Gertrud Voglers subversiver Blick auf Zürichs Ränder

Razzia in einem gesellschaftlichen Klima, das die Bewegten an Packeis denken lässt: Autonomes Jugendzentrum (AJZ) in Zürich, 1980 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Zürich war in den Achtzigerjahren eine unruhige Stadt, zerrissen zwischen Finanzmetropole und Gegenkultur. Die Fotografin Gertrud Vogler fing diese Zeit des Umbruchs mit unbestechlicher Sanftmut ein – ein neuer Bildband würdigt nun erstmals ihr Schaffen.

1.-Mai-Umzug in Zürich. Kanonengasse/Dienerstrasse, 1996 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Ein Mann sitzt auf einem Untersatz neben dem Rondell am nächtlichen Platzspitz, umgeben von Abfall, verletzlich wie eine einsame Insel mitten im Chaos. In Gertrud Voglers Linse offenbart sich kein voyeuristischer Schrecken, sondern eine stille, bedingungslose Menschlichkeit. Die Fotografin drängte sich nie in die erste Reihe, um das Spektakel des Elends abzulichten, sondern verschmolz beinahe unsichtbar mit dem sozialen Raum. Wer sich in das Buch vertieft, blättert sich durch eine rasante Ära der Rebellion und Zürcher Stadtgeschichte, konsequent und unaufgeregt festgehalten in Schwarz-Weiss.

Besetzung am Zürcher Stauffacher, bevor das Haus abgerissen und durch ein Shoppingcenter mit teuren Wohnungen ersetzt werden soll. Badenerstrasse, 1984 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum, die erbitterten Hausbesetzungen, das Erstarken der Frauenbewegung und der Alltag der Jenischen – Vogler dokumentierte die sozialen Brennpunkte Zürichs zwischen 1975 und 2000 mit beispielloser Ausdauer. Fotografierende kennen das Phänomen des Beobachtungseffekts, der Menschen vor der Kamera erstarren lässt. Vogler umging diesen Mechanismus, indem sie für ihr Gegenüber schlicht zum Inventar wurde. Ihre Bilder verweigern sich der Elendspornografie ebenso wie der plakativen Heroisierung; stattdessen kultivierte sie konsequent das Geheimnis des Unspektakulären. Wenn Aktivistinnen für autonome Räume stritten oder Geflüchtete im zermürbenden Warten verharrten, blieb Vogler nah, respektvoll und solidarisch. Das Fotografieren verstand sie zeitlebens als befreienden Gegenpol zum Alltagstrott – als Medium, um neue Welten zu erkunden und sich in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen. Durch ihren Verzicht auf jede Effekthascherei entfalten ihre Aufnahmen der Jugendunruhen und der verschwindenden Arbeitswelten eine poetische Wucht, die bis heute nachhallt.

Kein schlechter Willkommensgruss in einer reichen Stadt, die arm an günstigem Wohnraum ist. Besetztes Wohlgroth-Areal in Zürich, 1993 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Die Biografie von Gertrud Vogler, die 1936 im wallisischen Montana zur Welt kam und 2018 starb, zeugt von bemerkenswerter Unabhängigkeit. Früh verwitwet, zog die gelernte Verkäuferin zwei Söhne allein gross und brachte sich das Handwerk der Fotografie in den Siebzigerjahren als Autodidaktin selbst bei. Sie stiess zur Frauenbefreiungsbewegung und wirkte über zwanzig Jahre lang als Bildredaktorin für Die Wochenzeitung WOZ. Dabei hinterliess sie ein immenses Archiv von rund 200'000 Negativen, das sich nun als wertvoller Nachlass im Schweizerischen Sozialarchiv befindet.

Obdachlosigkeit im Shopville: Die Einkaufspassage wird zum Reich der Armen. Hauptbahnhof Zürich, 1989 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Der Verlag Scheidegger & Spiess, mit Sitz im Zürcher Niederdorf, bringt dieses Werk heraus, das von Kuratoren des Schweizerischen Sozialarchivs konzipiert wurde. Damit bietet der Verlag einer unermüdlichen Chronistin des Alltags eine publizistische Heimat. Ihre Bilder prägen das kollektive Gedächtnis der Schweiz massgeblich und werden durch diese Aufarbeitung vor dem Vergessen bewahrt.

Drogenelend am stillgelegten Bahnhof Letten. Zürich, 1993 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Die erste umfassende Monografie mit dem Titel «Gertrud Vogler: Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch 1975–2000» schliesst fünfzig Jahre nach Beginn ihres fotografischen Schaffens eine publizistische Lücke. Das von Stefan Länzlinger und Silvan Lerch sorgsam kuratierte Buch liefert in Text und Bild einen tiefgründigen, berührenden Zugang zu einer bewegten Epoche.

Internationaler Frauentag in Zürich. Limmatquai, 1987 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Romnja im Zürcher Albisgütli, 1995 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Warten auf die Zukunft: Asylbewerber werden im Obergeschoss einer Turnhalle untergebracht. Aarau, 1986 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Autoverwertung in Kaiseraugst, 1980 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Eröffnung des Tramtunnels nach Zürich-Schwamendingen. Haltestelle Schörlistrasse, 1986 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Nachleben: Wie Bilder die Zeit überdauern...

Rain series n. 1 2007 – 2008 © Abbas Kiarostami, Courtesy Repetto Gallery

Das internationale Festival «Grenze» präsentiert in Verona Arbeiten, die sich mit dem Fortwirken und Verändern von Fotografien beschäftigen. Im Mittelpunkt der neunten Ausgabe steht die fotografische Arbeit des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami – flankiert von internationalen Projekten wie jenem der Schweizer Fotografin Aline Bovard Rudaz.  

Cherche Radiumineuse ©Aline Bovard Rudaz

Fotografien verändern sich mit der Zeit: Sie geraten in Vergessenheit, tauchen in Archiven wieder auf und erhalten in neuen Kontexten andere Bedeutungen. Unter dem Begriff «Nachleben» – angelehnt an den Kunsthistoriker Aby Warburg – untersucht die diesjährige Ausgabe des Festivals «Grenze», was von Bildern bleibt, wenn Geschichte und Erinnerung ihren Sinn verschieben. Die Kuratoren Simone Azzoni und Francesca Marra haben dafür Arbeiten ausgewählt, die das Medium Fotografie zwischen Archiv, Dokumentation und persönlicher Erinnerung verorten. Das Festival bespielt dabei verschiedene Orte in Verona: Von Veronetta über die ehemalige Kaserne Chiodo bis hin zu den Scavi Scaligeri wird die Stadt selbst zum Ausstellungsraum.  

Torneranno le Lucciole © Chiara Innocenti

Im internationalen Programm greifen mehrere Arbeiten gesellschaftliche Themen und Arbeitswelten auf. Aus Schweizer Sicht fällt das Projekt von Aline Bovard Rudaz auf, die sich mit den an Silikose erkrankten Arbeiterinnen der Schweizer Uhrenindustrie befasst. Roland Schmid dokumentiert Lebensrealitäten in Osteuropa, während Yiming Zhu den Alltag chinesischer Seidenstickerinnen zeigt. Ergänzt wird die Auswahl durch Positionen von Chiara Innocenti, Julieta Averbuj, Vedad Divović sowie weiteren Kunstschaffenden, die über eine offene Ausschreibung ausgewählt wurden.  

Glimmers, feathers and staring skies © Joel Jimenez Jara

Die Hauptausstellung widmet sich dem fotografischen Werk von Abbas Kiarostami. Der 2016 verstorbene iranische Filmemacher nutzte die Kamera über Jahrzehnte hinweg abseits seiner Filmarbeiten für Landschaftsstudien und Naturbeobachtungen. In Verona wird dieser Teil seines Schaffens gezeigt, um die Verbindung zwischen dem Einzelbild und der filmischen Bewegung zu beleuchten.  

USSR, Ukraine, Kyiv, 1991 © Roland Schmid

Das Festival «Grenze – Arsenali Fotografici» versteht sich als Plattform für zeitgenössische Fotografie und urbane Entwicklung. In Zusammenarbeit mit europäischen Partnern wie dem Belgrade Photo Month oder dem Pariser Festival Circulation(s) verknüpft es Ausstellungen mit Vermittlungsangeboten für Familien und Portfolio-Sichtungen für Nachwuchsfotografen.  

A Silkworm’s Dreams Weave A Rhyme, Earthborn © Yiming Zhu

Die neunte Ausgabe des Festivals «Grenze» («Nachleben») findet vom 18. September bis zum 18. Oktober 2026 an verschiedenen Orten in Verona statt, darunter Il Meccanico, das Magazzino Bedeschi und die Scavi Scaligeri.

Illusionen des Wohlstands: Beat Josts fotografische Zeitkapseln

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Ein sonnengelber Wandapparat vor floralen Kacheln, ein Junge, der verträumt an einem Glace leckt, und eine junge Frau, die im Kostüm keck auf einer Waschmaschine hockt: Die Bilder von Beat Jost (1936–2026) erzählen von einer Epoche, in der die Zukunft glänzte und das Versprechen des Wohlstands in greifbare Nähe rückte. Als einer der gefragtesten Berner Werbe- und Sachfotografen prägte Jost die visuelle Kultur der 1960er- bis 1980er-Jahre massgeblich. Für Traditionsmarken wie das Warenhaus Loeb, Wander-Ovomaltine, Vidmar[1], IBA[2] oder Pierrot-Friola[3] setzte er die aufblühende Warenwelt mit meisterhafter Präzision in Szene und schuf Motive, die das Alltagsgedächtnis einer ganzen Generation formten. 

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Unter dem Titel «Beat Jost – Schöne neue Welt» werden diese fotografischen Zeitkapseln nun in einer umfassenden Ausstellung im Berner Kornhausforum präsentiert. Aus zeitlicher Distanz entfalten die rund 50 ausgewählten Arbeiten, die aus dem im Staatsarchiv des Kantons Bern verwahrten Bildarchiv stammen, einen ganz eigenen Zauber. Längst haben sich die sorgfältig komponierten Arrangements von ihrem ursprünglichen Verkaufszweck gelöst. Viele der abgebildeten Produkte sind von den Ladentischen verschwunden, doch die Fotografien bleiben als Zeitzeugen einer Epoche, in der die Schweiz das Wirtschaftswunder zelebrierte und die Konsumgesellschaft ihre Identität fand.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Die Retrospektive richtet den Blick bewusst über das freigestellte Werbeobjekt hinaus. Sie zeigt, mit welcher Raffinesse Jost Räume schuf, Modelle im gesellschaftlichen Umfeld verankerte und Sehnsüchte nach Modernität und Komfort visuell greifbar machte. Es entsteht ein vielschichtiger Dialog zwischen nostalgischer Vertrautheit und kulturhistorischer Erkundung, der das Publikum dazu einlädt, den Verheissungen der Nachkriegsjahre nachzuspüren.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Der Berner Fotograf Beat Jost (1936–2026) zählte zu den bedeutendsten Werbe- und Sachfotografen der Schweizer Nachkriegsmoderne. In einer Phase wirtschaftlicher Expansion schuf er für führende Unternehmen wie Loeb, Wander-Ovomaltine, Vidmar, IBA und Pierrot-Friola präzise inszenierte Produkt- und Milieubilder für Inserate, Broschüren und Kataloge. Sein umfangreiches Bildarchiv wird heute im Staatsarchiv des Kantons Bern aufbewahrt.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Das Kornhausforum im Herzen von Bern ist ein zentraler Ort für Fotografie, Architektur, Gestaltung und gesellschaftlichen Diskurs. Im 2. Obergeschoss des historischen Gebäudes bietet die Institution regelmässig Raum für Ausstellungen, die sich mit visueller Kultur, Stadtentwicklung und zeithistorischen Fragen auseinandersetzen.  

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

Die Ausstellung «Beat Jost – Schöne neue Welt» wird am 3. September 2026 eröffnet und kann bis zum 7. Februar 2027 im Berner Kornhausforum besucht werden.

«Beat Jost – Schöne neue Welt» © Beat Jost

[1] Die 1902 gegründete Vidmar AG (später in Liebefeld bei Bern ansässig) zählte zu den führenden Schweizer Herstellern von Archiv- und Büromöbeln aus Stahl, Lagersystemen und Tresoranlagen. Ihre funktionale Formensprache prägte die schweizerische Arbeits- und Industriewelt der Nachkriegsdekaden massgeblich. Das ehemalige Fabrikareal, die heutigen Vidmarhallen, ist heute ein etabliertes Kulturzentrum im Grossraum Bern. 

[2] Die IBA AG entwickelte sich von Bern aus zu einem der führenden Schweizer Anbieter von Büromaterial, Betriebseinrichtungen und Organisationssystemen. Über Jahrzehnte hinweg prägte das Traditionsunternehmen mit seinen weit verbreiteten Katalogen und Sortimenten die administrative Arbeitswelt und die Ausstattung schweizerischer Büros im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs. 

[3] Die Schweizer Traditionsmarke Pierrot-Friola war insbesondere für ihre Glace-Kreationen und Tiefkühlprodukte bekannt. Mit ihren weit verbreiteten Stängeliglaces und Dessertspezialitäten prägte der Hersteller die helvetische Alltagskultur und den sommerlichen Konsum der Nachkriegsjahrzehnte massgeblich.

Wenn die Zeit auf Papier weiterblüht

Calla © Walter Schels

Das Vergehen als schöpferischer Akt: Während Berlin Walter Schels mit einer Retrospektive ehrt, zeigt die Galerie VisuleX in Hamburg seine intimen Pflanzenstudien. Arbeiten, in denen Licht, Chemie und getrocknete Blütenblätter zu einer eigenwilligen Metamorphose finden. 

Tulpe © Walter Schels

In den Arbeiten von Walter Schels geschieht etwas Unerwartetes mit dem Vergehen: Es verliert seine Schwere und wird zur Form. Aus vertrockneten Disteln und verblühten Sonnenblumen entstehen keine melancholischen Stillleben, sondern zarte Gefüge auf Papier. Wer vor diesen Werken steht, schaut nicht auf ein fertiges Abbild, sondern auf das Verstreichen von Zeit: Getrocknete Blütenblätter und kristallisierende Salze verbinden sich zu einer stofflichen Verwandlung, die das botanische Porträt hinter sich lässt und den Prozess selbst sichtbar macht. 

Artischocke © Walter Schels

Walter Schels, 1936 in Landshut geboren, lebt seit vielen Jahren in Hamburg und feiert in diesem Sommer seinen 90. Geburtstag. Sein Blick auf die Welt war stets von einer existenziellen Neugier geprägt – von den ersten Zügen Neugeborener bis zu Gesichtern im Moment des Übergangs. In den Pflanzenstudien setzt er diese Suche mit den Mitteln des Materials fort. Er arbeitet mit abgelaufenen Filmen, überlagerten Papieren und gealterten Fixierern. Die Chemie altert mit dem Motiv, sie bringt eigene Farbverläufe und kristalline Adern hervor, die sich wie Sedimente über das Bild legen. 

© Walter Schels

In seinen jüngsten Arbeiten lässt Schels schliesslich die Kamera ganz beiseite. Auf grossen Bögen treffen Licht, Entwickler und getrocknete Pflanzenfragmente direkt aufeinander. Für Schels ist ein Bild nie endgültig abgeschlossen: Auch nach dem Trocknen reagieren die organischen Reste im Papier im Verborgenen weiter. Jedes Blatt bleibt ein Unikat, gezeichnet von der Zeit, die es festhalten wollte. 

© Walter Schels

Dass diese stillen Spätwerke in Hamburg zu sehen sind, fügt sich in das Profil der Galerie VisuleX. Seit 2015 widmet sich der Raum an der Alster zeitgenössischen Positionen der Fotografie, mit einem feinen Gespür für Natur- und Architekturthemen, die den Blick für das Wesentliche schärfen. 

© Walter Schels

Die Ausstellung «Walter Schels | Nachblüte» ist vom 31. Juli bis zum 22. August 2026 in der Galerie VisuleX in Hamburg zu sehen. Parallel dazu würdigt das Ausstellungshaus C/O Berlin das Gesamtwerk des Fotografen in der Retrospektive «Walter Schels. 16° Fische. Fotografien von 1958–2026».

Das Jahrhundert der Lichter und Lärchen...

Fotograf: Domenic Feuerstein, Stradun in Scuol, um 1940 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf. 

Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte. 

Fotograf: Johann Feuerstein, Schafgruppe im Bergell, Soglio mit Val Bondasca im Hintergrund, um 1910 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Über ein ganzes Jahrhundert hinweg – von den späten 1890er-Jahren bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert – begleiteten die Feuersteins das Unterengadin, das Münstertal und ihre Nachbarregionen. Das im Verlag Scheidegger & Spiess erschienene Buch würdigt dieses monumentale Fotoarchiv erstmals umfassend. Es ist ein kulturhistorischer Glücksfall ersten Ranges, dass dieser Bestand fast vollständig erhalten blieb und heute im Staatsarchiv Graubünden gesichert ist. Beim Lesen und Betrachten zeigt sich: Dieser Band ist nicht nur das Porträt einer aussergewöhnlichen Familie, sondern eine visuelle Expedition durch die Transformationen einer alpinen Kulturlandschaft im Spannungsfeld von bäuerlicher Isolation, Pioniergeist, Naturmythos und technologischer Moderne.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Engadinerinnen in ihren Trachten, Ardez um 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Der weltgewandte Blick aus der Provinz: In seinem einleitenden Essay «Weit blicken: Die Fotografendynastie Feuerstein» fächert der Fotohistoriker Anton Holzer das zentralste Spannungsfeld des Gesamtwerks auf: das Wechselspiel zwischen lokaler Verankerung und cosmopolitischem Weitblick. Während viele frühe Fotosammlungen des Engadins von auswärtigen Fotografen stammten – der Volkskundler Paul Hugger sprach in diesem Zusammenhang von kolonialistischen Zügen des touristischen Blicks –, bildete das Werk der Feuersteins das authentische Gegenstück. Es war der geschulte Blick von innen, der die eigene Heimat erforschte, ohne sich den Verwertungslogiken von Tourismus und Bildmedien zu verschliessen.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Dorfbrand von Sent, 8. Juni 192 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Schlüssel zur Ästhetik der Feuersteins liegt in ihrer nüchternen, sachlich-dokumentarischen Bildsprache. Im direkten Vergleich zu ihrem berühmten Oberengadiner Zeitgenossen Albert Steiner verzichteten Johann Feuerstein und seine Nachfolger auf sentimentales Pathos oder piktorialistische Verklärung. Während Steiner die Landschaft oft puristisch menschenleer hielt oder Statisten zu touristischer Staffage degradierte, fügten sich Mensch und Tier bei den Feuersteins ganz selbstverständlich in ihren Lebensraum ein. Der Mensch erscheint hier bei der Feldarbeit, beim Handwerk, auf der Jagd oder beim Bau gigantischer Wasserkraftanlagen.  

Fotograf: Domenic Feuerstein, Alpinist auf Bergteour, Gletscherspalte im Lischanagebiet, um 1945 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Eine Chronik in sechs Akten: Die Vielschichtigkeit dieser Familiensaga entfaltet der Band in sechs aufeinander aufbauenden Textbeiträgen, die sich im Lesen zu einem geschlossenen Panorama verdichten. Den Auftakt bildet das biografische Fundament von Johann Feuerstein (1871–1945), verfasst von Ruedi Bruderer. Aus einfachen Verhältnissen im Münstertal stammend, erlernte der Vollwaise das Handwerk beim berühmten Bergführer und Alpin-Fotografen Alexander Flury in Pontresina, bevor er 1899 sein eigenes Wohn- und Fotohaus in Scuol bezog. Trotz schwerer Schicksalsschläge wie dem verheerenden Atelierbrand von 1914 etablierte sich Johann als führender Chronist des Unterengadins. Er dokumentierte den Bau der Rhätischen Bahn zwischen 1909 und 1913 und stieg durch seine ikonischen Aufnahmen der knorrigen Arvenwälder im Val S-charl zum wichtigsten Bildpionier des 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalparks auf.  

Fotograf: Jon Feuerstein EKW-Zentrale, Pradella-Scuol 1970 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Diese Pionierarbeit führte sein Sohn Domenic Feuerstein (1900–1949) weiter, dessen Wirken Ruedi Bruderer im zweiten Beitrag beleuchtet. Domenic erweiterte den Horizont des Familienbetriebs um das literarische und filmische Schaffen. Nach Lehrjahren in Zürich und einem zweijährigen Intermezzo mit eigenem Atelier in Locarno kehrte er 1930 ins Engadin zurück. Er verfasste überregional erfolgreiche Tier- und Naturbücher – darunter Bestseller wie «Der Arvenwald von Tamangur», «Peterli» oder «Wupp» – und drehte erste historische Stummfilme und Werbestreifen, etwa das eindrückliche Zeitdokument über den Schamserberg von 1935 oder Kurbroschüren für Scuol-Tarasp-Vulpera.  

Fotograf: Jon Feuerstein, Das Grandhotel Waldhaus wurde komplett zerstört, vermutet wird Brandstiftung, Vulpera 27. Mai 1989 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Mit der dritten Generation wandelten sich Technik und Reichweite des Hauses erneut. Ruedi Bruderer widmet sich im dritten Kapitel Jon Feuerstein (1925–2010), der nach dem frühen Tod des Vaters 1949 mit erst 24 Jahren die Geschäftsleitung übernahm. Neben seiner spektakulären Teilnahme als Fotograf und Filmer an der Virunga-Expedition nach Zentralafrika (1954/55) prägte Jon das Fotohaus vor allem durch die Modernisierung des Ansichtskartenverlags im Vierfarb-Offsetdruck sowie durch seine monumentale, zehnjährige Fotodokumentation des Baus der Engadiner Kraftwerke zwischen 1961 und 1972, die ein einmaliges Dokument schweizerischer Industrie- und Technikgeschichte darstellt.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Hochjagd, Engadin um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Seinem jüngeren Bruder Mic Feuerstein (1928–2004) ist das vierte Kapitel von Ruedi Bruderer gewidmet. Mic verschrieb sich mit stoischer Geduld der Wildtierfotografie und dem Naturfilm. Er wirkte am legendären Kinofilm «Schellen-Ursli» von 1965 mit und wurde ab 1972 zum ersten festen Kameramann und Regisseur des rätoromanischen Fernsehens (RTR/SRF DRS). Als Schweizer Pionier des Tierfilms fing er über Jahrzehnte das alpine Leben, Artenschutzprojekte und kulturelle Ereignisse in rund 230 Filmbeiträgen ein.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Wild in Not, Hirsch im Bergbach gefangen, S-charl um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie sehr das handwerkliche Schaffen mit wirtschaftlichem Weitblick verwoben war, zeigt der Beitrag von Seraina Feuerstein über die Geschichte des hauseigenen Ansichtskartenverlags. Vom Edellichtdruck und Kupfergravuren der Jahrhundertwende über handlaborierte Fotokarten bis hin zum industriellen Vierfarbdruck in Zusammenarbeit mit der Engadin Press AG bildete der Verlag das verlässliche wirtschaftliche Fundament des Hauses Feuerstein und trug den Ruf des Unterengadins in alle Welt.  

Fotograf: Johann Feuerstein Berühmte Arve in der Val Mingèr im Schweizerischen Nationalpark, 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Den Bogen zurück zur Naturmythologie schlägt schliesslich Gian Cla Feuerstein in seiner Abhandlung über die symbolische Rolle des Schweizerischen Nationalparks und der Arve. Der God da Tamangur stand für Johann, Domenic und ihre Nachfolger nicht nur für stoische Überlebenskraft im Hochgebirge, sondern wurde durch ihre Linse zum visuellen Markenzeichen des Schweizer Naturschutzgedankens überhaupt. 

Fotograf: Domenic Feuerstein Lais da Rims, Lischanagebirge um 1935 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Hauptwerk alpiner Fotogeschichte: Der Bildband «Fotografendynastie Feuerstein» erweist sich als imposantes Standardwerk zur visuellen Kulturgeschichte Graubündens. Dass diese vielschichtige Aufarbeitung in einer derart anspruchsvollen Ausstattung vorliegt, unterstreicht den Anspruch von Scheidegger & Spiess: Der Verlag gehört zu den führenden Schweizer Häusern in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur und beweist hier einmal mehr seine Expertise in der Konzeption und Materialisierung erlesener Publikationen. Durch die zweisprachige Gestaltung (Deutsch/Vallader) bleibt das Werk der rätoromanischen Heimat der Künstler verpflichtet – ein unverzichtbarer Band für jede fotokünstlerische Bibliothek.

Licht auf Gaza: Das wiederentdeckte Fotostudio von Kegham Djeghalian

Autoportrait de Kegham Djeghalian Sr avec ses enfants, Gaza, c.1952

Wenn die Vergangenheit nicht mehr geordnet in Archiven lagert, sondern als Fragmente in der Erinnerung auftaucht, und wenn sich Geschichten nicht in Jahreszahlen oder lineare Erzählungen zwängen lassen, setzt das visuelle Gedächtnis eine widerständige Kraft entgegen. Fotografien besitzen die einzigartige Eigenschaft, flüchtige Augenblicke einzufangen – sie werfen Licht auf das Vergessene und machen es für zukünftige Generationen erfahrbar. Wenn solche Bilder lange im Verborgenen ruhen, verwandelt sich ihre spätere Wiederentdeckung in einen Akt der historischen Gerechtigkeit und der künstlerischen Neuinterpretation. 

In der Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable» tritt eine faszinierte künstlerische Begegnung ans Licht: Ein Enkel befragt das fotografische Erbe seines Grossvaters. 2018 entdeckte Kegham Djeghalian Jr. im Haus seines Vaters in Kairo drei rote Schachteln, gefüllt mit Negativen, Dokumenten und persönlichen Erinnerungstücken. Was als späte Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begann, weitet sich rasch zu einem vielschichtigen Porträt des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens in Gaza im 20. Jahrhundert aus. 

Bal masqué à Gaza, photo par Kegham Djeghalian Sr, mi-1960s

Der künstlerische Ansatz von Djeghalian Jr. bricht bewusst mit den Konventionen klassischen Archivierens. Anstatt eine chronologische Reihenfolge zu erzwingen oder die Aufnahmen mit festen Jahreszahlen und erklärenden Legenden zu versehen, setzt er auf eine typologische Anordnung in vier Themenfeldern: «Le Studio», «Gaza Memento», «Album de famille» und «Zoom Call». Dieser Verzicht auf das Eindeutige ermöglicht eine sogenannte «unmade archive» – eine offene, unvollendbare Archivpraxis, die sich jeder endgültigen Schliessung widersetzt. Die Bilder, befreit vom Korsett der reinen Dokumentation, sprechen für sich: Strandbegegnungen, Maskenbälle, Porträts aus dem Studio und familiäre Momente verdichten sich zu einer alternativen Historiografie. Sie zeigen Gaza jenseits der üblichen Schablonen als einen Ort lebendiger Alltagskultur, voller Würde, Wärme und Vielschichtigkeit. 

La Boite Ouverte, 2018 par Kegham Djeghalian Jr

Kegham Djeghalian Senior (1915–1981) überlebte als Kleinkind den Völkermord an den Armeniern und wuchs in Syrien und dem Libanon auf. Anfang der 1930er-Jahre zog er nach Palästina und gründete 1944 in Gaza das erste professionelle Fotostudio der Stadt: Photo Kegham. Über fast vier Jahrzehnte hielt er das Leben der Stadt und ihrer Bewohner fest – von historischen Ereignissen bis hin zu alltäglichen Porträts, Hochzeitsszenen und Strandaufnahmen. Trotz politischer Umbrüche verliess er Gaza bis zu seinem Tod im Jahr 1981 nicht. 

Kegham Djeghalian Junior ist ein palästinensisch-armenischer visueller Künstler, Art Director und Modeexperte mit Wirkungsstätten in Kairo und Paris. Er lehrt als Professor an der German International University (GIU), wo er die künstlerische Leitung des Modedesign-Departements innehat. Seine künstlerischen Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Fotografie, Archivpraxis und Mode. Seine Werke wurden international in renommierten Institutionen gezeigt, darunter das Centre Pompidou in Paris, The Photographers' Gallery in London und die Sharjah Biennale. 

Kegham Djeghalian devant son studio à Gaza, mi-1970

Das im Herzen des Quartiers La Joliette gelegene Centre Photographique Marseille (CPM) ist ein zeitgenössisches Kunstzentrum, das sich der Fotografie widmet. Es versteht sich als Ort des Kunstschaffens, der Vermittlung und des Austauschs. Entstanden aus der Tradition des Vereins Les Ateliers de l'Image, bietet das CPM ein vielfältiges Programm aus Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops und Fachveranstaltungen. Das Zentrum engagiert sich für die Förderung regionaler wie internationaler Positionen und regt zum kritischen Diskurs über Bildpraktiken der Gegenwart an. 

Studio Photo Kegham sur la rue Omar al Mokhtar, Gaza, c. 1960

Die Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable – Kegham Djeghalian Junior im Dialog mit Kegham Djeghalian Senior» ist bis zum 12. September 2026 im Centre Photographique Marseille zu sehen. Sie findet im Rahmen der Saison Méditerranée 2026, des Printemps de l'Art Contemporain (PAC) und als Satellitenprogramm der Rencontres d'Arles (Grand Arles Express) statt.

«Flora Humana»: Natur als Skulptur...

Flora Humana ist eine fotografische Arbeit, die Pflanzenformen in den Mittelpunkt stellt und ihre überraschende Nähe zum Menschlichen sichtbar macht. Ein grosser Teil der Aufnahmen entstand im Botanischen Garten der Universität Bern, dessen Artenvielfalt eine intensive Auseinandersetzung mit denselben Pflanzen über längere Zeit ermöglichte. Die Schwarz-Weiss-Fotografien wecken Assoziationen an Figuren, Gesten oder Charaktere und lassen die Grenzen zwischen Natur und menschlicher Wahrnehmung fliessend werden. 

Ausgangspunkt dieser Bildserie ist das wiederholte, aufmerksame Beobachten durch den Künstler. Mit der Zeit treten Details, Strukturen und Formen hervor, die im schnellen Blick leicht übersehen werden. Vergrösserte und isolierte Pflanzenfragmente entfalten so eine faszinierende Präsenz und eröffnen neue Perspektiven auf Vertrautes – es entstehen Bilder zwischen Natur und Skulptur, die dazu einladen, Pflanzen mit anderen Augen zu betrachten. 

Hinter dieser sensiblen Herangehensweise steht Ramón Quensel. Der gebürtige Mexikaner (Real de Catorce, San Luis Potosí) lebt heute in Bern. In seiner Fotografie verbindet er die Mystik der Natur mit seiner Leidenschaft für Musik, Menschen und die Geschichten des Alltags. Licht und Schatten spielen dabei eine zentrale Rolle als visuelle Sprache, um Stimmungen, Ideen und Emotionen spürbar werden zu lassen. 

Sein Werk reicht von Reportage bis Still Life. Mit Offenheit, Neugier und Gespür für Details stellt er sich jedem neuen Projekt individuell, immer mit dem Anspruch, sich als Fotograf und als Mensch weiterzuentwickeln. 

Zyklamen © Ramón Quensel

Die im März 2026 gegründete Fotogalerie Bern präsentiert vom 27. bis zum 30. August 2026 die Fotoausstellung «Flora Humana» von Ramón Quensel.

Bertien van Manen: Die Echos des Alltäglichen…

Let’s Sit Down Before We Go, Ljalja, Odessa, 1991 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die Fotografien von Bertien van Manen sind weder Tagebuch noch Familienalbum, obwohl sie eine ähnliche Intimität ausstrahlen. Stattdessen bieten sie eine Chronik des gewöhnlichen Lebens – eine Hommage an Menschen, die oft unsichtbar bleiben, deren Würde und Widerstandskraft jedoch im Zentrum ihres Werkes stehen. Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» im Centre de la photographie de Mougins würdigt nun erstmals in Frankreich das Œuvre der aussergewöhnlichen Fotografin, deren empathischer Blick die Grenzen zwischen Dokumentarfotografie und subjektivem Erleben neu definiert.

Let's Sit Down Before We Go, Caming site, Lake Baïkal, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die Retrospektive versammelt zentrale Serien aus dem mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Œuvre von Bertien van Manen, einer zutiefst feministischen und engagierten Künstlerin. Im Herzen der Ausstellung steht ihr frühes Projekt «I Am the Only Woman There» (1979), das sich den ersten Generationen von Migrantinnen in den Niederlanden widmet: Frauen aus der Türkei, Marokko oder Jugoslawien, die als Arbeitskräfte ins Land kamen, jedoch in der Isolation ihrer Wohnungen verblieben und gesellschaftlich kaum wahrgenommen wurden. Van Manen holte sie aus dem Schatten, fotografierte sie in ihren Küchen, bei der Arbeit und während Festen – immer in Schwarzweiss, immer mit einem Blick, der weder mitleidig noch exotisierend ist. 

Let's Sit Down Before We Go, Vlada in the kitchen, Kazan, 1992 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Ebenso eindrücklich ist die Serie «Dienstmaagd des heren?» (1982), die das Leben von Karmeliterinnen dokumentiert. Hier löst sich der dogmatische Rahmen der Institution auf; stattdessen treten die Frauen als Individuen in Erscheinung, bei ihren alltäglichen Verrichtungen, geschützt und zugleich definiert durch ihre Gemeinschaft. In «Yorkshire, New Sharlston» (1979–1980) porträtiert van Manen eine Bergbaugemeinschaft in Grossbritannien, während «Moonshine» (1985–2013) eine über dreissig Jahre währende Begleitung von Kohleminen-Familien in den Appalachen der USA zeigt. Ihr Stil änderte sich hier grundlegend: Sie legte das professionelle Equipment ab und arbeitete mit einer kleinen 35-mm-Kamera, um eine unmittelbare, ungekünstelte Nähe zu schaffen. 

A Hundred Summers, a Hundred Winters, Tbilissi, 1993 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Die späten Serien «A Hundred Summers, a Hundred Winters» und «Let’s Sit Down Before We Go» führen uns in die postsowjetische Welt. Zwischen 1991 und 2009 reiste van Manen durch Russland, die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan. Doch anders als Reportagefotografen suchte sie nicht die Strasse oder politische Ereignisse, sondern die privaten Räume: Schlafzimmer, in denen das Sofa zum Bett wird, Küchen, die als Wohnzimmer dienen. Es ist ein Blick hinter den eisernen Vorhang, der nicht auf das Elend starrt, sondern die Menschlichkeit im Alltag feiert. 

I Am the Only Woman There, Amsterdam, 1979 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Hinter diesem einfühlsamen Blick steht eine Persönlichkeit, die sich nie mit der Rolle der reinen Beobachterin zufriedengab. Bertien van Manen (1935–2024), geboren als Tochter eines Bergbauingenieurs in den Niederlanden, begann ihre Karriere zunächst als Model, bevor sie hinter die Kamera wechselte. Der entscheidende Impuls kam durch Robert Franks Buch «Les Américains»: Von da an wollte sie die Welt nicht mehr illustrieren, sondern leben – mitten unter den Menschen, die sie faszinierten. Ihr Ansatz war radikal subjektiv und zugleich tief dokumentarisch. «Ich muss die Menschen lieben, die ich fotografiere», bekannte sie einmal. Diese Haltung erlaubte es ihr, über Jahrzehnte hinweg Vertrauen aufzubauen und in die intimsten Bereiche des Lebens vorzudringen. Van Manen war eine Feministin im Handeln, auch wenn sie sich nicht explizit als solche bezeichnete. Ihr Werk gibt jenen eine Stimme, die am Rand der Gesellschaft stehen: Migrantinnen, Bergarbeiterfamilien, Nonnen, Menschen in Transformationsgesellschaften. Ihre Bilder oszillieren zwischen Schönheit und Chaos, zwischen Humor und Tragik – und erzählen dabei Geschichten, die universell verständlich sind. 

Moonshine, Dorothy, West Virginia, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Das Centre de la photographie de Mougins hat sich seit seiner Eröffnung als wichtiger Ort für die zeitgenössische Fotokunst etabliert. In der malerischen Gemeinde Mougins an der Côte d’Azur gelegen, versteht es sich als Plattform für künstlerische Positionen, die gesellschaftliche Fragen aufwerfen und neue Perspektiven eröffnen.  

Die aktuelle Ausstellung ist eine Koproduktion mit dem Centre d’art Gwinzegal in Guingamp und wurde mit Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande realisiert. Als Teil der Programmierung der Rencontres d’Arles im Rahmen des ‘Grand Arles Express’ unterstreicht sie zudem die Vernetzung der französischen Fotolandschaft. 

Die Ausstellung Les échos de l’ordinaire von Bertien van Manen ist bis zum 4. Oktober 2026 im Centre de la photographie de Mougins zu sehen.

Moonshine, Helen and Camy with dog, 1987 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Zwischen Dokumentation und Kunst: Das Vermächtnis der Bechers..

Winding towers in Belgium, France and Great Britain, BHB-FT-17, 1966-1979, Gelatin silver prints © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Bernd und Hilla Becher haben die Fotografie des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt, indem sie eine strikte methodische Haltung entwickelten, die bis heute nachwirkt. Ihr Werk, das funktionale Industriebauten ins Zentrum rückte, oszilliert zwischen nüchterner Dokumentation und konzeptueller Kunst. Die aktuelle Retrospektive in der Fondazione MAST in Bologna beleuchtet diese einzigartige Arbeitsweise und zeigt, wie das Paar durch systematische Reihen und Typologien eine neue visuelle Sprache schuf, die Generationen von Künstlern beeinflusste. 

Cooling tower, 1962, Mont-Cenis coal mine, Herne, Ruhr region, Germany, PSD-BHB-2024-056 1, 1965, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Ihre fotografische Praxis begann Ende der 1950er-Jahre, im Moment, als die industrielle Landschaft im Wandel begriffen war. Fördertürme, Gasometer, Kühltürme und Silos wurden zu den Hauptakteuren ihrer Bilder. Statt diese Objekte isoliert abzulichten, stellten die Bechers sie in Raster zusammen, sogenannte Typologien, die den vergleichenden Blick schärfen. Durch die konsequente Beibehaltung von Distanz, Perspektive und Lichtbedingungen trat die reine Form der Bauten hervor, losgelöst von ihrem spezifischen Standort. Diese "anonymen Skulpturen", wie sie die Bauten nannten, wurden so zu Studien über Variationsmöglichkeiten innerhalb einer funktionalen Gattung. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie diese Methode nicht nur das Industrielle fassbar machte, sondern auch soziale Aspekte beleuchtete, etwa in den Aufnahmen von Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet, die den Wiederaufbau nach dem Krieg dokumentieren. Der Einfluss dieses Ansatzes reicht weit über das eigene Werk hinaus. Als Dozenten an der Düsseldorfer Kunstakademie prägten sie Schüler wie Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff, deren Arbeiten im Foyer der Stiftung als direkter Dialog zum Hauptteil präsentiert werden. 

Gas tank, 1886, Tyldesley near Manchester, Great Britain, PSD-BHB-2024-041, 1966, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Hinter dieser strengen Systematik steht die Lebensgeschichte zweier Menschen, die ihre individuellen Hintergründe zu einer einzigen Vision vereinten. Bernd Becher (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015) arbeiteten als untrennbares Künstlerpaar und entwickelten ab 1959 in Deutschland, den Benelux-Staaten, Grossbritannien, Frankreich, Italien sowie den USA und Kanada ihren dokumentarischen Stil. Bernd, ursprünglich Dekorationsmaler und Grafiker, und Hilla, ausgebildete Fotografin, verbanden ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zu einer gemeinsamen, objektiven Bildsprache, die stark von der Neuen Sachlichkeit beeinflusst war. Ihr Archiv und ihr Nachlass werden heute von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln sowie dem Bernd & Hilla Becher Studio in Düsseldorf betreut; ihr Sohn Max Becher vertritt den Estate. 

Framework houses of the Siegen industrial region, BHB-FW-B, 1959-1973, 15 Gelatin silver prints © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Bernd & Hilla Becher Archive, Cologne, and Museum für Gegenwartskunst Siegen, acquired with funds from the Kunststiftung NRW

Die Fondazione MAST in Bologna ist eine internationale Kultur- und Philanthropie-Institution, die 2013 gegründet wurde und sich an der Schnittstelle von Technologie, Kunst und Innovation bewegt. Als offener Ort für Bildung und Kunst befindet sie sich neben dem Hauptsitz der Coesia-Gruppe und versteht sich als Brücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Die Ausstellungsräume zeigen temporäre Präsentationen, die sich spezifisch der Fotografie im Kontext von Industrie und Arbeitswelt widmen. 

Hilla Becher, Sea snail (Venus comb), PSD-BHB-2024-080, 1960s, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Die Retrospektive "Bernd & Hilla Becher. History of a Method" ist vom 23. April bis zum 27. September 2026 in den MAST Galleries zu sehen. Konzipiert wurde die Ausstellung von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln in Kooperation mit dem Becher-Studio und für Bologna neu adaptiert. Sie präsentiert über 350 originale Schwarz-Weiss-Fotografien sowie umfangreiches Archivmaterial wie Zeichnungen, Bücher und Plakate. Gegliedert in zehn Sektionen – von "Industrielle Landschaften" über "Typologien" bis zu den frühen Arbeiten der beiden Künstler – bietet sie eine tiefgehende Analyse ihrer Methodik und lädt dazu ein, den Blick für das Unscheinbare neu zu schärfen.

Brennende Farben, kühle Präzision…

Bombardopolis, Haiti, 1986 © Alex Webb / Magnum Photos

In den Bildern von Alex Webb steht die Welt niemals still. Wer sich auf seine Fotografien einlässt, spürt förmlich, wie die Hitze der Tropen durch die Glasfronten der Galerie in den Raum kriecht. Am 24. Juli 2026 eröffnet die Leica Galerie Salzburg die Ausstellung «Selections» von Alex Webb und offenbart ein visuelles Universum, in dem das Chaos der Strasse und die absolute kompositorische Strenge eine faszinierende Allianz eingehen. 

Webb sucht nicht das inszenierte Postkartenmotiv. «... alle Ideen meines Werks haben sich aus der Idee des Reisens und Umherstreifens ergeben», so Webb selbst. Dieses Umherstreifen ist bei ihm jedoch kein zielloses Schlendern, sondern eine hochkonzentrierte Jagd nach jenen raren Sekundenbruchteilen, in denen das Chaos der Strasse für einen Wimpernschlag in perfekter Balance erstarrt. Es ist die Suche nach jenen Momenten, in denen sich die gesellschaftliche Realität von Indien über Griechenland bis nach Haiti und Mexiko in ein dichtes, farbintensives Drama verwandelt. 

Die Leica M macht Webb zum Choreografen des Zufalls. Er baut eine visuelle Dichte auf, in der Vorder-, Mittel- und Hintergrund gleichermassen eigene Geschichten erzählen: Da ist das spielende Kind im tiefen Schatten, dort ein Passant im fahlen Gegenlicht und am Rande ein verblasstes Plakat an der Wand, das das Geschehen ironisch kommentiert. Durch diese Staffelung entstehen Bilder, die man langsam lesen muss – man weiss oft gar nicht, wo das Auge zuerst verweilen soll. 

Es ist diese atmosphärische Dichte, die uns gefangen nimmt. Seine Bilder beschwören nicht nur die physische Hitze sonnenüberfluteter Orte herauf, sondern verleihen ihnen zugleich eine metaphysische Wärme. Der amerikanische Kunsthistoriker Max Kozloff beschrieb dieses Phänomen treffend als eine «Atmosphäre gespannter Energie, voller latenter Bewegung, die jederzeit in Aktion übergehen könnte». Es ist kein beiläufiges Dokumentieren, sondern eine existenzielle Auseinandersetzung mit der Welt, die zeigt, dass Fotografie eine universelle Sprache ist. Jedes Bild in «Selections» ist eine präzise Komposition – berauschend, lebendig und zutiefst humanistisch. 

Grenada, 1979 © Alex Webb / Magnum Photos

Alex Webb, geboren am 5. Mai 1952 in San Francisco, entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Fotografie. Nach dem Studium der Literatur und Geschichte an der Harvard University (1970–1974) folgte die fotografische Ausbildung am Apeiron Workshops in New York. Seine Karriere startete Webb zunächst im klassischen Schwarzweiss. Erst die Entdeckung der farbintensiven Strassenlandschaften der Karibik und Lateinamerikas brachte ihn zur Farbfotografie, deren dokumentarische Spielart er revolutionieren sollte. Seit 1979 ist Webb Vollmitglied der legendären Agentur Magnum Photos. Seine Werke hängen weltweit in renommierten Häusern wie dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Museum of Fine Arts in Boston. Neben zahlreichen Preisen, darunter die Leica Medal of Excellence (2000), veröffentlichte er über 15 Fotobücher, darunter das Standardwerk The Suffering of Light. Im Herbst 2026 wird sein neues Buch Walking Blues erwartet, das sich den urbanen Landschaften der USA widmet. 

Tehuantepec, Mexico, 1985 © Alex Webb / Magnum Photos

Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 hat sich die Leica Galerie Salzburg als eine der wichtigsten Adressen für Fotokunst in Westösterreich etabliert. Seit 2015 im idyllischen Stadtteil Parsch (Gaisbergstrasse 12) beheimatet, zeigt das Haus ein feines Gespür für internationale Fotogrössen und fördert zugleich lokale Talente. Sie versteht sich nicht nur als Galerie, sondern als lebendiger Treffpunkt für Sammler, Kunstschaffende und Fotobegeisterte. Die Ausstellung fällt zudem in ein historisches Jubiläum: Vor 50 Jahren eröffnete die erste Leica Galerie in Wetzlar. Seither prägen diese Orte des Dialogs weltweit den Blick auf unsere Welt.

Die Ausstellung «Selections» von Alex Webb ist bis zum 31. Oktober 2026 zu besuchen.

Farbe als Gefühl, Schrift als Bild: Ein Sommer in Turin…

FIAT Lingotto, Torino, Italia, 2011 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia tritt in eine neue Phase. Seit François Hébel im November 2025 die künstlerische Leitung übernommen hat, zeichnet sich ein Programm ab, das zwei unterschiedliche Zugänge zur Fotografie nebeneinanderstellt. Vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zeigt das Haus Arbeiten von Harry Gruyaert und Werner Jeker. Es ist der erste vollständige Zyklus, der unter seiner Verantwortung kuratiert wurde.

Essaouira, Marocco, 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Harry Gruyaert steht im Zentrum der Hauptausstellung. Der 1941 geborene Belgier, seit langem Mitglied von Magnum Photos, gehörte in Europa zu den ersten, die der Farbfotografie eine eigenständige, kreative Bedeutung gaben. In den 1970er- und 80er-Jahren, als die Fotografie noch stark vom Schwarzweiss dominiert wurde, folgte Gruyaert keinem dokumentarischen Imperativ, sondern entwickelte eine Sprache, in der Farbe nicht beschreibt, sondern empfinden lässt.

Baie de Somme, Francia, 1991 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Die Turiner Ausstellung ist die erste umfassende Retrospektive seiner Arbeit in Italien. Sie führt chronologisch durch sein Schaffen und beginnt mit der Serie «TV Shots». In diesen Bildern setzt sich Gruyaert mit den ersten Farbfernsehübertragungen auseinander und fängt die damalige, noch ungewohnte Farbigkeit des Mediums ein. Die Ausstellung führt weiter durch die verschiedenen Stationen seiner Reisen. Besonders Marocco nimmt eine Schlüsselrolle ein: Für Gruyaert war es ein Ort der Offenbarung, an dem Landschaft und menschliche Präsenz zu einer visuellen Einheit verschmolzen. Jeder Ort, den er bereiste, erhielt in seinen Bildern eine spezifische chromatische Qualität.

Fiandre, Belgio 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Technisch spannt die Ausstellung einen Bogen von der analogen zur digitalen Ära. Gruyaerts Arbeit ist geprägt vom Einsatz von Kodachrome-Film und Cibachrome-Prints im 20. Jahrhundert, Materialien, die für ihre besondere Leuchtkraft bekannt waren, bis hin zu den Möglichkeiten des Digitalen im 21. Jahrhundert. Sein Ansatz ist dabei stärker von der Malerei und dem Kino beeinflusst als von der traditionellen Fotografie. Licht, Farbe und Komposition stehen über dem narrativen Inhalt. Wie der Künstler selbst festhält, ist Farbe physischer als Schwarzweiss; sie muss die Betrachtenden unmittelbar durch ihre Nuancen treffen, bevor der Verstand die Situation einordnen kann. Die Ausstellung macht diese sinnliche Qualität erfahrbar und zeigt, wie Gruyaert Farbe als eigenständiges Material begriffen hat.

Manifesto © Werner Jeker

Als konzeptuellen Gegenpol zur malerischen Farbwelt Gruyaerts präsentiert der Projektraum die Arbeit von Werner Jeker unter dem Titel «Photo Typo». Der 1944 in der Schweiz geborene Grafiker nimmt eine Sonderstellung im internationalen Design ein. Jeker hat in seiner Karriere über 800 Plakate entworfen, hauptsächlich für kulturelle Institutionen, und dabei eine eigene visuelle Sprache entwickelt, in der Fotografie und Typografie eine untrennbare Symbiose eingehen.

Allestimento © Werner Jeker

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl seiner Arbeiten und fokussiert auf jene Plakate, in denen das fotografische Bild als strukturelles Element der Komposition dient. Jekers Ansatz zeichnet sich durch einen kalibrierten Eingriff aus: Er verändert das fotografische Original nicht in seinem Inhalt, sondern bewahrt dessen dokumentarische Integrität. Durch die präzise Platzierung von Text und die grafische Anordnung amplifiziert er jedoch die visuelle Wirkung des Bildes und hebt es auf eine neue Ebene. Diese Methode unterscheidet ihn von vielen Zeitgenossen, die das Foto oft stark bearbeiteten oder nur als Illustration nutzten.

Manifesto © Werner Jeker

Seine Zusammenarbeit mit Fotografen wie René Burri, Raymond Depardon oder Henri Cartier-Bresson unterstreicht diese Haltung. Jeker verstand das dokumentarische Bild und setzte es in einen neuen Kontext, ohne es zu verfälschen. Die gezeigten Arbeiten belegen, wie ein Gebrauchsgrafik-Objekt wie ein Plakat zur autonomen Kunstform werden kann. Für sein innovatives Wirken, besonders im Umgang mit der Fotografie, wurde Jeker unter anderem mit dem Infinity Award ausgezeichnet. Die Ausstellung im Projektraum würdigt diesen spezifischen Beitrag zur visuellen Kultur und zeigt, wie Typografie das Verständnis eines Fotos lenken kann, ohne es zu dominieren.

Allestimento © Werner Jeker

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia befindet sich in der Via delle Rosine 18 in Turin. Die Institution wurde 2015 gegründet und versteht sich als fester Ankerpunkt für die Fotokultur in Italien. Mit seinen Haupträumen und dem spezifischen Projektraum bietet das Zentrum eine Plattform für nationale und internationale Positionen und verbindet Ausstellungen mit Bildungsangeboten, Gesprächen und Workshops. Als privat finanzierte Stiftung agiert es unabhängig und fördert den Dialog zwischen der italienischen und der internationalen Fotoszene. 

Die Ausstellungen von Gruyaert und Jeker sind vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Sie markieren den ersten Ausstellungszyklus unter der Direktion von François Hébel und setzen einen klaren inhaltlichen Akzent für die kommende Saison. 

Unterwegs in Turin…
Der Bicerin ist Turins flüssige Seele. In diesem kleinen Glas, das dem Getränk im Piemontesischen seinen Namen gab, vereinen sich drei Welten: dunkle, dichte Schokolade, kräftiger Espresso und eine hauchzarte Krone aus Milchcreme. Keine Mischung, sondern eine kunstvolle Schichtung, die seit dem 18. Jahrhundert im ältesten Kaffeehaus der Stadt zelebriert wird. Hier tranken einst Dumas und Verdi, heute lädt das Getränk zur entschleunigten Pause ein. Der Bicerin widersteht dem Trend des «Coffee to go»; er fordert Zeit und Genuss. Jeder Schluck offenbart ein neues Aroma, von der leichten Creme bis zur tiefen Schokolade. Er ist mehr als ein Heissgetränk – er ist ein Stück gelebter Geschichte und das warme Herz des Turiner Winters. Ein Muss für jeden, der die Eleganz des Piemonts schmecken möchte.

Comme des images Provins...

Ipanema Beach, Rio de Janeiro, Brazil, 1958 © René Burri - Agence Magnum - Fondation René Burri

Vom Juni bis September 2026 findet in Provins (Seine-et-Marne) erstmals das Fotografie-Festival «comme des images» statt. Die Veranstaltung nutzt mehrere historische und kulturelle Orte der Stadt, um zeitgenössische Fotografie sowie Werke aus der Geschichte des Mediums zu präsentieren. Ein zentrales Element ist die Förderung der künstlerischen Produktion durch eine Residenz, die in diesem Jahr mit dem Fotografen Fred Delangle besetzt ist. 

Sans titre, 1946 © Erwin Blumenfeld - © The Estateof Erwin Blumenfeld

Im Fokus der Residenz steht die Arbeit von Fred Delangle, der über einen Zeitraum von mehreren Monaten eine Serie speziell für die Stadt Provins entwickelt hat. Seine Arbeiten, die sich thematisch mit der nächtlichen Atmosphäre der mittelalterlichen Stadt auseinandersetzen, werden in der Église Sainte-Croix ausgestellt. Nach 40 Jahren Schliessung wird die Kirche erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Delangle fokussiert sich in seinen Langzeitprojekten vor allem auf urbane Räume, darunter Arbeiten in Indien und Venedig. Ergänzend zu Delangle wird in der Kirche eine Projektion mit Werken des Magnum-Fotografen René Burri (1933–2014) präsentiert, die dessen photojournalistisches Schaffen würdigt. 

Série Opprinnelsen, La Porte © Florence D'elle - agence révélateur

Das Festivalprogramm umfasst zudem mehrere thematische Ausstellungen an verschiedenen Standorten. In der Médiathèque Alain Peyrefitte ist die Gruppenausstellung «Paysages Rêvés» zu sehen, die sieben Künstlerinnen und Künstler zusammenbringt, welche historische fotografische Verfahren anwenden. Dazu gehören Aassmaa Akhannouch (Cyanotypie), Grégor Beltzig (Fresson-Druck), Florence D’elle (Ferrotypie/Nasskollodium), Irène Jonas (kolorierte Fotografie), Jens Knigge (Platin-Palladium-Druck), Laurent Millet (Gummibichromat) und Takeshi Shikama (Platin-Palladium-Druck auf Gampi-Papier). Jede Position stellt einen spezifischen technischen Ansatz vor, der die Geschichte der Fotografie nachzeichnet. 

Série Northern Lights, Ground N°4 © Jens Knigge, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Weitere Ausstellungsorte sind der Espace Pôle Gare und das Atelier Galerie Guedamour. Im Espace Pôle Gare werden Farbarbeiten des Modefotografen Erwin Blumenfeld (1897–1969) gezeigt, die während seiner Zeit in New York (1941–1960) entstanden sind. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Erwin Blumenfeld Foundation realisiert. Im Atelier Galerie Guedamour präsentiert Estelle Lagarde ihre Serie «Entre», die zwischen 2018 und 2020 in der Abtei von Chéhéry entstand. Die Arbeiten basieren auf analogen Silberabzügen ohne digitale Nachbearbeitung und thematisieren den Zustand des Ortes zwischen Verfall und Wiederherstellung. 

Série Boulevar de l'Océan © Aassmaa Akhannouch, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Die Öffnungszeiten variieren je nach Standort. Die Église Sainte-Croix und der Espace Pôle Gare sind freitags bis sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Die Médiathèque Alain Peyrefitte hat unter der Woche erweiterte Öffnungszeiten, bleibt jedoch im August geschlossen. Das Atelier Galerie Guedamour ist donnerstags und freitags sowie samstags zugänglich, ansonsten nach Vereinbarung. Die Organisation liegt bei der Association Comme des Images, gegründet von Sabine Guedamour und Sébastien Mariau, die bereits 2023 die «Rencontres de Provins» initiiert hatten.

Série Voyage sur le fil de soi, 2019 © Gregor Beltzig

Zagara: Wenn der Duft der Orangenblüte nach Schweigen riecht…

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Der Geruch der Zagara, der Orangenblüte, gilt in Sizilien als Inbegriff von Reinheit, Liebe und weiblicher Tugend. Doch in der ersten institutionellen Einzelausstellung der Fotografin Tiziana Amico im Photoforum Pasquart entfaltet dieser Duft eine ambivalente, ja bedrohliche Kraft. «Zagara – Ciò che resta» (Was bleibt) ist keine idyllische Hommage an die sizilianische Heimat der Künstlerin, sondern eine forensisch präzise und emotional tiefe Untersuchung geschlechtsspezifischer Gewalt, die sich über Generationen hinweg in Schweigen, Gesten und familiären Archiven eingebrannt hat. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Ausgehend von einer konkreten Familiengeschichte – ihre Urgrossmutter musste 1939 in Sizilien vor einem versuchten Femizid fliehen – webt Amico ein dichtes Netz aus persönlichen Archivbildern, Landschaftsaufnahmen, Porträts und Recherchematerialien. Sie behandelt das Familienalbum nicht als passiven Speicher von Erinnerungen, sondern als einen umkämpften Ort, an dem Narrative neu verhandelt werden können. Was in den Bildern oft unsichtbar bleibt: Die Gewalt, das Trauma, das erzwungene Schweigen, wird durch die Installation greifbar. Audioarbeiten, Videos und eben der omnipräsente Duft der Orangenblüte immersieren das Publikum in eine «emotionale Landschaft», die zeigt, wie gesellschaftliche Normen Frauen idealisieren und gleichzeitig in unsichtbare Käfige sperren. Die Schönheit der Blüte wird hier zur Metapher für eine Weiblichkeit, die erdrückt, statt zu befreien. 

