Einträge in Fotomuseum Winterthur
Die Poesie des Asphalts: Helen Levitts urbanes Theater

Helen Levitt, New York, 1937 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Das Fotomuseum Winterthur widmet der US-amerikanischen Fotografin Helen Levitt eine umfassende Retrospektive. Die Ausstellung präsentiert ihr Werk zusammen mit dem erst seit Kurzem öffentlich zugänglichen Archiv. In thematischen Kapiteln weitet sich der Blick auf eine Künstlerin, welche die Strassen New Yorks mit feinsinnigem Humor zur Bühne des alltäglichen Lebens erklärte.

Helen Levitt, New York, 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Kinder spielen auf den Trottoirs, flüchtige Kreidezeichnungen verwandeln den rauen Asphalt in ein Reich der Fantasie, und alltägliche Gesten der Passanten verdichten sich zu einer stillen Choreografie. Über fünf Jahrzehnte hinweg beobachtete Helen Levitt das soziale Leben im öffentlichen Raum von Quartieren wie der Bronx, Harlem oder der Lower East Side. Ihre Kamera fing vor allem Gemeinschaften der Arbeiterklasse ein, die in ihrem Alltag oftmals von struktureller Benachteiligung und Rassismus geprägt waren. Die Strasse avancierte in Levitts fotografischem Werk zum lebendigen Spiel- und Lebensraum, auf dem sich pointierte und melancholische Momente gleichermassen entfalteten. Dabei blieb sie stets eine distanzierte Beobachterin von aussen, deren Aufnahmen dennoch eine bemerkenswerte emotionale Nähe transportieren. Ab den 1970er-Jahren spiegeln ihre Bilder zudem den gesellschaftlichen Wandel von der Mode bis zur urbanen Konsumkultur, womit sie zu bedeutenden visuellen Zeitdokumenten reifen.

Helen Levitt, New York, c. 1938 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Dieser unbestechliche Blick begleitete sie auch 1941 auf einer Reise nach Mexiko, wo sie inspiriert durch Henri Cartier-Bresson das Strassenleben in den Vororten von Mexiko-Stadt fernab surrealistischer Klischees dokumentierte. Später erforschte sie neue Bildwelten: Mit einem Guggenheim-Stipendium experimentierte sie ab 1959 mit modernsten Farbtechniken und etablierte sich als eine der frühen Pionierinnen der Farbfotografie. Dass ein Grossteil ihrer ersten Diapositive in den 1970er-Jahren gestohlen wurde, hielt sie nicht davon ab, ihren intuitiven Umgang mit Farbe unbeeirrt fortzuführen. Parallel dazu wandte sie sich dem bewegten Bild zu: Der ab Mitte der 1940er-Jahre gemeinsam mit James Agee und Janice Loeb realisierte Kurzfilm «In the Street» fing das Leben in Spanish Harlem ohne jeden inszenatorischen Eingriff ein und gilt heute als wesentlicher Vorläufer des Cinéma vérité.

Helen Levitt, New York, c. 1940 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Die 1913 in Brooklyn geborene und 2009 verstorbene Helen Levitt zählt zu den prägendsten Stimmen der US-amerikanischen Fotografiegeschichte. Früh durch die politisch links orientierte New York Film and Photo League sowie durch den Austausch mit Wegbegleitern wie Cartier-Bresson und Walker Evans geprägt, nutzte sie die handliche Leica für ihre Streifzüge durch die Metropole. Bereits 1943 würdigte das Museum of Modern Art in New York ihre Arbeit mit der Einzelausstellung «Photographs of Children».

Helen Levitt, New York, 1971 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Das Fotomuseum Winterthur, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1993 der Erforschung und Präsentation der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur widmet, bildet den idealen Resonanzraum für diese Retrospektive. Mit seinem Fokus auf die kulturelle, soziale und politische Bedeutung des Mediums knüpft das Haus an Levitts humanistischen Kern an.

Helen Levitt, New York, 1976 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Die von Joshua Chuang kuratierte Wanderausstellung «Helen Levitt – Die Strasse als Bühne» entstand in Kooperation mit der Fundación Mapfre und vereint über 200 Fotografien aus einem halben Jahrhundert. Zu sehen sind frühe Silbergelatineabzüge, Dye-Transfer-Prints, unveröffentlichte Kontaktabzüge, Diaprojektionen, rund 115 Archivalien sowie der Kurzfilm «In the Street». Die Retrospektive wird vom 24. Oktober 2026 bis zum 31. Januar 2027 im Fotomuseum Winterthur gezeigt.

