Einträge in Exhibition
The Lives of Women…
Mädchen springt über eine Mauer, 1967 | © Mary Ellen Mark

Mädchen springt über eine Mauer, 1967 | © Mary Ellen Mark

Schnappschuss? Oder Inszenierung?

Zahlreiche Fotografien von Mary Ellen Mark, die ab 3.September 2021 im Rahmen des Fotofestivals Lenzburg im Stapferhaus zu sehen sind, oszillieren gekonnt zwischen diesen beiden Polen und schöpfen daraus ihre eigentümliche Kraft.

Amanda und ihre Cousine Amy, 1990 | © Mary Ellen Mark

Amanda und ihre Cousine Amy, 1990 | © Mary Ellen Mark

So zum Beispiel «Amanda and Her Cousin Amy»,1990.

Rechts der Bildmitte die kokett mit Zigarette posierende, beinahe erwachsen wirkende neunjährige Amanda, den Rauch den Betrachter*innen selbstbewusst entgegenblasend: «Here I am». Der Bildhintergrund wird von runden Formen bezeichnet – in erster Linie des aufblasbaren Kinderpools, in welchem Amandas Cousine Amy mit kindlich-perplexer Miene liegt: Der Bildrahmen «komprimiert» diesen formalen Kontrast und erzeugt eine eigentümliche Spannung, die sich zwischen aufgerichteter, selbstbewusster Amanda und passiv-unbewegt daliegender Amy aufbaut.

Laurie in der Badewanne, Pavillon 81, 1976 | © Mary Ellen Mark

Laurie in der Badewanne, Pavillon 81, 1976 | © Mary Ellen Mark

Die 1940 in Philadelphia geborene und 2015 in New York verstorbene Fotografin realisierte zahlreiche Reportagen über marginalisierte gesellschaftliche Schichten und porträtierte mit der ihr eigenen Empathie und viel Respekt vornehmlich die zahlreichen «Leben der Frauen» («The Lives of Women»). Die Ausstellung im Stapferhaus, die bis 31. Juli in der Foto Colectania (Barcelona) gezeigt wurde, offenbart auch andere Facetten vom Schaffen Mary Ellen Marks – und ist eine kleine Schatztruhe mit vielen fotografischen Preziosen, die es zu entdecken gibt.

Tiny für Halloween gekleidet, 1983 | © Mary Ellen Mark

Tiny für Halloween gekleidet, 1983 | © Mary Ellen Mark

Mary Ellen Marks Welt war die Fotografie – wohlgemerkt, die analoge. Ihre Kamera, so schreibt sie in «On the Portrait and the Moment» (Reihe aperture, NY 2015), ermögliche ihr den Zutritt zu Welten, die sonst verschlossen gewesen wären: «[…] Ich erkannte, dass ich mit der Kamera eine besondere Beziehung zu Menschen aufbauen konnte; ich realisierte, dass die Welt offenstand; ich erkannte, wie viele Leute ich durch sie (die Kamera, d.V.) kennenlernen und wie viel ich von ihnen erfahren kann. […]»

Nilpferd und Darstellerin, 1989 | © Mary Ellen Mark

Nilpferd und Darstellerin, 1989 | © Mary Ellen Mark

Auch die Kuratorin von «The Lives of Women», Dr. Anne Morin, unterstreicht diesen Aspekt: «Mary Ellen Mark ist es gelungen, in die intimsten Sphären der marginalsten Schichten zu gelangen. Jede ihrer Reportagen ist deswegen auch ein Ausflug in die menschlichen Abgründe […].» Wobei der Ausdruck «Ausflüge» überdeckt, dass die Fotografin ihre Reportagen über längere Zeit vorbereitete und oft nur mit viel Geduld zu «ihren» Bildern kam – von vornherein offenstehende Türen fand sie selten. Nicht lockerlassen, mit Nachdruck sein Ziel verfolgen, Beharrlichkeit zeigen – und immer, wirklich immer die Kamera dabeihaben: Das wären einige von Mary Ellen Marks Ratschläge für angehende Fotograf*innen.

