Einträge in Magnum Photos
Farbe als Gefühl, Schrift als Bild: Ein Sommer in Turin…

FIAT Lingotto, Torino, Italia, 2011 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia tritt in eine neue Phase. Seit François Hébel im November 2025 die künstlerische Leitung übernommen hat, zeichnet sich ein Programm ab, das zwei unterschiedliche Zugänge zur Fotografie nebeneinanderstellt. Vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zeigt das Haus Arbeiten von Harry Gruyaert und Werner Jeker. Es ist der erste vollständige Zyklus, der unter seiner Verantwortung kuratiert wurde.

Essaouira, Marocco, 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Harry Gruyaert steht im Zentrum der Hauptausstellung. Der 1941 geborene Belgier, seit langem Mitglied von Magnum Photos, gehörte in Europa zu den ersten, die der Farbfotografie eine eigenständige, kreative Bedeutung gaben. In den 1970er- und 80er-Jahren, als die Fotografie noch stark vom Schwarzweiss dominiert wurde, folgte Gruyaert keinem dokumentarischen Imperativ, sondern entwickelte eine Sprache, in der Farbe nicht beschreibt, sondern empfinden lässt.

Baie de Somme, Francia, 1991 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Die Turiner Ausstellung ist die erste umfassende Retrospektive seiner Arbeit in Italien. Sie führt chronologisch durch sein Schaffen und beginnt mit der Serie «TV Shots». In diesen Bildern setzt sich Gruyaert mit den ersten Farbfernsehübertragungen auseinander und fängt die damalige, noch ungewohnte Farbigkeit des Mediums ein. Die Ausstellung führt weiter durch die verschiedenen Stationen seiner Reisen. Besonders Marocco nimmt eine Schlüsselrolle ein: Für Gruyaert war es ein Ort der Offenbarung, an dem Landschaft und menschliche Präsenz zu einer visuellen Einheit verschmolzen. Jeder Ort, den er bereiste, erhielt in seinen Bildern eine spezifische chromatische Qualität.

Fiandre, Belgio 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Technisch spannt die Ausstellung einen Bogen von der analogen zur digitalen Ära. Gruyaerts Arbeit ist geprägt vom Einsatz von Kodachrome-Film und Cibachrome-Prints im 20. Jahrhundert, Materialien, die für ihre besondere Leuchtkraft bekannt waren, bis hin zu den Möglichkeiten des Digitalen im 21. Jahrhundert. Sein Ansatz ist dabei stärker von der Malerei und dem Kino beeinflusst als von der traditionellen Fotografie. Licht, Farbe und Komposition stehen über dem narrativen Inhalt. Wie der Künstler selbst festhält, ist Farbe physischer als Schwarzweiss; sie muss die Betrachtenden unmittelbar durch ihre Nuancen treffen, bevor der Verstand die Situation einordnen kann. Die Ausstellung macht diese sinnliche Qualität erfahrbar und zeigt, wie Gruyaert Farbe als eigenständiges Material begriffen hat.

Manifesto © Werner Jeker

Als konzeptuellen Gegenpol zur malerischen Farbwelt Gruyaerts präsentiert der Projektraum die Arbeit von Werner Jeker unter dem Titel «Photo Typo». Der 1944 in der Schweiz geborene Grafiker nimmt eine Sonderstellung im internationalen Design ein. Jeker hat in seiner Karriere über 800 Plakate entworfen, hauptsächlich für kulturelle Institutionen, und dabei eine eigene visuelle Sprache entwickelt, in der Fotografie und Typografie eine untrennbare Symbiose eingehen.

Allestimento © Werner Jeker

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl seiner Arbeiten und fokussiert auf jene Plakate, in denen das fotografische Bild als strukturelles Element der Komposition dient. Jekers Ansatz zeichnet sich durch einen kalibrierten Eingriff aus: Er verändert das fotografische Original nicht in seinem Inhalt, sondern bewahrt dessen dokumentarische Integrität. Durch die präzise Platzierung von Text und die grafische Anordnung amplifiziert er jedoch die visuelle Wirkung des Bildes und hebt es auf eine neue Ebene. Diese Methode unterscheidet ihn von vielen Zeitgenossen, die das Foto oft stark bearbeiteten oder nur als Illustration nutzten.

Manifesto © Werner Jeker

Seine Zusammenarbeit mit Fotografen wie René Burri, Raymond Depardon oder Henri Cartier-Bresson unterstreicht diese Haltung. Jeker verstand das dokumentarische Bild und setzte es in einen neuen Kontext, ohne es zu verfälschen. Die gezeigten Arbeiten belegen, wie ein Gebrauchsgrafik-Objekt wie ein Plakat zur autonomen Kunstform werden kann. Für sein innovatives Wirken, besonders im Umgang mit der Fotografie, wurde Jeker unter anderem mit dem Infinity Award ausgezeichnet. Die Ausstellung im Projektraum würdigt diesen spezifischen Beitrag zur visuellen Kultur und zeigt, wie Typografie das Verständnis eines Fotos lenken kann, ohne es zu dominieren.

Allestimento © Werner Jeker

Das CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia befindet sich in der Via delle Rosine 18 in Turin. Die Institution wurde 2015 gegründet und versteht sich als fester Ankerpunkt für die Fotokultur in Italien. Mit seinen Haupträumen und dem spezifischen Projektraum bietet das Zentrum eine Plattform für nationale und internationale Positionen und verbindet Ausstellungen mit Bildungsangeboten, Gesprächen und Workshops. Als privat finanzierte Stiftung agiert es unabhängig und fördert den Dialog zwischen der italienischen und der internationalen Fotoszene. 