Amicos Ansatz ist geprägt von ihrem ungewöhnlichen Werdegang. Bevor sie zur Kamera griff, studierte sie Rechtswissenschaften. Dieser juristische Hintergrund schärft ihren Blick für Strukturen: Sie untersucht nicht nur das individuelle Schicksal, sondern auch das Rechtssystem als Rahmen von Gewalt und Schutz sowie die Rolle der Medien bei der Darstellung – oder Verschleierung – von Femiziden. Ihre Arbeit oszilliert zwischen sozialer Untersuchung und relationaler Praxis, wobei sie das Archiv aktiv nutzt, um gelöschte Stimmen wieder hörbar zu machen. Die Ausstellung ist Teil des Jahresprogramms «handle with care» und wird im Dialog mit einer Werkpremiere von Virginie Rebetez gezeigt, was unterschiedliche künstlerische Zugänge zum Thema familiärer Erinnerung kontrastiert. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Tiziana Amico (*1991, Italien) ist eine in der Schweiz lebende Fotografin und visuelle Forscherin. Ihre Arbeit an der Schnittstelle von Fotografie und Recht wurde bereits mit dem 2. Preis beim Swiss Press Photo Award 2025 (Kategorie «International») für das Werk «Nunca Fui Adolescente» ausgezeichnet. Sie ist Mitglied des Verbands near. für zeitgenössische Fotografie. 

Aus dem Projekt Zagara – Ciò che resta © Tiziana Amico

Das Photoforum Pasquart in Biel/Bienne, gelegen an der Seevorstadt, versteht sich seit langem als wichtiger Knotenpunkt für die zeitgenössische Fotografie in der Schweiz. Als Institution, die sich der Reflexion und Vermittlung des Mediums verschrieben hat, bietet das Forum mit dieser Ausstellung einen Raum für dringliche gesellschaftliche Diskurse. Die Präsentation von «Zagara» unterstreicht den Anspruch des Hauses, Fotografie nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Werkzeug zur Aufarbeitung von Geschichte und Machtverhältnissen zu begreifen. 

Die Ausstellung «Zagara – Ciò che resta» von Tiziana Amico ist bis zum 30. August 2026 im Photoforum Pasquart in Biel zu besuchen.

YAN, 1956: Ein fotografischer Zeitzeuge in Sardinien...

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Siebzig Jahre sind vergangen, seit Jean Dieuzaide, genannt Yan, seine Kamera durch die Landschaften Sardiniens schweifen liess. Was damals als dokumentarische Reise begann, ist heute mehr als nur eine Sammlung von Bildern: Es ist ein visuelles Archiv einer Insel im Wandel, eingefangen durch den humanistischen Blick eines der bedeutendsten französischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vom 11. Juni bis 15. September 2026 widmet das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro diesem historischen Moment eine umfassende Retrospektive.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» lädt dazu ein, das Sardinien der Nachkriegszeit neu zu entdecken. Dieuzaides Fotografien zeigen nicht nur Landschaften und traditionelle Rituale, sondern Menschen in ihrem Alltag – ihre Gesichter, ihre Arbeit, ihre Würde. In einer Zeit, in der sich Europa langsam von den Verwüstungen des Krieges erholte und moderne Transformationen die ländlichen Gesellschaften zu verändern begannen, dokumentierte Yan diese Übergangsmomente mit einer Sensibilität, die über das Dokumentarische hinausgeht. Seine Bilder erzählen von einer Insel, die zwischen Tradition und Moderne oszilliert, und bewahren ein kulturelles Erbe, das heute teilweise nur noch in diesen Fotografien existiert.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Jean Dieuzaide (1921–2003), bekannt unter dem Künstlernamen Yan, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der humanistischen Fotografie in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Karriere begann in Toulouse, wo er 1944 eines der ersten offiziellen Porträts von General Charles de Gaulle während der Befreiung der Stadt aufnahm – ein Bild, das ihn über Nacht bekannt machte. Yan entwickelte in den folgenden Jahrzehnten einen unverwechselbaren Stil, geprägt von Empathie, Respekt und einem tiefen Interesse am menschlichen Dasein. 

Seine Anerkennung in der fotografischen Welt wurde durch zahlreiche Preise untermauert: 1955 erhielt er den prestigeträchtigen Prix Niépce, 1961 den Prix Nadar. Darüber hinaus war Yan 1970 einer der Mitbegründer der Rencontres d'Arles, dem heute weltweit bedeutendsten Fotografie-Festival. In den 1950er-Jahren reiste er nicht nur durch Frankreich, sondern auch den gesamten südeuropäischen Raum, darunter Spanien, Italien und eben Sardinien. Seine Arbeit zeichnete sich stets durch eine respektvolle Nähe zu den Menschen aus, die er porträtierte – nie als Objekte der Beobachtung, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichten.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro ist eine Institution von zentraler Bedeutung für die Bewahrung und Vermittlung der sardischen Kultur. Als Teil des ISRE (Istituto Superiore Regionale Etnografico) widmet sich das Museum der Erforschung, Dokumentation und Präsentation volkstümlicher Traditionen der Insel. Nuoro, oft als «die sardische Stadt» bezeichnet, liegt im Herzen der Insel und gilt seit jeher als kulturelles Zentrum, in dem Sprache, Bräuche und Identität besonders lebendig gehalten werden. 

Das Museum versteht sich nicht als statisches Archiv, sondern als lebendiger Ort der Reflexion über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sardiniens. Durch Ausstellungen wie die vorliegende wird die Verbindung zwischen lokaler Identität und internationaler künstlerischer Perspektive hergestellt. Die Zusammenarbeit mit den Archives Municipales de Toulouse, die den Nachlass von Jean Dieuzaide bewahren, unterstreicht den transnationalen Charakter dieses Projekts und die Bedeutung kultureller Kooperation über Ländergrenzen hinweg.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die Ausstellung «YAN, 1956. Jean Dieuzaide e il suo viaggio in Sardegna» wird vom ISRE-Istituto Superiore Regionale Etnografico organisiert und von Elisa Medde kuratiert. Sie ist vom 11. Juni bis 15. September 2026 im Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde in Nuoro zu besuchen. Das Projekt wurde durch das italienische Kulturministerium im Rahmen des Förderprogramms «Strategia Fotografia 2025» der Direzione Generale Creatività Contemporanea unterstützt.

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Die präsentierten Arbeiten stammen aus dem Fonds Jean Dieuzaide der Archives Municipales de Toulouse und bieten einen umfassenden Einblick in die Reise des Fotografen durch Sardinien im Jahr 1956. Neben den fotografischen Arbeiten thematisiert die Ausstellung auch den Prozess des Sehens und Erzählens selbst: Wie wurde Sardinien durch die Linse eines fremden Beobachters transformiert? Welche Narrative entstanden daraus? Und welche Bedeutung haben diese Bilder siebzig Jahre später für das Verständnis von Erinnerung, Territorium und kultureller Identität?

© Fondo Jean Dieuzaide, Archivio ISRE

Zwischen Realität und Wahrnehmung: Shirana Shahbazis vielschichtige Räume...

Displacement 17, 2023, handkolorierter Silbergelatineabzug auf Barytpapier auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Fotografie ist für Shirana Shahbazi mehr als nur ein Abbild der Wirklichkeit; sie ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Wahrnehmung. In der Ausstellung «All at Once. An Interplay with Li Tavor» im Kunstmuseum Luzern wird dies eindrücklich sichtbar. Die Zürcher Künstlerin, die seit 30 Jahren ihrem Medium treu bleibt, schafft es, die Betrachtenden in vielschichtige visuelle Räume eintauchen zu lassen, in denen sich Analoges und Digitales, Figuration und Abstraktion auf einzigartige Weise begegnen.

Falling 01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shahbazis künstlerische Herangehensweise ist geprägt von einem experimentellen Umgang mit dem fotografischen Medium. Oft beginnt die Entstehung eines Werkes mit einem einzigen Bild, das sie in einem aufwendigen Prozess weiterentwickelt. Durch den Einsatz verschiedener Drucktechniken wie Siebdruck oder Lithografie übersetzt sie ihre Aufnahmen von Landschaften, Gebäuden, Personen und Objekten in vielschichtige Darstellungen. Besonders charakteristisch ist ihre seit 2023 laufende Serie «Displacements». Hier fotografiert die Künstlerin Modelle architektonischer Fragmente, die sie im Studio bühnenhaft inszeniert. Das Ergebnis sind mehrschichtige Schwarz-Weiss-Abzüge, die durch handaufgetragene, lasierende Farbverläufe erweitert werden. In diesen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen oben und unten, innen und aussen – ein wiederkehrendes Motiv in Shahbazis Schaffen, mit dem sie das Verhältnis von Realität und Wirklichkeit auslotet. Diese Erkundung setzt sich auch in ihrer Videoarbeit «An Other Place» (2023) fort, für die sie erstmals mit 16mm-Film experimentierte und für die Luzerner Ausstellung eine neue Arbeit kreiert hat.

Teacher, 2019, vierfarbige Lithografie auf Baumwollpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Ausstellung selbst präsentiert ein dichtes Geflecht aus Oberflächen, Formaten, Farben und Licht, in dem Shahbazis Œuvre zwar losgelöst von Ort und Zeit wirkt, dennoch fest im Museumsraum verankert bleibt. Das Herzstück der Präsentation bildet ein dialogischer Ansatz: Neben Shahbazis Arbeiten sind auch Werke von Li Tavor und Monir Shahroudy Farmanfarmaian zu sehen. Li Tavor reagiert dabei direkt auf die Ausstellungsarchitektur mit von der Decke hängenden Latexbahnen, die sich je nach Blickwinkel mit Shahbazis Wandarbeiten überlagern. So entsteht ein dreidimensionaler Dialog, den das Publikum räumlich erfahren kann.

Baum, 2017, Lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shirana Shahbazi (*1974) ist eine in Zürich lebende Künstlerin, die ursprünglich aus der analogen Fotografie kommt. Ihre Arbeiten sind international bekannt und zeugen von einer konsequenten Weiterentwicklung des Mediums über drei Jahrzehnte hinweg. Aktuell zeigt sie ihre Präsenz im öffentlichen Raum auch durch eine temporäre Installation am Baugerüst des Zürcher Grossmünsters während dessen umfassender Sanierung.

Stilleben-33-2007, 2007, C-Print auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Li Tavor ist Architektin, Komponistin, Performerin sowie Ton- und Bildkünstlerin mit Wohnsitz in Zürich. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich häufig mit den vielfältigen Beziehungsmöglichkeiten innerhalb einer gebauten Umwelt. Darüber hinaus untersucht sie, wie die Verflechtung von Klang-, Raum- und Zeitwahrnehmung diese Subjektivitäten erschafft, widerspiegelt und prägt. Charakteristisch für ihre Praxis ist die Arbeit mit Latex, das sie zu grossflächigen, hängenden Installationen formt. Dabei untersucht sie intensiv das Wechselspiel zwischen Sichtbarkeit und Verhüllung.

