde 2017 das Monir-Museum in Teheran eröffnet, wo die Künstlerin, die auch traditionelle Volkskunst sammelte, bis zu ihrem Tod lebte und wirkte.

Wolke, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Das Kunstmuseum Luzern gehört zu den bedeutendsten Schweizer Kunstmuseen. Interessiert an aktuellen gesellschaftlichen Themen, setzt sich das Haus für Öffentlichkeit, Barrierefreiheit und Inklusion ein und fördert aktiv Vielfalt und Austausch. Für seine rund zehn Ausstellungen pro Jahr pflegt das Kunstmuseum Luzern Partnerschaften in der Region wie auch in ganz Europa. Engagierte Wechselausstellungen von internationaler Reichweite, die jährlich neu konzipierte Sammlungspräsentation oder erste Einzelausstellungen aufstrebender Künstlerinnen und Künstler bieten ein abwechslungsreiches Programm, bei dem jeweils drei Ausstellungen parallel zu sehen sind. Dies ermöglicht Entdeckungen jenseits des bereits Bekannten. Die inhaltliche Fülle spiegelt sich im reichhaltigen, ebenso interessanten wie vergnüglichen Angebot des Vermittlungsteams wider.

Spiegel, 2014, zweifarbige Lithografie auf Zerkall Büttenpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die von Fanni Fetzer kuratierte Ausstellung «Shirana Shahbazi. All at Once. An Interplay with Li Tavor» wird am 3. Juli eröffnet und ist bis zum 18. Oktober 2026 zu besuchen. Für alle, die sich von Shahbazis Kunst inspirieren lassen möchten, wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Kurhaus Kleve und wird von verschiedenen Stiftungen und Partnern unterstützt.

Fotofestiwal Łódź: Der geteilte Blick: Wenn das Tier zum Gegenüber wird...

Neither the Shadow nor the Sun © Tanya Habjouqa

Ein Vierteljahrhundert Fotografiegeschichte wird in Łódź nicht mit blossen Rückblicken gefeiert, sondern mit einer Frage, die dringlicher kaum sein könnte: Was bleibt von unserer Menschlichkeit, wenn wir den Blick des Tieres nicht mehr erwidern? Das diesjährige Programm des Fotofestiwal schlägt eine bewusste Brücke zwischen historischen Perspektiven und den akuten Krisen der Gegenwart. Unter dem Titel «We, Animals» untersucht die Hauptausstellung, wie die Industrialisierung die Jahrtausende alte Verbindung zwischen Mensch und Tier gekappt und das Lebewesen vom Gegenüber zum Objekt degradiert hat. Es ist der Versuch, eine Beziehung neu zu denken, die lange von menschlicher Arroganz geprägt war. 

Die künstlerischen Positionen im Hauptprogramm gehen dabei über das blosse Abbilden hinaus. Nikita Teryoshin holt die Hauskatze aus der anonymen Masse der Internet-Memes zurück in den konkreten Raum des Hinterhofs. Feng Li dokumentiert ein Zusammenleben, in dem ein Schwein selbstverständlicher Teil der Familie ist, und Maija Tammi zieht eine erschütternde Parallele zwischen der selbstaufopfernden Liebe einer Krakenmutter und der menschlichen Mutterschaft. Diese Arbeiten wollen nicht rühren, sondern den gewohnten Blick durchbrechen. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Marta Bogdańska, die den Widerstand und die Handlungsmacht von Tieren erforscht, sowie durch Jaap Scheeren, der in intimen Narrativen die Rückverbindung zur Natur sucht. Carlos Alba nutzt die Londoner Stadtfüchse, um eine zeitgenössische Fabel über Macht und Ungleichheit zu erzählen, während Ang Siew Ching die verborgenen Kosten beleuchtet, die Tiere für den Erhalt moderner Gesellschaften zahlen. Richard Barnes lotet schliesslich die Spannung zwischen tiefer Naturbewunderung und dem menschlichen Drang zur Kontrolle aus. Der Kurator Alfio Tommasini fasst es zusammen: Es geht darum, das Tier wieder als unseren «ältesten Lehrer» zu begreifen. 

Dieser Perspektivwechsel weitet sich im Stadtprogramm auf die Bruchstellen der menschlichen Gesellschaft aus. Philip Montgomerys «American Cycles» fungiert als visuelles Archiv eines Jahrzehnts der US-Geschichte. Seine Schwarz-Weiss-Aufnahmen fassen politische Polarisierung, die Black-Lives-Matter-Proteste und die Folgen von Naturkatastrophen zusammen, blenden dabei aber die Momente der Solidarität nicht aus. Das «Open Program» ergänzt diese Perspektive mit globalen Stimmen und unterschiedlichsten methodischen Ansätzen – von der dokumentarischen Fotografie bis zur Archivforschung. Hier reicht die Spanne von der Umweltzerstörung im Amazonas über die Traumabewältigung in Nepal bis zur Dokumentation des palästinensischen Kampfes um Würde durch Tanya Habjouqa. Die Fotografie dient hier nicht der Ästhetisierung, sondern der Sichtbarmachung von Strukturen und Widerstand. 

Besonders nüchtern und damit umso eindringlicher fällt das europäische Projekt «Heritage Lens» unter dem Titel «Slow Fading» aus. Zwölf Künstler dokumentieren das schleichende Verschwinden des kulturellen Erbes durch den Klimawandel. Die Bilder zeigen keine futuristischen Szenarien, sondern reale, laufende Verluste: austrocknende Feuchtgebiete im Po-Delta, absterbende Wälder in der Slowakei, veränderte Küstenlinien in Spanien. Es ist eine Bestandsaufnahme, die die ökologische Krise untrennbar mit dem Verlust von Geschichte und Identität verbindet. 

Einen bewussten Kontrapunkt zu diesen schweren Themen setzt das Festival im neuen Zentrum, dem Biedermann-Palast. Der Schweizer Künstler Augustin Rebetez übernimmt den historischen Raum mit «VITAMIN». Sein vielschichtiges Projekt aus Fotografie, Skulptur, Video und Musik irritiert die sakrale Architektur mit groteskem Humor und chaotischer Energie. Es erinnert daran, dass Kunst auch Raum für das Absurde und Ungeordnete bieten muss. Im öffentlichen Raum setzt Luke Stephenson mit «An Incomplete Dictionary of Show Birds» weitere Akzente: Seine grossformatigen Porträts von Ziergeflügel verwandeln die Stadt in eine surreale Galerie und spiegeln die menschliche Obsession nach ästhetischer Perfektion. Ergänzt wird das Programm durch eine Photobook-Ausstellung, Musikveranstaltungen und diverse Interventionen, wobei weitere Künstlernamen noch im Laufe des Frühjahrs bekannt gegeben werden. 

Das 25. Fotofestiwal versteht sich damit als Plattform, um durch die Linse der Fotografie aktuelle gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen zu verhandeln. Es positioniert das Medium als unverzichtbares Instrument für den Dialog und den Aufbau von Gemeinschaft inmitten globaler Spannungen. 

Das Fotofestiwal Łódź – 25. Internationale Festival der Fotografie findet vom 18. bis 28. Juni 2026 (Eröffnungswochenende: 18.–21. Juni) in Łódź, Polen statt.

Zwischen Glanz und Elend: Eine anthropologische Topografie der Megacity…

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist. 

Cairo © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Sarasins Blick ist dabei weder anklagend noch romantisierend; er ist dokumentarisch und beobachtend. Seine 120 Aufnahmen, die Städte von Los Angeles über Nairobi bis Beijing umspannen, offenbaren eine paradoxe Realität: Obwohl jede Stadt ihre spezifischen kulturellen Marker durch Plakate, Vegetation oder Baumaterialien bewahrt, gleichen sie sich in ihrer anonymen Architektur und der globalisierten Konsumkultur immer mehr an. Die traditionellen Bauweisen weichen global verfügbaren Bauplänen, wodurch die Städte einander fremd und doch vertraut wirken. Im Zentrum von Sarasins Interesse stehen nicht die glänzenden Ikonen der Stararchitekten, die im Stadtmarketing als Wahrzeichen dienen, sondern die «Unterwelt» der Metropolen. Er fokussiert auf Hinterhöfe, verwitterte Brandmauern, informelle Behausungen und postindustrielle Brachen. Diese Bilder legen die tiefe Kluft zwischen der oft bodenlosen Armut der Vielen und den glitzernden Türmen der Mächtigen schonungslos offen. Die Hochhäuser, die im Verlauf des Buches immer dominanter werden, kontrastieren scharf mit den prekären Lebensrealitäten im Vordergrund und unterstreichen so die ökonomischen Ungleichgewichte des neoliberalen Zeitalters. 

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ordnet in seinem begleitenden Essay dieses visuelle Material in einen breiteren theoretischen und historischen Kontext ein. Er beschreibt Sarasins Methode als eine moderne «anthropologische Topografie», die in der Tradition Walter Benjamins steht: Während Benjamin das Paris des 19. Jahrhunderts als Ansammlung materieller Spuren las, hält Sarasin der sich rasend verändernden Gegenwart einen Spiegel vor. Stierli hebt hervor, dass Sarasins Ansatz dem «aufgeschobenen Werturteil» folgt – ähnlich wie bei den Architekten Venturi, Scott Brown und Izenour in ihrer Studie zu Las Vegas. Der Kurator analysiert die Bilder als Dokument einer «Krise der planetaren Urbanisierung», ein Begriff des Stadtgeografen David Harvey, der die aktuelle Entwicklung als Versuch deutet, überschüssiges Kapital zu absorbieren. Stierli betont zudem die geopolitische Verschiebung: War Paris die Hauptstadt des 19. und New York jene des 20. Jahrhunderts, so ist die Gegenwart von einem multipolaren Netz von Megacities im Globalen Süden geprägt. Er liest in Sarasins Fotos die Spannung zwischen spezifischem Ortsbezug und einer «generischen Urbanität», die durch die globale Dominanz des Neoliberalismus entsteht und Städte wie Kairo, Jakarta oder Panama City auf beunruhigende Weise austauschbar erscheinen lässt. Für Stierli sind diese Bilder kein exotisches Fremdeln für den mitteleuropäischen Betrachter, sondern der Beweis, dass diese urbanen Kolosse unsere gemeinsame, unausweichliche Realität geworden sind. 

