Einträge in Galerie 94
Zwischen Ordnung und Chaos: Sandro Livio Straubes offenes Archiv…

© Sandro Livio Straube

Fotografie wird oft als das Medium der Fixierung verstanden – ein Werkzeug, um den flüchtigen Augenblick einzufangen und für die Ewigkeit zu bewahren. Doch was geschieht, wenn das Bild nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt begriffen wird? In der Ausstellung «Unsortiert» präsentiert Sandro Livio Straube eine Antwort, die so bestechend wie einfach ist: Das Archiv ist kein statischer Speicher, sondern ein lebendiges visuelles Archiv. Über siebzehn Jahre hinweg hat der Fotograf Bilder gesammelt, die nun bewusst ohne chronologische Zwänge oder thematische Schubladen miteinander in Dialog treten.

© Sandro Livio Straube

Straubes Ansatz entzieht sich der klassischen Erwartungshaltung an eine Retrospektive. Statt einer linearen Entwicklung folgt die Hängung der Logik des Assoziativen. Die Arbeiten, entstanden zwischen 2009 und 2026, stammen aus unterschiedlichsten Kontexten und wurden mit variierenden Techniken realisiert. Genau diese Heterogenität bildet das Herzstück der Ausstellung. Wie der Künstler selbst formuliert, dient ihm die Fotografie dazu, «Gedanken – und vielleicht auch mich selbst – zu ordnen». Doch dieser Ordnungsversuch ist paradox: Jede neue Aufnahme generiert zugleich neue Schichten von Material, neue Zusammenhänge und damit neue Unordnung. Das Archiv wächst, und mit ihm die Aufgabe, Beziehungen zwischen den Bildern immer wieder neu zu denken. In diesem Sinne sind die ausgestellten Werke keine abgeschlossenen Monumente, sondern Fragmente eines fortlaufenden Prozesses. Sie zeugen von der Suche nach Verbindungen im chaotischen Fluss des Lebens und halten das Denken in Bewegung, anstatt es in starren Kategorien ruhen zu lassen.

© Sandro Livio Straube

Sandro Livio Straube, geboren 1992 in Zürich, bewegt sich als Schweizer Architekt und Fotograf mühelos zwischen diesen beiden Disziplinen. Seine Praxis ist geprägt von fliessenden Übergängen zwischen der künstlerischen Fotografie und der Baukunst. Neben seiner Tätigkeit als Architekturfotograf für verschiedene Büros und der Teilnahme an Architekturwettbewerben, verfolgt er freie Projekte wie die Langzeitserie «Berge bleichen». Seine Arbeiten wurden international in Galerien, Museen und auf Messen gezeigt. Straube lebt und arbeitet heute in Vella und Lumbrein im Kanton Graubünden, wo er weiterhin den Raum zwischen gebauter Umwelt und bildlicher Reflexion auslotet.

Quallen, 2025 © Sandro Livio Straube

Die Galerie 94, geführt von Sascha Laue, ist dabei der ideale Ort für eine solche Position. Eingebettet im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden, versteht sich der Raum unter dem Leitspruch «augensache» als dedizierter Ort für Fotografie und Kunst. Das Programm spannt einen Bogen zwischen der Präsentation etablierter Positionen und der Förderung zeitgenössischer, aufstrebender Talente – ein Umfeld, in dem Straubes reflektierter Umgang mit dem Medium optimal zur Geltung kommt.

© Sandro Livio Straube

Vom 8. Mai bis 27. Juni 2026 lädt die Galerie 94 in Baden ein, dieses visuelle Archiv zu betreten. Die Vernissage findet am 7. Mai statt; vertiefende Einblicke gewährt ein Artist Talk mit dem Künstler am Samstag, 23. Mai 2026, um 15 Uhr.

Die Unendlichkeit im Augenblick: Sehnsucht und Nostalgie...

Aphrodite left, 2021 © Arpad Polgar

In der menschlichen Existenz klafft eine wehmütige Lücke: die Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Gabe, sich in jegliche idealisierte Raum-Zeit-Dimension zu projizieren. Dieser schmerzliche, doch zugleich faszinierende Kern bildet das Wesen der Sehnsucht – eine Anziehungskraft, die von einem gelebten oder imaginierten "Anderswo" ausgeht. Wenn die Seele zwischen dem Hier und Jetzt und einem verlorenen Paradies hin- und hergerissen ist, begibt sie sich auf eine Suche, die so aussichtslos wie poetisch bleibt. Die Fotografie dient dabei als mechanischer Ankerpunkt, um den flüchtigen Augenblick aus dem kontinuierlichen Fluss der Ereignisse zu heben und unsere fragmentierten Erinnerungsfetzen zu ergänzen.

