Robert Lebeck und die Poesie des Augenblicks...

Romy Schneider in einer Drehpause, Berlin 1976 © Archiv Robert Lebeck

Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte.

Karl-Marx-Strasse, Berlin-Neukölln 1960 © Archiv Robert Lebeck

Den Unterschied machte seine Haltung. Der Autodidakt mit dem Hintergrund in Völkerkunde brachte eine anthropologische Neugier mit, die ihn ebenso zu den leisen Momenten hinter den grossen Ereignissen führte wie auf die politischen Bühnen selbst. Ob für Revue, Kristall oder während über dreissig Jahren für den Stern: Lebeck suchte die Nähe. Seine Bilder atmen eine Intimität, die selbst bei weltberühmten Motiven nicht verkünstelt wirkt. Romy Schneider zeigt sich in einer Aufnahme von erschütternder Offenheit, Jacqueline Kennedy am Sarg ihres Mannes ist nicht die First Lady, sondern eine trauernde Frau.

Wäscherinnen in Cullera, Spanien 1964 © Archiv Robert Lebeck

Gleichzeitig war Lebeck ein Chronist historischer Zäsuren. Legendär ist seine Aufnahme aus dem Kongo von 1960, die zeigt, wie ein junger Mann dem belgischen König während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten den Degen entreisst. In diesem Sekundenbruchteil wird das Ende kolonialer Herrschaft sichtbar – erfasst durch einen wachen Blick, nicht durch Inszenierung. Ob heimkehrende Kriegsgefangene in Friedland oder Elvis-Presley-Fans in Ost-Berlin: Lebeck machte den Wandel der Welt durch die Augen der Menschen darin sichtbar.

Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968 © Archiv Robert Lebeck

Neben dem Schaffen war ihm das Bewahren ein Anliegen. Seine private Sammlung zur Geschichte der Fotoreportage umfasst mehr als 30’000 Exponate und deckt die Entwicklung des Mediums von 1839 bis 1973 ab. Diese Arbeit unterstreicht sein Verständnis für das fotografische Erbe, das ihm zu Recht Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis und den Henri-Nannen-Preis einbrachte.

Elvis Presley in Friedberg, Hessen 1958 © Archiv Robert Lebeck

In der heutigen digitalen Bilderflut wirkt Lebecks Ansatz zeitlos. Er erinnert daran, dass Wirkung nicht von Lautstärke abhängt. Empathie, Geduld und poetische Dichte reichen aus. Lebeck hat gezeigt, dass Fotoreportage eine Form des menschlichen Verstehens ist – ein Blick, der auch heute noch berührt.

Golda Meir, Jerusalem 1969 © Archiv Robert Lebeck

Genau hier knüpft der f³ – freiraum für fotografie an. Als Bühne für internationale Fotografie setzen seine Ausstellungen visuelle Akzente und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Alfred Hitchcock in alten Elbtunnel, Hamburg 1960 © Archiv Robert Lebeck

Die Ausstellung Berliner Originale VOL. I: Robert Lebeck ist vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin zu sehen.

photo basel 2026: Elfte Ausgabe feiert experimentelle Fotokunst

Galerie Glaab, Imogen Cunningham, Leaves, 1948

Die photo basel kehrt vom 16. bis 21. Juni 2026 zum elften Mal ins Volkshaus Basel zurück und festigt ihre Position als einzige Fotokunstmesse der Schweiz. In einem authentischen Rahmen präsentiert die Messe über 40 internationale Galerien und mehr als 450 Werke von rund 170 Künstlerinnen und Künstlern. Das Programm spannt einen Bogen von klassischen Positionen wie Vivian Maier und Man Ray bis hin zu zeitgenössischen Namen wie Marina Abramović und Roger Ballen. 

Galerie 94, Zak van Biljon, Türlersee, Zurich 2024

Ein besonderer Fokus liegt dieses Jahr auf der Sektion «beyond photography», die das Medium über seine traditionellen Grenzen hinaus erweitert. Hier zeigen Künstler wie Susa Templin, Ayo Banton und das Duo Inka und Niclas, wie Fotografie durch Skulptur, Installation und experimentelle Drucktechniken in den dreidimensionalen Raum übersetzt wird. Templin untersucht dabei das Zusammenspiel von Raum und Wahrnehmung, während Banton florale Arrangements mit wissenschaftlichen Spektrogrammen kombiniert. 

Galerie Catherine et André Hug, Susan Bernstein

Mit der Sektion «novum» werden ausschliesslich Premieren gezeigt – Werke, die entweder eigens für die Messe produziert wurden oder erstmals öffentlich zu sehen sind. Ergänzt wird das Angebot durch «annabelle’s choice», eine kuratierte Auswahl des Magazins annabelle, die Fotografinnen aufgrund spezifischer Themen oder Techniken hervorhebt. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Parcours und Panel Talks unter dem Titel «photo basel in conversation» fördert den Dialog innerhalb der Kunstwelt. 

Die internationale Ausrichtung der Messe spiegelt sich in der vielfältigen Liste der teilnehmenden Galerien wider:

  • AC Latin Art, Buenos Aires

  • a I e Galerie, Potsdam

  • Ambidexter, Istanbul

  • AN INC., Seoul

  • Atlas Gallery, London

  • Bildhalle, Zürich & Amsterdam

  • Buchkunst Berlin

  • Camera Osbura, Madrid

  • DAVIDE DI MAGGIO, Milano

  • Dorothée Nilsson Gallery, Berlin

  • Doyle Wham, London

  • espace, cyril kobler, Genève

  • Espace_L, Genève

  • Febe e Dafne, Turin

  • Galerie 94, Baden

  • Galerie Analix Forever, Genève

  • Galerie Alex Schlesinger, Zürich

  • Galerie Bessières, Paris

  • Galerie Catherine et André Hug, Paris

  • Galerie Electron Libre, Paris

  • Galerija Fotografija, Ljubljana

  • Gallery Esther Woerdehoff, Paris

  • Galerie Glaab, Bern

  • Galeria Imaginario, Buenos Aires

  • Galerie Monika Wertheimer, Basel

  • GALLERY SCENA. by SHUKADO, Tokyo

  • Galerie Springer Berlin

  • galerie team K., Lübeck

  • Gutknecht Gallery, Genève

  • IBASHO, Antwerpen

  • ICONICO, Monte-Carlo

  • Ira Stehmann Fine Art, München

  • Lise Braun Galerie, Saint-Tropez & Paris

  • M Art Gallery, Lublin & Kyiv

  • Newhouse Gallery, Amsterdam

  • O Art Project, Lima

  • Perve Galeria, Lissabon

  • Python Gallery, Zürich

  • Rademakers Gallery, Amsterdam

  • SMUDAJESCHECK, München

  • Suite 59 Gallery, Amsterdam

Der eigenwillige Blick – Isa Hesse-Rabinovitch zwischen Linie und Licht

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) war eine Künstlerin, die sich nie damit begnügte, den vorgezeichneten Pfaden zu folgen. Als Illustratorin, Fotografin und Filmemacherin hinterliess sie ein Werk, das von Überraschungen geprägt ist und bis heute durch seinen poetisch forschenden Charakter besticht. Ihre Bildwelten sind fesselnd und verspielt, doch sie sind das Resultat eines lebenslangen Suchprozesses, der sich keiner einzigen Disziplin unterordnen liess. 

Geboren 1917 in Zürich als Tochter zweier Kunstschaffender – des russischstämmigen Grafikers Gregor Rabinovitch [1]und der österreichischen Künstlerin Stefanie von Bach –, wuchs Isa Rabinovitch in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihre Ausbildung an den Kunstgewerbeschulen von Zürich und Wien legte das Fundament, doch erst nach ihrer Rückkehr in die Schweiz fand sie ihren eigenen Weg als Grafikerin und Illustratorin. Es war der Beginn einer Reise, die sie parallel zur Zeichnung ab den 1950er-Jahren auch zur Fotografie führen sollte. Anfangs noch als Reisefotografin für den Tages-Anzeiger und die Swissair-Gazette tätig, zog es sie mit ihrer Rolleiflex nach Indien, Südamerika und ans Mittelmeer. Doch mit der Zeit vollzog sich in ihrer Arbeit ein subtiler, aber entscheidender Wandel: Das Dokumentarische trat in den Hintergrund, während das Verdichten von Stimmungen, Gesten und flüchtigen Momenten in den Vordergrund rückte. Wo immer sie ihre Kamera ansetzte, verschmolzen die Zeichnerin und die Fotografin zu einem einzigen, untrennbaren Blick.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Ihr Leben war eng verwoben mit der Familie Hesse. Durch die Heirat mit Heiner Hesse [2]im Jahr 1941 trat sie in den engsten Kreis des Dichters Hermann Hesse ein. Er erkannte früh ihr zeichnerisches Talent und vertraute ihr die Illustration mehrerer seiner Schriften an, darunter «Kleine Betrachtungen» (1942), «Berg und See» (1943), «Der Pfirsichbaum» (1945) und später «Der Wolf» (1955). Ihre Beziehung basierte auf gegenseitiger Sympathie und Gesprächen auf Augenhöhe, die bis zu Hermann Hesses Tod im Jahr 1962 andauerten. Erst nach diesem Einschnitt griff Isa Hesse-Rabinovitch zur Filmkamera – und sollte ihr fortan treu bleiben. Was folgte, war ein kompromissloses, verspieltes Schaffen, das allein ihrer eigenen Neugier und Fantasie verpflichtet war. 

In den späten 1960er-Jahren avancierte sie zur Pionierin des Schweizer Autorinnenfilms. Mit «Spiegelei» und «Monumento Moritat» (1969) entstanden ihre ersten filmischen Arbeiten, wobei letzterer mit dem Studienpreis des EDI ausgezeichnet wurde. Ihr medienübergreifendes Denken zeigte sich exemplarisch im Film «Über einen Teppich» (1972). Darin übersetzte sie einen von Maria Geroe-Tobler gewebten Wandteppich, dem Hermann Hesse 1945 einen Text gewidmet hatte, in bewegte Bilder – ein Dialog zwischen Faden und Film, Wort und Bild. Dieser Film wurde noch im selben Jahr am 1. Internationalen Frauenfilmfestival in New York gezeigt. Inspiriert durch diese Erfahrung initiierte Isa Hesse-Rabinovitch 1975 das erste Frauenfilmfestival der Schweiz. Es entstand ein Werk von rund zwanzig Produktionen in 16 mm und Video. Ein Höhepunkt war der Film «Sirenen-Eiland» (1981), der fast ausschliesslich von Frauen gestaltet und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde; 1982 lief er im Museum of Modern Art in New York in der renommierten Reihe «Cineprobe» – ein entscheidender Meilenstein ihrer internationalen Karriere. Ihre Filme waren zudem an den Solothurner Filmtagen sowie in Venedig, Paris, Mannheim und Montréal zu sehen. 

Neben ihrem Wohnsitz in Küsnacht (ZH) blieb das Tessin zeitlebens ihr bevorzugter Arbeits- und Rückzugsort, ein kreatives Laboratorium. Bereits 1939/40 hatte die damals noch ledige Isa Rabinovitch ein Rustico in Saleggio im Maggiatal gemietet; 1959 kaufte sie gemeinsam mit Heiner Hesse die Casa Roc in Cugnasco als Zweitwohnsitz. Landschaft, Licht und die kulturelle Offenheit der Region nährten ihr experimentelles Schaffen. Ihr letztes grosses Werk, «Geister & Gäste – In memoriam Grand Hotel Brissago» (1989), entstand in der Ruine des einstigen Nobelhotels am Lago Maggiore, das seit einem Brand im Jahr 1983 seine ehemalige Pracht verloren hatte. Mit Zitaten von Leoncavallo[3], Tucholsky[4], Emmy Ball-Hennings[5] und Kästner [6]liess sie vergangene Epochen wieder aufscheinen; die Sängerin La Lupa[7], der Koch Angelo Conti Rossini [8]und ein Kinderchor verwandelten den Zerfall in eine traumhafte Lebendigkeit. Der Film wurde mit dem INTERFILM-Preis in Saarbrücken ausgezeichnet. 