Panama City © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin ist Historiker und Fotograf. Von 2000 bis 2022 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem «1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Suhrkamp, 2021). Die Idee zu diesem Fotobuch entstand 2009 während eines Aufenthalts in Kairo, wo ihn die Komplexität und Faszination der Megacity dazu bewegten, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren mehr als zwanzig Grossstädte rund um den Globus zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren. 

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ist Kunsthistoriker und amtiert als The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er hat sich intensiv mit der Darstellung von Stadt und Architektur in Theorie, Fotografie und Film auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Las Vegas in the Rearview Mirror: The City in Theory, Photography, and Film» (Getty Research Institute, 2013) sowie «Montage and the Metropolis: Architecture, Modernity, and the Representation of Space» (Yale University Press, 2018). In seinem Essay zur Anthologie analysiert er Sarasins Werk als dokumentarischen Versuch, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der globalen Verstädterung im 21. Jahrhundert sichtbar zu machen und theoretisch zu fundieren. 

New York © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Poetik des Vergehens…

We passed the setting sun, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Im Kabinett des Museum Franz Gertsch entfaltet sich bis Ende August 2026 eine Ausstellung, die das Wesen der Fotografie selbst befragt. Mit den Werkserien «A Gaze of One’s Own» und «An Apparition of Memory» stellt Brigitte Lustenberger zwei Positionen vor, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sich im Kern jedoch derselben grossen Frage widmen: Wie lässt sich das Flüchtige festhalten, ohne es seiner Würde zu berauben? Lustenberger widersetzt sich der Bilderflut und stellt das Handwerkliche, den Prozess und das Verborgene ins Zentrum. 

Edge of Tenderness – A Gaze of One‘s Own, 2026, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Herzstück der Ausstellung bildet der Dialog zwischen der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und der Poesie der Natur. In «A Gaze of One’s Own» wendet sich die Künstlerin nach innen. Inspiriert von Virginia Woolf richtet Lustenberger ihren Blick auf den eigenen, alternden Körper. Sie löst sich damit von der traditionellen, männlich geprägten Sichtweise der Kunstgeschichte. Als Fotografin und Modell in einer Person hebt sie das Machtgefälle zwischen Betrachter und Betrachteter auf. Sie verweigert die Objektivierung; ihr Körper bleibt Subjekt. Die daraus entstehenden Bilder sind keine Akte im konventionellen Sinne, sondern performative Gesten des Selbst-Sehens. Sie fragen unmissverständlich: Was sehen wir eigentlich, wenn wir hinschauen? Und wie können wir Sehmuster aufbrechen? Die Nacktheit, die gezeigt wird, ist keine zur Schau gestellte, sondern eine ehrliche Konfrontation mit Vergänglichkeit und Zeit. 

I was lost in the wildernesss of my mind, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Dieser forschende Blick findet eine überraschende Ergänzung in der Werkgruppe «An Apparition of Memory». Hier entwickelt Lustenberger eine einzigartige Sprache der Blumenfotografie, die beinahe magisch anmutet. Anstatt verwelkte Blüten als Abfall zu betrachten, macht sie sie zum Träger des Bildes selbst. In einem einzigartigen Prozess ersetzt das Pflanzenmaterial die lichtempfindliche Emulsion auf alten Diapositivgläsern. Die Farbpigmente der Blumen werden durch das Licht aktiviert und verwandeln sich in fragile Photogramme. Die filigranen Strukturen, die das blosse Auge im Welken oft übersieht, treten hervor und offenbaren die raffinierte Architektur der Natur. Die Blumen scheinen die Enge des Glases zu sprengen, lösen sich in eine zeitlose Schwerelosigkeit auf. Jeder Titel, entlehnt aus Liedern, Filmen oder Gedichten, webt eine weitere Bedeutungsebene in das Werk ein. Wie der Kritiker Yuri Mitsuda bemerkt, wirken diese Bilder fast wie kunstvolle Gebilde aus schwerelosem Licht. 

Fold – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier, © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Beide Serien eint die Faszination für das Paradoxon der Fotografie: Ein Medium, das erfunden wurde, um das Leben zu bewahren, macht bei Lustenberger unweigerlich den Lauf der Zeit und das Sterben bewusst. Sie verbindet analoge und digitale Verfahren, lässt alte Techniken auf neue treffen und schafft so eine Spannung, die ihre Arbeit im Innersten prägt. Es ist der suchende, fragende Blick, der Besuchende im Museum Franz Gertsch erwartet – ein Blick, der nicht nach schnellen Antworten sucht, sondern zum Innehalten einlädt. 

I can hear the deep rasp of your laughter, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Brigitte Lustenberger, geboren 1969 in Zürich, lebt und arbeitet heute in Bern. Ihr Weg zur Kunst war geprägt von einer fundierten theoretischen Auseinandersetzung; zunächst studierte sie Kunstgeschichte und verfasste ihre Lizentiatsarbeit über Robert Capa und Gerda Taro, bevor sie ihre fotografische Praxis autodidaktisch und später im MFA-Studium an der Parsons School of Design in New York (2007) vertiefte. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Fotopreis des Kantons Bern (2002, 2013) und dem Jungck Künstlerinnenpreis (2025). Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit engagiert sie sich institutionell, so war sie lange im Vorstand der Kunsthalle Bern und ist im Photoforum Pasquart Biel sowie im Stiftungsrat des Unterstützungsfonds für schweizerische bildende KünstlerInnen tätig. 

Pull – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf ist ein Ort der Begegnung mit grosser Kunst und regionaler Verankerung. Bekannt für seine Sammlung und Ausstellungen, bietet das Museum mit seinem Kabinett einen intimen Raum für präsente Positionen der zeitgenössischen Kunst. Die Ausstellung von Brigitte Lustenberger fügt sich hier nahtlos in das Programm ein, das oft Werke zeigt, die handwerkliche Meisterschaft mit konzeptueller Tiefe verbinden. 

An apparition of memory, 2023 Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Die Ausstellung «A Gaze of One’s Own» von Brigitte Lustenberger wird am 12. Juni eröffnet und kann bis zum 30. August 2026 im Museum Franz Gertsch besucht werden.

Robert Lebeck und die Poesie des Augenblicks...

Romy Schneider in einer Drehpause, Berlin 1976 © Archiv Robert Lebeck

Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte.

Karl-Marx-Strasse, Berlin-Neukölln 1960 © Archiv Robert Lebeck

Den Unterschied machte seine Haltung. Der Autodidakt mit dem Hintergrund in Völkerkunde brachte eine anthropologische Neugier mit, die ihn ebenso zu den leisen Momenten hinter den grossen Ereignissen führte wie auf die politischen Bühnen selbst. Ob für Revue, Kristall oder während über dreissig Jahren für den Stern: Lebeck suchte die Nähe. Seine Bilder atmen eine Intimität, die selbst bei weltberühmten Motiven nicht verkünstelt wirkt. Romy Schneider zeigt sich in einer Aufnahme von erschütternder Offenheit, Jacqueline Kennedy am Sarg ihres Mannes ist nicht die First Lady, sondern eine trauernde Frau.

Wäscherinnen in Cullera, Spanien 1964 © Archiv Robert Lebeck

Gleichzeitig war Lebeck ein Chronist historischer Zäsuren. Legendär ist seine Aufnahme aus dem Kongo von 1960, die zeigt, wie ein junger Mann dem belgischen König während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten den Degen entreisst. In diesem Sekundenbruchteil wird das Ende kolonialer Herrschaft sichtbar – erfasst durch einen wachen Blick, nicht durch Inszenierung. Ob heimkehrende Kriegsgefangene in Friedland oder Elvis-Presley-Fans in Ost-Berlin: Lebeck machte den Wandel der Welt durch die Augen der Menschen darin sichtbar.

Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968 © Archiv Robert Lebeck

Neben dem Schaffen war ihm das Bewahren ein Anliegen. Seine private Sammlung zur Geschichte der Fotoreportage umfasst mehr als 30’000 Exponate und deckt die Entwicklung des Mediums von 1839 bis 1973 ab. Diese Arbeit unterstreicht sein Verständnis für das fotografische Erbe, das ihm zu Recht Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis und den Henri-Nannen-Preis einbrachte.

Elvis Presley in Friedberg, Hessen 1958 © Archiv Robert Lebeck

In der heutigen digitalen Bilderflut wirkt Lebecks Ansatz zeitlos. Er erinnert daran, dass Wirkung nicht von Lautstärke abhängt. Empathie, Geduld und poetische Dichte reichen aus. Lebeck hat gezeigt, dass Fotoreportage eine Form des menschlichen Verstehens ist – ein Blick, der auch heute noch berührt.

Golda Meir, Jerusalem 1969 © Archiv Robert Lebeck

Genau hier knüpft der f³ – freiraum für fotografie an. Als Bühne für internationale Fotografie setzen seine Ausstellungen visuelle Akzente und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Alfred Hitchcock in alten Elbtunnel, Hamburg 1960 © Archiv Robert Lebeck

Die Ausstellung Berliner Originale VOL. I: Robert Lebeck ist vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin zu sehen.

photo basel 2026: Elfte Ausgabe feiert experimentelle Fotokunst

Galerie Glaab, Imogen Cunningham, Leaves, 1948

Die photo basel kehrt vom 16. bis 21. Juni 2026 zum elften Mal ins Volkshaus Basel zurück und festigt ihre Position als einzige Fotokunstmesse der Schweiz. In einem authentischen Rahmen präsentiert die Messe über 40 internationale Galerien und mehr als 450 Werke von rund 170 Künstlerinnen und Künstlern. Das Programm spannt einen Bogen von klassischen Positionen wie Vivian Maier und Man Ray bis hin zu zeitgenössischen Namen wie Marina Abramović und Roger Ballen. 

Galerie 94, Zak van Biljon, Türlersee, Zurich 2024

Ein besonderer Fokus liegt dieses Jahr auf der Sektion «beyond photography», die das Medium über seine traditionellen Grenzen hinaus erweitert. Hier zeigen Künstler wie Susa Templin, Ayo Banton und das Duo Inka und Niclas, wie Fotografie durch Skulptur, Installation und experimentelle Drucktechniken in den dreidimensionalen Raum übersetzt wird. Templin untersucht dabei das Zusammenspiel von Raum und Wahrnehmung, während Banton florale Arrangements mit wissenschaftlichen Spektrogrammen kombiniert. 