Fly Self-Portrait, 2020 © Kim Schwanhaeusser

In einer gemeinsamen künstlerischen Wanderung erkunden zwei Positionen die Natur als Quelle der Inspiration und als behütetes Refugium. Obwohl sie oft dieselben Gebiete durchstreifen oder gemeinsam genutzte Studioszenen errichten, bewahrt jeder Künstler eine eigene visuelle Grammatik. Sie eint ein beinahe obsessives Verlangen, Motive aus natürlichen Ressourcen zu sammeln, um die Reibungsflächen zwischen Wirklichkeit und der Unendlichkeit der Fantasie zu untersuchen. Es scheint fast, als sei der Zustand des Sehnens selbst erstrebenswerter als die endgültige Auflösung der Spannungsfelder zwischen Existenz und Vorstellung.

late bloom © Arpad Polgar

Kim Schwanhaeusser, geboren 1991 in Hongkong, nach ihrem Biologiestudium freischaffende Fotografin und Künstlerin, lebt und arbeitet in Deutschland und in der Schweiz. Sie widmet ihr Schaffen einer beinah verlorenen Handwerkskunst: der analogen Schwarz-Weiss-Fotografie. Mit akribischer Sorgfalt erweckt sie Silberhalogenide [1]durch das Zusammenspiel von Licht und Chemie zum Leben – ein Prozess der bewussten Verlangsamung, der ihrem behutsamen Herantasten an das Sujet entspricht. Ihre Werke sind eine Hommage an natürliche Wunder, wobei sie Lebensformen unverblümt mit all ihren Unvollkommenheiten darstellt. Von tanzenden Schmetterlingen bis hin zu mystischen Nebelwäldern dringt sie zu einem Ursprung vor, der sich in der Einfachheit der natürlichen Essenz erschliesst.

Paper Kite Dance, 2021 © Kim Schwanhaeusser

Arpad Polgar, geboren 1967 in Genf, Fotograf und Künstler, lebt und arbeitet in der Schweiz. Er lässt seine Erkundung aus dem lebenslangen Bestreben entspringen, die Prozesse der Natur zu verstehen. Seine Faszination gilt den Zyklen der Metamorphose, dem stetigen Wechselspiel von Wachstum und Auflösung, von Erblühen und Zerfall. Durch die systematische Herauslösung von Typologien aus ihrem Werden ermöglicht er eine zeitunabhängige Erforschung des Flüchtigen. In seinen Arbeiten vermengen sich Naturfragmente mit Artefakten von Malschichten zu neu konfigurierten Topografien und transfigurierten botanischen Anatomien. Dieser Prozess ähnelt einem parallelen Metabolismus, der die ewigen Zyklen von Kontraktion und Expansion des Kosmos widerspiegelt.

The promise of entropy © Arpad Polgar

Die galerie 94 befindet sich im geschichtsträchtigen Merker-Areal in Baden und wird von Sascha Laue geführt. Die Galerie versteht sich als ein Ort für Fotografie und Kunst, wobei sie unter dem Leitspruch "augensache" auftritt. Neben der Präsentation etablierter Positionen bietet sie auch Raum für zeitgenössische aufstrebende Talente.

Papilio memnon © Kim Schwanhaeusser

Die Ausstellung Sehnsucht – Nostalgia wird am 12. März 2026 eröffnet und kann bis zum 25. April 2026 in der Galerie 94 in Baden besucht werden.

Botanica, imperial blue © Arpad Polgar

[1] Silberhalogenide sind lichtempfindliche chemische Verbindungen (wie Silberbromid), die in der analogen Fotografie als winzige Kristalle in der Filmschicht eingebettet sind. Bei Belichtung reagieren sie auf Photonen und bilden die Grundlage für das spätere Bild, das erst durch die chemische Entwicklung sichtbar wird.

Magnolia © Kim Schwanhaeusser