Die Ausstellung «Isa Hesse-Rabinovitch!» versteht sich bewusst nicht als klassische Retrospektive, sondern als eine Annäherung an ein Werk, das sich eindeutigen Lesarten entzieht und dazu einlädt, immer wieder neu entdeckt zu werden. Zwischen den Briefen, die sie mit Hermann Hesse wechselte, den Fotografien und den Filmen, die sie nach seinem Tod realisierte, spannt sich ein feines Geflecht aus Nähe und Distanz, aus Erinnerung und Gegenwart. Ihre Arbeiten erzählen von einer Frau, die mit Neugier und Mut neue Wege suchte – und sie auch ging. In einer Zeit, in der künstlerische Grenzen zunehmend durchlässig geworden sind, wirkt ihr Werk überraschend gegenwärtig: nicht als Echo der Vergangenheit, sondern als eine Stimme, die uns heute mit besonderer Klarheit erreicht.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Das Museo Hermann Hesse Montagnola befindet sich in den Räumen der Torre Camuzzi, die an das malerische Camuzzi-Haus angrenzen, in dem Hermann Hesse von 1919 bis 1931 lebte. Hier fand der Dichter Ruhe, ein mildes Klima und eine üppige Natur, die er für seine Tätigkeit nutzte. In Montagnola entstanden seine bekanntesten Werke wie «Siddhartha», «Narziss und Goldmund» oder «Das Glasperlenspiel». Inspiriert von den wunderbaren Farben der Landschaften und dem mediterranen Flair des Tessins, begann er hier auch intensiv zu malen. Das Museum beherbergt eine Dauerausstellung zu Hesses Leben und Werk sowie jährlich wechselnde Sonder- und Pop-up-Ausstellungen, ergänzt durch Vorträge, Konzerte und Lesungen. 

Die Ausstellung Isa Hesse-Rabinovitch! ist vom 28. März bis 1. November 2026 im Museo Hermann Hesse in Montagnola zu sehen.

 

[1] Gregor Rabinovitch (1884–1958), geboren als Grigori Idelewitsch Rabinowitsch in Oranienbaum bei Sankt Petersburg, war ein russisch-schweizerischer Grafiker und Karikaturist. Der Vater von Isa Hesse-Rabinovitch lebte ab 1914 in der Schweiz und war Teil des künstlerischen Umfelds, in dem seine Tochter aufwuchs. Seine berufliche Laufbahn prägte die frühe künstlerische Sozialisation seiner Tochter, die später selbst als Illustratorin und Filmemacherin Bekanntheit erlangte. 

[2] Heiner Hesse (1909–2003), bürgerlich Hans Heinrich Hesse, war der älteste Sohn des Nobelpreisträgers Hermann Hesse und dessen erster Frau Mia Bernoulli. Er arbeitete als Dekorateur und Illustrator und war seit 1941 mit der Künstlerin Isa Hesse-Rabinovitch verheiratet. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1962 übernahm er die Rolle des Nachlassverwalters und kümmerte sich um das literarische Erbe von Hermann Hesse. 

[3] Ruggero Leoncavallo (1857–1919) war ein bedeutender italienischer Opernkomponist des Verismo, der vor allem durch sein Werk «Pagliacci» (Der Bajazzo) weltberühmt wurde. In Isa Hesse-Rabinovitchs Film dient er als klangliche Stimme einer vergangenen kulturellen Epoche, die in der Hotelruine wieder aufgerufen wird.

[4] Kurt Tucholsky (1890–1935) war einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller und Journalisten der Weimarer Republik, bekannt für seine scharfzüngigen Satiren und gesellschaftskritischen Texte. Seine Worte im Film evozieren die intellektuelle und politische Atmosphäre der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die einst im Grand Hotel Brissago verkehrte.

[5] Emmy Ball-Hennings (1885–1948) war eine deutsche Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin sowie eine zentrale Figur der Dada-Bewegung in Zürich, wo sie eng mit Hugo Ball zusammenarbeitete. Als Zeitgenossin von Hermann Hesse und Künstlerin im Tessin verkörpert sie den Geist des künstlerischen Aufbruchs und der Avantgarde, den der Film wiederaufleben lässt.

[6] Erich Kästner (1899–1974) war ein renommierter deutscher Schriftsteller, der durch seine Kinderbücher, Lyrik und zeitkritischen Romane wie «Fabian» bekannt wurde. Seine Texte im Film stehen repräsentativ für die humanistische und oft melancholische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in der Ruine des Hotels ihre Resonanz findet.

[7] La Lupa (geb. 1947 als Maryli Maura Marconi) ist eine Schweizer Sängerin und darstellende Künstlerin, die im Alpenraum für ihre lebhaften Auftritte bekannt ist, in denen sie italienische Volkslieder, Klassik und Poesie verbindet. Im Film verwandelt sie als singende Stimme den sterilen Zerfall der Hotelruine durch ihre Präsenz in eine traumhafte, lebendige Szene.

[8] Angelo Conti Rossini war der Koch des Grand Hotel Brissago und ist im Film als reale Person der vergangenen Hotelära präsent, die durch die Inszenierung wieder zum Leben erweckt wird. Seine Rolle symbolisiert die sinnliche und gastliche Vergangenheit des Hauses, die im Kontrast zur heutigen Verlassenheit der Ruine steht.

Was America: Ein atmosphärisches Portrait der verlorenen Mitte...

Untitled, 1950s, New York, 1919–2004, gelatin silver print © Anthony Linck

Der Titel der aktuellen Ausstellung der Fondazione Rolla in Bruzella klingt wie eine wehmütige Feststellung: «Was America». Die von Francesco Zanot kuratierte Ausstellung ist kein dokumentarischer Abriss der US-Geschichte, sondern ein atmosphärisches Portrait der amerikanischen Mittelklasse. Sie entstand aus einem intensiven Dialog zwischen dem Kurator und den Sammlern Philip und Rosella Rolla. Gemeinsam wurden aus ihrer privaten Sammlung 42 Werke ausgewählt, die den Zeitraum von den 1930er-Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts umspannen. Im Vordergrund steht nicht die politische Analyse, sondern das Evozieren einer vergangenen Lebenswelt – geprägt von Haus, Familie und einer noch intakten Gemeinschaft. 

The Dexter Portfolio, 1972, Spokane, WA, 1921–Webster Township, MI, 2007, gelatin silver print © Phil Davis

Die gezeigten Fotografien, darunter Werke von Grössen wie Richard Avedon, Edward Weston und Bernd und Hilla Becher sowie Bilder anonymer Urheber, fungieren als «Zertifikate der Anwesenheit» einer sozialen Schicht, die heute zunehmend erodiert. Francesco Zanot beschreibt die Fotografie als ein zutiefst bürgerliches Medium, das einst der Selbstrepräsentation und dem Zusammenhalt diente. Die Ausstellung zeigt eine Ära, in der Architektur noch Nähe suchte und lokale Geschäfte soziale Treffpunkte waren, bevor Digitalisierung und wirtschaftliche Krisen das soziale Gefüge aufbrachen. Es ist eine visuelle Arche für eine «Normalität», die im heutigen Streben nach dem Aussergewöhnlichen oft verloren geht. 

Levittown, NY, 1951/1961, New York, 1904–Stamford, CT, 1971, gelatin silver print © Margaret Bourke-White

Die Fondazione Rolla hat sich im Tessin als wichtiger Akteur für Fotografie und zeitgenössische Kunst etabliert. Ihr Ausstellungsraum «Kindergarten» in Bruzella dient als Plattform für Projekte, die private Sammelleidenschaft mit öffentlichem Diskurs verbinden. Die Stiftung wird von Philip und Rosella Rolla getragen; insbesondere Philip Rollas kalifornische Wurzeln unterstreichen die persönliche Verbindung zum aktuellen Ausstellungsthema. 

Harold Brodkey, 1975, New York, NY, 1923–Sant’Antonio TX, 2004, gelatin silver print © Richard Avedon

Die Ausstellung «Was America» wird am 30. Mai 2026 eröffnet und ist bis Ende Oktober 2026 im Kindergarten an der Stráda Végia in Bruzella zu sehen.

Key West, 1987/2026, fine art inkjet print © Philip Rolla

Miryam Abebe
Zwischen Funktionalität und Metaphysik: Giovanni Ghirardis Suche nach der verlorenen Ordnung...

Peloponneso, Grecia, 2021 © Giovanni Ghirardi

In einer visuellen Landschaft, die von der ständigen Flucht flüchtiger Bilder geprägt ist, wählt Giovanni Ghirardi den Weg der gedehnten, strengen Zeit. Seine aktuelle Ausstellung in der Mailänder Galerie Still Fotografia versammelt vierzig Arbeiten, die weit mehr dokumentieren als nur Gebäude. Ghirardi, der 1969 in Mailand geboren wurde, richtet seinen analytischen und zugleich poetischen Blick auf jene architektonischen Räume, die im allgemeinen Bewusstsein oft als nebensächlich oder rein funktional abgetan werden. Industriezonen, verlassene Orte und stille Vororte transformieren sich unter seiner Kamera zu "Kathedralen der Moderne", in denen das Alltägliche eine unerwartete Heiligkeit erfährt. 

Teatro Carcano, Milano, 2022 © Giovanni Ghirardi

Was Ghirardis Werk von der traditionellen Architekturfotografie unterscheidet, ist sein konsequenter Verzicht auf das Spektakuläre. Er folgt nicht dem Glanz der Stararchitekten, sondern sucht nach formaler Reinheit im Unscheinbaren. Wie der Kurator Alessandro Curti treffend bemerkt, konstruiert Ghirardi eine "Architektur des Blicks" durch Subtraktion. Er isoliert Volumen, misst Proportionen mit millimetergenauer Präzision und löst das architektonische Element aus seinem Kontext, um es zu einem Symbol einer möglichen Ordnung zu erheben. Durch den gekonnten Einsatz von Kraftlinien verwandelt der Künstler Beton, Glas und Stahl in abstrakte Flächen – visuelle Partituren, in denen die Stille zur dominierenden Note wird. Das Licht modelliert hierbei die Volumen und höhlt Schatten aus, ohne den Betrachter abzulenken; der menschliche Körper sucht man vergebens, einzig seine Spur bleibt als Ergebnis der Bearbeitung der Landschaft sichtbar. 

Corridoio 2, Namibia, 2024 © Giovanni Ghirardi

Diese Ästhetik der Ruhe ist untrennbar mit Ghirardis handwerklicher Methode verbunden. Werte wie Langsamkeit und Handarbeit durchdringen seinen gesamten kreativen Prozess. Der Künstler steuert nicht nur die Aufnahme, sondern kümmert sich persönlich um den Druck der Werke – ein Vorgehen, das er seit 2024 auch auf die Herstellung der Rahmen ausdehnt. Ausgehend von rohem Holz wählt er das Material spezifisch für jedes Bild aus, sodass der Rahmen nicht nur als ästhetische Vervollständigung dient, sondern integraler Bestandteil der Fotografie wird. Das Ergebnis ist eine geordnete Welt, befreit von den Ablagerungen des Alltags, die die Betrachtenden zu einer kontemplativen Haltung einlädt. 