Galerie Catherine et André Hug, Susan Bernstein

Mit der Sektion «novum» werden ausschliesslich Premieren gezeigt – Werke, die entweder eigens für die Messe produziert wurden oder erstmals öffentlich zu sehen sind. Ergänzt wird das Angebot durch «annabelle’s choice», eine kuratierte Auswahl des Magazins annabelle, die Fotografinnen aufgrund spezifischer Themen oder Techniken hervorhebt. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Parcours und Panel Talks unter dem Titel «photo basel in conversation» fördert den Dialog innerhalb der Kunstwelt. 

Die internationale Ausrichtung der Messe spiegelt sich in der vielfältigen Liste der teilnehmenden Galerien wider:

  • AC Latin Art, Buenos Aires

  • a I e Galerie, Potsdam

  • Ambidexter, Istanbul

  • AN INC., Seoul

  • Atlas Gallery, London

  • Bildhalle, Zürich & Amsterdam

  • Buchkunst Berlin

  • Camera Osbura, Madrid

  • DAVIDE DI MAGGIO, Milano

  • Dorothée Nilsson Gallery, Berlin

  • Doyle Wham, London

  • espace, cyril kobler, Genève

  • Espace_L, Genève

  • Febe e Dafne, Turin

  • Galerie 94, Baden

  • Galerie Analix Forever, Genève

  • Galerie Alex Schlesinger, Zürich

  • Galerie Bessières, Paris

  • Galerie Catherine et André Hug, Paris

  • Galerie Electron Libre, Paris

  • Galerija Fotografija, Ljubljana

  • Gallery Esther Woerdehoff, Paris

  • Galerie Glaab, Bern

  • Galeria Imaginario, Buenos Aires

  • Galerie Monika Wertheimer, Basel

  • GALLERY SCENA. by SHUKADO, Tokyo

  • Galerie Springer Berlin

  • galerie team K., Lübeck

  • Gutknecht Gallery, Genève

  • IBASHO, Antwerpen

  • ICONICO, Monte-Carlo

  • Ira Stehmann Fine Art, München

  • Lise Braun Galerie, Saint-Tropez & Paris

  • M Art Gallery, Lublin & Kyiv

  • Newhouse Gallery, Amsterdam

  • O Art Project, Lima

  • Perve Galeria, Lissabon

  • Python Gallery, Zürich

  • Rademakers Gallery, Amsterdam

  • SMUDAJESCHECK, München

  • Suite 59 Gallery, Amsterdam

Der eigenwillige Blick – Isa Hesse-Rabinovitch zwischen Linie und Licht

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) war eine Künstlerin, die sich nie damit begnügte, den vorgezeichneten Pfaden zu folgen. Als Illustratorin, Fotografin und Filmemacherin hinterliess sie ein Werk, das von Überraschungen geprägt ist und bis heute durch seinen poetisch forschenden Charakter besticht. Ihre Bildwelten sind fesselnd und verspielt, doch sie sind das Resultat eines lebenslangen Suchprozesses, der sich keiner einzigen Disziplin unterordnen liess. 

Geboren 1917 in Zürich als Tochter zweier Kunstschaffender – des russischstämmigen Grafikers Gregor Rabinovitch [1]und der österreichischen Künstlerin Stefanie von Bach –, wuchs Isa Rabinovitch in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihre Ausbildung an den Kunstgewerbeschulen von Zürich und Wien legte das Fundament, doch erst nach ihrer Rückkehr in die Schweiz fand sie ihren eigenen Weg als Grafikerin und Illustratorin. Es war der Beginn einer Reise, die sie parallel zur Zeichnung ab den 1950er-Jahren auch zur Fotografie führen sollte. Anfangs noch als Reisefotografin für den Tages-Anzeiger und die Swissair-Gazette tätig, zog es sie mit ihrer Rolleiflex nach Indien, Südamerika und ans Mittelmeer. Doch mit der Zeit vollzog sich in ihrer Arbeit ein subtiler, aber entscheidender Wandel: Das Dokumentarische trat in den Hintergrund, während das Verdichten von Stimmungen, Gesten und flüchtigen Momenten in den Vordergrund rückte. Wo immer sie ihre Kamera ansetzte, verschmolzen die Zeichnerin und die Fotografin zu einem einzigen, untrennbaren Blick.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Ihr Leben war eng verwoben mit der Familie Hesse. Durch die Heirat mit Heiner Hesse [2]im Jahr 1941 trat sie in den engsten Kreis des Dichters Hermann Hesse ein. Er erkannte früh ihr zeichnerisches Talent und vertraute ihr die Illustration mehrerer seiner Schriften an, darunter «Kleine Betrachtungen» (1942), «Berg und See» (1943), «Der Pfirsichbaum» (1945) und später «Der Wolf» (1955). Ihre Beziehung basierte auf gegenseitiger Sympathie und Gesprächen auf Augenhöhe, die bis zu Hermann Hesses Tod im Jahr 1962 andauerten. Erst nach diesem Einschnitt griff Isa Hesse-Rabinovitch zur Filmkamera – und sollte ihr fortan treu bleiben. Was folgte, war ein kompromissloses, verspieltes Schaffen, das allein ihrer eigenen Neugier und Fantasie verpflichtet war. 

In den späten 1960er-Jahren avancierte sie zur Pionierin des Schweizer Autorinnenfilms. Mit «Spiegelei» und «Monumento Moritat» (1969) entstanden ihre ersten filmischen Arbeiten, wobei letzterer mit dem Studienpreis des EDI ausgezeichnet wurde. Ihr medienübergreifendes Denken zeigte sich exemplarisch im Film «Über einen Teppich» (1972). Darin übersetzte sie einen von Maria Geroe-Tobler gewebten Wandteppich, dem Hermann Hesse 1945 einen Text gewidmet hatte, in bewegte Bilder – ein Dialog zwischen Faden und Film, Wort und Bild. Dieser Film wurde noch im selben Jahr am 1. Internationalen Frauenfilmfestival in New York gezeigt. Inspiriert durch diese Erfahrung initiierte Isa Hesse-Rabinovitch 1975 das erste Frauenfilmfestival der Schweiz. Es entstand ein Werk von rund zwanzig Produktionen in 16 mm und Video. Ein Höhepunkt war der Film «Sirenen-Eiland» (1981), der fast ausschliesslich von Frauen gestaltet und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde; 1982 lief er im Museum of Modern Art in New York in der renommierten Reihe «Cineprobe» – ein entscheidender Meilenstein ihrer internationalen Karriere. Ihre Filme waren zudem an den Solothurner Filmtagen sowie in Venedig, Paris, Mannheim und Montréal zu sehen. 

Neben ihrem Wohnsitz in Küsnacht (ZH) blieb das Tessin zeitlebens ihr bevorzugter Arbeits- und Rückzugsort, ein kreatives Laboratorium. Bereits 1939/40 hatte die damals noch ledige Isa Rabinovitch ein Rustico in Saleggio im Maggiatal gemietet; 1959 kaufte sie gemeinsam mit Heiner Hesse die Casa Roc in Cugnasco als Zweitwohnsitz. Landschaft, Licht und die kulturelle Offenheit der Region nährten ihr experimentelles Schaffen. Ihr letztes grosses Werk, «Geister & Gäste – In memoriam Grand Hotel Brissago» (1989), entstand in der Ruine des einstigen Nobelhotels am Lago Maggiore, das seit einem Brand im Jahr 1983 seine ehemalige Pracht verloren hatte. Mit Zitaten von Leoncavallo[3], Tucholsky[4], Emmy Ball-Hennings[5] und Kästner [6]liess sie vergangene Epochen wieder aufscheinen; die Sängerin La Lupa[7], der Koch Angelo Conti Rossini [8]und ein Kinderchor verwandelten den Zerfall in eine traumhafte Lebendigkeit. Der Film wurde mit dem INTERFILM-Preis in Saarbrücken ausgezeichnet. 

Die Ausstellung «Isa Hesse-Rabinovitch!» versteht sich bewusst nicht als klassische Retrospektive, sondern als eine Annäherung an ein Werk, das sich eindeutigen Lesarten entzieht und dazu einlädt, immer wieder neu entdeckt zu werden. Zwischen den Briefen, die sie mit Hermann Hesse wechselte, den Fotografien und den Filmen, die sie nach seinem Tod realisierte, spannt sich ein feines Geflecht aus Nähe und Distanz, aus Erinnerung und Gegenwart. Ihre Arbeiten erzählen von einer Frau, die mit Neugier und Mut neue Wege suchte – und sie auch ging. In einer Zeit, in der künstlerische Grenzen zunehmend durchlässig geworden sind, wirkt ihr Werk überraschend gegenwärtig: nicht als Echo der Vergangenheit, sondern als eine Stimme, die uns heute mit besonderer Klarheit erreicht.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Das Museo Hermann Hesse Montagnola befindet sich in den Räumen der Torre Camuzzi, die an das malerische Camuzzi-Haus angrenzen, in dem Hermann Hesse von 1919 bis 1931 lebte. Hier fand der Dichter Ruhe, ein mildes Klima und eine üppige Natur, die er für seine Tätigkeit nutzte. In Montagnola entstanden seine bekanntesten Werke wie «Siddhartha», «Narziss und Goldmund» oder «Das Glasperlenspiel». Inspiriert von den wunderbaren Farben der Landschaften und dem mediterranen Flair des Tessins, begann er hier auch intensiv zu malen. Das Museum beherbergt eine Dauerausstellung zu Hesses Leben und Werk sowie jährlich wechselnde Sonder- und Pop-up-Ausstellungen, ergänzt durch Vorträge, Konzerte und Lesungen. 

Die Ausstellung Isa Hesse-Rabinovitch! ist vom 28. März bis 1. November 2026 im Museo Hermann Hesse in Montagnola zu sehen.

 

[1] Gregor Rabinovitch (1884–1958), geboren als Grigori Idelewitsch Rabinowitsch in Oranienbaum bei Sankt Petersburg, war ein russisch-schweizerischer Grafiker und Karikaturist. Der Vater von Isa Hesse-Rabinovitch lebte ab 1914 in der Schweiz und war Teil des künstlerischen Umfelds, in dem seine Tochter aufwuchs. Seine berufliche Laufbahn prägte die frühe künstlerische Sozialisation seiner Tochter, die später selbst als Illustratorin und Filmemacherin Bekanntheit erlangte. 

[2] Heiner Hesse (1909–2003), bürgerlich Hans Heinrich Hesse, war der älteste Sohn des Nobelpreisträgers Hermann Hesse und dessen erster Frau Mia Bernoulli. Er arbeitete als Dekorateur und Illustrator und war seit 1941 mit der Künstlerin Isa Hesse-Rabinovitch verheiratet. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1962 übernahm er die Rolle des Nachlassverwalters und kümmerte sich um das literarische Erbe von Hermann Hesse. 