Die Familie Damm in ihrem Auto, 1987 | © Mary Ellen Mark

Die Familie Damm in ihrem Auto, 1987 | © Mary Ellen Mark

Während des Rundgangs durch die Ausstellung – zum Beispiel beim Anblick der Fotografien aus dem indischen Zirkus oder den zahlreichen bereits genannten Reportagen aus den marginalen Schichten – fällt auf, dass die Fokussierung oft direkt auf gleicher Höhe erfolgte. Diese Sicht auf die porträtierten Personen, eine, die mehrheitlich ohne perspektivische Verzerrung und damit rein optischen Zwecken dienende Manipulationen des Bildes auskommt, ermöglicht es, dass auch wir, die Betrachter*innen, diesen Menschen direkt und geradeheraus, nämlich «auf Augenhöhe», begegnen können – genau wie es die Fotografin intendiert hat.

Mutter Teresa gibt einem Sterbenden zu essen, Calcuta, India, 1980 | © Mary Ellen Mark

Mutter Teresa gibt einem Sterbenden zu essen, Calcuta, India, 1980 | © Mary Ellen Mark

Mary Ellen Mark erlangte durch ihre zahlreichen Bücher, Ausstellungen und redaktionellen Arbeiten für Zeitschriften weltweite Bekanntheit. Sie veröffentlichte Foto-Essays und Porträts in Publikationen wie LIFE, New York Times Magazine, The New Yorker, Rolling Stone und Vanity Fair. Über fünf Jahrzehnte lang reiste sie viel, um Bilder zu machen, die ein hohes Mass an Humanismus widerspiegeln. Sie gilt als eine der angesehensten und einflussreichsten Fotografinnen unserer Zeit. Ihre Bilder von den verschiedenen Kulturen der Welt sind zu Meilensteinen der Dokumentarfotografie geworden.

(Quelle: Homepage Mary Ellen Mark)

Junge Akrobatin in ihrem Wohnwagen, 2008 | © Mary Ellen Mark

Junge Akrobatin in ihrem Wohnwagen, 2008 | © Mary Ellen Mark

Gastautorin
Susanne Martínez García (Zürich, 1969) bewegt sich seit Abschluss des Gymnasiums 1989 beruflich im Schnittfeld zwischen Text und Bild. Zu den langjährigen Erfahrungen als Journalistin (Volksrecht, DAZ in Zürich), Werbetexterin und Redaktorin (bis Mai 2020 DER UTO, Zürich) kam 2012 ein M.A. als Kunsthistorikerin und Hispanistin (Universität Basel 2012) hinzu. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Barcelona und realisiert zahlreiche Projekte im Text- und Textilbereich.

Die Ausstellung "The Lives of Women" ist bis 28. November 2021 im Stapferhaus im Rahmen des Fotofestivals Lenzburg zu sehen.

La disciplina dei sensi…
Carlo, Torre Taddei Castelli, Nisportino, Isola d'Elba 1995 | © 2021 Hans Georg Berger

Carlo, Torre Taddei Castelli, Nisportino, Isola d'Elba 1995 | © 2021 Hans Georg Berger

To move is to meet you every moment, Fellow-traveller!
It is to sing to the falling of your feet.
He whom your breath touches does not glide by the shelter of the bank.
He spreads a reckless sail to the wind and rides the turbulent water.
He who throws his doors open and steps onward receives your greeting.
He does not stay to count his gain or to mourn his loss; his heart beats the drum for his march, for that is to march with you every step,
Fellow-traveller!

Rabindranath Tagore[1]

Agostiniani, Eremo di Santa Caterina, Isola d’Elba 1990 | ©2021 Hans Georg Berger

Agostiniani, Eremo di Santa Caterina, Isola d’Elba 1990 | ©2021 Hans Georg Berger

"La disciplina dei sensi" – eine grosse Retrospektive, die Hans Georg Berger gewidmet ist. In der Ausstellung werden Fotografien von den 70er Jahren bis heute gezeigt. Es ist eine Reise von Ägypten über den Orient, Thailand, Laos bis auf die Insel Elba. Francesco Paolo Campione, Kurator erklärt: "Hans Georg Berger hat sich bewusst für die Fotografie als existenzielles Mittel entschieden, als solides Instrument, um seiner eigenen Identität und seinem eigenen Universum der Sinne und Träume Substanz zu verleihen; etwas, das durch die Kunst das Leiden mildert, das durch einen feindseligen sozialen Kontext erzeugt wird."