Palermo, 2025 © Giovanni Ghirardi

Diese präzise Handschrift spiegelt auch Giovanni Ghirardis beruflichen Werdegang wider. Der 1969 in Mailand geborene Autodidakt verfolgt seine Leidenschaft für Fotografie und Architektur parallel zu seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt in einer internationalen Kanzlei. Spezialisiert auf Rechtsstreitigkeiten im Bereich des gewerblichen und geistigen Eigentums, nutzt er seine juristische Präzision auch in seiner künstlerischen Arbeit. Seine Bilder zeugen von einer tiefen Faszination für urbane Geometrien und industrielle Details, die er versucht, aus einer objektiven Perspektive in ihrer abstrakten Essenz einzufangen. Ghirardi lebt und arbeitet in Mailand. 

Stanza verde, Kolmanskop, 2024 © Giovanni Ghirardi

Die 1987 gegründete Galerie Still Fotografia gilt als eine der führenden Institutionen in Italien, die sich ausschliesslich der Fotografie als künstlerischem Medium widmet. Die Galerie befindet sich im lebhaften Isola-Viertel von Mailand, versteht sich der Raum nicht nur als Ausstellungsort, sondern als kulturelles Labor, das die Grenzen des Genres durch monografische Schauen internationaler Künstler und thematische Gruppenausstellungen ständig neu definiert. Mit einem Programm, das historische Positionen mit zeitgenössischer Forschung verknüpft, fördert die Galerie den kritischen Diskurs über das Bild in unserer Gesellschaft und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit Fotografen, Kuratoren und Verlagen. 

Interno con vasca, Kolmanskop, 2024 © Giovanni Ghirardi

Die Ausstellung Altre architetture von Giovanni Ghirardi ist vom 15. Mai bis 4. Juli 2026 in den Räumen der Galerie zu sehen. Die Vernissage findet am 14. Mai 2026

Das Licht, das zurückbleibt...

Aus derSerie Residual Sky, under contamination © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Akosua Viktoria Adu-Sanyah schneidet die Menschen weg. Wo das koloniale Archiv Gesichter zur Schau stellte, um Machtverhältnisse zu zementieren, setzt sie die Schere an. Die historischen Negative stammen aus dem Geburtsort ihres Vaters in Ghana und sind Teil der British Empire and Commonwealth Collection in Bristol. Doch statt die porträtierten Personen erneut dem Blick auszusetzen, isoliert sie Fragmente: Himmel und Baumkronen aus dem oberen Bilddrittel. Diese Ausschnitte sind kein flüchtiger Rest, sondern werden zum eigentlichen Kern der Arbeit. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025, Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

In der Dunkelkammer beginnt die physische Aneignung. Das Papier wird zum Körper, der Chemie ausgesetzt, gedreht, vervielfältigt und schliesslich vernäht. Jede Naht ist eine Narbe, jede chemische Reaktion eine Spur der Zeit, die im Material weiterlebt. "Residual" meint hier kein vages Nachklingen, sondern eine "innere Nachwirkung", die das spätere Verhalten beeinflusst. Es ist das physische Gedächtnis des Lichts, das durch die Hände der Künstlerin fliesst und sich dem starren Blick des Archivs entzieht. Was in den Ausstellungsräumen entsteht, sind keine fertigen Bilder, sondern atmende Oberflächen. Grossformatig lehnen sie sich an den Raum, fordern ihn heraus und lassen das Unsichtbare spürbar werden. Hier wird Geschichte nicht erzählt, sondern durch den manuellen Eingriff neu verhandelt – langsam, schmerzhaft und voller Möglichkeit. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025 Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Akosua Viktoria Adu-Sanyah (*1990) ist deutsch-ghanaisch und lebt in Zürich. Nach ihrem Studium an der HBK Saar arbeitet sie konsequent mit den Mitteln der analogen Farbfotografie. Ihre Werke waren bereits im Foam Museum Amsterdam, im Centre de la Photographie Genève und am Photoforum Pasquart Biel zu sehen. Das Jahr 2026 wird ein intensives: Nach der Präsentation im Kunsthaus Glarus folgt im Mai die Eröffnung von LOST SISTER in der Stadtgalerie Saarbrücken (1. Mai – 30. August 2026). Im Sommer zeigt das PHOXXI in Hamburg ihre Arbeit Residual Sky Under Contamination im Rahmen der Triennale. Später im Jahr sind die Einzelausstellung no flowers im Centre Culturel Suisse in Paris sowie das Projekt An Unstable Field in den Deichtorhallen Hamburg geplant. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Swiss Art Award (2024) und dem Louis Roederer Photography Prize for Sustainability (2022) ausgezeichnet. 

Aus der Serie Residual Sky, Installationsansicht Kunsthaus Glarus © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Das Kunsthaus Glarus verbindet historische Bausubstanz mit zeitgenössischer Kunst. Als Ort der präzisen Auseinandersetzung präsentiert es internationale Positionen im Dialog mit der regionalen Öffentlichkeit. Aktuell startet das Haus mit einem Prolog in das "Jahr der Sammlung", wobei erstmals Werke aus dem eigenen Bestand zur Repräsentation von Körpern gezeigt werden. 

Aus der Serie Residual Sky, Installationsansicht Kunsthaus Glarus © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Das PHOXXI ist der temporäre Spielraum des Hauses der Photographie in Hamburg. Als experimenteller Ort ermöglicht es raumgreifende Installationen, die im regulären Museumsbetrieb kaum Platz fänden, und dient als zentraler Austragungsort der Triennale der Photographie. Die Deichtorhallen hingegen gehören zu den führenden internationalen Ausstellungshäusern für zeitgenössische Kunst und Fotografie. Mit ihren historischen Hallen und dem modernen Sammlungsbau bieten sie den Rahmen für grossangelegte institutionelle Einzelausstellungen, die das Werk von Künstlern wie Adu-Sanyah in einen breiten kunsthistorischen Kontext stellen. 

Aus derSerie Residual Sky, under contamination © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Die Triennale der Photographie Hamburg untersucht alle drei Jahre den Zustand des Mediums. Sie versteht Fotografie als kulturelle Praxis, die gesellschaftliche Narrative und historische Gewissheiten hinterfragt. 

aus der Serie / from the series RESIDUAL SKY, 2025, Analoger Farbabzug / Analogue chromogenic print, Dimensionen variabel © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Die Ausstellung "Residual Sky" im Kunsthaus Glarus ist bis zum 24. Mai 2026 zu besuchen. Im Anschluss sind die Arbeiten im PHOXXI, Haus der Photographie in Hamburg, vom 5. Juni bis 1. November 2026 im Rahmen der 9. Triennale der Photographie zu sehen.

Architektur aus Stoff: Peter Knapp und die Freiheit der Form...

Collection Courrèges haute couture printemps-été 1965. Elle n°1002, mars 1965 © Peter Knapp / Courrèges

Es gibt Partnerschaften in der Kulturgeschichte, die über das blosse Zusammenarbeiten hinausgehen. Die Beziehung zwischen dem Fotografen Peter Knapp, dem Modemacher André Courrèges und der Familie Maeght ist so eine Verbindung. Sie basiert auf einer gemeinsamen Vorstellung von Moderne, die in den 1960er-Jahren ihren Ausdruck fand – nicht durch laute Gesten, sondern durch klare Linien und eine neue Art von Freiheit. Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Maeght, eine Carte Blanche für Peter Knapp, zeichnet diese Fäden nach. 

Courrèges Collection Couture Future circa 1971-1972 © Peter Knapp

Im Zentrum steht das Jahr 1965. Als Courrèges seine Frühjahr-Sommer-Kollektion präsentierte, verzichtete er bewusst auf Dekor, um die reine Architektur der Kleidung hervorzuheben. Der Minirock, die Farbe Weiss und strukturierte Schnitte wurden zu den Merkmalen einer neuen weiblichen Silhouette. Die Presse sprach damals von der "Courrèges-Bombe". Peter Knapp war dabei und setzte diese Revolution bildlich um. Für das Magazin ELLE fotografierte er Modelle, die scheinbar schwerelos im Raum schweben. Diese Bilder, die heute den Kern der Ausstellung bilden, zeigen mehr als nur Mode; sie dokumentieren den Wunsch nach einer Frau, die sich frei bewegt, losgelöst von den Konventionen der Vergangenheit. 

Courrèges Collection Haute Couture Automne-Hiver 1971-1972 © Peter Knapp

Die Fondation Maeght war für diese Geschichte mehr als nur ein neutraler Rahmen. Als die Stiftung 1964 in Saint-Paul-de-Vence eröffnet wurde, verstand sie sich als Ort des Austauschs zwischen verschiedenen Disziplinen. Es war dieser Geist, der André Courrèges anzog und auch Peter Knapp prägte. Knapp, der über 25 Jahre lang der visuelle Begleiter von Courrèges war, entdeckte die Fondation 1978 für sich, als er hier ein Shooting für eine Broschüre realisierte. Er inszenierte die Modelle vor Skulpturen von Alberto Giacometti und Bildern von Ellsworth Kelly. Daraus entstand eine Freundschaft mit Adrien Maeght, die bis heute nachwirkt. Die Ausstellung zeigt nun, wie sich die klare Formsprache von Courrèges und die organische Architektur der Stiftung ergänzen. Es ist ein Rückblick auf eine Ära, in der Kunst, Mode und Leben eine Einheit bildeten – kuratiert von jemandem, der mittendrin war. 

Courrèges Collection Haute Couture Printemps-Ete 1965 © Peter Knapp

André Courrèges (1923–2016) Geboren in Pau und ursprünglich als Bauingenieur ausgebildet, wechselte Courrèges Anfang der 1950er-Jahre zur Mode und wurde Assistent von Cristóbal Balenciaga. Dort traf er Coqueline, seine lebenslange Partnerin, mit der er 1961 sein eigenes Haus gründete. Als Pionier des "Space Age" übertrug er die Präzision des Ingenieurs auf den Stoff: Seine architektonischen Schnitte, der radikale Einsatz von Weiss und die Einführung des Minirocks definierten die Silhouette der 1960er-Jahre neu. Für Courrèges war Mode nie nur Dekoration, sondern ein Manifest für Bewegung und Freiheit. 

Courrèges Collection Haute Couture Automne-Hiver 1971-1972 © Peter Knapp

Peter Knapp (1931) Der in der Schweiz geborene Fotograf und Grafikdesigner prägte als künstlerischer Leiter der Zeitschrift ELLE (1959–1966) die visuelle Sprache der 1960er-Jahre massgeblich. Knapp revolutionierte die Modefotografie, indem er statische Posen aufbrach und Modelle in dynamischer Bewegung oder scheinbar schwerelos inszenierte. Ab 1967 begann seine 25-jährige Zusammenarbeit mit André Courrèges, für den er nicht nur fotografierte, sondern auch als visueller Berater fungierte. Neben seiner Arbeit für Vogue, Stern und den Sunday Times blieb er der Fondation Maeght als Freund und Chronist verbunden, wo er wiederholt die Schnittmenge von Kunst und Mode dokumentierte. 

