Sergio Larrain. El vagabundo de Valparaíso – Chile
Bavestrello-Passage. Valparaíso. Chile, 1952. © Sergio Larrain / Magnum Photos
Sergio Larrain gilt als eine der rätselhaftesten und bedeutendsten Figuren der Fotografie des 20. Jahrhunderts – ein Visionär, der die seltene Fähigkeit besass, das Vergängliche durch Schatten, Reflexionen und unkonventionelle Blickwinkel in zeitlose, geheimnisvolle Bilder zu verwandeln. Geboren 1931 in Santiago de Chile, wuchs er in einem kulturgeprägten Umfeld auf, geprägt durch seinen Vater, einen führenden Architekten und Freund von Künstlern wie Josef Albers. Nach einem Forstwirtschaftsstudium in den USA und ersten Reisen durch Europa und den Nahen Osten begann er seine Laufbahn als freiberuflicher Fotograf, wobei sein Werk stets von einer tiefen Sensibilität für die menschliche Präsenz und die Stille der urbanen Einsamkeit zeugte. Sein kometenhafter Aufstieg in den 1950er-Jahren, befeuert durch prägende Arbeiten in London und für das Magazin O Cruzeiro, führte ihn 1959 auf Einladung von Henri Cartier-Bresson schliesslich zur Agentur Magnum Photos nach Paris.
Bar, Valparaíso. Chile, 1963. © Sergio Larrain / Magnum Photos
Doch auf dem absoluten Höhepunkt seines Erfolgs entschied sich Larrain 1965 zu einem radikalen Schritt: Er verliess Magnum und die professionelle Fotografie, getrieben von dem Bedürfnis nach einem «vitaleren Dasein» abseits der ständigen Anpassung an die Branche. In Tulahuén fand er schliesslich einen Ort des Rückzugs, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2012 der Meditation, dem Yoga, dem Schreiben und der Malerei widmete. Dieses aussergewöhnliche Vermächtnis wird im Jahr 2026 in einer grossen, zweistufigen Ausstellung unter der Kuratierung von Agnès Sire neu beleuchtet. Den Auftakt macht von Januar bis Mai die Fundación Foto Colectania im Barrio El Born in Barcelona. Diese Etappe konzentriert sich auf Larrains tiefe Beziehung zu seiner chilenischen Heimat und präsentiert 80 Fotografien, darunter die eindringliche Serie Niños de la calle (1956–1957). Für diese Arbeit begab er sich metaphorisch und wörtlich auf die Augenhöhe der Strassenkinder, um ein Echo seiner eigenen Entfremdung einzufangen. Ergänzt wird dieser Einblick durch den seltenen 16-mm-Film Niños vagabundos sowie seine legendären Arbeiten über die Hafenstadt Valparaíso, die für ihn zu einer fast mütterlichen Umgebung wurde, in der jeder Schatten und jede Treppe Teil eines grossen visuellen Gedichts war, das er gemeinsam mit Pablo Neruda für die Zeitschrift DU und spätere Kultbücher webte.
Hauptstrasse, Corleone. Sizilien, 1959. © Sergio Larrain / Magnum Photos
Ab August wird das Projekt in Palafrugell im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs als umfassende Präsentation fortgesetzt. Mit fast 90 Fotografien zeichnet diese Etappe Larrains gesamte internationale Laufbahn nach und führt über Chile hinaus nach London, Paris und Italien sowie durch Peru, Bolivien und Argentinien. Neben Vintage-Abzügen seiner Pressearbeit gewährt die Retrospektive durch eine Auswahl von «Satori»-Bildern auch Einblicke in seine späte Phase des spirituellen Rückzugs. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung behalten Larrains Fotografien eine dringliche Aktualität; sie verbinden Sozialdokumentation mit purer Poesie und bleiben damit ein grundlegender Massstab für neue Generationen von Fotografen, die in der Stille seiner Bilder eine auffallende Modernität und die Freiheit eines unkonventionellen Blicks entdecken.
Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David «Chim» Seymour gegründete Fotografen-Genossenschaft ist weltweit führend in der Dokumentation des Zeitgeschehens. Mit Standorten in New York, London und Paris sichert sie die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder und bewahrt ein Archiv von rund einer Million physischen Bildern, das alle Facetten des globalen Lebens widerspiegelt.
Fundación Foto Colectania, die 2002 gegründete Stiftung mit Sitz im Barrio El Born in Barcelona ist ein Referenzzentrum für Fotografie. Sie beherbergt eine Sammlung von 3'500 Werken sowie das Archiv von Francisco Gómez. Die gemeinnützige Organisation widmet sich der Förderung des kritischen Denkens rund um das Bild durch innovative Ausstellungen und Konservierungsbereiche.
Biennal de Fotografia Xavier Miserachs, die 1999 zu Ehren von Xavier Miserachs (1937–1998) ins Leben gerufene Festival in Palafrugell ist eines der ältesten Fotofestivals Kataloniens. Es verfolgt das Ziel, das fotografische Erbe zu bewahren, unbekannte Archive aufzuarbeiten und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die aktuelle Ausstellung in der Foto Colectania in Barcelona kann bis zum 24. Mai 2026 besucht werden, bevor die Retrospektive ab dem 1. August 2026 im Rahmen der Biennal de Fotografia Xavier Miserachs in Palafrugell gastiert.