Einträge in Scheidegger & Spiess
Gertrud Voglers subversiver Blick auf Zürichs Ränder

Razzia in einem gesellschaftlichen Klima, das die Bewegten an Packeis denken lässt: Autonomes Jugendzentrum (AJZ) in Zürich, 1980 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Zürich war in den Achtzigerjahren eine unruhige Stadt, zerrissen zwischen Finanzmetropole und Gegenkultur. Die Fotografin Gertrud Vogler fing diese Zeit des Umbruchs mit unbestechlicher Sanftmut ein – ein neuer Bildband würdigt nun erstmals ihr Schaffen.

1.-Mai-Umzug in Zürich. Kanonengasse/Dienerstrasse, 1996 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Ein Mann sitzt auf einem Untersatz neben dem Rondell am nächtlichen Platzspitz, umgeben von Abfall, verletzlich wie eine einsame Insel mitten im Chaos. In Gertrud Voglers Linse offenbart sich kein voyeuristischer Schrecken, sondern eine stille, bedingungslose Menschlichkeit. Die Fotografin drängte sich nie in die erste Reihe, um das Spektakel des Elends abzulichten, sondern verschmolz beinahe unsichtbar mit dem sozialen Raum. Wer sich in das Buch vertieft, blättert sich durch eine rasante Ära der Rebellion und Zürcher Stadtgeschichte, konsequent und unaufgeregt festgehalten in Schwarz-Weiss.

Besetzung am Zürcher Stauffacher, bevor das Haus abgerissen und durch ein Shoppingcenter mit teuren Wohnungen ersetzt werden soll. Badenerstrasse, 1984 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum, die erbitterten Hausbesetzungen, das Erstarken der Frauenbewegung und der Alltag der Jenischen – Vogler dokumentierte die sozialen Brennpunkte Zürichs zwischen 1975 und 2000 mit beispielloser Ausdauer. Fotografierende kennen das Phänomen des Beobachtungseffekts, der Menschen vor der Kamera erstarren lässt. Vogler umging diesen Mechanismus, indem sie für ihr Gegenüber schlicht zum Inventar wurde. Ihre Bilder verweigern sich der Elendspornografie ebenso wie der plakativen Heroisierung; stattdessen kultivierte sie konsequent das Geheimnis des Unspektakulären. Wenn Aktivistinnen für autonome Räume stritten oder Geflüchtete im zermürbenden Warten verharrten, blieb Vogler nah, respektvoll und solidarisch. Das Fotografieren verstand sie zeitlebens als befreienden Gegenpol zum Alltagstrott – als Medium, um neue Welten zu erkunden und sich in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen. Durch ihren Verzicht auf jede Effekthascherei entfalten ihre Aufnahmen der Jugendunruhen und der verschwindenden Arbeitswelten eine poetische Wucht, die bis heute nachhallt.

Kein schlechter Willkommensgruss in einer reichen Stadt, die arm an günstigem Wohnraum ist. Besetztes Wohlgroth-Areal in Zürich, 1993 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Die Biografie von Gertrud Vogler, die 1936 im wallisischen Montana zur Welt kam und 2018 starb, zeugt von bemerkenswerter Unabhängigkeit. Früh verwitwet, zog die gelernte Verkäuferin zwei Söhne allein gross und brachte sich das Handwerk der Fotografie in den Siebzigerjahren als Autodidaktin selbst bei. Sie stiess zur Frauenbefreiungsbewegung und wirkte über zwanzig Jahre lang als Bildredaktorin für Die Wochenzeitung WOZ. Dabei hinterliess sie ein immenses Archiv von rund 200'000 Negativen, das sich nun als wertvoller Nachlass im Schweizerischen Sozialarchiv befindet.

Obdachlosigkeit im Shopville: Die Einkaufspassage wird zum Reich der Armen. Hauptbahnhof Zürich, 1989 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Der Verlag Scheidegger & Spiess, mit Sitz im Zürcher Niederdorf, bringt dieses Werk heraus, das von Kuratoren des Schweizerischen Sozialarchivs konzipiert wurde. Damit bietet der Verlag einer unermüdlichen Chronistin des Alltags eine publizistische Heimat. Ihre Bilder prägen das kollektive Gedächtnis der Schweiz massgeblich und werden durch diese Aufarbeitung vor dem Vergessen bewahrt.