Courrèges Collection Haute Couture Printemps-Ete 1965 © Peter Knapp

Fondation Maeght & Ausstellung: Die 1964 von André Malraux eingeweihte Stiftung in Saint-Paul-de-Vence gilt als erster privater Akteur für moderne Kunst in Frankreich. Mit über 13’000 Werken versteht sie sich bis heute als Ort der Begegnung zwischen Disziplinen. Die aktuelle Ausstellung "Le Temps Courrèges" ist eine "Carte Blanche" an Peter Knapp. Sie vereint grossformatige Abzüge der ikonischen Fotoserie von 1965, Archivmaterial und originale Kleidungsstücke. Kuratiert von Knapp selbst, beleuchtet die Schau die langjährige Freundschaft zwischen dem Fotografen, dem Designer und der Familie Maeght. Die Präsentation wird durch die aktuelle künstlerische Leitung von Drew Henry bei Courrèges in die Gegenwart geführt und trägt das Gütesiegel "200 Jahre Fotografie". Die Ausstellung ist vom 14. Mai – 1. November 2026 zu besuchen.

Zwischen Wirtschaftsboom und menschlichem Schatten: Die unsichtbaren Architekt:innen der Schweiz...

Italienerinnen und Italiener bei der Einreise in Brig 1953. Fotografie: Hermann Freytag. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Schweizer Nachkriegsgeschichte erzählt gerne über den kollektiven Aufstieg und das wirtschaftliche Wunderland. Doch in diesem Narrativ fehlen entscheidende Stimmen – jene der "Saisonniers", der Arbeitskräfte, die jahrzehntelang das Fundament dieses Wohlstands legten, ohne je als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu werden. Die nun in Zürich gezeigte Ausstellung "Wir, Saisonniers…" macht diese Wunde sichtbar.

Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. ETH-Bildarchiv, Zürich.

Es ist eine bittere Ironie der Schweizer Migrationspolitik des 20. Jahrhunderts, dass diese Menschen als Arbeitskraft hochwillkommen, als Menschen jedoch unerwünscht waren. Unter dem Joch einer rigiden Aufenthaltsbewilligung fristeten sie ein Dasein am Rande der Gesellschaft. Ob auf staubigen Baustellen, in den Reihen der landwirtschaftlichen Betriebe, im Dienst privater Haushalte oder im hart umkämpften Gastgewerbe – ihre Hände formten die moderne Schweiz, während ihr eigenes Leben in die Unsichtbarkeit verdrängt wurde. Getrennt von ihren Familien, untergebracht in kargen Baracken und behelfsmässigen Unterkünften, lebten sie in einer Art innerer Emigration, ausgeliefert den Launen von Arbeitgebern und Behörden.

Saisonniers aus Italien steigen in Zürich-Hauptbahnhof aus einem Personenwagen aus, März 1963. Urheber:in unbekannt. SBB-Bildarchiv.

Die Ausstellung beleuchtet dieses lange im Schatten stehende Kapitel und fragt nach den Bezügen zur heutigen Arbeits- und Migrationspolitik. Historische Dokumente, Interviews sowie archiviertes Bild- und Filmmaterial lassen persönliche Geschichten und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar werden. Ursprünglich 2019 in Genf konzipiert und später vom Neuen Museum Biel erweitert, hat der Verein histoire publique die Ausstellung nun erstmals für den deutschschweizer Kontext adaptiert. Der Standort in der Photobastei, mitten im ehemaligen Arbeiterquartier Zürichs, unterstreicht dabei die historische Verankerung dieser Themen.

Zwei Frauen neben einer improvisierten Kochgelegenheit in einer Baracke, um 1965. Urheber:in Unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Hinter dem Projekt steht der Verein histoire publique mit Sitz in Zürich, geleitet von den Historikerinnen Nicole Peter und Anja Suter. Der Verein spezialisiert sich auf partizipative Geschichtsprojekte, die gesellschaftlich verdrängte Narrative sichtbar machen. Mit einem Fokus auf Sozial-, Arbeits- und Frauengeschichte arbeitet er eng mit Archiven, Gewerkschaften und Betroffenen zusammen, um historische Kontinuitäten von Ungleichheit aufzuzeigen und öffentliche Debatten anzustossen.

Demonstration von Saisonniers aus dem ehemaligen Jugoslawien mit Koffern, 1994. Urheber:in unbekannt. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.

Die Ausstellung "Wir, Saisonniers…" ist noch bis zum 21. Juni 2026 in der Photobastei zu besuchen.

Blickverbindungen: Warum F.C. Gundlach uns lehrt, dass wir nie allein schauen...

Uschi Obermaier mit Sinalco-Puppe Rita, Hamburg 1970 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Fotografie wird oft als einsamer Akt missverstanden: Ein Auge hinter dem Sucher, ein isolierter Moment, eingefroren in der Stille des Auslösens. Doch das Werk von F.C. Gundlach erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Es ist ein lautes, vibrierendes Zeugnis davon, dass Bilder niemals im Vakuum entstehen. Sie sind das Resultat von Allianzen, von Netzwerken, die sich von Paris über New York bis Tokio spannten, und vom mutigen Dialog zwischen Auftraggebern, Künstlern und der Gesellschaft. Gundlach verstand früh, dass Modefotografie mehr war als nur die Präsentation von Kleidung; sie war ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen von Geschlecht und Identität, ein kulturelles Gut, das durch Austausch erst seine wahre Bedeutung erhielt.

Auf dem Balkon von Helena Rubinstein, Paris 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Sein Schaffen war geprägt von einer seltenen Offenheit, die ihn zum Knotenpunkt einer ganzen Ära machte. Er war nicht nur der Fotograf, der die Cover deutscher Modemagazine prägte, sondern auch der Galerist, der neue Talente förderte, der Laborbesitzer, in dem experimentiert wurde, und der Sammler, der die Geschichte des Mediums bewahrte. Diese Vielseitigkeit ermöglichte es ihm, Brüche und Kontinuitäten in der fotokulturellen Entwicklung sichtbar zu machen. Seine Reisen und sein ständiger Austausch mit Akteuren der Szene waren keine bloße Begleiterscheinung, sondern der Treibstoff für seine Innovation. Er setzte neue Standards, indem er bestehende Grenzen testete und immer wieder neu definierte, was Fotografie sein kann. Heute, in einer Zeit der digitalen Isolierung, wirkt seine Haltung fast prophetisch: Dass wir Bilder immer gemeinsam betrachten, gemeinsam deuten und gemeinsam weiterentwickeln.

Abendkleid mit Nerzbolero, im Hintergrund Heinz Schulze-Varell, Berlin (West), 1962 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

F.C. Gundlach (1926–2021) gilt als einer der einflussreichsten Modefotografen Deutschlands. Seine Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, in denen er die visuelle Kultur der Bundesrepublik massgeblich mitgestaltete. Bekannt wurde er durch seine dynamischen Inszenierungen, die Mode in Bewegung zeigten und dabei stets den Zeitgeist einfingen. Doch Gundlach beschränkte sich nicht auf den kommerziellen Auftrag. Als Gründer der „Gundlach Gallery“ und später als Stifter engagierte er sich leidenschaftlich für die Anerkennung der Fotografie als Kunstform. Er lehrte, sammelte und kuratierte, wobei er stets den Fokus auf den menschlichen Austausch legte. Sein Vermächtnis ist nicht nur eine Sammlung ikonischer Bilder, sondern eine lebendige Infrastruktur der Fotografie, die bis heute wirkt.

„Jet Age“, Hamburg, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg ist ein führender Ausstellungsort für internationale Kunst und befindet sich im Herzen der Stadt, direkt am Jungfernstieg. Seit seiner Eröffnung hat sich das Forum durch hochwertige Ausstellungen profiliert, die oft thematische Schwerpunkte setzen und Werke aus verschiedenen Epochen in Dialog bringen. Als private Institution, getragen von der Zeit-Stiftung F.C. Bucerius, genießt es internationale Reputation für seine kuratorische Unabhängigkeit und Qualität. Die Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach unterstreicht einmal mehr den Anspruch des Hauses, fotokulturelle Diskurse nachhaltig zu prägen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Uli Richter, Abendkleid im Directoire-Stil vor Backdrop, Berlin (West), 1958 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung ist zentraler Bestandteil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, einem der wichtigsten Festivals für Fotografie im deutschsprachigen Raum. Unter dem Motto „Alliance, Infinity, Love - in the Face of the Other“ präsentiert die Triennale 2026 elf Ausstellungen in acht Häusern der Stadt. Sie versteht sich als Plattform für den globalen Austausch und untersucht, wie Fotografie in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche Verbindungen schaffen kann. Die Einbindung von Gundlachs Werk in diesen Kontext betont die Relevanz seines Netzwerkgedankens für die Gegenwart und zeigt, wie historische Positionen aktuelle Debatten bereichern können.

Gunel Person in der Villa von Sérgio Bernardes, Rio de Janeiro, 1963 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone wird am 7. Mai 2026 eröffnet und ist bis zum 16. August 2026 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen. Sie findet im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg statt, die ihrerseits bis zum 22. September 2026 dauert.

Jenseits des Filters: Die unbequeme Suche nach dem Glück...

MACHT LIEBE © Anne Morgenstern

Wir leben in einer Epoche, die das Glück nicht nur verspricht, sondern einfordert. Es ist zum Imperativ geworden, zur messbaren Grösse in Social-Media-Infografiken und zum Verkaufsargument für eine endlose Palette an Produkten, die uns ein optimiertes Dasein garantieren sollen. Doch was bleibt von diesem universellen Streben, wenn es zur Pflicht wird? Das Fotofestival Lenzburg 2026 wagt sich unter dem Titel «Forever Happy» genau in dieses Spannungsfeld vor. Es dekonstruiert die glatte Oberfläche des Glücks und legt seine Brüche, seine Widersprüche und seine oft schmerzhaften gesellschaftlichen Konstruktionen frei.

Rise with the images © Juliana Gómez Quijano

Die diesjährige Ausgabe versteht Fotografie nicht als blosse Abbildung einer heilen Welt, sondern als kritisches Werkzeug der Befragung. Im Stapferhaus trifft die festival-eigene Reflexion auf die immersive Ausstellung «Happy Pills» von Paolo Woods und Arnaud Robert. Ihre fünfjährige Recherche führt uns vor Augen, wie die Definition des Glücks zunehmend von der Pharmaindustrie gekapert wurde. Von der Schweiz bis in den Amazonas dokumentieren sie, wie chemische Lösungen versprechen, die Grenzen des Menschseins zu überwinden und unsichtbare Wunden zu heilen. Es ist eine konfrontative Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die Effizienz und Jugend über alles stellt und das Glück zur machbaren Aufgabe degradiert.

Beach Epiphany © Rodrigo Koraicho

Demgegenüber steht die melancholische Hommage an den kürzlich verstorbenen Martin Parr. Seine Serie «(All we need is) LOVE» entlarvt die Inszenierung von Zuneigung im öffentlichen Raum. Parrs schonungsloser, farbsatter Blick fängt Liebe nicht als reines Gefühl, sondern als Ritual, Ware und manchmal absurdes Scheitern ein. Herzförmige Souvenirs und erzwungene Lächeln werden zu Zeugen dafür, wie sehr auch unsere intimsten Regungen von sozialen Codes und Konsumzwängen geprägt sind. Das Festival zeigt hier keine idyllischen Momentaufnahmen, sondern die raw reality menschlicher Beziehungsdynamiken.