[3] Ruggero Leoncavallo (1857–1919) war ein bedeutender italienischer Opernkomponist des Verismo, der vor allem durch sein Werk «Pagliacci» (Der Bajazzo) weltberühmt wurde. In Isa Hesse-Rabinovitchs Film dient er als klangliche Stimme einer vergangenen kulturellen Epoche, die in der Hotelruine wieder aufgerufen wird.

[4] Kurt Tucholsky (1890–1935) war einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller und Journalisten der Weimarer Republik, bekannt für seine scharfzüngigen Satiren und gesellschaftskritischen Texte. Seine Worte im Film evozieren die intellektuelle und politische Atmosphäre der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die einst im Grand Hotel Brissago verkehrte.

[5] Emmy Ball-Hennings (1885–1948) war eine deutsche Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin sowie eine zentrale Figur der Dada-Bewegung in Zürich, wo sie eng mit Hugo Ball zusammenarbeitete. Als Zeitgenossin von Hermann Hesse und Künstlerin im Tessin verkörpert sie den Geist des künstlerischen Aufbruchs und der Avantgarde, den der Film wiederaufleben lässt.

[6] Erich Kästner (1899–1974) war ein renommierter deutscher Schriftsteller, der durch seine Kinderbücher, Lyrik und zeitkritischen Romane wie «Fabian» bekannt wurde. Seine Texte im Film stehen repräsentativ für die humanistische und oft melancholische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in der Ruine des Hotels ihre Resonanz findet.

[7] La Lupa (geb. 1947 als Maryli Maura Marconi) ist eine Schweizer Sängerin und darstellende Künstlerin, die im Alpenraum für ihre lebhaften Auftritte bekannt ist, in denen sie italienische Volkslieder, Klassik und Poesie verbindet. Im Film verwandelt sie als singende Stimme den sterilen Zerfall der Hotelruine durch ihre Präsenz in eine traumhafte, lebendige Szene.

[8] Angelo Conti Rossini war der Koch des Grand Hotel Brissago und ist im Film als reale Person der vergangenen Hotelära präsent, die durch die Inszenierung wieder zum Leben erweckt wird. Seine Rolle symbolisiert die sinnliche und gastliche Vergangenheit des Hauses, die im Kontrast zur heutigen Verlassenheit der Ruine steht.

Was America: Ein atmosphärisches Portrait der verlorenen Mitte...

Untitled, 1950s, New York, 1919–2004, gelatin silver print © Anthony Linck

Der Titel der aktuellen Ausstellung der Fondazione Rolla in Bruzella klingt wie eine wehmütige Feststellung: «Was America». Die von Francesco Zanot kuratierte Ausstellung ist kein dokumentarischer Abriss der US-Geschichte, sondern ein atmosphärisches Portrait der amerikanischen Mittelklasse. Sie entstand aus einem intensiven Dialog zwischen dem Kurator und den Sammlern Philip und Rosella Rolla. Gemeinsam wurden aus ihrer privaten Sammlung 42 Werke ausgewählt, die den Zeitraum von den 1930er-Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umspannen. Im Vordergrund steht nicht die politische Analyse, sondern das Evozieren einer vergangenen Lebenswelt – geprägt von Haus, Familie und einer noch intakten Gemeinschaft. 

The Dexter Portfolio, 1972, Spokane, WA, 1921–Webster Township, MI, 2007, gelatin silver print © Phil Davis

Die gezeigten Fotografien, darunter Werke von Grössen wie Richard Avedon, Edward Weston und Bernd und Hilla Becher sowie Bilder anonymer Urheber, fungieren als «Zertifikate der Anwesenheit» einer sozialen Schicht, die heute zunehmend erodiert. Francesco Zanot beschreibt die Fotografie als ein zutiefst bürgerliches Medium, das einst der Selbstrepräsentation und dem Zusammenhalt diente. Die Ausstellung zeigt eine Ära, in der Architektur noch Nähe suchte und lokale Geschäfte soziale Treffpunkte waren, bevor Digitalisierung und wirtschaftliche Krisen das soziale Gefüge aufbrachen. Es ist eine visuelle Arche für eine «Normalität», die im heutigen Streben nach dem Aussergewöhnlichen oft verloren geht. 

Levittown, NY, 1951/1961, New York, 1904–Stamford, CT, 1971, gelatin silver print © Margaret Bourke-White

Die Fondazione Rolla hat sich im Tessin als wichtiger Akteur für Fotografie und zeitgenössische Kunst etabliert. Ihr Ausstellungsraum «Kindergarten» in Bruzella dient als Plattform für Projekte, die private Sammelleidenschaft mit öffentlichem Diskurs verbinden. Die Stiftung wird von Philip und Rosella Rolla getragen; insbesondere Philip Rollas kalifornische Wurzeln unterstreichen die persönliche Verbindung zum aktuellen Ausstellungsthema. 

Harold Brodkey, 1975, New York, NY, 1923–Sant’Antonio TX, 2004, gelatin silver print © Richard Avedon

Die Ausstellung «Was America» wird am 30. Mai 2026 eröffnet und ist bis Ende Oktober 2026 im Kindergarten an der Stráda Végia in Bruzella zu sehen.

Key West, 1987/2026, fine art inkjet print © Philip Rolla

Miryam Abebe
Zwischen Funktionalität und Metaphysik: Giovanni Ghirardis Suche nach der verlorenen Ordnung...

Peloponneso, Grecia, 2021 © Giovanni Ghirardi

In einer visuellen Landschaft, die von der ständigen Flucht flüchtiger Bilder geprägt ist, wählt Giovanni Ghirardi den Weg der gedehnten, strengen Zeit. Seine aktuelle Ausstellung in der Mailänder Galerie Still Fotografia versammelt vierzig Arbeiten, die weit mehr dokumentieren als nur Gebäude. Ghirardi, der 1969 in Mailand geboren wurde, richtet seinen analytischen und zugleich poetischen Blick auf jene architektonischen Räume, die im allgemeinen Bewusstsein oft als nebensächlich oder rein funktional abgetan werden. Industriezonen, verlassene Orte und stille Vororte transformieren sich unter seiner Kamera zu "Kathedralen der Moderne", in denen das Alltägliche eine unerwartete Heiligkeit erfährt. 

Teatro Carcano, Milano, 2022 © Giovanni Ghirardi

Was Ghirardis Werk von der traditionellen Architekturfotografie unterscheidet, ist sein konsequenter Verzicht auf das Spektakuläre. Er folgt nicht dem Glanz der Stararchitekten, sondern sucht nach formaler Reinheit im Unscheinbaren. Wie der Kurator Alessandro Curti treffend bemerkt, konstruiert Ghirardi eine "Architektur des Blicks" durch Subtraktion. Er isoliert Volumen, misst Proportionen mit millimetergenauer Präzision und löst das architektonische Element aus seinem Kontext, um es zu einem Symbol einer möglichen Ordnung zu erheben. Durch den gekonnten Einsatz von Kraftlinien verwandelt der Künstler Beton, Glas und Stahl in abstrakte Flächen – visuelle Partituren, in denen die Stille zur dominierenden Note wird. Das Licht modelliert hierbei die Volumen und höhlt Schatten aus, ohne den Betrachter abzulenken; der menschliche Körper sucht man vergebens, einzig seine Spur bleibt als Ergebnis der Bearbeitung der Landschaft sichtbar. 

Corridoio 2, Namibia, 2024 © Giovanni Ghirardi

Diese Ästhetik der Ruhe ist untrennbar mit Ghirardis handwerklicher Methode verbunden. Werte wie Langsamkeit und Handarbeit durchdringen seinen gesamten kreativen Prozess. Der Künstler steuert nicht nur die Aufnahme, sondern kümmert sich persönlich um den Druck der Werke – ein Vorgehen, das er seit 2024 auch auf die Herstellung der Rahmen ausdehnt. Ausgehend von rohem Holz wählt er das Material spezifisch für jedes Bild aus, sodass der Rahmen nicht nur als ästhetische Vervollständigung dient, sondern integraler Bestandteil der Fotografie wird. Das Ergebnis ist eine geordnete Welt, befreit von den Ablagerungen des Alltags, die die Betrachtenden zu einer kontemplativen Haltung einlädt. 

Palermo, 2025 © Giovanni Ghirardi

Diese präzise Handschrift spiegelt auch Giovanni Ghirardis beruflichen Werdegang wider. Der 1969 in Mailand geborene Autodidakt verfolgt seine Leidenschaft für Fotografie und Architektur parallel zu seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt in einer internationalen Kanzlei. Spezialisiert auf Rechtsstreitigkeiten im Bereich des gewerblichen und geistigen Eigentums, nutzt er seine juristische Präzision auch in seiner künstlerischen Arbeit. Seine Bilder zeugen von einer tiefen Faszination für urbane Geometrien und industrielle Details, die er versucht, aus einer objektiven Perspektive in ihrer abstrakten Essenz einzufangen. Ghirardi lebt und arbeitet in Mailand. 

Stanza verde, Kolmanskop, 2024 © Giovanni Ghirardi

Die 1987 gegründete Galerie Still Fotografia gilt als eine der führenden Institutionen in Italien, die sich ausschliesslich der Fotografie als künstlerischem Medium widmet. Die Galerie befindet sich im lebhaften Isola-Viertel von Mailand, versteht sich der Raum nicht nur als Ausstellungsort, sondern als kulturelles Labor, das die Grenzen des Genres durch monografische Schauen internationaler Künstler und thematische Gruppenausstellungen ständig neu definiert. Mit einem Programm, das historische Positionen mit zeitgenössischer Forschung verknüpft, fördert die Galerie den kritischen Diskurs über das Bild in unserer Gesellschaft und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit Fotografen, Kuratoren und Verlagen. 

Interno con vasca, Kolmanskop, 2024 © Giovanni Ghirardi

Die Ausstellung Altre architetture von Giovanni Ghirardi ist vom 15. Mai bis 4. Juli 2026 in den Räumen der Galerie zu sehen. Die Vernissage findet am 14. Mai 2026

Das Licht, das zurückbleibt...