Drogenelend am stillgelegten Bahnhof Letten. Zürich, 1993 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Die erste umfassende Monografie mit dem Titel «Gertrud Vogler: Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch 1975–2000» schliesst fünfzig Jahre nach Beginn ihres fotografischen Schaffens eine publizistische Lücke. Das von Stefan Länzlinger und Silvan Lerch sorgsam kuratierte Buch liefert in Text und Bild einen tiefgründigen, berührenden Zugang zu einer bewegten Epoche.

Internationaler Frauentag in Zürich. Limmatquai, 1987 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Romnja im Zürcher Albisgütli, 1995 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Warten auf die Zukunft: Asylbewerber werden im Obergeschoss einer Turnhalle untergebracht. Aarau, 1986 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Autoverwertung in Kaiseraugst, 1980 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Eröffnung des Tramtunnels nach Zürich-Schwamendingen. Haltestelle Schörlistrasse, 1986 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Das Jahrhundert der Lichter und Lärchen...

Fotograf: Domenic Feuerstein, Stradun in Scuol, um 1940 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie die Unterengadiner Fotografendynastie Feuerstein das visuelle Gedächtnis einer Alpental-Moderne zwischen Tradition, Naturmythos und Fortschritt erschuf. 

Das Archiv als Seelenlandschaft: Wenn wir von der Fotografie sprechen, nutzen wir meist die gravitätische Einzahl. Wie der Fotopublizist Urs Stahel in seinem feinsinnigen Vorwort festhält, klingt diese Einzahl fast so erhaben und unumstösslich wie «die Natur», «die Sonne» oder «der Himmel». Doch wer in die visuelle Erbschaft der Unterengadiner Familie Feuerstein blickt, merkt sogleich, wie schnell sich das Singularische auflöst: Was über drei Generationen und vier Fotografen hinweg auf rund 50'000 Glasplatten, Negativen und Filmrollen festgehalten wurde, ist keine monotone Bildschöpfung, sondern ein vielstimmiges Solitärwerk der Schweizer Kulturgeschichte. 

Fotograf: Johann Feuerstein, Schafgruppe im Bergell, Soglio mit Val Bondasca im Hintergrund, um 1910 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Über ein ganzes Jahrhundert hinweg – von den späten 1890er-Jahren bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert – begleiteten die Feuersteins das Unterengadin, das Münstertal und ihre Nachbarregionen. Das im Verlag Scheidegger & Spiess erschienene Buch würdigt dieses monumentale Fotoarchiv erstmals umfassend. Es ist ein kulturhistorischer Glücksfall ersten Ranges, dass dieser Bestand fast vollständig erhalten blieb und heute im Staatsarchiv Graubünden gesichert ist. Beim Lesen und Betrachten zeigt sich: Dieser Band ist nicht nur das Porträt einer aussergewöhnlichen Familie, sondern eine visuelle Expedition durch die Transformationen einer alpinen Kulturlandschaft im Spannungsfeld von bäuerlicher Isolation, Pioniergeist, Naturmythos und technologischer Moderne.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Engadinerinnen in ihren Trachten, Ardez um 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Der weltgewandte Blick aus der Provinz: In seinem einleitenden Essay «Weit blicken: Die Fotografendynastie Feuerstein» fächert der Fotohistoriker Anton Holzer das zentralste Spannungsfeld des Gesamtwerks auf: das Wechselspiel zwischen lokaler Verankerung und cosmopolitischem Weitblick. Während viele frühe Fotosammlungen des Engadins von auswärtigen Fotografen stammten – der Volkskundler Paul Hugger sprach in diesem Zusammenhang von kolonialistischen Zügen des touristischen Blicks –, bildete das Werk der Feuersteins das authentische Gegenstück. Es war der geschulte Blick von innen, der die eigene Heimat erforschte, ohne sich den Verwertungslogiken von Tourismus und Bildmedien zu verschliessen.  

Fotograf: Johann Feuerstein, Dorfbrand von Sent, 8. Juni 192 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Schlüssel zur Ästhetik der Feuersteins liegt in ihrer nüchternen, sachlich-dokumentarischen Bildsprache. Im direkten Vergleich zu ihrem berühmten Oberengadiner Zeitgenossen Albert Steiner verzichteten Johann Feuerstein und seine Nachfolger auf sentimentales Pathos oder piktorialistische Verklärung. Während Steiner die Landschaft oft puristisch menschenleer hielt oder Statisten zu touristischer Staffage degradierte, fügten sich Mensch und Tier bei den Feuersteins ganz selbstverständlich in ihren Lebensraum ein. Der Mensch erscheint hier bei der Feldarbeit, beim Handwerk, auf der Jagd oder beim Bau gigantischer Wasserkraftanlagen.  

Fotograf: Domenic Feuerstein, Alpinist auf Bergteour, Gletscherspalte im Lischanagebiet, um 1945 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Eine Chronik in sechs Akten: Die Vielschichtigkeit dieser Familiensaga entfaltet der Band in sechs aufeinander aufbauenden Textbeiträgen, die sich im Lesen zu einem geschlossenen Panorama verdichten. Den Auftakt bildet das biografische Fundament von Johann Feuerstein (1871–1945), verfasst von Ruedi Bruderer. Aus einfachen Verhältnissen im Münstertal stammend, erlernte der Vollwaise das Handwerk beim berühmten Bergführer und Alpin-Fotografen Alexander Flury in Pontresina, bevor er 1899 sein eigenes Wohn- und Fotohaus in Scuol bezog. Trotz schwerer Schicksalsschläge wie dem verheerenden Atelierbrand von 1914 etablierte sich Johann als führender Chronist des Unterengadins. Er dokumentierte den Bau der Rhätischen Bahn zwischen 1909 und 1913 und stieg durch seine ikonischen Aufnahmen der knorrigen Arvenwälder im Val S-charl zum wichtigsten Bildpionier des 1914 gegründeten Schweizerischen Nationalparks auf.  

Fotograf: Jon Feuerstein EKW-Zentrale, Pradella-Scuol 1970 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Diese Pionierarbeit führte sein Sohn Domenic Feuerstein (1900–1949) weiter, dessen Wirken Ruedi Bruderer im zweiten Beitrag beleuchtet. Domenic erweiterte den Horizont des Familienbetriebs um das literarische und filmische Schaffen. Nach Lehrjahren in Zürich und einem zweijährigen Intermezzo mit eigenem Atelier in Locarno kehrte er 1930 ins Engadin zurück. Er verfasste überregional erfolgreiche Tier- und Naturbücher – darunter Bestseller wie «Der Arvenwald von Tamangur», «Peterli» oder «Wupp» – und drehte erste historische Stummfilme und Werbestreifen, etwa das eindrückliche Zeitdokument über den Schamserberg von 1935 oder Kurbroschüren für Scuol-Tarasp-Vulpera.  

Fotograf: Jon Feuerstein, Das Grandhotel Waldhaus wurde komplett zerstört, vermutet wird Brandstiftung, Vulpera 27. Mai 1989 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Mit der dritten Generation wandelten sich Technik und Reichweite des Hauses erneut. Ruedi Bruderer widmet sich im dritten Kapitel Jon Feuerstein (1925–2010), der nach dem frühen Tod des Vaters 1949 mit erst 24 Jahren die Geschäftsleitung übernahm. Neben seiner spektakulären Teilnahme als Fotograf und Filmer an der Virunga-Expedition nach Zentralafrika (1954/55) prägte Jon das Fotohaus vor allem durch die Modernisierung des Ansichtskartenverlags im Vierfarb-Offsetdruck sowie durch seine monumentale, zehnjährige Fotodokumentation des Baus der Engadiner Kraftwerke zwischen 1961 und 1972, die ein einmaliges Dokument schweizerischer Industrie- und Technikgeschichte darstellt.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Hochjagd, Engadin um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Seinem jüngeren Bruder Mic Feuerstein (1928–2004) ist das vierte Kapitel von Ruedi Bruderer gewidmet. Mic verschrieb sich mit stoischer Geduld der Wildtierfotografie und dem Naturfilm. Er wirkte am legendären Kinofilm «Schellen-Ursli» von 1965 mit und wurde ab 1972 zum ersten festen Kameramann und Regisseur des rätoromanischen Fernsehens (RTR/SRF DRS). Als Schweizer Pionier des Tierfilms fing er über Jahrzehnte das alpine Leben, Artenschutzprojekte und kulturelle Ereignisse in rund 230 Filmbeiträgen ein.  

Fotograf: Mic Feuerstein, Wild in Not, Hirsch im Bergbach gefangen, S-charl um 1960 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Wie sehr das handwerkliche Schaffen mit wirtschaftlichem Weitblick verwoben war, zeigt der Beitrag von Seraina Feuerstein über die Geschichte des hauseigenen Ansichtskartenverlags. Vom Edellichtdruck und Kupfergravuren der Jahrhundertwende über handlaborierte Fotokarten bis hin zum industriellen Vierfarbdruck in Zusammenarbeit mit der Engadin Press AG bildete der Verlag das verlässliche wirtschaftliche Fundament des Hauses Feuerstein und trug den Ruf des Unterengadins in alle Welt.  

Fotograf: Johann Feuerstein Berühmte Arve in der Val Mingèr im Schweizerischen Nationalpark, 1918 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Den Bogen zurück zur Naturmythologie schlägt schliesslich Gian Cla Feuerstein in seiner Abhandlung über die symbolische Rolle des Schweizerischen Nationalparks und der Arve. Der God da Tamangur stand für Johann, Domenic und ihre Nachfolger nicht nur für stoische Überlebenskraft im Hochgebirge, sondern wurde durch ihre Linse zum visuellen Markenzeichen des Schweizer Naturschutzgedankens überhaupt. 

Fotograf: Domenic Feuerstein Lais da Rims, Lischanagebirge um 1935 © 2025 Fundaziun Fotografia Feuerstein, Scuol, und Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich

Ein Hauptwerk alpiner Fotogeschichte: Der Bildband «Fotografendynastie Feuerstein» erweist sich als imposantes Standardwerk zur visuellen Kulturgeschichte Graubündens. Dass diese vielschichtige Aufarbeitung in einer derart anspruchsvollen Ausstattung vorliegt, unterstreicht den Anspruch von Scheidegger & Spiess: Der Verlag gehört zu den führenden Schweizer Häusern in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur und beweist hier einmal mehr seine Expertise in der Konzeption und Materialisierung erlesener Publikationen. Durch die zweisprachige Gestaltung (Deutsch/Vallader) bleibt das Werk der rätoromanischen Heimat der Künstler verpflichtet – ein unverzichtbarer Band für jede fotokünstlerische Bibliothek.

Zwischen Glanz und Elend: Eine anthropologische Topografie der Megacity…

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Die Stadt des 21. Jahrhunderts ist kein Idyll mehr. Sie präsentiert sich als widersprüchliches Gebilde aus betörender Schönheit und brutaler Kälte, ein Raum, der gleichzeitig anzieht und abstösst. In einer Zeit, in der laut den Vereinten Nationen erstmals die Hälfte der Menschheit in urbanen Ballungsräumen lebt und die Zahl der Megacities – definiert als Städte mit über zehn Millionen Einwohnern – bis 2025 auf 33 angewachsen ist, stellt sich die dringende Frage nach den Lebensbedingungen in diesen kolossalen Gebilden. Philipp Sarasins fotografische Anthologie «The Big City», entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren, liefert darauf keine einfachen Antworten, sondern ein komplexes, visuelles Porträt einer globalisierten Urbanität, die von tiefen sozialen Gräben und einer zunehmenden architektonischen Uniformität geprägt ist. 

Cairo © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Sarasins Blick ist dabei weder anklagend noch romantisierend; er ist dokumentarisch und beobachtend. Seine 120 Aufnahmen, die Städte von Los Angeles über Nairobi bis Beijing umspannen, offenbaren eine paradoxe Realität: Obwohl jede Stadt ihre spezifischen kulturellen Marker durch Plakate, Vegetation oder Baumaterialien bewahrt, gleichen sie sich in ihrer anonymen Architektur und der globalisierten Konsumkultur immer mehr an. Die traditionellen Bauweisen weichen global verfügbaren Bauplänen, wodurch die Städte einander fremd und doch vertraut wirken. Im Zentrum von Sarasins Interesse stehen nicht die glänzenden Ikonen der Stararchitekten, die im Stadtmarketing als Wahrzeichen dienen, sondern die «Unterwelt» der Metropolen. Er fokussiert auf Hinterhöfe, verwitterte Brandmauern, informelle Behausungen und postindustrielle Brachen. Diese Bilder legen die tiefe Kluft zwischen der oft bodenlosen Armut der Vielen und den glitzernden Türmen der Mächtigen schonungslos offen. Die Hochhäuser, die im Verlauf des Buches immer dominanter werden, kontrastieren scharf mit den prekären Lebensrealitäten im Vordergrund und unterstreichen so die ökonomischen Ungleichgewichte des neoliberalen Zeitalters. 