Fahne, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Monir Shahroudy Farmanfarmaian (1922–2019) gilt als eine der bedeutendsten iranischen Künstlerinnen der Gegenwart. Als erste Künstlerin verband sie erfolgreich traditionelle persische Techniken wie Spiegelmosaik und Hinterglasmalerei mit den Prinzipien der islamischen Geometrie und der Rhythmik moderner westlicher Abstraktion. Ihre über sechs Jahrzehnte umfassende Karriere brachte Skulpturen und Installationen hervor, die durch das komplexe Zusammenspiel von Licht, Reflexion und Form bestechen und sich jeder einfachen Kategorisierung entziehen. Zu ihren Ehren wurde 2017 das Monir-Museum in Teheran eröffnet, wo die Künstlerin, die auch traditionelle Volkskunst sammelte, bis zu ihrem Tod lebte und wirkte.

Wolke, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Das Kunstmuseum Luzern gehört zu den bedeutendsten Schweizer Kunstmuseen. Interessiert an aktuellen gesellschaftlichen Themen, setzt sich das Haus für Öffentlichkeit, Barrierefreiheit und Inklusion ein und fördert aktiv Vielfalt und Austausch. Für seine rund zehn Ausstellungen pro Jahr pflegt das Kunstmuseum Luzern Partnerschaften in der Region wie auch in ganz Europa. Engagierte Wechselausstellungen von internationaler Reichweite, die jährlich neu konzipierte Sammlungspräsentation oder erste Einzelausstellungen aufstrebender Künstlerinnen und Künstler bieten ein abwechslungsreiches Programm, bei dem jeweils drei Ausstellungen parallel zu sehen sind. Dies ermöglicht Entdeckungen jenseits des bereits Bekannten. Die inhaltliche Fülle spiegelt sich im reichhaltigen, ebenso interessanten wie vergnüglichen Angebot des Vermittlungsteams wider.

Spiegel, 2014, zweifarbige Lithografie auf Zerkall Büttenpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die von Fanni Fetzer kuratierte Ausstellung «Shirana Shahbazi. All at Once. An Interplay with Li Tavor» wird am 3. Juli eröffnet und ist bis zum 18. Oktober 2026 zu besuchen. Für alle, die sich von Shahbazis Kunst inspirieren lassen möchten, wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Kurhaus Kleve und wird von verschiedenen Stiftungen und Partnern unterstützt.

Fotofestiwal Łódź: Der geteilte Blick: Wenn das Tier zum Gegenüber wird...

Neither the Shadow nor the Sun © Tanya Habjouqa

Ein Vierteljahrhundert Fotografiegeschichte wird in Łódź nicht mit blossen Rückblicken gefeiert, sondern mit einer Frage, die dringlicher kaum sein könnte: Was bleibt von unserer Menschlichkeit, wenn wir den Blick des Tieres nicht mehr erwidern? Das diesjährige Programm des Fotofestiwal schlägt eine bewusste Brücke zwischen historischen Perspektiven und den akuten Krisen der Gegenwart. Unter dem Titel «We, Animals» untersucht die Hauptausstellung, wie die Industrialisierung die Jahrtausende alte Verbindung zwischen Mensch und Tier gekappt und das Lebewesen vom Gegenüber zum Objekt degradiert hat. Es ist der Versuch, eine Beziehung neu zu denken, die lange von menschlicher Arroganz geprägt war. 

Die künstlerischen Positionen im Hauptprogramm gehen dabei über das blosse Abbilden hinaus. Nikita Teryoshin holt die Hauskatze aus der anonymen Masse der Internet-Memes zurück in den konkreten Raum des Hinterhofs. Feng Li dokumentiert ein Zusammenleben, in dem ein Schwein selbstverständlicher Teil der Familie ist, und Maija Tammi zieht eine erschütternde Parallele zwischen der selbstaufopfernden Liebe einer Krakenmutter und der menschlichen Mutterschaft. Diese Arbeiten wollen nicht rühren, sondern den gewohnten Blick durchbrechen. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Marta Bogdańska, die den Widerstand und die Handlungsmacht von Tieren erforscht, sowie durch Jaap Scheeren, der in intimen Narrativen die Rückverbindung zur Natur sucht. Carlos Alba nutzt die Londoner Stadtfüchse, um eine zeitgenössische Fabel über Macht und Ungleichheit zu erzählen, während Ang Siew Ching die verborgenen Kosten beleuchtet, die Tiere für den Erhalt moderner Gesellschaften zahlen. Richard Barnes lotet schliesslich die Spannung zwischen tiefer Naturbewunderung und dem menschlichen Drang zur Kontrolle aus. Der Kurator Alfio Tommasini fasst es zusammen: Es geht darum, das Tier wieder als unseren «ältesten Lehrer» zu begreifen. 

Dieser Perspektivwechsel weitet sich im Stadtprogramm auf die Bruchstellen der menschlichen Gesellschaft aus. Philip Montgomerys «American Cycles» fungiert als visuelles Archiv eines Jahrzehnts der US-Geschichte. Seine Schwarz-Weiss-Aufnahmen fassen politische Polarisierung, die Black-Lives-Matter-Proteste und die Folgen von Naturkatastrophen zusammen, blenden dabei aber die Momente der Solidarität nicht aus. Das «Open Program» ergänzt diese Perspektive mit globalen Stimmen und unterschiedlichsten methodischen Ansätzen – von der dokumentarischen Fotografie bis zur Archivforschung. Hier reicht die Spanne von der Umweltzerstörung im Amazonas über die Traumabewältigung in Nepal bis zur Dokumentation des palästinensischen Kampfes um Würde durch Tanya Habjouqa. Die Fotografie dient hier nicht der Ästhetisierung, sondern der Sichtbarmachung von Strukturen und Widerstand. 

Besonders nüchtern und damit umso eindringlicher fällt das europäische Projekt «Heritage Lens» unter dem Titel «Slow Fading» aus. Zwölf Künstler dokumentieren das schleichende Verschwinden des kulturellen Erbes durch den Klimawandel. Die Bilder zeigen keine futuristischen Szenarien, sondern reale, laufende Verluste: austrocknende Feuchtgebiete im Po-Delta, absterbende Wälder in der Slowakei, veränderte Küstenlinien in Spanien. Es ist eine Bestandsaufnahme, die die ökologische Krise untrennbar mit dem Verlust von Geschichte und Identität verbindet. 

Einen bewussten Kontrapunkt zu diesen schweren Themen setzt das Festival im neuen Zentrum, dem Biedermann-Palast. Der Schweizer Künstler Augustin Rebetez übernimmt den historischen Raum mit «VITAMIN». Sein vielschichtiges Projekt aus Fotografie, Skulptur, Video und Musik irritiert die sakrale Architektur mit groteskem Humor und chaotischer Energie. Es erinnert daran, dass Kunst auch Raum für das Absurde und Ungeordnete bieten muss. Im öffentlichen Raum setzt Luke Stephenson mit «An Incomplete Dictionary of Show Birds» weitere Akzente: Seine grossformatigen Porträts von Ziergeflügel verwandeln die Stadt in eine surreale Galerie und spiegeln die menschliche Obsession nach ästhetischer Perfektion. Ergänzt wird das Programm durch eine Photobook-Ausstellung, Musikveranstaltungen und diverse Interventionen, wobei weitere Künstlernamen noch im Laufe des Frühjahrs bekannt gegeben werden. 

Das 25. Fotofestiwal versteht sich damit als Plattform, um durch die Linse der Fotografie aktuelle gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen zu verhandeln. Es positioniert das Medium als unverzichtbares Instrument für den Dialog und den Aufbau von Gemeinschaft inmitten globaler Spannungen. 

Das Fotofestiwal Łódź – 25. Internationale Festival der Fotografie findet vom 18. bis 28. Juni 2026 (Eröffnungswochenende: 18.–21. Juni) in Łódź, Polen statt.

Zwischen Glanz und Elend: Eine anthropologische Topografie der Megacity…

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist. 

Cairo © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Sarasins Blick ist dabei weder anklagend noch romantisierend; er ist dokumentarisch und beobachtend. Seine 120 Aufnahmen, die Städte von Los Angeles über Nairobi bis Beijing umspannen, offenbaren eine paradoxe Realität: Obwohl jede Stadt ihre spezifischen kulturellen Marker durch Plakate, Vegetation oder Baumaterialien bewahrt, gleichen sie sich in ihrer anonymen Architektur und der globalisierten Konsumkultur immer mehr an. Die traditionellen Bauweisen weichen global verfügbaren Bauplänen, wodurch die Städte einander fremd und doch vertraut wirken. Im Zentrum von Sarasins Interesse stehen nicht die glänzenden Ikonen der Stararchitekten, die im Stadtmarketing als Wahrzeichen dienen, sondern die «Unterwelt» der Metropolen. Er fokussiert auf Hinterhöfe, verwitterte Brandmauern, informelle Behausungen und postindustrielle Brachen. Diese Bilder legen die tiefe Kluft zwischen der oft bodenlosen Armut der Vielen und den glitzernden Türmen der Mächtigen schonungslos offen. Die Hochhäuser, die im Verlauf des Buches immer dominanter werden, kontrastieren scharf mit den prekären Lebensrealitäten im Vordergrund und unterstreichen so die ökonomischen Ungleichgewichte des neoliberalen Zeitalters. 

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ordnet in seinem begleitenden Essay dieses visuelle Material in einen breiteren theoretischen und historischen Kontext ein. Er beschreibt Sarasins Methode als eine moderne «anthropologische Topografie», die in der Tradition Walter Benjamins steht: Während Benjamin das Paris des 19. Jahrhunderts als Ansammlung materieller Spuren las, hält Sarasin der sich rasend verändernden Gegenwart einen Spiegel vor. Stierli hebt hervor, dass Sarasins Ansatz dem «aufgeschobenen Werturteil» folgt – ähnlich wie bei den Architekten Venturi, Scott Brown und Izenour in ihrer Studie zu Las Vegas. Der Kurator analysiert die Bilder als Dokument einer «Krise der planetaren Urbanisierung», ein Begriff des Stadtgeografen David Harvey, der die aktuelle Entwicklung als Versuch deutet, überschüssiges Kapital zu absorbieren. Stierli betont zudem die geopolitische Verschiebung: War Paris die Hauptstadt des 19. und New York jene des 20. Jahrhunderts, so ist die Gegenwart von einem multipolaren Netz von Megacities im Globalen Süden geprägt. Er liest in Sarasins Fotos die Spannung zwischen spezifischem Ortsbezug und einer «generischen Urbanität», die durch die globale Dominanz des Neoliberalismus entsteht und Städte wie Kairo, Jakarta oder Panama City auf beunruhigende Weise austauschbar erscheinen lässt. Für Stierli sind diese Bilder kein exotisches Fremdeln für den mitteleuropäischen Betrachter, sondern der Beweis, dass diese urbanen Kolosse unsere gemeinsame, unausweichliche Realität geworden sind. 

Panama City © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin ist Historiker und Fotograf. Von 2000 bis 2022 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem «1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Suhrkamp, 2021). Die Idee zu diesem Fotobuch entstand 2009 während eines Aufenthalts in Kairo, wo ihn die Komplexität und Faszination der Megacity dazu bewegten, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren mehr als zwanzig Grossstädte rund um den Globus zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren. 

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ist Kunsthistoriker und amtiert als The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er hat sich intensiv mit der Darstellung von Stadt und Architektur in Theorie, Fotografie und Film auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Las Vegas in the Rearview Mirror: The City in Theory, Photography, and Film» (Getty Research Institute, 2013) sowie «Montage and the Metropolis: Architecture, Modernity, and the Representation of Space» (Yale University Press, 2018). In seinem Essay zur Anthologie analysiert er Sarasins Werk als dokumentarischen Versuch, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der globalen Verstädterung im 21. Jahrhundert sichtbar zu machen und theoretisch zu fundieren. 