Add to Cart, Blessings © Tina Sturzenegger

Besonders bewegend ist der Jury Award an Karla Hiraldo Voleau, deren Werk «You Can Have It All (In Return for Everything)» den Körper als Ort des Widerstands und der Transformation nutzt. In der Tradition von Künstlerinnen wie Ana Mendieta reclaimt sie Freude als politischen Akt jenseits von Perfektionswahn. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wahres Glück vielleicht nicht im Erreichen eines idealen Zustands liegt, sondern in der Freiheit, vollständig und wahrhaftig zu fühlen – mit allen Narben und Brüchen. Von den post-sowjetischen Identitätssuchen Varvara Uhliks bis zur satirischen Konsumkritik Tina Sturzeneggers spannt das Festival einen Bogen, der das Publikum aus der passiven Betrachtung holt. Es ist eine Einladung, das eigene Verständnis von Zufriedenheit zu hinterfragen und zu erkennen, dass das Glück vielleicht gerade dort am greifbarsten ist, wo es am wenigsten perfekt erscheint.

The Taste of Travel, SBB Historic Archivs

Das Fotofestival Lenzburg wird am 9. Mai eröffnet und dauert bis zum 7. Juni 2026

Orte:
Lenzburg: Stapferhaus, Schloss Lenzburg, Müllerhaus, Müli-Märt, Altstadt (Open Air)
Aarau: Stadtmuseum
Baden: Merkareal (Open Air, neu)

Happy Pills, Galimberti © Paolo Woods

Wenn Bilder heilen - Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst…

Spring – Four Seasons, 2006 © Wendy Red Star, courtesy the artist; collection of the Newark Museum of Art

Was geschieht, wenn wir aufhören, Geschichte als monolithischen Block zu betrachten, und stattdessen beginnen, ihre Risse, Leerstellen und verdrängten Ecken mit Vorstellungskraft zu füllen? Die aktuelle Ausstellung im Museum Rietberg wagt genau diesen mutigen Schritt. Sie ist keine blosse Präsentation von Kunstwerken, sondern ein Akt des kollektiven Erinnerns und der aktiven Neuverhandlung unseres visuellen Gedächtnisses. Der Titel «Fast ein Paradies» nimmt ein kraftvolles Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009) auf: «Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, wenn wir erkennen, dass es niemals eine einzige Geschichte über einen Ort gibt, gewinnen wir eine Art Paradies zurück.» Genau diese Haltung leitet die zwanzig internationalen Künstlerpersönlichkeiten, die sich in dieser Ausstellung kritisch, poetisch und visionär mit kolonialzeitlichem Fotomaterial auseinandersetzen.

Das Avós (Von Grossmüttern), 2019 © Rosana Paulino, courtesy the artist and Mendes Wood DM

Das Herzstück der Ausstellung bildet die transformative Kraft der zeitgenössischen Kunst im Umgang mit dem fotografischen Erbe der Kolonialzeit. Die Kuratorinnen haben die Arbeiten in vier narrative Kapitel gegliedert, die wie Bewegungen in einer Symphonie der Erinnerung wirken. Im ersten Kapitel, «Formwandler*innen», wird die Abwesenheit von Bildern zum eigentlichen Sujet. Künstlerinnen und Künstler wie Rosana Paulino aus Brasilien oder Cédric Kouamé aus der Côte d’Ivoire machen schmerzhaft deutlich, dass das Fehlen von Fotografien schwarzer Personen oder die physische Zersetzung von Archivmaterial in tropischem Klima keine zufälligen Lücken sind, sondern Zeugnisse von Ausblendung und Machtstrukturen. Paulinos monumentale «Parede da Memória», in der sich elf Porträts 750-mal wiederholen, schreit geradezu nach Sichtbarkeit in einem kollektiven Gedächtnis, das sie bisher ignoriert hat.

Otjze I – Rituals of Initiation, 2022 © Tuli Mekondjo, courtesy the artist and Guns & Rain

Das zweite Kapitel, «Konfrontation», dekonstruiert die klischeehaften Bildwelten, die während der Kolonialzeit produziert wurden und unser globales Bildgedächtnis bis heute prägen. Hier wird der Kamera, die einst als Instrument zur Feststellung vermeintlicher «Andersartigkeit» diente, der Spiegel vorgehalten. Wendy Red Star konterkariert in ihrer Serie «Four Seasons» die idealisierte Darstellung indigener Nordamerikanerinnen durch den bewussten Einsatz von Plastikblumen und Kunstrasen, während Omar Victor Diop sich in «Being There» nonchalant in idyllische Szenen des weissen Amerikas der 1950er-Jahre projiziert – Orte, an denen er als schwarzer Mann zur Zeit der Rassentrennung nicht hätte sein dürfen. Diese Werke sind nicht nur Kritik; sie sind Akte der Aneignung und des Widerstands, die dominante Narrative erschüttern.

Tailoring Freedom – Delia, profile, 2023 © Sasha Huber, courtesy the artist, Harvard University

Besonders bewegend ist das dritte Kapitel «Fürsorge», in dem Künstlerinnen und Künstler historische Aufnahmen von Unrecht mit radikalem Mitgefühl behandeln. Sasha Huber, deren Arbeit tief in der Schweizer Kolonialverstrickung wurzelt, «repariert» Fotografien von versklavten Menschen, die vom Naturforscher Louis Agassiz für rassistische Studien missbraucht wurden. Mit einer Tackerpistole schiesst sie schimmernde Heftklammern in die Bilder, die wie Rüstungen wirken und die Porträtierten vor dem objektifizierenden Blick schützen. Ähnlich verwandelt Mary Enoch Elizabeth Baxter einen historischen Moment der Sexualisierung eines schwarzen Mädchens in einen Ort der Sicherheit, indem sie ihren eigenen Körper als Schutzraum anbietet. Hier wird Kunst zur Instanz der Heilung, die zwar die koloniale Wunde nicht vollständig schliessen kann, aber einen Raum für Anerkennung und Würde eröffnet.

Picnic, 2024 © Frida Orupabo, courtesy the artist; Museum Rietberg

Im finalen Kapitel «In the Photo Fantastic» greifen die Künstlerinnen und Künstler auf die Methode der «kritischen Fabulation» zurück, um historische Leerstellen mit Imagination zu füllen. Raphaël Barontini kehrt den kolonialen Blick um, indem er Nobosudru, eine Frau aus dem Kongo, die 1924 zum Symbol «der afrikanischen Frau» stilisiert wurde, zur Autorin ihrer eigenen Geschichte macht. Andrea Chung erschafft mit dem Mythos von Drexciya ein paradiesisches Unterwasserreich als Ort des Überlebens für jene, die während des Sklavenhandels ins Meer geworfen wurden. Diese spekulative Bildpraxis entlässt die Porträtierten in einen Raum voller Möglichkeiten, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinanderfliessen.

Individual Beings (Moving VI), 2023–24 © Dimakatso Mathopa, courtesy the artist; Museum Rietberg

Die Schweizer Künstlerin Sasha Huber, geboren 1975 in Uster und heute in Helsinki lebend, nimmt in dieser Ausstellung eine zentrale Position ein. Mit ihren schweizerisch-haitianischen Wurzeln verbindet sie in ihrer Arbeit Geschichte und Gegenwart auf eindringliche Weise. Ihr charakteristisches Stilmittel, die Tackerpistole, symbolisiert sowohl Schmerz als auch den Versuch der Heilung kolonialer Wunden. Huber, die derzeit an der Zürcher Hochschule der Künste promoviert, versteht ihre Kunst als reparative Intervention. Ihre Teilnahme an dieser Ausstellung unterstreicht einmal mehr ihre internationale Bedeutung als Stimme für Zugehörigkeit und Fürsorge im Kontext postkolonialer Aufarbeitung.

Se o mar tivesse varandas (Hätte das Meer Balkone) #4, 2017 © Aline Motta, courtesy the artist

Das Museum Rietberg in Zürich, gelegen an der Gablerstrasse 15, profiliert sich mit «Fast ein Paradies» einmal mehr als führende Institution für aussereuropäische Kunst. Das Haus verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die als roter Faden durch alle Ausstellungskapitel ziehen. Diese eigenen Bestände aus Afrika und Asien werden nicht nur gezeigt, sondern aktiv von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern befragt und neu interpretiert. Ein eigens produzierter Film und ein partizipativer Ansatz, bei dem Zürcher Bürgerinnen und Bürger ihre privaten Fotoalben einbringen, erweitern den musealen Raum zu einem Ort des dialogischen Austauschs und der visuellen Vielstimmigkeit.

The Golden Ladies, 2026 © Raphaël Barontini, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist

Die Gruppenausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» ist noch bis zum 6. September 2026 im Museum Rietberg zu sehen.

Zwischen Ordnung und Chaos: Sandro Livio Straubes offenes Archiv…

© Sandro Livio Straube

Fotografie wird oft als das Medium der Fixierung verstanden – ein Werkzeug, um den flüchtigen Augenblick einzufangen und für die Ewigkeit zu bewahren. Doch was geschieht, wenn das Bild nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt begriffen wird? In der Ausstellung «Unsortiert» präsentiert Sandro Livio Straube eine Antwort, die so bestechend wie einfach ist: Das Archiv ist kein statischer Speicher, sondern ein lebendiges visuelles Archiv. Über siebzehn Jahre hinweg hat der Fotograf Bilder gesammelt, die nun bewusst ohne chronologische Zwänge oder thematische Schubladen miteinander in Dialog treten.

© Sandro Livio Straube

Straubes Ansatz entzieht sich der klassischen Erwartungshaltung an eine Retrospektive. Statt einer linearen Entwicklung folgt die Hängung der Logik des Assoziativen. Die Arbeiten, entstanden zwischen 2009 und 2026, stammen aus unterschiedlichsten Kontexten und wurden mit variierenden Techniken realisiert. Genau diese Heterogenität bildet das Herzstück der Ausstellung. Wie der Künstler selbst formuliert, dient ihm die Fotografie dazu, «Gedanken – und vielleicht auch mich selbst – zu ordnen». Doch dieser Ordnungsversuch ist paradox: Jede neue Aufnahme generiert zugleich neue Schichten von Material, neue Zusammenhänge und damit neue Unordnung. Das Archiv wächst, und mit ihm die Aufgabe, Beziehungen zwischen den Bildern immer wieder neu zu denken. In diesem Sinne sind die ausgestellten Werke keine abgeschlossenen Monumente, sondern Fragmente eines fortlaufenden Prozesses. Sie zeugen von der Suche nach Verbindungen im chaotischen Fluss des Lebens und halten das Denken in Bewegung, anstatt es in starren Kategorien ruhen zu lassen.

© Sandro Livio Straube

Sandro Livio Straube, geboren 1992 in Zürich, bewegt sich als Schweizer Architekt und Fotograf mühelos zwischen diesen beiden Disziplinen. Seine Praxis ist geprägt von fliessenden Übergängen zwischen der künstlerischen Fotografie und der Baukunst. Neben seiner Tätigkeit als Architekturfotograf für verschiedene Büros und der Teilnahme an Architekturwettbewerben, verfolgt er freie Projekte wie die Langzeitserie «Berge bleichen». Seine Arbeiten wurden international in Galerien, Museen und auf Messen gezeigt. Straube lebt und arbeitet heute in Vella und Lumbrein im Kanton Graubünden, wo er weiterhin den Raum zwischen gebauter Umwelt und bildlicher Reflexion auslotet.

Quallen, 2025 © Sandro Livio Straube

Die Galerie 94, geführt von Sascha Laue, ist dabei der ideale Ort für eine solche Position. Eingebettet im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden, versteht sich der Raum unter dem Leitspruch «augensache» als dedizierter Ort für Fotografie und Kunst. Das Programm spannt einen Bogen zwischen der Präsentation etablierter Positionen und der Förderung zeitgenössischer, aufstrebender Talente – ein Umfeld, in dem Straubes reflektierter Umgang mit dem Medium optimal zur Geltung kommt.

© Sandro Livio Straube

Vom 8. Mai bis 27. Juni 2026 lädt die Galerie 94 in Baden ein, dieses visuelle Archiv zu betreten. Die Vernissage findet am 7. Mai statt; vertiefende Einblicke gewährt ein Artist Talk mit dem Künstler am Samstag, 23. Mai 2026, um 15 Uhr.

Die Architektur des Sehens…

Aus der Serie Three Times a Day No1, 2010, © Beate Spitzmüller

Die Ausstellung «sight·seeing» von Judith Brunner und Beate Spitzmüller fordert eine Korrektur unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Der Titel ist keine Einladung zum touristischen Konsum von Ansichten, sondern ein Imperativ zum Innehalten. In einer Zeit, in der urbane Räume oft nur als Kulisse für schnelle Bewegungen dienen, dekonstruieren die beiden Künstlerinnen die Stadt als lebendiges Gefüge aus Übergängen, Kräften und Einschreibungen. Ihre Arbeiten verstehen das Urbane nicht als statische Grösse, sondern als Resonanzraum, in dem sich menschliche Existenz, architektonische Struktur und natürliche Umgebung fortwährend neu verhandeln.

moves11 crawl, Athen OAKA Calatrava, 2019 © Judith Brunner

Im Dialog der beiden künstlerischen Positionen entfaltet sich ein spannungsvolles Narrativ über die Beschaffenheit unserer Lebenswelt. Judith Brunner nähert sich dem Thema durch die Malerei. Ihre farbintensiven Bildräume, entstanden aus Acryl, Öl und irisierenden Pigmenten, verdichten urbane Strukturen zu energetischen Konstellationen. Es ist ein visueller Balanceakt: Weite, gestisch aufgetragene Farbflächen treffen auf präzise gesetzte geometrische Linien, die das scheinbar Stabile durchbrechen. In Serien wie «Gates» und «Moves» werden Brücken und Schwellen zu Metaphern für Transformation. Die Stadt wird hier zum Sinnbild gesellschaftlicher und existenzieller Prozesse zwischen Stabilität und Auflösung, zwischen Vertrautem und Ungewissem.

Aus der Serie Corpora No3, 2015 © Beate Spitzmüller

Dieser malerischen Abstraktion stellt Beate Spitzmüller eine verfremdete Realität gegenüber. Ihre schwarzweissen Fotografien, entstanden an Orten von Island bis Johannesburg, entziehen sich der blossen Abbildfunktion. Durch analoge und digitale Eingriffe wie Solarisationen und Überlagerungen werden Landschaften durchlässig, Körper zu Schattenflächen verdichtet. Was als Dokument beginnt, entpuppt sich als komplexer Bildraum, in dem Stadt und Natur ineinandergreifen. Ergänzt durch filmische Umsetzungen von Bleistiftzeichnungen, bei denen Linien in Bewegung geraten und Rhythmen sich verschieben, verweist Spitzmüller auf den fortwährenden Wandel aller Erscheinungen.

moves14, Puente-de-Conchi-Chile, 2021, © Judith Brunner

In dieser Verflechtung entsteht mehr als eine blosse Gegenüberstellung von Farbe und Schwarzweiss. Brunners Gemälde setzen strukturelle Akzente, während Spitzmüllers Arbeiten diese Setzungen in eine dynamische Wechselwirkung überführen. Es ist ein künstlerischer Dialog über urbane Räume als bewegliche Systeme. Hier überlagern sich Zeit, Erinnerung und Imagination. Das «sight·seeing» wird zum Akt der Erkenntnis: Die Stadt ist kein geschlossenes Gefüge, sondern ein offener Prozess, in dem innere und äussere Landschaften miteinander verschmelzen und ihre Grenzen permanent neu definieren.

Aus der Serie DAYbyDAY 03.02.2021, stop motion (01.01.2020-31.12.2024), seit 2006 © Beate Spitzmüller

Judith Brunner (*1955) studierte freie Malerei und Grafik an der UdK Berlin. Nach einem DAAD-Stipendium in New York und einem Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft lebte und arbeitete sie viele Jahre in den USA, wo sie unter anderem an der School of Visual Arts lehrte. Ihre Arbeiten sind in renommierten Sammlungen vertreten, darunter die Berlinische Galerie und das Kupferstichkabinett Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Beate Spitzmüller (*1963) studierte Keramik in Strassburg sowie Bildende und Interdisziplinäre Kunst in Freiburg und Frankfurt. Zu ihren prägenden Erfahrungen zählt die Mitarbeit am «Leeren Museum» von Ilja Kabakov. Ihre prozessorientierten Arbeiten untersuchen Verdichtungen von Stadtlandschaften und die Auflösung natürlicher Welten. Mit Stipendien in Norwegen, der Schweiz, Südafrika und Schweden sowie zahlreichen internationalen Ausstellungen ist ihre Arbeit weltweit sichtbar. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

moves10, Iowa High Threstle, 2019 © Judith Brunner

Verankert ist diese Präsentation in den kommunalen Galerien in Tempelhof-Schöneberg, die sich als offene Foren für zeitgenössische Kunst und kulturellen Austausch verstehen. Als Teil der Berliner Kunstlandschaft präsentieren sie in wechselnden Ausstellungen nationale und internationale Positionen, wobei ein Fokus auf diskursiven Formaten und der Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum liegt. Die Programme fördern den Dialog über gesellschaftlich relevante Themen und bieten Raum für experimentelle sowie etablierte künstlerische Ansätze. 

Die Ausstellung sight·seeing wird am 30. April 2026 eröffnet und kann bis zum 5. Juli 2026 im der kommunalen Galerie im Tempelhof Museum besucht werden.

Monica Biancardi: Wenn das Leben zum kostbarsten Kapital wird…

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das Projekt "Il capitale che cresce" von Monica Biancardi ist weit mehr als eine rein fotografische Dokumentation; es ist das Ergebnis einer siebzehnjährigen, leisen Begleitung. Die Arbeit stellt eine tiefgehende Untersuchung von Identität, Resilienz und dem schleichenden Verlust von Freiheit im palästinensischen Kontext dar. Den Kern dieser künstlerischen Auseinandersetzung bilden elf Schwarz-Weiss-Fotografien, die zwischen 2009 und 2023 entstanden sind. Sie zeigen das Heranwachsen der beduinischen Zwillinge Sara und Sarah, denen die Künstlerin auf einer ihrer zahlreichen Reisen begegnete. Mit analogen Mittelformatkameras eingefangen, zeugen diese Porträts von einer aussergewöhnlichen Sensibilität und einem über Jahre gewachsenen Vertrauensverhältnis. Die Bilder machen dabei nicht nur die physische Verwandlung der jungen Frauen sichtbar, sondern reflektieren auch die tiefgreifenden Metamorphosen ihrer sozialen Rollen sowie die fortschreitende Einschränkung ihrer Lebensperspektiven. Jede Aufnahme fängt die Spannung zwischen Beständigkeit und Wandel ein und vermittelt die stille Widerstandskraft der beiden Protagonistinnen.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Um die persönliche Geschichte der Zwillinge in einen grösseren gesellschaftspolitischen Rahmen zu setzen, wird die Erzählung durch ergänzende Werke erweitert, welche die Tragweite des Projekts verstärken. Eine Kartografie des Wandels in Form von sieben auf Plexiglas gravierten Karten verdeutlicht die progressive Fragmentierung des palästinensischen Territoriums seit der historischen Palästina-Karte von 1917 bis heute. Diese historische Einordnung wird durch eine visuelle Reise in Videoform ergänzt, die den Weg von Ostjerusalem bis zum Dorf Hataleen nachzeichnet und so die physische Realität der Geografie erfahrbar macht. Zudem thematisiert eine Auswahl von Zeichnungen ortsansässiger Kinder das Meer – ein Ort, der geografisch zwar nah, für die Gemeinschaft jedoch faktisch unerreichbar bleibt und somit lediglich in der Vorstellung existiert.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Die Arbeit, welche als Gewinner des PAC – Piano per l’Arte Contemporanea 2025 ausgezeichnet wurde, versteht zeitgenössische Kunst als Instrument für Bewusstsein und Dokumentation. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Betrachtung der aktuellen Veränderungen in den menschlichen und kulturellen Geografien. In einem begleitenden Diskurs zwischen der Künstlerin und Experten wie Eyal Weizman, Lorenzo Benedetti oder der Kuratorin Chiara Gatti werden die zentralen Themen wie Zeit, Transformation und das fundamentale Recht auf Freiheit weiter vertieft. So entsteht ein Raum, in dem das "wachsende Kapital" nicht ökonomisch, sondern als das Wachstum des menschlichen Lebens unter erschwerten Bedingungen verstanden wird.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Monica Biancardi ist eine italienische Künstlerin und Fotografin, deren Werk sich durch die Verbindung von poetischer Ausdruckskraft und dokumentarischer Präzision auszeichnet. Ein zentrales Merkmal ihrer Arbeitsweise ist die Verwendung analoger Mittelformatkameras, mit denen sie soziale und menschliche Metamorphosen über lange Zeiträume hinweg einfängt. Ihre Projekte entstehen oft aus einer tiefen, jahrelangen Begleitung ihrer Protagonisten, wobei Themen wie Identität, soziale Rollen und die Transformation kultureller Geografien im Fokus stehen. Ihre künstlerische Forschung wird regelmässig durch nationale Förderprogramme wie den PAC (Piano per l’Arte Contemporanea) gewürdigt.

Il capitale che cresce © Monica Biancardi

Das MAN Museo d’Arte della Provincia di Nuoro versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Ort der Dokumentation und Reflexion. Es fördert zeitgenössische Kunst als Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen festzuhalten und ein tieferes Bewusstsein für die Veränderungen in menschlichen und kulturellen Lebensräumen zu schaffen. Durch die Unterstützung innovativer Projekte im Rahmen des nationalen Förderprogramms PAC trägt das Museum massgeblich zur Erforschung aktueller Themen bei.

Die Ausstellung "Il capitale che cresce" kann vom 24. April bis zum 14. Juni 2026 besucht werden.

Palestina Map 2022

Die Vertikale der Freiheit: Wenn die Katze den Grundriss korrigiert...

Aus Catwalk Stories, Bern © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Man kennt sie, diese makellosen Visualisierungen zeitgenössischer Schweizer Architektur: Sichtbeton, präzise Schattenfugen und eine Lichtdurchflutung, die bis in den hintersten Winkel reicht. Doch in diesen sterilen Träumen fehlt fast immer ein entscheidendes Detail – die Türschwelle für das vielleicht wichtigste Familienmitglied der Schweiz. Während sich Architekten über die thermische Trennung von Balkonanschlüssen den Kopf zerbrechen, ignorieren sie konsequent die vertikale Logistik der rund 1,8 Millionen Katzen des Landes. Genau hier setzt das Fotobuch «Catwalk Stories» (Edition Haus am Gern, 2026) an. Es ist eine ebenso charmante wie notwendige Hommage an die architektonische Anarchie, die dort entsteht, wo das Reissbrett aufhört, und das Leben beginnt.