Aus derSerie Residual Sky, under contamination © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Akosua Viktoria Adu-Sanyah schneidet die Menschen weg. Wo das koloniale Archiv Gesichter zur Schau stellte, um Machtverhältnisse zu zementieren, setzt sie die Schere an. Die historischen Negative stammen aus dem Geburtsort ihres Vaters in Ghana und sind Teil der British Empire and Commonwealth Collection in Bristol. Doch statt die porträtierten Personen erneut dem Blick auszusetzen, isoliert sie Fragmente: Himmel und Baumkronen aus dem oberen Bilddrittel. Diese Ausschnitte sind kein flüchtiger Rest, sondern werden zum eigentlichen Kern der Arbeit. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025, Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

In der Dunkelkammer beginnt die physische Aneignung. Das Papier wird zum Körper, der Chemie ausgesetzt, gedreht, vervielfältigt und schliesslich vernäht. Jede Naht ist eine Narbe, jede chemische Reaktion eine Spur der Zeit, die im Material weiterlebt. "Residual" meint hier kein vages Nachklingen, sondern eine "innere Nachwirkung", die das spätere Verhalten beeinflusst. Es ist das physische Gedächtnis des Lichts, das durch die Hände der Künstlerin fliesst und sich dem starren Blick des Archivs entzieht. Was in den Ausstellungsräumen entsteht, sind keine fertigen Bilder, sondern atmende Oberflächen. Grossformatig lehnen sie sich an den Raum, fordern ihn heraus und lassen das Unsichtbare spürbar werden. Hier wird Geschichte nicht erzählt, sondern durch den manuellen Eingriff neu verhandelt – langsam, schmerzhaft und voller Möglichkeit. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025 Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990) ist deutsch-ghanaisch und lebt in Zürich. Nach ihrem Studium an der HBK Saar arbeitet sie konsequent mit den Mitteln der analogen Farbfotografie. Ihre Werke waren bereits im Foam Museum Amsterdam, im Centre de la Photographie Genève und am Photoforum Pasquart Biel zu sehen. Das Jahr 2026 wird ein intensives: Nach der Präsentation im Kunsthaus Glarus folgt im Mai die Eröffnung von LOST SISTER in der Stadtgalerie Saarbrücken (1. Mai – 30. August 2026). Im Sommer zeigt das PHOXXI in Hamburg ihre Arbeit Residual Sky Under Contamination im Rahmen der Triennale. Später im Jahr sind die Einzelausstellung no flowers im Centre Culturel Suisse in Paris sowie das Projekt An Unstable Field in den Deichtorhallen Hamburg geplant. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Swiss Art Award (2024) und dem Louis Roederer Photography Prize for Sustainability (2022) ausgezeichnet. 

Aus der Serie Residual Sky, Installationsansicht Kunsthaus Glarus © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Das Kunsthaus Glarus verbindet historische Bausubstanz mit zeitgenössischer Kunst. Als Ort der präzisen Auseinandersetzung präsentiert es internationale Positionen im Dialog mit der regionalen Öffentlichkeit. Aktuell startet das Haus mit einem Prolog in das "Jahr der Sammlung", wobei erstmals Werke aus dem eigenen Bestand zur Repräsentation von Körpern gezeigt werden. 

Aus der Serie Residual Sky, Installationsansicht Kunsthaus Glarus © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Das PHOXXI ist der temporäre Spielraum des Hauses der Photographie in Hamburg. Als experimenteller Ort ermöglicht es raumgreifende Installationen, die im regulären Museumsbetrieb kaum Platz fänden, und dient als zentraler Austragungsort der Triennale der Photographie. Die Deichtorhallen hingegen gehören zu den führenden internationalen Ausstellungshäusern für zeitgenössische Kunst und Fotografie. Mit ihren historischen Hallen und dem modernen Sammlungsbau bieten sie den Rahmen für grossangelegte institutionelle Einzelausstellungen, die das Werk von Künstlern wie Adu-Sanyah in einen breiten kunsthistorischen Kontext stellen. 

Aus derSerie Residual Sky, under contamination © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Die Triennale der Photographie Hamburg untersucht alle drei Jahre den Zustand des Mediums. Sie versteht Fotografie als kulturelle Praxis, die gesellschaftliche Narrative und historische Gewissheiten hinterfragt. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025, Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print, Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Die Ausstellung "Residual Sky" im Kunsthaus Glarus ist bis zum 24. Mai 2026 zu besuchen. Im Anschluss sind die Arbeiten im PHOXXI, Haus der Photographie in Hamburg, vom 5. Juni bis 1. November 2026 im Rahmen der 9. Triennale der Photographie zu sehen.

Architektur aus Stoff: Peter Knapp und die Freiheit der Form...

Collection Courrèges haute couture printemps-été 1965. Elle n°1002, mars 1965 © Peter Knapp / Courrèges

Es gibt Partnerschaften in der Kulturgeschichte, die über das blosse Zusammenarbeiten hinausgehen. Die Beziehung zwischen dem Fotografen Peter Knapp, dem Modemacher André Courrèges und der Familie Maeght ist so eine Verbindung. Sie basiert auf einer gemeinsamen Vorstellung von Moderne, die in den 1960er-Jahren ihren Ausdruck fand – nicht durch laute Gesten, sondern durch klare Linien und eine neue Art von Freiheit. Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Maeght, eine Carte Blanche für Peter Knapp, zeichnet diese Fäden nach. 

Courrèges Collection Couture Future circa 1971-1972 © Peter Knapp

Im Zentrum steht das Jahr 1965. Als Courrèges seine Frühjahr-Sommer-Kollektion präsentierte, verzichtete er bewusst auf Dekor, um die reine Architektur der Kleidung hervorzuheben. Der Minirock, die Farbe Weiss und strukturierte Schnitte wurden zu den Merkmalen einer neuen weiblichen Silhouette. Die Presse sprach damals von der "Courrèges-Bombe". Peter Knapp war dabei und setzte diese Revolution bildlich um. Für das Magazin ELLE fotografierte er Modelle, die scheinbar schwerelos im Raum schweben. Diese Bilder, die heute den Kern der Ausstellung bilden, zeigen mehr als nur Mode; sie dokumentieren den Wunsch nach einer Frau, die sich frei bewegt, losgelöst von den Konventionen der Vergangenheit. 

Courrèges Collection Haute Couture Automne-Hiver 1971-1972 © Peter Knapp

Die Fondation Maeght war für diese Geschichte mehr als nur ein neutraler Rahmen. Als die Stiftung 1964 in Saint-Paul-de-Vence eröffnet wurde, verstand sie sich als Ort des Austauschs zwischen verschiedenen Disziplinen. Es war dieser Geist, der André Courrèges anzog und auch Peter Knapp prägte. Knapp, der über 25 Jahre lang der visuelle Begleiter von Courrèges war, entdeckte die Fondation 1978 für sich, als er hier ein Shooting für eine Broschüre realisierte. Er inszenierte die Modelle vor Skulpturen von Alberto Giacometti und Bildern von Ellsworth Kelly. Daraus entstand eine Freundschaft mit Adrien Maeght, die bis heute nachwirkt. Die Ausstellung zeigt nun, wie sich die klare Formsprache von Courrèges und die organische Architektur der Stiftung ergänzen. Es ist ein Rückblick auf eine Ära, in der Kunst, Mode und Leben eine Einheit bildeten – kuratiert von jemandem, der mittendrin war. 

Courrèges Collection Haute Couture Printemps-Ete 1965 © Peter Knapp

André Courrèges (1923–2016) Geboren in Pau und ursprünglich als Bauingenieur ausgebildet, wechselte Courrèges Anfang der 1950er-Jahre zur Mode und wurde Assistent von Cristóbal Balenciaga. Dort traf er Coqueline, seine lebenslange Partnerin, mit der er 1961 sein eigenes Haus gründete. Als Pionier des "Space Age" übertrug er die Präzision des Ingenieurs auf den Stoff: Seine architektonischen Schnitte, der radikale Einsatz von Weiss und die Einführung des Minirocks definierten die Silhouette der 1960er-Jahre neu. Für Courrèges war Mode nie nur Dekoration, sondern ein Manifest für Bewegung und Freiheit. 

Courrèges Collection Haute Couture Automne-Hiver 1971-1972 © Peter Knapp

Peter Knapp (1931) Der in der Schweiz geborene Fotograf und Grafikdesigner prägte als künstlerischer Leiter der Zeitschrift ELLE (1959–1966) die visuelle Sprache der 1960er-Jahre massgeblich. Knapp revolutionierte die Modefotografie, indem er statische Posen aufbrach und Modelle in dynamischer Bewegung oder scheinbar schwerelos inszenierte. Ab 1967 begann seine 25-jährige Zusammenarbeit mit André Courrèges, für den er nicht nur fotografierte, sondern auch als visueller Berater fungierte. Neben seiner Arbeit für Vogue, Stern und den Sunday Times blieb er der Fondation Maeght als Freund und Chronist verbunden, wo er wiederholt die Schnittmenge von Kunst und Mode dokumentierte. 

Courrèges Collection Haute Couture Printemps-Ete 1965 © Peter Knapp

Fondation Maeght & Ausstellung: Die 1964 von André Malraux eingeweihte Stiftung in Saint-Paul-de-Vence gilt als erster privater Akteur für moderne Kunst in Frankreich. Mit über 13’000 Werken versteht sie sich bis heute als Ort der Begegnung zwischen Disziplinen. Die aktuelle Ausstellung "Le Temps Courrèges" ist eine "Carte Blanche" an Peter Knapp. Sie vereint grossformatige Abzüge der ikonischen Fotoserie von 1965, Archivmaterial und originale Kleidungsstücke. Kuratiert von Knapp selbst, beleuchtet die Schau die langjährige Freundschaft zwischen dem Fotografen, dem Designer und der Familie Maeght. Die Präsentation wird durch die aktuelle künstlerische Leitung von Drew Henry bei Courrèges in die Gegenwart geführt und trägt das Gütesiegel "200 Jahre Fotografie". Die Ausstellung ist vom 14. Mai – 1. November 2026 zu besuchen.

Zwischen Wirtschaftsboom und menschlichem Schatten: Die unsichtbaren Architekt:innen der Schweiz...

Italienerinnen und Italiener bei der Einreise in Brig 1953. Fotografie: Hermann Freytag. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Schweizer Nachkriegsgeschichte erzählt gerne über den kollektiven Aufstieg und das wirtschaftliche Wunderland. Doch in diesem Narrativ fehlen entscheidende Stimmen – jene der "Saisonniers", der Arbeitskräfte, die jahrzehntelang das Fundament dieses Wohlstands legten, ohne je als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden. Die nun in Zürich gezeigte Ausstellung "Wir, Saisonniers…" macht diese Wunde sichtbar.

Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. ETH-Bildarchiv, Zürich.

Es ist eine bittere Ironie der Schweizer Migrationspolitik des 20. Jahrhunderts, dass diese Menschen als Arbeitskraft hochwillkommen, als Menschen jedoch unerwünscht waren. Unter dem Joch einer rigiden Aufenthaltsbewilligung fristeten sie ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Ob auf staubigen Baustellen, in den Reihen der landwirtschaftlichen Betriebe, im Dienst privater Haushalte oder im hart umkämpften Gastgewerbe – ihre Hände formten die moderne Schweiz, während ihr eigenes Leben in die Unsichtbarkeit verdrängt wurde. Getrennt von ihren Familien, untergebracht in kargen Baracken und behelfsmässigen Unterkünften, lebten sie in einer Art innerer Emigration, ausgeliefert den Launen von Arbeitgebern und Behörden.

Saisonniers aus Italien steigen in Zürich-Hauptbahnhof aus einem Personenwagen aus, März 1963. Urheber:in unbekannt. SBB-Bildarchiv.

Die Ausstellung beleuchtet dieses lange im Schatten stehende Kapitel und fragt nach den Bezügen zur heutigen Arbeits- und Migrationspolitik. Historische Dokumente, Interviews sowie archiviertes Bild- und Filmmaterial lassen persönliche Geschichten und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar werden. Ursprünglich 2019 in Genf konzipiert und später vom Neuen Museum Biel erweitert, hat der Verein histoire publique die Ausstellung nun erstmals für den deutschschweizer Kontext adaptiert. Der Standort in der Photobastei, mitten im ehemaligen Arbeiterquartier Zürichs, unterstreicht dabei die historische Verankerung dieser Themen.

Zwei Frauen neben einer improvisierten Kochgelegenheit in einer Baracke, um 1965. Urheber:in Unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Hinter dem Projekt steht der Verein histoire publique mit Sitz in Zürich, geleitet von den Historikerinnen Nicole Peter und Anja Suter. Der Verein spezialisiert sich auf partizipative Geschichtsprojekte, die gesellschaftlich verdrängte Narrative sichtbar machen. Mit einem Fokus auf Sozial-, Arbeits- und Frauengeschichte arbeitet er eng mit Archiven, Gewerkschaften und Betroffenen zusammen, um historische Kontinuitäten von Ungleichheit aufzuzeigen und öffentliche Debatten anzustossen.

Demonstration von Saisonniers aus dem ehemaligen Jugoslawien mit Koffern, 1994. Urheber:in unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Ausstellung "Wir, Saisonniers…" ist noch bis zum 21. Juni 2026 in der Photobastei zu besuchen.

Blickverbindungen: Warum F.C. Gundlach uns lehrt, dass wir nie allein schauen...

Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Fotografie wird oft als einsamer Akt missverstanden: Ein Auge hinter dem Sucher, ein isolierter Moment, eingefroren in der Stille des Auslösens. Doch das Werk von F.C. Gundlach erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Es ist ein lautes, vibrierendes Zeugnis davon, dass Bilder niemals im Vakuum entstehen. Sie sind das Resultat von Allianzen, von Netzwerken, die sich von Paris über New York bis Tokio spannten, und vom mutigen Dialog zwischen Auftraggebern, Künstlern und der Gesellschaft. Gundlach verstand früh, dass Modefotografie mehr war als nur die Präsentation von Kleidung; sie war ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen von Geschlecht und Identität, ein kulturelles Gut, das durch Austausch erst seine wahre Bedeutung erhielt.

Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Sein Schaffen war geprägt von einer seltenen Offenheit, die ihn zum Knotenpunkt einer ganzen Ära machte. Er war nicht nur der Fotograf, der die Cover deutscher Modemagazine prägte, sondern auch der Galerist, der neue Talente förderte, der Laborbesitzer, in dem experimentiert wurde, und der Sammler, der die Geschichte des Mediums bewahrte. Diese Vielseitigkeit ermöglichte es ihm, Brüche und Kontinuitäten in der fotokulturellen Entwicklung sichtbar zu machen. Seine Reisen und sein ständiger Austausch mit Akteuren der Szene waren keine bloße Begleiterscheinung, sondern der Treibstoff für seine Innovation. Er setzte neue Standards, indem er bestehende Grenzen testete und immer wieder neu definierte, was Fotografie sein kann. Heute, in einer Zeit der digitalen Isolierung, wirkt seine Haltung fast prophetisch: Dass wir Bilder immer gemeinsam betrachten, gemeinsam deuten und gemeinsam weiterentwickeln.

Abendkleid mit Nerzbolero, im Hintergrund Heinz Schulze-Varell, Berlin (West), 1962 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

F.C. Gundlach (1926–2021) gilt als einer der einflussreichsten Modefotografen Deutschlands. Seine Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, in denen er die visuelle Kultur der Bundesrepublik massgeblich mitgestaltete. Bekannt wurde er durch seine dynamischen Inszenierungen, die Mode in Bewegung zeigten und dabei stets den Zeitgeist einfingen. Doch Gundlach beschränkte sich nicht auf den kommerziellen Auftrag. Als Gründer der „Gundlach Gallery“ und später als Stifter engagierte er sich leidenschaftlich für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform. Er lehrte, sammelte und kuratierte, wobei er stets den Fokus auf den menschlichen Austausch legte. Sein Vermächtnis ist nicht nur eine Sammlung ikonischer Bilder, sondern eine lebendige Infrastruktur der Fotografie, die bis heute wirkt.

„Jet Age“, Hamburg, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg ist ein führender Ausstellungsort für internationale Kunst und befindet sich im Herzen der Stadt, direkt am Jungfernstieg. Seit seiner Eröffnung hat sich das Forum durch hochwertige Ausstellungen profiliert, die oft thematische Schwerpunkte setzen und Werke aus verschiedenen Epochen in Dialog bringen. Als private Institution, getragen von der Zeit-Stiftung F.C. Bucerius, genießt es internationale Reputation für seine kuratorische Unabhängigkeit und Qualität. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach unterstreicht einmal mehr den Anspruch des Hauses, fotokulturelle Diskurse nachhaltig zu prägen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Uli Richter, Abendkleid im Directoire-Stil vor Backdrop, Berlin (West), 1958 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung ist zentraler Bestandteil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, einem der wichtigsten Festivals für Fotografie im deutschsprachigen Raum. Unter dem Motto „Alliance, Infinity, Love - in the Face of the Other“ präsentiert die Triennale 2026 elf Ausstellungen in acht Häusern der Stadt. Sie versteht sich als Plattform für den globalen Austausch und untersucht, wie Fotografie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Verbindungen schaffen kann. Die Einbindung von Gundlachs Werk in diesen Kontext betont die Relevanz seines Netzwerkgedankens für die Gegenwart und zeigt, wie historische Positionen aktuelle Debatten bereichern können.

Gunel Person in der Villa von Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone wird am 7. Mai 2026 eröffnet und ist bis zum 16. August 2026 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen. Sie findet im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg statt, die ihrerseits bis zum 22. September 2026 dauert.

Jenseits des Filters: Die unbequeme Suche nach dem Glück...

MACHT LIEBE © Anne Morgenstern

Wir leben in einer Epoche, die das Glück nicht nur verspricht, sondern einfordert. Es ist zum Imperativ geworden, zur messbaren Grösse in Social-Media-Infografiken und zum Verkaufsargument für eine endlose Palette an Produkten, die uns ein optimiertes Dasein garantieren sollen. Doch was bleibt von diesem universellen Streben, wenn es zur Pflicht wird? Das Fotofestival Lenzburg 2026 wagt sich unter dem Titel «Forever Happy» genau in dieses Spannungsfeld vor. Es dekonstruiert die glatte Oberfläche des Glücks und legt seine Brüche, seine Widersprüche und seine oft schmerzhaften gesellschaftlichen Konstruktionen frei.

Rise with the images © Juliana Gómez Quijano

Die diesjährige Ausgabe versteht Fotografie nicht als blosse Abbildung einer heilen Welt, sondern als kritisches Werkzeug der Befragung. Im Stapferhaus trifft die festival-eigene Reflexion auf die immersive Ausstellung «Happy Pills» von Paolo Woods und Arnaud Robert. Ihre fünfjährige Recherche führt uns vor Augen, wie die Definition des Glücks zunehmend von der Pharmaindustrie gekapert wurde. Von der Schweiz bis in den Amazonas dokumentieren sie, wie chemische Lösungen versprechen, die Grenzen des Menschseins zu überwinden und unsichtbare Wunden zu heilen. Es ist eine konfrontative Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die Effizienz und Jugend über alles stellt und das Glück zur machbaren Aufgabe degradiert.

Beach Epiphany © Rodrigo Koraicho

Demgegenüber steht die melancholische Hommage an den kürzlich verstorbenen Martin Parr. Seine Serie «(All we need is) LOVE» entlarvt die Inszenierung von Zuneigung im öffentlichen Raum. Parrs schonungsloser, farbsatter Blick fängt Liebe nicht als reines Gefühl, sondern als Ritual, Ware und manchmal absurdes Scheitern ein. Herzförmige Souvenirs und erzwungene Lächeln werden zu Zeugen dafür, wie sehr auch unsere intimsten Regungen von sozialen Codes und Konsumzwängen geprägt sind. Das Festival zeigt hier keine idyllischen Momentaufnahmen, sondern die raw reality menschlicher Beziehungsdynamiken.

Add to Cart, Blessings © Tina Sturzenegger

Besonders bewegend ist der Jury Award an Karla Hiraldo Voleau, deren Werk «You Can Have It All (In Return for Everything)» den Körper als Ort des Widerstands und der Transformation nutzt. In der Tradition von Künstlerinnen wie Ana Mendieta reclaimt sie Freude als politischen Akt jenseits von Perfektionswahn. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wahres Glück vielleicht nicht im Erreichen eines idealen Zustands liegt, sondern in der Freiheit, vollständig und wahrhaftig zu fühlen – mit allen Narben und Brüchen. Von den post-sowjetischen Identitätssuchen Varvara Uhliks bis zur satirischen Konsumkritik Tina Sturzeneggers spannt das Festival einen Bogen, der das Publikum aus der passiven Betrachtung holt. Es ist eine Einladung, das eigene Verständnis von Zufriedenheit zu hinterfragen und zu erkennen, dass das Glück vielleicht gerade dort am greifbarsten ist, wo es am wenigsten perfekt erscheint.