Bangkok © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ordnet in seinem begleitenden Essay dieses visuelle Material in einen breiteren theoretischen und historischen Kontext ein. Er beschreibt Sarasins Methode als eine moderne «anthropologische Topografie», die in der Tradition Walter Benjamins steht: Während Benjamin das Paris des 19. Jahrhunderts als Ansammlung materieller Spuren las, hält Sarasin der sich rasend verändernden Gegenwart einen Spiegel vor. Stierli hebt hervor, dass Sarasins Ansatz dem «aufgeschobenen Werturteil» folgt – ähnlich wie bei den Architekten Venturi, Scott Brown und Izenour in ihrer Studie zu Las Vegas. Der Kurator analysiert die Bilder als Dokument einer «Krise der planetaren Urbanisierung», ein Begriff des Stadtgeografen David Harvey, der die aktuelle Entwicklung als Versuch deutet, überschüssiges Kapital zu absorbieren. Stierli betont zudem die geopolitische Verschiebung: War Paris die Hauptstadt des 19. und New York jene des 20. Jahrhunderts, so ist die Gegenwart von einem multipolaren Netz von Megacities im Globalen Süden geprägt. Er liest in Sarasins Fotos die Spannung zwischen spezifischem Ortsbezug und einer «generischen Urbanität», die durch die globale Dominanz des Neoliberalismus entsteht und Städte wie Kairo, Jakarta oder Panama City auf beunruhigende Weise austauschbar erscheinen lässt. Für Stierli sind diese Bilder kein exotisches Fremdeln für den mitteleuropäischen Betrachter, sondern der Beweis, dass diese urbanen Kolosse unsere gemeinsame, unausweichliche Realität geworden sind. 

Panama City © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin ist Historiker und Fotograf. Von 2000 bis 2022 war er Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Publikationen zählt unter anderem «1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Suhrkamp, 2021). Die Idee zu diesem Fotobuch entstand 2009 während eines Aufenthalts in Kairo, wo ihn die Komplexität und Faszination der Megacity dazu bewegten, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren mehr als zwanzig Grossstädte rund um den Globus zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren. 

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Martino Stierli ist Kunsthistoriker und amtiert als The Philip Johnson Chief Curator of Architecture and Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Er hat sich intensiv mit der Darstellung von Stadt und Architektur in Theorie, Fotografie und Film auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Las Vegas in the Rearview Mirror: The City in Theory, Photography, and Film» (Getty Research Institute, 2013) sowie «Montage and the Metropolis: Architecture, Modernity, and the Representation of Space» (Yale University Press, 2018). In seinem Essay zur Anthologie analysiert er Sarasins Werk als dokumentarischen Versuch, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der globalen Verstädterung im 21. Jahrhundert sichtbar zu machen und theoretisch zu fundieren. 

New York © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin

Scheidegger & Spiess gehört zu den führenden Schweizer Verlagen in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. In Zusammenarbeit mit renommierten Museen, Fotografinnen, Kunstschaffenden und Architekten werden sorgfältig konzipierte, lektorierte und gestaltete Bücher verlegt. Ein besonderes Augenmerk gilt der anspruchsvollen Ausstattung und Materialisierung. Rund die Hälfte der Titel erscheint auch in englischer Sprache. Das Verlagsprogramm ist dank der Zusammenarbeit mit kompetenten Marketing- und Vertriebspartnern weltweit präsent. Der Verlag gehört einer unabhängigen Eigentümerschaft und besteht aus engagierten Mitarbeitenden, die ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken in die Arbeit einbringen.

Chicago © Philipp Sarasin © 2026 ProLitteris, Zurich, für alle Werke von Philipp Sarasin