Helen Levitt, New York, 1988 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Helen Levitt, Brooklyn, New York, 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Helen Levitt, New York (Subway), 1982 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Helen Levitt, Mexico City, 1941 © Film Documents LLC, courtesy Zander Galerie, Köln

Das Echo der schwindenden Natur: Ester Vonplons «Flügelschlag»

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

In einer Ära, in der die Spuren des Menschen fast jeden Winkel der Erde gezeichnet haben, begibt sich die Fotografin Ester Vonplon auf eine Suche nach dem, was – zumindest vermeintlich – noch unberührt geblieben ist. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung richtet sie den Blick auf die fragilen Ökosysteme ihrer Schweizer Heimat: von den tiefen Fichtenurwäldern des Uaul Scatlè über das alpine Hochtal Val Curciusa bis hin zur geschützten Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Ihre Arbeiten fungieren dabei als Memento mori, welche die Kraft und die gleichzeitige Vergänglichkeit einer Natur festhalten, die im Angesicht klimatischer Veränderungen und menschlicher Eingriffe bald verschwunden sein könnte.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Was diese Bilder so eindringlich macht, ist die Verbindung aus achtsamer Beobachtung und radikalem fotografischem Experiment. In der titelgebenden Serie «Flügelschlag» nutzt Vonplon die Technik des Fotogramms, um Abdrücke von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Steinen festzuhalten. Hierbei verwendet sie über hundert Jahre altes Cellofix-Papier, das einst von Soldaten im Ersten Weltkrieg für Lebenszeichen von der Front genutzt wurde. Durch diesen Bildträger verbindet sie die historische Zerbrechlichkeit des Materials mit der flüchtigen Existenz heutiger Ökosysteme.

Ohne Titel, aus Flügelschlag, 2020–2024 © Ester Vonplon

Einen Weg des bewussten Kontrollverlusts beschreitet sie in der visuellen Untersuchung «I See Darkness». Ein stillgelegter Tunnel im Bündner Safiental diente ihr hierbei als Arbeitsort, Kamera und Dunkelkammer zugleich. Über Zeiträume von Wochen oder Monaten setzte sie grossformatiges Fotopapier den klimatischen Bedingungen und chemischen Reaktionen aus. Die Zeit selbst wird hier zur Bildhauerin und macht feine, oft nicht spürbare Einflüsse der Umwelt überhaupt erst sichtbar.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Die Serie «il uaul» (rätoromanisch für «der Wald») dokumentiert schliesslich die unwegsame Auenlandschaft Ogna da Pardiala in der Surselva. Mit einer analogen Grossformatkamera dringt Vonplon in dieses dichte Dickicht vor. Die eigentümliche Farbigkeit dieser Bilder ist das Resultat eines experimentellen, von der Künstlerin selbst vorgenommenen analogen Entwicklungsprozesses, der feinste Details dieser bedrohten Lebensräume offenbart.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Ester Vonplon (*1980 in Schlieren) lebt und arbeitet heute in Castrisch im Kanton Graubünden. Nach ihrem Studium an der Fotoschule am Schiffbauerdamm in Berlin schloss sie 2013 ihr Masterstudium in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Ihre künstlerischen Projekte, die massgeblich von der Landschaft und Natur der Surselva inspiriert sind, präsentiert sie regelmässig im In- und Ausland. Für ihr Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Manor Kunstpreis Graubünden sowie dem SAC-Kunstpreis.

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Seit der Gründung 1993 widmet sich das Fotomuseum Winterthur der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur. Die Institution untersucht die kulturelle, soziale sowie politische Rolle des Mediums und dessen Wirkung auf unseren Alltag. Mit jährlich drei bis fünf Ausstellungen beleuchtet das Museum vielfältige Perspektiven junger und etablierter internationaler Kunstschaffender. Das Programm wird durch vielseitige Workshops, Veranstaltungen und digitale Formate ergänzt. Die museumseigene Sammlung umfasst heute rund 9'000 Werke von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Die Ausstellung Flügelschlag von Ester Vonplon kann bis zum 14. Juni 2026 im Fotomuseum Winterthur besucht werden.

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 

 

 

 

 

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon

 








Ohne Titel, aus il uaul, 2022–2024 © Ester Vonplon