New York © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Poetik des Vergehens…

We passed the setting sun, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Im Kabinett des Museum Franz Gertsch entfaltet sich bis Ende August 2026 eine Ausstellung, die das Wesen der Fotografie selbst befragt. Mit den Werkserien «A Gaze of One’s Own» und «An Apparition of Memory» stellt Brigitte Lustenberger zwei Positionen vor, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sich im Kern jedoch derselben grossen Frage widmen: Wie lässt sich das Flüchtige festhalten, ohne es seiner Würde zu berauben? Lustenberger widersetzt sich der Bilderflut und stellt das Handwerkliche, den Prozess und das Verborgene ins Zentrum. 

Edge of Tenderness – A Gaze of One‘s Own, 2026, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Herzstück der Ausstellung bildet der Dialog zwischen der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und der Poesie der Natur. In «A Gaze of One’s Own» wendet sich die Künstlerin nach innen. Inspiriert von Virginia Woolf richtet Lustenberger ihren Blick auf den eigenen, alternden Körper. Sie löst sich damit von der traditionellen, männlich geprägten Sichtweise der Kunstgeschichte. Als Fotografin und Modell in einer Person hebt sie das Machtgefälle zwischen Betrachter und Betrachteter auf. Sie verweigert die Objektivierung; ihr Körper bleibt Subjekt. Die daraus entstehenden Bilder sind keine Akte im konventionellen Sinne, sondern performative Gesten des Selbst-Sehens. Sie fragen unmissverständlich: Was sehen wir eigentlich, wenn wir hinschauen? Und wie können wir Sehmuster aufbrechen? Die Nacktheit, die gezeigt wird, ist keine zur Schau gestellte, sondern eine ehrliche Konfrontation mit Vergänglichkeit und Zeit. 

I was lost in the wildernesss of my mind, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Dieser forschende Blick findet eine überraschende Ergänzung in der Werkgruppe «An Apparition of Memory». Hier entwickelt Lustenberger eine einzigartige Sprache der Blumenfotografie, die beinahe magisch anmutet. Anstatt verwelkte Blüten als Abfall zu betrachten, macht sie sie zum Träger des Bildes selbst. In einem einzigartigen Prozess ersetzt das Pflanzenmaterial die lichtempfindliche Emulsion auf alten Diapositivgläsern. Die Farbpigmente der Blumen werden durch das Licht aktiviert und verwandeln sich in fragile Photogramme. Die filigranen Strukturen, die das blosse Auge im Welken oft übersieht, treten hervor und offenbaren die raffinierte Architektur der Natur. Die Blumen scheinen die Enge des Glases zu sprengen, lösen sich in eine zeitlose Schwerelosigkeit auf. Jeder Titel, entlehnt aus Liedern, Filmen oder Gedichten, webt eine weitere Bedeutungsebene in das Werk ein. Wie der Kritiker Yuri Mitsuda bemerkt, wirken diese Bilder fast wie kunstvolle Gebilde aus schwerelosem Licht. 

Fold – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier, © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Beide Serien eint die Faszination für das Paradoxon der Fotografie: Ein Medium, das erfunden wurde, um das Leben zu bewahren, macht bei Lustenberger unweigerlich den Lauf der Zeit und das Sterben bewusst. Sie verbindet analoge und digitale Verfahren, lässt alte Techniken auf neue treffen und schafft so eine Spannung, die ihre Arbeit im Innersten prägt. Es ist der suchende, fragende Blick, der Besuchende im Museum Franz Gertsch erwartet – ein Blick, der nicht nach schnellen Antworten sucht, sondern zum Innehalten einlädt. 

I can hear the deep rasp of your laughter, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Brigitte Lustenberger, geboren 1969 in Zürich, lebt und arbeitet heute in Bern. Ihr Weg zur Kunst war geprägt von einer fundierten theoretischen Auseinandersetzung; zunächst studierte sie Kunstgeschichte und verfasste ihre Lizentiatsarbeit über Robert Capa und Gerda Taro, bevor sie ihre fotografische Praxis autodidaktisch und später im MFA-Studium an der Parsons School of Design in New York (2007) vertiefte. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Fotopreis des Kantons Bern (2002, 2013) und dem Jungck Künstlerinnenpreis (2025). Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit engagiert sie sich institutionell, so war sie lange im Vorstand der Kunsthalle Bern und ist im Photoforum Pasquart Biel sowie im Stiftungsrat des Unterstützungsfonds für schweizerische bildende KünstlerInnen tätig. 

Pull – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf ist ein Ort der Begegnung mit grosser Kunst und regionaler Verankerung. Bekannt für seine Sammlung und Ausstellungen, bietet das Museum mit seinem Kabinett einen intimen Raum für präsente Positionen der zeitgenössischen Kunst. Die Ausstellung von Brigitte Lustenberger fügt sich hier nahtlos in das Programm ein, das oft Werke zeigt, die handwerkliche Meisterschaft mit konzeptueller Tiefe verbinden. 

An apparition of memory, 2023 Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Die Ausstellung «A Gaze of One’s Own» von Brigitte Lustenberger wird am 12. Juni eröffnet und kann bis zum 30. August 2026 im Museum Franz Gertsch besucht werden.

Robert Lebeck und die Poesie des Augenblicks...

Romy Schneider in einer Drehpause, Berlin 1976 © Archiv Robert Lebeck

Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte.

Karl-Marx-Strasse, Berlin-Neukölln 1960 © Archiv Robert Lebeck

Den Unterschied machte seine Haltung. Der Autodidakt mit dem Hintergrund in Völkerkunde brachte eine anthropologische Neugier mit, die ihn ebenso zu den leisen Momenten hinter den grossen Ereignissen führte wie auf die politischen Bühnen selbst. Ob für Revue, Kristall oder während über dreissig Jahren für den Stern: Lebeck suchte die Nähe. Seine Bilder atmen eine Intimität, die selbst bei weltberühmten Motiven nicht verkünstelt wirkt. Romy Schneider zeigt sich in einer Aufnahme von erschütternder Offenheit, Jacqueline Kennedy am Sarg ihres Mannes ist nicht die First Lady, sondern eine trauernde Frau.

Wäscherinnen in Cullera, Spanien 1964 © Archiv Robert Lebeck

Gleichzeitig war Lebeck ein Chronist historischer Zäsuren. Legendär ist seine Aufnahme aus dem Kongo von 1960, die zeigt, wie ein junger Mann dem belgischen König während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten den Degen entreisst. In diesem Sekundenbruchteil wird das Ende kolonialer Herrschaft sichtbar – erfasst durch einen wachen Blick, nicht durch Inszenierung. Ob heimkehrende Kriegsgefangene in Friedland oder Elvis-Presley-Fans in Ost-Berlin: Lebeck machte den Wandel der Welt durch die Augen der Menschen darin sichtbar.

Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968 © Archiv Robert Lebeck

Neben dem Schaffen war ihm das Bewahren ein Anliegen. Seine private Sammlung zur Geschichte der Fotoreportage umfasst mehr als 30’000 Exponate und deckt die Entwicklung des Mediums von 1839 bis 1973 ab. Diese Arbeit unterstreicht sein Verständnis für das fotografische Erbe, das ihm zu Recht Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis und den Henri-Nannen-Preis einbrachte.

Elvis Presley in Friedberg, Hessen 1958 © Archiv Robert Lebeck

In der heutigen digitalen Bilderflut wirkt Lebecks Ansatz zeitlos. Er erinnert daran, dass Wirkung nicht von Lautstärke abhängt. Empathie, Geduld und poetische Dichte reichen aus. Lebeck hat gezeigt, dass Fotoreportage eine Form des menschlichen Verstehens ist – ein Blick, der auch heute noch berührt.

Golda Meir, Jerusalem 1969 © Archiv Robert Lebeck

Genau hier knüpft der f³ – freiraum für fotografie an. Als Bühne für internationale Fotografie setzen seine Ausstellungen visuelle Akzente und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Alfred Hitchcock in alten Elbtunnel, Hamburg 1960 © Archiv Robert Lebeck

Die Ausstellung Berliner Originale VOL. I: Robert Lebeck ist vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin zu sehen.

photo basel 2026: Elfte Ausgabe feiert experimentelle Fotokunst

Galerie Glaab, Imogen Cunningham, Leaves, 1948

Die photo basel kehrt vom 16. bis 21. Juni 2026 zum elften Mal ins Volkshaus Basel zurück und festigt ihre Position als einzige Fotokunstmesse der Schweiz. In einem authentischen Rahmen präsentiert die Messe über 40 internationale Galerien und mehr als 450 Werke von rund 170 Künstlerinnen und Künstlern. Das Programm spannt einen Bogen von klassischen Positionen wie Vivian Maier und Man Ray bis hin zu zeitgenössischen Namen wie Marina Abramović und Roger Ballen. 

Galerie 94, Zak van Biljon, Türlersee, Zurich 2024

Ein besonderer Fokus liegt dieses Jahr auf der Sektion «beyond photography», die das Medium über seine traditionellen Grenzen hinaus erweitert. Hier zeigen Künstler wie Susa Templin, Ayo Banton und das Duo Inka und Niclas, wie Fotografie durch Skulptur, Installation und experimentelle Drucktechniken in den dreidimensionalen Raum übersetzt wird. Templin untersucht dabei das Zusammenspiel von Raum und Wahrnehmung, während Banton florale Arrangements mit wissenschaftlichen Spektrogrammen kombiniert. 

Galerie Catherine et André Hug, Susan Bernstein

Mit der Sektion «novum» werden ausschliesslich Premieren gezeigt – Werke, die entweder eigens für die Messe produziert wurden oder erstmals öffentlich zu sehen sind. Ergänzt wird das Angebot durch «annabelle’s choice», eine kuratierte Auswahl des Magazins annabelle, die Fotografinnen aufgrund spezifischer Themen oder Techniken hervorhebt. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Parcours und Panel Talks unter dem Titel «photo basel in conversation» fördert den Dialog innerhalb der Kunstwelt. 

Die internationale Ausrichtung der Messe spiegelt sich in der vielfältigen Liste der teilnehmenden Galerien wider:

  • AC Latin Art, Buenos Aires

  • a I e Galerie, Potsdam

  • Ambidexter, Istanbul

  • AN INC., Seoul

  • Atlas Gallery, London

  • Bildhalle, Zürich & Amsterdam

  • Buchkunst Berlin

  • Camera Osbura, Madrid

  • DAVIDE DI MAGGIO, Milano

  • Dorothée Nilsson Gallery, Berlin

  • Doyle Wham, London

  • espace, cyril kobler, Genève

  • Espace_L, Genève

  • Febe e Dafne, Turin

  • Galerie 94, Baden

  • Galerie Analix Forever, Genève

  • Galerie Alex Schlesinger, Zürich

  • Galerie Bessières, Paris

  • Galerie Catherine et André Hug, Paris

  • Galerie Electron Libre, Paris

  • Galerija Fotografija, Ljubljana

  • Gallery Esther Woerdehoff, Paris

  • Galerie Glaab, Bern

  • Galeria Imaginario, Buenos Aires

  • Galerie Monika Wertheimer, Basel

  • GALLERY SCENA. by SHUKADO, Tokyo

  • Galerie Springer Berlin

  • galerie team K., Lübeck

  • Gutknecht Gallery, Genève

  • IBASHO, Antwerpen

  • ICONICO, Monte-Carlo

  • Ira Stehmann Fine Art, München

  • Lise Braun Galerie, Saint-Tropez & Paris

  • M Art Gallery, Lublin & Kyiv

  • Newhouse Gallery, Amsterdam

  • O Art Project, Lima

  • Perve Galeria, Lissabon

  • Python Gallery, Zürich

  • Rademakers Gallery, Amsterdam

  • SMUDAJESCHECK, München

  • Suite 59 Gallery, Amsterdam