Die Ausstellungen von Gruyaert und Jeker sind vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Sie markieren den ersten Ausstellungszyklus unter der Direktion von François Hébel und setzen einen klaren inhaltlichen Akzent für die kommende Saison. 

Unterwegs in Turin…
Der Bicerin ist Turins flüssige Seele. In diesem kleinen Glas, das dem Getränk im Piemontesischen seinen Namen gab, vereinen sich drei Welten: dunkle, dichte Schokolade, kräftiger Espresso und eine hauchzarte Krone aus Milchcreme. Keine Mischung, sondern eine kunstvolle Schichtung, die seit dem 18. Jahrhundert im ältesten Kaffeehaus der Stadt zelebriert wird. Hier tranken einst Dumas und Verdi, heute lädt das Getränk zur entschleunigten Pause ein. Der Bicerin widersteht dem Trend des «Coffee to go»; er fordert Zeit und Genuss. Jeder Schluck offenbart ein neues Aroma, von der leichten Creme bis zur tiefen Schokolade. Er ist mehr als ein Heissgetränk – er ist ein Stück gelebter Geschichte und das warme Herz des Turiner Winters. Ein Muss für jeden, der die Eleganz des Piemonts schmecken möchte.

Comme des images Provins...

Ipanema Beach, Rio de Janeiro, Brazil, 1958 © René Burri - Agence Magnum - Fondation René Burri

Vom Juni bis September 2026 findet in Provins (Seine-et-Marne) erstmals das Fotografie-Festival «comme des images» statt. Die Veranstaltung nutzt mehrere historische und kulturelle Orte der Stadt, um zeitgenössische Fotografie sowie Werke aus der Geschichte des Mediums zu präsentieren. Ein zentrales Element ist die Förderung der künstlerischen Produktion durch eine Residenz, die in diesem Jahr mit dem Fotografen Fred Delangle besetzt ist. 

Sans titre, 1946 © Erwin Blumenfeld - © The Estateof Erwin Blumenfeld

Im Fokus der Residenz steht die Arbeit von Fred Delangle, der über einen Zeitraum von mehreren Monaten eine Serie speziell für die Stadt Provins entwickelt hat. Seine Arbeiten, die sich thematisch mit der nächtlichen Atmosphäre der mittelalterlichen Stadt auseinandersetzen, werden in der Église Sainte-Croix ausgestellt. Nach 40 Jahren Schliessung wird die Kirche erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Delangle fokussiert sich in seinen Langzeitprojekten vor allem auf urbane Räume, darunter Arbeiten in Indien und Venedig. Ergänzend zu Delangle wird in der Kirche eine Projektion mit Werken des Magnum-Fotografen René Burri (1933–2014) präsentiert, die dessen photojournalistisches Schaffen würdigt. 

Série Opprinnelsen, La Porte © Florence D'elle - agence révélateur

Das Festivalprogramm umfasst zudem mehrere thematische Ausstellungen an verschiedenen Standorten. In der Médiathèque Alain Peyrefitte ist die Gruppenausstellung «Paysages Rêvés» zu sehen, die sieben Künstlerinnen und Künstler zusammenbringt, welche historische fotografische Verfahren anwenden. Dazu gehören Aassmaa Akhannouch (Cyanotypie), Grégor Beltzig (Fresson-Druck), Florence D’elle (Ferrotypie/Nasskollodium), Irène Jonas (kolorierte Fotografie), Jens Knigge (Platin-Palladium-Druck), Laurent Millet (Gummibichromat) und Takeshi Shikama (Platin-Palladium-Druck auf Gampi-Papier). Jede Position stellt einen spezifischen technischen Ansatz vor, der die Geschichte der Fotografie nachzeichnet. 

Série Northern Lights, Ground N°4 © Jens Knigge, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Weitere Ausstellungsorte sind der Espace Pôle Gare und das Atelier Galerie Guedamour. Im Espace Pôle Gare werden Farbarbeiten des Modefotografen Erwin Blumenfeld (1897–1969) gezeigt, die während seiner Zeit in New York (1941–1960) entstanden sind. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Erwin Blumenfeld Foundation realisiert. Im Atelier Galerie Guedamour präsentiert Estelle Lagarde ihre Serie «Entre», die zwischen 2018 und 2020 in der Abtei von Chéhéry entstand. Die Arbeiten basieren auf analogen Silberabzügen ohne digitale Nachbearbeitung und thematisieren den Zustand des Ortes zwischen Verfall und Wiederherstellung. 

Série Boulevar de l'Océan © Aassmaa Akhannouch, Courtesy Galerie Esther Woerdehoff

Die Öffnungszeiten variieren je nach Standort. Die Église Sainte-Croix und der Espace Pôle Gare sind freitags bis sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Die Médiathèque Alain Peyrefitte hat unter der Woche erweiterte Öffnungszeiten, bleibt jedoch im August geschlossen. Das Atelier Galerie Guedamour ist donnerstags und freitags sowie samstags zugänglich, ansonsten nach Vereinbarung. Die Organisation liegt bei der Association Comme des Images, gegründet von Sabine Guedamour und Sébastien Mariau, die bereits 2023 die «Rencontres de Provins» initiiert hatten.

Série Voyage sur le fil de soi, 2019 © Gregor Beltzig

Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile

Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.

Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.

Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos

Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken. 

Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt. 

Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche. 

Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.