The Taste of Travel, SBB Historic Archivs

Das Fotofestival Lenzburg wird am 9. Mai eröffnet und dauert bis zum 7. Juni 2026

Orte:
Lenzburg: Stapferhaus, Schloss Lenzburg, Müllerhaus, Müli-Märt, Altstadt (Open Air)
Aarau: Stadtmuseum
Baden: Merkareal (Open Air, neu)

Happy Pills, Galimberti © Paolo Woods

Wenn Bilder heilen - Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst…

Spring – Four Seasons, 2006 © Wendy Red Star, courtesy the artist; collection of the Newark Museum of Art

Was geschieht, wenn wir aufhören, Geschichte als monolithischen Block zu betrachten, und stattdessen beginnen, ihre Risse, Leerstellen und verdrängten Ecken mit Vorstellungskraft zu füllen? Die aktuelle Ausstellung im Museum Rietberg wagt genau diesen mutigen Schritt. Sie ist keine blosse Präsentation von Kunstwerken, sondern ein Akt des kollektiven Erinnerns und der aktiven Neuverhandlung unseres visuellen Gedächtnisses. Der Titel «Fast ein Paradies» nimmt ein kraftvolles Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009) auf: «Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, wenn wir erkennen, dass es niemals eine einzige Geschichte über einen Ort gibt, gewinnen wir eine Art Paradies zurück.» Genau diese Haltung leitet die zwanzig internationalen Künstlerpersönlichkeiten, die sich in dieser Ausstellung kritisch, poetisch und visionär mit kolonialzeitlichem Fotomaterial auseinandersetzen.

Das Avós (Von Grossmüttern), 2019 © Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes Wood DM

Das Herzstück der Ausstellung bildet die transformative Kraft der zeitgenössischen Kunst im Umgang mit dem fotografischen Erbe der Kolonialzeit. Die Kuratorinnen haben die Arbeiten in vier narrative Kapitel gegliedert, die wie Bewegungen in einer Symphonie der Erinnerung wirken. Im ersten Kapitel, «Formwandler*innen», wird die Abwesenheit von Bildern zum eigentlichen Sujet. Künstlerinnen und Künstler wie Rosana Paulino aus Brasilien oder Cédric Kouamé aus der Côte d’Ivoire machen schmerzhaft deutlich, dass das Fehlen von Fotografien schwarzer Personen oder die physische Zersetzung von Archivmaterial in tropischem Klima keine zufälligen Lücken sind, sondern Zeugnisse von Ausblendung und Machtstrukturen. Paulinos monumentale «Parede da Memória», in der sich elf Porträts 750-mal wiederholen, schreit geradezu nach Sichtbarkeit in einem kollektiven Gedächtnis, das sie bisher ignoriert hat.

Otjze I – Rituals of Initiation, 2022 © Tuli Mekondjo, courtesy the artist and Guns & Rain

Das zweite Kapitel, «Konfrontation», dekonstruiert die klischeehaften Bildwelten, die während der Kolonialzeit produziert wurden und unser globales Bildgedächtnis bis heute prägen. Hier wird der Kamera, die einst als Instrument zur Feststellung vermeintlicher «Andersartigkeit» diente, der Spiegel vorgehalten. Wendy Red Star konterkariert in ihrer Serie «Four Seasons» die idealisierte Darstellung indigener Nordamerikanerinnen durch den bewussten Einsatz von Plastikblumen und Kunstrasen, während Omar Victor Diop sich in «Being There» nonchalant in idyllische Szenen des weissen Amerikas der 1950er-Jahre projiziert – Orte, an denen er als schwarzer Mann zur Zeit der Rassentrennung nicht hätte sein dürfen. Diese Werke sind nicht nur Kritik; sie sind Akte der Aneignung und des Widerstands, die dominante Narrative erschüttern.

Tailoring Freedom – Delia, profile, 2023 © Sasha Huber, courtesy the artist, Harvard University

Besonders bewegend ist das dritte Kapitel «Fürsorge», in dem Künstlerinnen und Künstler historische Aufnahmen von Unrecht mit radikalem Mitgefühl behandeln. Sasha Huber, deren Arbeit tief in der Schweizer Kolonialverstrickung wurzelt, «repariert» Fotografien von versklavten Menschen, die vom Naturforscher Louis Agassiz für rassistische Studien missbraucht wurden. Mit einer Tackerpistole schiesst sie schimmernde Heftklammern in die Bilder, die wie Rüstungen wirken und die Porträtierten vor dem objektifizierenden Blick schützen. Ähnlich verwandelt Mary Enoch Elizabeth Baxter einen historischen Moment der Sexualisierung eines schwarzen Mädchens in einen Ort der Sicherheit, indem sie ihren eigenen Körper als Schutzraum anbietet. Hier wird Kunst zur Instanz der Heilung, die zwar die koloniale Wunde nicht vollständig schliessen kann, aber einen Raum für Anerkennung und Würde eröffnet.

Picnic, 2024 © Frida Orupabo, courtesy the artist; Museum Rietberg

Im finalen Kapitel «In the Photo Fantastic» greifen die Künstlerinnen und Künstler auf die Methode der «kritischen Fabulation» zurück, um historische Leerstellen mit Imagination zu füllen. Raphaël Barontini kehrt den kolonialen Blick um, indem er Nobosudru, eine Frau aus dem Kongo, die 1924 zum Symbol «der afrikanischen Frau» stilisiert wurde, zur Autorin ihrer eigenen Geschichte macht. Andrea Chung erschafft mit dem Mythos von Drexciya ein paradiesisches Unterwasserreich als Ort des Überlebens für jene, die während des Sklavenhandels ins Meer geworfen wurden. Diese spekulative Bildpraxis entlässt die Porträtierten in einen Raum voller Möglichkeiten, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfliessen.

Individual Beings (Moving VI), 2023–24 © Dimakatso Mathopa, courtesy the artist; Museum Rietberg

Die Schweizer Künstlerin Sasha Huber, geboren 1975 in Uster und heute in Helsinki lebend, nimmt in dieser Ausstellung eine zentrale Position ein. Mit ihren schweizerisch-haitianischen Wurzeln verbindet sie in ihrer Arbeit Geschichte und Gegenwart auf eindringliche Weise. Ihr charakteristisches Stilmittel, die Tackerpistole, symbolisiert sowohl Schmerz als auch den Versuch der Heilung kolonialer Wunden. Huber, die derzeit an der Zürcher Hochschule der Künste promoviert, versteht ihre Kunst als reparative Intervention. Ihre Teilnahme an dieser Ausstellung unterstreicht einmal mehr ihre internationale Bedeutung als Stimme für Zugehörigkeit und Fürsorge im Kontext postkolonialer Aufarbeitung.

Se o mar tivesse varandas (Hätte das Meer Balkone) #4, 2017 © Aline Motta, courtesy the artist

Das Museum Rietberg in Zürich, gelegen an der Gablerstrasse 15, profiliert sich mit «Fast ein Paradies» einmal mehr als führende Institution für aussereuropäische Kunst. Das Haus verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die als roter Faden durch alle Ausstellungskapitel ziehen. Diese eigenen Bestände aus Afrika und Asien werden nicht nur gezeigt, sondern aktiv von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern befragt und neu interpretiert. Ein eigens produzierter Film und ein partizipativer Ansatz, bei dem Zürcher Bürgerinnen und Bürger ihre privaten Fotoalben einbringen, erweitern den musealen Raum zu einem Ort des dialogischen Austauschs und der visuellen Vielstimmigkeit.

The Golden Ladies, 2026 © Raphaël Barontini, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist

Die Gruppenausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» ist noch bis zum 6. September 2026 im Museum Rietberg zu sehen.

Zwischen Ordnung und Chaos: Sandro Livio Straubes offenes Archiv…

© Sandro Livio Straube

Fotografie wird oft als das Medium der Fixierung verstanden – ein Werkzeug, um den flüchtigen Augenblick einzufangen und für die Ewigkeit zu bewahren. Doch was geschieht, wenn das Bild nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt begriffen wird? In der Ausstellung «Unsortiert» präsentiert Sandro Livio Straube eine Antwort, die so bestechend wie einfach ist: Das Archiv ist kein statischer Speicher, sondern ein lebendiges visuelles Archiv. Über siebzehn Jahre hinweg hat der Fotograf Bilder gesammelt, die nun bewusst ohne chronologische Zwänge oder thematische Schubladen miteinander in Dialog treten.

© Sandro Livio Straube

Straubes Ansatz entzieht sich der klassischen Erwartungshaltung an eine Retrospektive. Statt einer linearen Entwicklung folgt die Hängung der Logik des Assoziativen. Die Arbeiten, entstanden zwischen 2009 und 2026, stammen aus unterschiedlichsten Kontexten und wurden mit variierenden Techniken realisiert. Genau diese Heterogenität bildet das Herzstück der Ausstellung. Wie der Künstler selbst formuliert, dient ihm die Fotografie dazu, «Gedanken – und vielleicht auch mich selbst – zu ordnen». Doch dieser Ordnungsversuch ist paradox: Jede neue Aufnahme generiert zugleich neue Schichten von Material, neue Zusammenhänge und damit neue Unordnung. Das Archiv wächst, und mit ihm die Aufgabe, Beziehungen zwischen den Bildern immer wieder neu zu denken. In diesem Sinne sind die ausgestellten Werke keine abgeschlossenen Monumente, sondern Fragmente eines fortlaufenden Prozesses. Sie zeugen von der Suche nach Verbindungen im chaotischen Fluss des Lebens und halten das Denken in Bewegung, anstatt es in starren Kategorien ruhen zu lassen.

© Sandro Livio Straube

Sandro Livio Straube, geboren 1992 in Zürich, bewegt sich als Schweizer Architekt und Fotograf mühelos zwischen diesen beiden Disziplinen. Seine Praxis ist geprägt von fliessenden Übergängen zwischen der künstlerischen Fotografie und der Baukunst. Neben seiner Tätigkeit als Architekturfotograf für verschiedene Büros und der Teilnahme an Architekturwettbewerben, verfolgt er freie Projekte wie die Langzeitserie «Berge bleichen». Seine Arbeiten wurden international in Galerien, Museen und auf Messen gezeigt. Straube lebt und arbeitet heute in Vella und Lumbrein im Kanton Graubünden, wo er weiterhin den Raum zwischen gebauter Umwelt und bildlicher Reflexion auslotet.

