Let’s Sit Down Before We Go, Ljalja, Odessa, 1991 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Die Fotografien von Bertien van Manen sind weder Tagebuch noch Familienalbum, obwohl sie eine ähnliche Intimität ausstrahlen. Stattdessen bieten sie eine Chronik des gewöhnlichen Lebens – eine Hommage an Menschen, die oft unsichtbar bleiben, deren Würde und Widerstandskraft jedoch im Zentrum ihres Werkes stehen. Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» im Centre de la photographie de Mougins würdigt nun erstmals in Frankreich das Œuvre der aussergewöhnlichen Fotografin, deren empathischer Blick die Grenzen zwischen Dokumentarfotografie und subjektivem Erleben neu definiert.
Let's Sit Down Before We Go, Caming site, Lake Baïkal, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Die Retrospektive versammelt zentrale Serien aus dem mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Œuvre von Bertien van Manen, einer zutiefst feministischen und engagierten Künstlerin. Im Herzen der Ausstellung steht ihr frühes Projekt «I Am the Only Woman There» (1979), das sich den ersten Generationen von Migrantinnen in den Niederlanden widmet: Frauen aus der Türkei, Marokko oder Jugoslawien, die als Arbeitskräfte ins Land kamen, jedoch in der Isolation ihrer Wohnungen verblieben und gesellschaftlich kaum wahrgenommen wurden. Van Manen holte sie aus dem Schatten, fotografierte sie in ihren Küchen, bei der Arbeit und während Festen – immer in Schwarzweiss, immer mit einem Blick, der weder mitleidig noch exotisierend ist.
Let's Sit Down Before We Go, Vlada in the kitchen, Kazan, 1992 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Ebenso eindrücklich ist die Serie «Dienstmaagd des heren?» (1982), die das Leben von Karmeliterinnen dokumentiert. Hier löst sich der dogmatische Rahmen der Institution auf; stattdessen treten die Frauen als Individuen in Erscheinung, bei ihren alltäglichen Verrichtungen, geschützt und zugleich definiert durch ihre Gemeinschaft. In «Yorkshire, New Sharlston» (1979–1980) porträtiert van Manen eine Bergbaugemeinschaft in Grossbritannien, während «Moonshine» (1985–2013) eine über dreissig Jahre währende Begleitung von Kohleminen-Familien in den Appalachen der USA zeigt. Ihr Stil änderte sich hier grundlegend: Sie legte das professionelle Equipment ab und arbeitete mit einer kleinen 35-mm-Kamera, um eine unmittelbare, ungekünstelte Nähe zu schaffen.
A Hundred Summers, a Hundred Winters, Tbilissi, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Die späten Serien «A Hundred Summers, a Hundred Winters» und «Let’s Sit Down Before We Go» führen uns in die postsowjetische Welt. Zwischen 1991 und 2009 reiste van Manen durch Russland, die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan. Doch anders als Reportagefotografen suchte sie nicht die Strasse oder politische Ereignisse, sondern die privaten Räume: Schlafzimmer, in denen das Sofa zum Bett wird, Küchen, die als Wohnzimmer dienen. Es ist ein Blick hinter den eisernen Vorhang, der nicht auf das Elend starrt, sondern die Menschlichkeit im Alltag feiert.
I Am the Only Woman There, Amsterdam, 1979 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Hinter diesem einfühlsamen Blick steht eine Persönlichkeit, die sich nie mit der Rolle der reinen Beobachterin zufriedengab. Bertien van Manen (1935–2024), geboren als Tochter eines Bergbauingenieurs in den Niederlanden, begann ihre Karriere zunächst als Model, bevor sie hinter die Kamera wechselte. Der entscheidende Impuls kam durch Robert Franks Buch «Les Américains»: Von da an wollte sie die Welt nicht mehr illustrieren, sondern leben – mitten unter den Menschen, die sie faszinierten. Ihr Ansatz war radikal subjektiv und zugleich tief dokumentarisch. «Ich muss die Menschen lieben, die ich fotografiere», bekannte sie einmal. Diese Haltung erlaubte es ihr, über Jahrzehnte hinweg Vertrauen aufzubauen und in die intimsten Bereiche des Lebens vorzudringen. Van Manen war eine Feministin im Handeln, auch wenn sie sich nicht explizit als solche bezeichnete. Ihr Werk gibt jenen eine Stimme, die am Rand der Gesellschaft stehen: Migrantinnen, Bergarbeiterfamilien, Nonnen, Menschen in Transformationsgesellschaften. Ihre Bilder oszillieren zwischen Schönheit und Chaos, zwischen Humor und Tragik – und erzählen dabei Geschichten, die universell verständlich sind.
Moonshine, Dorothy, West Virginia, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting
Das Centre de la photographie de Mougins hat sich seit seiner Eröffnung als wichtiger Ort für die zeitgenössische Fotokunst etabliert. In der malerischen Gemeinde Mougins an der Côte d’Azur gelegen, versteht es sich als Plattform für künstlerische Positionen, die gesellschaftliche Fragen aufwerfen und neue Perspektiven eröffnen.
Die aktuelle Ausstellung ist eine Koproduktion mit dem Centre d’art Gwinzegal in Guingamp und wurde mit Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande realisiert. Als Teil der Programmierung der Rencontres d’Arles im Rahmen des ‘Grand Arles Express’ unterstreicht sie zudem die Vernetzung der französischen Fotolandschaft.
Die Ausstellung Les échos de l’ordinaire von Bertien van Manen ist bis zum 4. Oktober 2026 im Centre de la photographie de Mougins zu sehen.
Moonshine, Helen and Camy with dog, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting