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Vernissage | Die rote Brücke - Stephan Bösch | Raum für Kultur | Pfäffikon


Raum für Kultur | Pfäffikon
13. Mai 2021

Die rote Brücke
Stephan Bösch



Fotografie ist Zeitkunst, in jeder Hinsicht: Die Bilder entstehen innerhalb von Sekundenbruchteilen, sobald der Fotograf das Motiv gefunden hat. Bis dahin kann es freilich dauern. Wie eine Katze nähert er sich der ›Beute‹, umkreist sie und schlägt zu, kaum dass er es selbst bereits geplant hat. Ein andermal geht’s blitzschnell: Ausfindigmachen, Abschätzen und Abdrücken sind eins.

Fotografie ist aber eine Zeitkunst. Die Rohbilder harren oft lange Zeit ihrer Entwicklung. Das meint nicht allein den Arbeitsprozess hin zum fertigen Kunstwerk, sondern es meint auch die Reflexion. Das Bild reift zunächst in der Vorstellung des Fotografen, bevor es physische Form annimmt.

»Die Auswahl der vorliegenden Reihe zeigte sich inmitten unzähliger Negative in völliger Klarheit«, berichtet Bösch. Über zehn Jahre waren dem St. Galler Lichtbildner auf Reisen, aber auch im Alltag immer wieder Szenen zugefallen, die er einem Impuls folgend auf Schwarzweissfilm festhielt.

Die Bilder sind nicht inszeniert, gleichzeitig geben sie nicht die Wirklichkeit wieder. Manche wirken verwunschen, unheimlich, sphärisch. Archetypische Elemente stehen im Vordergrund: Freiheit, Unschuld, Kraft. Es sind diese grundsätzlichen geistigen und körperlichen Regungen, die durch den Blick des Fotografen spürbar werden und der Vernunft einen emotionalen Begleiter zur Seite stellen.

Stephan Bösch begreift seine handwerkliche Arbeit als Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Schaffen: »Dadurch, dass ich die Abzüge im eigenen Labor herstelle, steigert sich die Aufmerksamkeit gegenüber dem einzelnen Motiv.« Das Dokumentarische, das rein Gegenständliche verschwindet. Das Symbolische beginnt zu leuchten. »Wenn man auf der Brücke steht und ins sich unablässig verändernde Wasser schaut, kann man nicht den Grund und die Reflexion gleichzeitig sehen. Man muss sich entscheiden.«

Die Fotografien werden zu Sinnbildern, die bestimmte Lebensthemen, Ereignisse oder Träume spiegeln, an denen man in Gedanken weiter wirkt. Im Grunde war das Bild also bereits in Bösch vorhanden, bevor es eine materielle Entsprechung als Fotomotiv fand. »Wenn es in Erscheinung tritt, brauche ich es nur noch zu ergreifen«, erläutert Bösch. Dieses Zufallen ist kein Zufall, ist nicht beliebig. Es geschieht gleichwohl irrational, ohne gesteuerte Handlung, vergleichbar mit dem Reifen einer Frucht, die über einer Brücke hängt: sie zeigt von selbst an, wann sie bereit ist, geerntet zu werden.

Warum aber ist die Brücke rot? Oder anders: Wie wird die Farbe zum Oberthema einer Bildserie, die von vornherein in Schwarzweiss konzipiert ist?

Zunächst hat eine kleine rote Fussgängerbrücke irgendwo an der Bahnlinie Richtung Zürich Böschs Blick immer wieder interessiert. Das auslösende Moment ist also banal, der konkrete Ort kein besonderer und ohne Bedeutung. Die Brücke leuchtet mit ihrem Rot aus all dem Grau der Stadt heraus.

Die Signalfarbe steht für das Körperliche, für Kraft und Wärme, darüber hinaus für Aktivität, Geschwindigkeit, Bewegung – aber ebenso für Gefahr und Wagnis, für die Konfrontation mit Ungelöstem. Jedem von uns ist ein Gefühl für die universalen Symbole eigen. Es braucht Mut, bestimmte Brücken zu beschreiten, sich den Herausforderungen auf dem Weg des Lebens zu stellen. Nimmt man die Einladung an, findet man auf der anderen Seite umso festeren Boden und fühlt sich verbunden mit der Welt.

Stephan Bösch spricht zwar über das Entstehen der Bilder, lässt in den Fotografien aber bewusst die Farbe weg: »Ich will keine Realität abbilden, ich will nicht dokumentieren, ich will versuchen, das Schwingen der Wahrnehmung zu formulieren.« Es geht dem Künstler eher um die ›Vibes‹, die man intuitiv beim Betreten einer Brücke spürt – und Kunst ist meistens dies: eine Brücke zwischen Menschen.

(Text: Crauss)