Quallen, 2025 © Sandro Livio Straube

Die Galerie 94, geführt von Sascha Laue, ist dabei der ideale Ort für eine solche Position. Eingebettet im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden, versteht sich der Raum unter dem Leitspruch «augensache» als dedizierter Ort für Fotografie und Kunst. Das Programm spannt einen Bogen zwischen der Präsentation etablierter Positionen und der Förderung zeitgenössischer, aufstrebender Talente – ein Umfeld, in dem Straubes reflektierter Umgang mit dem Medium optimal zur Geltung kommt.

© Sandro Livio Straube

Vom 8. Mai bis 27. Juni 2026 lädt die Galerie 94 in Baden ein, dieses visuelle Archiv zu betreten. Die Vernissage findet am 7. Mai statt; vertiefende Einblicke gewährt ein Artist Talk mit dem Künstler am Samstag, 23. Mai 2026, um 15 Uhr.

Die Architektur des Sehens…

Aus der Serie Three Times a Day No1, 2010, © Beate Spitzmüller

Die Ausstellung «sight·seeing» von Judith Brunner und Beate Spitzmüller fordert eine Korrektur unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Der Titel ist keine Einladung zum touristischen Konsum von Ansichten, sondern ein Imperativ zum Innehalten. In einer Zeit, in der urbane Räume oft nur als Kulisse für schnelle Bewegungen dienen, dekonstruieren die beiden Künstlerinnen die Stadt als lebendiges Gefüge aus Übergängen, Kräften und Einschreibungen. Ihre Arbeiten verstehen das Urbane nicht als statische Grösse, sondern als Resonanzraum, in dem sich menschliche Existenz, architektonische Struktur und natürliche Umgebung fortwährend neu verhandeln.

moves11 crawl, Athen OAKA Calatrava, 2019 © Judith Brunner

Im Dialog der beiden künstlerischen Positionen entfaltet sich ein spannungsvolles Narrativ über die Beschaffenheit unserer Lebenswelt. Judith Brunner nähert sich dem Thema durch die Malerei. Ihre farbintensiven Bildräume, entstanden aus Acryl, Öl und irisierenden Pigmenten, verdichten urbane Strukturen zu energetischen Konstellationen. Es ist ein visueller Balanceakt: Weite, gestisch aufgetragene Farbflächen treffen auf präzise gesetzte geometrische Linien, die das scheinbar Stabile durchbrechen. In Serien wie «Gates» und «Moves» werden Brücken und Schwellen zu Metaphern für Transformation. Die Stadt wird hier zum Sinnbild gesellschaftlicher und existenzieller Prozesse zwischen Stabilität und Auflösung, zwischen Vertrautem und Ungewissem.

Aus der Serie Corpora No3, 2015 © Beate Spitzmüller

Dieser malerischen Abstraktion stellt Beate Spitzmüller eine verfremdete Realität gegenüber. Ihre schwarzweissen Fotografien, entstanden an Orten von Island bis Johannesburg, entziehen sich der blossen Abbildfunktion. Durch analoge und digitale Eingriffe wie Solarisationen und Überlagerungen werden Landschaften durchlässig, Körper zu Schattenflächen verdichtet. Was als Dokument beginnt, entpuppt sich als komplexer Bildraum, in dem Stadt und Natur ineinandergreifen. Ergänzt durch filmische Umsetzungen von Bleistiftzeichnungen, bei denen Linien in Bewegung geraten und Rhythmen sich verschieben, verweist Spitzmüller auf den fortwährenden Wandel aller Erscheinungen.

moves14, Puente-de-Conchi-Chile, 2021, © Judith Brunner

In dieser Verflechtung entsteht mehr als eine blosse Gegenüberstellung von Farbe und Schwarzweiss. Brunners Gemälde setzen strukturelle Akzente, während Spitzmüllers Arbeiten diese Setzungen in eine dynamische Wechselwirkung überführen. Es ist ein künstlerischer Dialog über urbane Räume als bewegliche Systeme. Hier überlagern sich Zeit, Erinnerung und Imagination. Das «sight·seeing» wird zum Akt der Erkenntnis: Die Stadt ist kein geschlossenes Gefüge, sondern ein offener Prozess, in dem innere und äussere Landschaften miteinander verschmelzen und ihre Grenzen permanent neu definieren.

Aus der Serie DAYbyDAY 03.02.2021, stop motion (01.01.2020-31.12.2024), seit 2006 © Beate Spitzmüller

Judith Brunner (*1955) studierte freie Malerei und Grafik an der UdK Berlin. Nach einem DAAD-Stipendium in New York und einem Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft lebte und arbeitete sie viele Jahre in den USA, wo sie unter anderem an der School of Visual Arts lehrte. Ihre Arbeiten sind in renommierten Sammlungen vertreten, darunter die Berlinische Galerie und das Kupferstichkabinett Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Beate Spitzmüller (*1963) studierte Keramik in Strassburg sowie Bildende und Interdisziplinäre Kunst in Freiburg und Frankfurt. Zu ihren prägenden Erfahrungen zählt die Mitarbeit am «Leeren Museum» von Ilja Kabakov. Ihre prozessorientierten Arbeiten untersuchen Verdichtungen von Stadtlandschaften und die Auflösung natürlicher Welten. Mit Stipendien in Norwegen, der Schweiz, Südafrika und Schweden sowie zahlreichen internationalen Ausstellungen ist ihre Arbeit weltweit sichtbar. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

moves10, Iowa High Threstle, 2019 © Judith Brunner

Verankert ist diese Präsentation in den kommunalen Galerien in Tempelhof-Schöneberg, die sich als offene Foren für zeitgenössische Kunst und kulturellen Austausch verstehen. Als Teil der Berliner Kunstlandschaft präsentieren sie in wechselnden Ausstellungen nationale und internationale Positionen, wobei ein Fokus auf diskursiven Formaten und der Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum liegt. Die Programme fördern den Dialog über gesellschaftlich relevante Themen und bieten Raum für experimentelle sowie etablierte künstlerische Ansätze. 

Die Ausstellung sight·seeing wird am 30. April 2026 eröffnet und kann bis zum 5. Juli 2026 im der kommunalen Galerie im Tempelhof Museum besucht werden.

Monica Biancardi: Wenn das Leben zum kostbarsten Kapital wird…

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das Projekt "Il capitale che cresce" von Monica Biancardi ist weit mehr als eine rein fotografische Dokumentation; es ist das Ergebnis einer siebzehnjährigen, leisen Begleitung. Die Arbeit stellt eine tiefgehende Untersuchung von Identität, Resilienz und dem schleichenden Verlust von Freiheit im palästinensischen Kontext dar. Den Kern dieser künstlerischen Auseinandersetzung bilden elf Schwarz-Weiss-Fotografien, die zwischen 2009 und 2023 entstanden sind. Sie zeigen das Heranwachsen der beduinischen Zwillinge Sara und Sarah, denen die Künstlerin auf einer ihrer zahlreichen Reisen begegnete. Mit analogen Mittelformatkameras eingefangen, zeugen diese Porträts von einer aussergewöhnlichen Sensibilität und einem über Jahre gewachsenen Vertrauensverhältnis. Die Bilder machen dabei nicht nur die physische Verwandlung der jungen Frauen sichtbar, sondern reflektieren auch die tiefgreifenden Metamorphosen ihrer sozialen Rollen sowie die fortschreitende Einschränkung ihrer Lebensperspektiven. Jede Aufnahme fängt die Spannung zwischen Beständigkeit und Wandel ein und vermittelt die stille Widerstandskraft der beiden Protagonistinnen.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Um die persönliche Geschichte der Zwillinge in einen grösseren gesellschaftspolitischen Rahmen zu setzen, wird die Erzählung durch ergänzende Werke erweitert, welche die Tragweite des Projekts verstärken. Eine Kartografie des Wandels in Form von sieben auf Plexiglas gravierten Karten verdeutlicht die progressive Fragmentierung des palästinensischen Territoriums seit der historischen Palästina-Karte von 1917 bis heute. Diese historische Einordnung wird durch eine visuelle Reise in Videoform ergänzt, die den Weg von Ostjerusalem bis zum Dorf Hataleen nachzeichnet und so die physische Realität der Geografie erfahrbar macht. Zudem thematisiert eine Auswahl von Zeichnungen ortsansässiger Kinder das Meer – ein Ort, der geografisch zwar nah, für die Gemeinschaft jedoch faktisch unerreichbar bleibt und somit lediglich in der Vorstellung existiert.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Die Arbeit, welche als Gewinner des PAC – Piano per l’Arte Contemporanea 2025 ausgezeichnet wurde, versteht zeitgenössische Kunst als Instrument für Bewusstsein und Dokumentation. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Betrachtung der aktuellen Veränderungen in den menschlichen und kulturellen Geografien. In einem begleitenden Diskurs zwischen der Künstlerin und Experten wie Eyal Weizman, Lorenzo Benedetti oder der Kuratorin Chiara Gatti werden die zentralen Themen wie Zeit, Transformation und das fundamentale Recht auf Freiheit weiter vertieft. So entsteht ein Raum, in dem das "wachsende Kapital" nicht ökonomisch, sondern als das Wachstum des menschlichen Lebens unter erschwerten Bedingungen verstanden wird.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Monica Biancardi ist eine italienische Künstlerin und Fotografin, deren Werk sich durch die Verbindung von poetischer Ausdruckskraft und dokumentarischer Präzision auszeichnet. Ein zentrales Merkmal ihrer Arbeitsweise ist die Verwendung analoger Mittelformatkameras, mit denen sie soziale und menschliche Metamorphosen über lange Zeiträume hinweg einfängt. Ihre Projekte entstehen oft aus einer tiefen, jahrelangen Begleitung ihrer Protagonisten, wobei Themen wie Identität, soziale Rollen und die Transformation kultureller Geografien im Fokus stehen. Ihre künstlerische Forschung wird regelmässig durch nationale Förderprogramme wie den PAC (Piano per l’Arte Contemporanea) gewürdigt.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das MAN Museo d’Arte della Provincia di Nuoro versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Ort der Dokumentation und Reflexion. Es fördert zeitgenössische Kunst als Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen festzuhalten und ein tieferes Bewusstsein für die Veränderungen in menschlichen und kulturellen Lebensräumen zu schaffen. Durch die Unterstützung innovativer Projekte im Rahmen des nationalen Förderprogramms PAC trägt das Museum massgeblich zur Erforschung aktueller Themen bei.

Die Ausstellung "Il capitale che cresce" kann vom 24. April bis zum 14. Juni 2026 besucht werden.

Palestina Map 2022