Aus Catwalk Stories, Bad Ragaz © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Der Fotograf Francisco Paco Carrascosa hat quer durch die Schweiz ein Phänomen dokumentiert, das ebenso skurril wie genial ist: die Katzentreppe. Dieses kompakte Werk zeigt, wie Bewohner den architektonischen Hochmut ganz pragmatisch mit dem Akkuschrauber korrigieren. Da ranken sich filigrane Holzkonstruktionen elf Meter hoch an Fassaden empor, die eigentlich für ihre «klare Linienführung» gepriesen wurden. Es ist ein herrlicher Kontrast: Auf der einen Seite die kontrollierte Gestaltung des öffentlichen Raums, auf der anderen die wilden, oft abenteuerlichen «Catwalks». Diese Konstruktionen sind weit mehr als nur Leitern; sie sind der visuelle Beweis dafür, dass sich das Leben – und erst recht die Katze – nicht in 90-Grad-Winkeln einsperren lässt.

Aus Catwalk Stories, Winterthur © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Besonders Bern erweist sich als die unbestrittene Metropole der vertikalen Katzenmobilität. Die Dichte dieser Bauwerke im Berner Siedlungsraum ist weltweit einzigartig, wobei allein in der Bundesstadt über ein Dutzend verschiedene Bautypen identifiziert werden können. Doch das Buch beschränkt sich nicht auf die reine Bestandsaufnahme. Es erzählt Geschichten von Eigensinn und Hingabe: Von der Katze Zingara, deren elf Meter hohe Wendeltreppe zeitlebens ignoriert wurde und nun als stummes Monument menschlicher Beharrlichkeit dient. Oder von Kater Schubert im Zürcher Langstrassenquartier, der als «Schubi» zum Social-Media-Star und zur Muse für Kreative avancierte. Diese Anekdoten unterstreichen, dass Architektur erst durch die Bedürfnisse ihrer Bewohner – ob zwei- oder vierbeinig – wirklich vervollständigt wird.

Aus Catwalk Stories, Zürich © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Während Carrascosas Fotografien oft den rührenden DIY-Charme einfangen, zeigt das Buch auch die professionalisierte Antwort auf das Problem. Konstrukteure wie Markus Gehring aus Buochs haben die «High-End-Lösung» entwickelt: feuerverzinkte Stahlsäulen, die ohne Eingriff in die «heilige» Bausubstanz bis zu 12 Meter hochragen. Wenn das Design die Katze vergisst, wird sie hier eben zum Statik-Projekt. «Catwalk Stories» bringt die Leserin und den Lesern zum Schmunzeln. Zum einen besticht es durch die klare Bildsprache und das Layout von Emanuel Tschumi. Zum anderen ist es eine sanfte, aber bestimmte Mahnung an alle Gestalter: Wahre Architektur beweist sich erst dort, wo sie den Alltag nicht aussperrt. Ein Muss für alle, die Architektur als Lebensraum verstehen, und ein willkommener Denkzettel für das nächste Planungsmeeting: Vergesst die Klappe nicht!

Aus Catwalk Stories, Zürich © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Die Edition Haus am Gern, 2001 von Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner gegründet, verlegt sorgfältig gestaltete Kunstbücher. Ausgezeichnet mit dem Preis für die schönsten Bücher der Schweiz (2004), präsentiert sich der Verlag an internationalen Kunstmessen und beliefert Fachbuchhandlungen. Als Teil des künstlerischen Unternehmens «Haus am Gern» in Biel versteht sich die Edition als offener Treffpunkt für diverse Disziplinen – von Fotografie und Poesie bis zu Nachbarn und Künstlern aller Art.

Aus Catwalk Stories, Zürich © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Catwalk Stories (ISBN 978-3-907350-40-9) kann direkt bei der Edition Haus am Gern oder im Buchhandel bezogen werden.

Aus Catwalk Stories, Zürich © Francisco PACO Carrascosa, Matthias Oberli

Zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit: Sebastian Copelands Grönland…

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Wenn die Natur spricht und wir nicht zuhören, lässt uns die Fotografie mit den Augen hören. Dieses Credo leitet Sebastian Copeland, einen der bedeutendsten Abenteurer und Fotografen unserer Zeit, dessen Werk tiefer geht als die blosse Dokumentation einer Landschaft. Im Haus der Fotografie entfaltet sich mit "Greenland: The Last Generation on Ice" eine immersive Reise durch eine Welt, die von atemberaubender Schönheit, zugleich aber von extremer Fragilität geprägt ist.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Copeland, einst kommerzieller Modefotograf auf der Madison Avenue, hat seine Karriere radikal neu ausgerichtet, um bedrohte Lebensräume ins Zentrum des globalen Bewusstseins zu rücken. Seine 27 Polarexpeditionen, bei denen er über 12'000 Kilometer auf Skiern zurücklegte – darunter eine Durchquerung der Antarktis –, sind nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern akribische Studien einer archaischen Natur. Bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad, konfrontiert mit Gletscherspalten und Eisbären, riskiert er sich selbst, um Momente festzuhalten, die wenigen Menschen vergönnt sind. Das Ergebnis sind Fotografien und Filme, die über mehrere Stockwerke verteilt den Betrachter in den Bann ziehen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Stärke von Copelands Arbeit liegt in ihrer Fähigkeit, die Distanz zwischen der realen, schmelzenden Eiswelt und der Wahrnehmung des Publikums zu überwinden. Seine Bilder der grönländischen Arktis und ihrer Inuit-Bevölkerung sind mehr als ästhetische Objekte; sie sind ein Appell. "Den Menschen zu helfen, sich in diese Welt zu verlieben, ist ein Katalysator für den Wunsch, sie zu schützen", so der Künstler, der auch als Klimaanalyst und Gründer der Sedna Foundation agiert. Die Ausstellung bietet somit keine passive Betrachtung, sondern eine emotionale Konfrontation mit der Klimakrise. Sie erinnert daran, dass das Eis, das wir bewundern, eine endliche Ressource ist – und dass Copelands Generation vielleicht die letzte ist, die sie in dieser Form erleben darf.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Sebastian Copeland gilt als einer der bedeutendsten Abenteurer unserer Zeit. Der preisgekrönte Polarforscher und Umweltschützer nutzt seine internationale Bekanntheit als Redner bei den Vereinten Nationen und seine Kunst, um global für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Nach seiner Karriere als Modefotograf widmet er sich seit über 25 Jahren ausschliesslich der Dokumentation bedrohter Polarregionen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Diese visionäre Arbeit findet im Haus der Fotografie in Olten ihre ideale Bühne. Der seit 2021 bestehende, dynamische Ausstellungsort hat sich unter der Ägide des International Photo Festival Olten (IPFO) schnell als kulturelle Instanz etabliert. In der Kirchgasse präsentiert das Haus regelmässig Werke von Weltformat – von David Lynch bis Martin Parr – und verbindet dabei kunstvolle Ästhetik konsequent mit gesellschaftlich relevanten Themen.

Aus Greenland: The Last Generation on Ice © Sebastian Copeland

Die Ausstellung "Greenland: The Last Generation on Ice" kann vom 11. April bis zum 19. Juli 2026 im Haus der Fotografie in Olten besucht werden.

Die Würde des Augenblicks: Das humanistische Erbe von Fred Stein…

Gypsy Rose Lee, 1957 © Fred Stein

Lange Zeit wurden die Arbeiten von Fred Stein (1909–1967) unterschätzt. Heute gilt sein Werk als massgebliche Brücke zwischen der europäischen Avantgarde und der amerikanischen Dokumentarfotografie. Stein war kein blosser Chronist des Urbanen; er war ein Seismograf der menschlichen Existenz, der dokumentarische Präzision mit einem zutiefst empathischen, humanistischen Blick vereinte. 

Steins Biografie ist untrennbar mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts verwoben. 1933 sah sich der promovierte jüdische Rechtsanwalt gezwungen, aus seiner Geburtsstadt Dresden vor dem NS-Regime zu fliehen. Diese Erfahrung von Exil und Verlust prägte sein gesamtes Schaffen und führte zu einer besonderen Sensibilität für Menschen am Rande der Gesellschaft – wie Immigranten, Arbeiter und Passanten. Zunächst in Paris und später in New York verlieh diese Perspektive seinen Aufnahmen eine unverwechselbare, würdevolle Tonalität.

Flatrion Building, New York, 1947 © Fred Stein

In seinen frühen Pariser Arbeiten der 1930er-Jahre experimentierte Stein mit den stilistischen Mitteln der Moderne, wie unkonventionellen Blickwinkeln und starken Kontrasten. Dennoch unterschied er sich von Vertretern des «Neuen Sehens» durch den Verzicht auf extreme Formalismen zugunsten eines erzählerischen, beinahe literarischen Blicks. Nach seiner Übersiedlung nach New York fand dieser Stil in der Darstellung der pulsierenden Metropole seine Vollendung: Seine Strassenfotografie zeigt Menschen in Bewegung, spielende Kinder und Arbeitswelten in Begegnungen, die von Nähe und Respekt geprägt sind.

Gilr in Car, New York, 1947 © Fred Stein

Besonders hervorgehoben wird Steins Porträtfotografie. Zu seinen bekanntesten Bildern gehören Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Hannah Arendt, Georgia O'Keeffe und Salvador Dalí. Diese Porträts sind weniger repräsentative Inszenierungen als vielmehr psychologisch dichte Dialoge zwischen Fotograf und Modell. Stein arbeitete meist mit natürlichem Licht und bevorzugte reduzierte Kompositionen, um die Konzentration auf Blick, Haltung und Ausdruck zu lenken. Statt Heroisierung entstand eine Intimität, die den Menschen hinter der öffentlichen Figur sichtbar macht.

Man in Pushcart, New York, 1944 © Fred Stein

In Deutschland wird das Werk von Fred Stein exklusiv durch die Galerie noir blanche repräsentiert. Die Galerie wurde im Frühjahr 2017 gegründet und ist nach ihrem Umzug im Jahr 2023 im Düsseldorfer Stadtteil Flingern beheimatet. Ihr Name ist eine Hommage an Man Rays ikonisches Foto Noire et Blanche von 1926. In ihren hellen Räumen zeigt die Galerie neben Fred Stein gut 35 internationale Fotografen – darunter Andy Warhol, Gered Mankowitz und F.C. Gundlach – mit einem besonderen Schwerpunkt auf Schwarz-Weiss-Abzügen und handverlesenen Vintage-Prints. 

Die Ausstellug Fred Stein kann vom 10. April – 13. Juni 2026 in der Galerie noir blanche in Düsseldorf besucht werden.

Körper als Widerstand: Die visuelle Rebellion der Yumna Al-Arashi..

I Am Whoever You, Want Me to Be, 2018, from the series Axis of Evil © Yumna Al-Arashi

In der zeitgenössischen Fotografie gibt es Stimmen, die weit über das blosse Abbilden hinausgehen und bestehende Machtstrukturen aktiv dekonstruieren. Eine dieser prägnanten Stimmen gehört der jemenitisch-ägyptisch-amerikanischen Künstlerin Yumna Al-Arashi. Ihr Werk versteht sich als ein vielschichtiges Manifest, das sich gegen die weltweite Unterdrückung und Stereotypisierung von Frauen auflehnt. Dabei navigiert Al-Arashi in ihren Arbeiten sicher zwischen verschiedenen emotionalen und ästhetischen Registern, die von provokativer Verspieltheit über tiefe Poesie bis hin zu trotzigem Zorn reichen. Ihr Fokus liegt insbesondere auf der Darstellung der arabischen Welt sowie der Aufarbeitung kolonialer Erbschaften, die unser heutiges Denken noch immer unbewusst prägen.

Let Me In I, 2024, from the series, Let Me In (2024–doorlopend/ongoing) © Yumna Al-Arashi

Vom Dokumentarischen zur konzeptionellen Befreiung
Der Weg zur autonomen Kunst führte Al-Arashi ursprünglich über die klassische Dokumentarfotografie. Als Autodidaktin schuf sie zunächst Bilder für renommierte Publikationen wie National Geographic oder die New York Times. Doch der internationale Erfolg brachte ethische Bedenken mit sich: Al-Arashi erkannte die „Gewalt“, die der Fotografie durch ihre Machtdynamik innewohnt – eine Dynamik, die sich bereits in kriegerischen Begriffen wie „einfangen“ oder „aufnehmen“ widerspiegelt. 

Um dieser Einseitigkeit zu entkommen, entwickelte sie eine politischere, konzeptionelle Bildsprache. In ihren heutigen Werken schützt sie die Identität und Würde der porträtierten Frauen, indem sie deren Stärke und Schönheit radikal ins Zentrum rückt. Bemerkenswert ist dabei ihr Verzicht auf die schützende Anonymität hinter der Kamera: In konzeptuellen Selbstporträts macht sie ihren eigenen Körper zum integralen Bestandteil des politischen Dialogs und bricht so die traditionelle Hierarchie zwischen Fotografin und Motiv endgültig auf.

Looking at You Looking at Me, Looking at You IV, 2018, from the series Looking at You Looking at Me Looking at You © Yumna Al-Arashi

Ikonografie des Widerstands
Ein zentrales Motiv in Al-Arashis Schaffen ist die direkte Konfrontation mit westlicher Propaganda. Geprägt durch ihre Jugend in Washington D.C. während des „Krieges gegen den Terror“, hinterfragt sie die stigmatisierenden Erzählungen über die Herkunftsländer ihrer Vorfahren. Dies zeigt sich besonders deutlich in ihrem Diptychon Axis of Evil (2020), in dem sie Frauen aus sogenannten „Schurkenstaaten“ porträtiert. Durch die geschickte Gegenüberstellung von Profil- und Frontalansicht betont sie sowohl gemeinsame Züge als auch einen kollektiven Kampfgeist. Ähnlich kraftvoll agiert die Serie Shedding Skin (2017), welche in einem Beiruter Badehaus entstand. Hier eignet sich Al-Arashi die historisch oft orientalistisch verzerrte Sicht auf das Hamam neu an und ersetzt sie durch ein authentisches Bild weiblicher Solidarität. 

Northern Yemen II, 2013, from the series Northern Yemen (2013–2014) © Yumna Al-Arashi

Einen Höhepunkt ihres bisherigen Œuvres stellt das Buchprojekt Aisha (2024) dar, das auf Fotografien ihrer jemenitischen Grossmutter basiert und die verschwindende Tradition der Gesichtstätowierungen bei älteren Generationen nordafrikanischer Frauen dokumentiert. Das Werk, das 2025 als „schönstes Schweizer Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurde, fungiert als liebevolles Gegengewicht zur kolonial gefärbten Darstellung dieser Frauen in westlichen Archiven. Inspiriert von den Thesen Audre Lordes begreift Al-Arashi den Körper dabei als Träger von Erinnerungen und Quelle einer lebensbejahenden, erotischen Kraft. Für sie ist die bewusste Entscheidung über das eigene Aussehen der grösste Akt der Rebellion gegen eine Gesellschaft, die den weiblichen Körper ununterbrochen kontrollieren will.

South – Fire, 2025, from the series Tears for the Future © Yumna Al-Arashi, collection Huis Marseille

Yumna Al-Arashi wurde 1988 in Washington D.C. geboren und lebt seit 2020 in der Schweiz. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften in New York schloss sie 2022 ihren Master in Bildender Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre Arbeiten wurden bereits international in bedeutenden Institutionen wie dem MoMA PS1 in New York, dem Helmhaus Zürich oder dem Institut du Monde Arabe in Paris gezeigt.

East – Wind, 2025, from the series Tears for the Future © Yumna Al-Arashi, collection Huis Marseille

Den passenden Rahmen für ihre Einzelausstellung bietet das Huis Marseille, das seit 1999 als Amsterdams erste Adresse für Fotografie gilt. Untergebracht in zwei prachtvollen Kanalhäusern aus dem 17. Jahrhundert an der Keizersgracht, bietet es einen organischen Kontrast zum klassischen „White Cube“. Die authentischen Räume verstärken die Wirkung der gezeigten Werke, die oft speziell für diese Architektur konzipiert werden. Das Museum widmet sich fortlaufend der Frage, wie eine neue Bildsprache den Zeitgeist und den künstlerischen Charakter des Mediums widerspiegeln kann. 

Die Ausstellung Body as Resistance von Yumna Al-Arashi kann vom 14. Februar – 21. Juni 2026 im Huis Marseille in Amsterdam besucht werden.

Frank Horvat: Den Augenblick gewähren lassen...

Givenchy Hat for JDM, Paris, France, 1958 © Frank Horvat

Im Herzen der Provence, wo Weinreben auf zeitgenössische Architektur treffen, widmet das Château La Coste dem grossen Fotografen Frank Horvat eine bemerkenswerte Ausstellung. Unter dem Titel «Laisser la vie se produire» (Das Leben geschehen lassen) lädt die Galerie des Anciens Chais dazu ein, die Welt durch die Linse eines Mannes zu betrachten, der die Fotografie als einen Akt der Freiheit verstand.

For Glamour, Central Park, New York, USA, 1959 © Frank Horvat

Ein Titel als Lebensphilosophie
Der Name der Ausstellung ist einer Zeile von Rainer Maria Rilke entlehnt – einem Dichter, den Horvat tief verehrte. Es ist weit mehr als nur ein Motto; es ist eine Einladung, die Welt so zu bewohnen, wie sie ist. Horvats Werk zeichnet sich durch eine seltene Unvoreingenommenheit aus: Er liess flüchtige Momente, Körper in Bewegung und unerwartete Blickwinkel entstehen und stellte damit die Fähigkeit der Fotografie auf die Probe, die Zeit anzuhalten und gleichzeitig offen für den Zufall zu bleiben.

Monique Dutto at métro exit, for Jours de France, Paris, France © Frank Horvat

Vom Pariser Nachtleben zum Mode-Revoluzzer
Die Präsentation versammelt 46 Originalabzüge, die die Zeitspanne von Mitte der 1950er bis Ende der 1980er Jahre abdecken. Besonders eindrücklich sind seine frühen Schwarz-Weiss-Serien aus Paris und London. In der berühmten Serie Paris de nuit blickte er auf das Nachtleben der Nachkriegszeit. Seine Bilder von Tänzern, Nachtschwärmern und einsamen Cafés sind oft körnig, dunkel und von einer melancholischen Sinnlichkeit durchzogen.

Doch Horvat war kein reiner Dokumentarfotograf. Er revolutionierte die Modefotografie, indem er sie aus dem sterilen Studio auf die Strasse holte. Sein «Reportage-Stil» setzte auf natürliche Gesten und die Spontaneität des echten Lebens, ohne dabei den Sinn für Eleganz und Glamour zu verlieren. Für Magazine wie Vogue, Harper’s Bazaar oder Glamour schuf er Bilder, die bis heute durch ihre Modernität bestechen.

Carol Lobravico at Café Flore, for Harper's Bazaar, french high fashion, Paris, France, 1962 © Frank Horvat

Die Essenz des Unwiederholbaren
Für Frank Horvat war ein gutes Foto eines, das man nicht noch einmal machen kann. Er betonte, dass ein Bild unvorhersehbar sein müsse und alles darin enthaltene notwendig sein solle. Ob es seine frühen Reisen nach Indien, seine farbintensiven New-York-Serien der 80er Jahre oder seine späten digitalen Experimente waren: Horvat blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2020 ein Beobachter, der dem Moment mit Demut und Neugier begegnete.

Quai du Louvre, Couple, Paris, France, 1955 © Frank Horvat

Das Château La Coste liegt in einer der geschichtsträchtigsten Weinbauregionen Frankreichs, eingebettet in die malerische Landschaft zwischen Aix-en-Provence und dem Nationalpark Luberon. Seit der Eröffnung für das Publikum im Jahr 2011 hat sich das 200 Hektar grosse Anwesen zu einem Ort entwickelt, an dem Weinbau, zeitgenössische Kunst und moderne Architektur in einer einzigartigen Harmonie koexistieren. Besucher können auf dem Gelände über vierzig bedeutende Kunstwerke entdecken, die im Dialog mit der provenzalischen Natur aus Zypressen, Pinien und jahrhundertealten Eichen stehen.

Red coat in front of Upper West Side building, Upper West side, New York, 1984 © Frank Horvat

Die Ausstellung Laisser la vie se produire von Frank Horvat kann vom 15. Februar bis zum 12. April 2026 in der Galerie des Anciens Chais in Le-Puy-Ste-Réparade besucht werden.

 

Die Zähmung des Ungezähmten: Laurence Kubskis SAUVAGES...

Reconstitution d’un souvenir d’enfance, le concours de vitesse d’escargots 2024, © Laurence Kubski

In der zeitgenössischen westlichen Kultur ist das Bild der unberührten Natur längst einer Realität gewichen, in der jedes Lebewesen seinen Platz in einem engmaschigen System aus menschlicher Kontrolle und Fürsorge findet. Genau diesem Spannungsfeld widmet sich die Fotografin Laurence Kubski in ihrem Projekt SAUVAGES (dt. Wild).

Broches en forme d’edelweiss fabriquées par un chasseur à partir de dents de renards qu’il a luimême abattus 2024 © Laurence Kubski

Über den Zeitraum eines Jahres dokumentierte Kubski die vielfältigen Interaktionen zwischen Mensch und Tier im Kanton Freiburg. Ihre Linse fängt dabei Momente ein, in denen die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation zunehmend verschwimmt: Die Motive reichen von der technisierten Rettung von Rehkitzen mittels Drohnen vor der Mahd bis hin zur wissenschaftlichen Katalogisierung von Fledermäusen und Vögeln. Diese dokumentarischen Einblicke verwebt sie geschickt mit persönlichen Kindheitserinnerungen aus dem ländlichen Freiburg, wie etwa der Inszenierung eines Schneckenrennens.

Autocollants à appliquer sur les vitres pour éviter les collisions d’oiseaux 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung wirft damit die provokante Frage auf: Existiert das Wilde überhaupt noch? Kubskis Werk zeigt eine Fauna, die entweder überwacht, gejagt oder geschützt wird – aber in jedem Fall unter ständigem menschlichem Einfluss steht. Ob es handgefertigte Broschen aus Fuchszähnen sind oder die akribisch geordnete Glassammlung eines Taxidermisten im Naturhistorischen Museum – das Tier wird in diesen Kontexten oft zum Objekt oder Symbol menschlicher Kultur degradiert.

Fauvette à tête noire du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2025 © Laurence Kubski

Die Galerie FOCALE bietet den idealen Rahmen für diese ästhetische und soziologische Untersuchung. Kubski, die bereits mit dem Swiss Design Award ausgezeichnet wurde, gelingt es, lokale Praktiken als repräsentative Stichproben unserer heutigen westlichen Gesellschaft darzustellen. SAUVAGES ist somit weit mehr als nur ein Porträt der Freiburger Tierwelt; es ist ein Spiegel unseres eigenen Selbstverständnisses gegenüber der Natur.

Collection de yeux du taxidermiste du Musée d’histoire naturelle de Fribourg 2024 © Laurence Kubski

Die Ausstellung SAUVAGES wird am 18. April 2026 eröffnet und kann bis zum 14. Juni 2026 in der Galerie FOCALE besucht werden.