L'abbrivio, Eremo di Santa Caterina, Isola d’Elba 1978 | © 2021 Hans Georg Berger

L'abbrivio, Eremo di Santa Caterina, Isola d’Elba 1978 | © 2021 Hans Georg Berger

Nur ein wirkliches Wesen, nur was Gegenstand der
Sinne ist, ist auch Gegenstand einer wirklichen Liebe.
Einem Wesen, das nur im Glauben, in der Einbildungskraft
existiert, sein Herz opfern, heisst einer eingebildeten,
imaginären Liebe die wirkliche Liebe aufopfern.

Ludwig Andreas Feuerbach[2]

I colossi di Memnone, Luxor, Egitto 1984 | © 2021 Hans Georg Berger

I colossi di Memnone, Luxor, Egitto 1984 | © 2021 Hans Georg Berger

Es ist nicht nur eine Reise durch Länder – vielmehr ist es ein Eintauchen in Kulturen, Religionen und Sinnlichkeit... Nebst den 145 schwarz-weiss Fotografien sind poetische Texte von Gustav Flaubert, Gianfranco Ballini, William Butler Yeats und anderen integriert. Die Gestaltung erinnert an Bergers intellektuelle Erfahrungen und versetzt die Besuchende in eine meditative Atmosphäre.

Discussione teologica, Qom, Feyzieh, Iran 2003 | © 2021 Hans Georg Berger

Discussione teologica, Qom, Feyzieh, Iran 2003 | © 2021 Hans Georg Berger

Hans Georg Berger (*1951) wurde in Trier geboren. Nach dem Studium der Religionsphilosophie an der Universität München und der University of Vermont (USA) war er Anfang der 1970er Jahre Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur in der Gruppe Rote Rübe und von 1977 bis 1983 Leiter des Internationalen Festivals des Freien Theaters in München und Mitbegründer der Münchener Biennale. Ende der 1970er Jahre begann er mit der Restaurierung der Einsiedelei Santa Caterina auf Elba, verwandelte das alte Franziskanerkloster in ein internationales Kunstzentrum und schuf einen botanischen Garten, der der spontanen Flora des toskanischen Archipels gewidmet ist. Neben seinen Erfahrungen auf Elba begann Berger in den 1980er Jahren eine Reihe von fotografischen Langzeitprojekten, die sich vor allem mit der kulturellen Dimension von Ritual und Meditation als Quelle spiritueller Forschung beschäftigen. Er publizierte eine Vielzahl von Büchern. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgestellt (Maha Chulalongkorn Hall, Chulalongkorn University, Thailand, Nationalmuseum, Laos, Institut Français de Munich, La Fornace Spazio Permanente, Torino, Les Rencontres de la photographie d'Arles) und sind in Sammlungen bedeutender Kunstmuseen vertreten.

ʿAmāma, Madrasa Chahar Baq, Isfahan, Iran 2004 | © 2021 Hans Georg Berger

ʿAmāma, Madrasa Chahar Baq, Isfahan, Iran 2004 | © 2021 Hans Georg Berger

Das Museo delle Culture wurde 1985 und beherbergt den grössten Teil der aussergewöhnlichen Sammlung des Tessiner Künstlers Serge Brignoni[3]. Die prächtige Villa im neoklassizistischen Stil liegt am Seeufer in einem botanischen Park mit tropischen und subtropischen Arten.

L'umanità della perfezione, Qom, Iran 2003 | © 2021 Hans Georg Berger

L'umanità della perfezione, Qom, Iran 2003 | © 2021 Hans Georg Berger

Die Ausstellung "La Disciplina dei Sensi" von Hans Georg Berger im Museo delle Culture dauert bis 16. Januar 2022.

[1] Rabindranath Tagore (7. Mai 1861 - 7. August 1941) war ein bengalischer Dichter, Brahmo-Philosoph, Maler, Liederkomponist und Musiker, der 1913 den Nobelpreis für Literatur erhielt und damit der erste asiatische Nobelpreisträger war. Tagore revolutionierte die bengalische Literatur mit Werken wie "Ghare baire" oder "Gitanjali" und erweiterte die bengalische Kunst mit einer Unzahl von Gedichten, Kurzgeschichten, Briefen, Essays und Bildern. Als engagierter Kultur- und Sozialreformer sowie Universalgelehrter modernisierte er die Kunst seiner Heimat durch den gezielten Angriff auf deren strikte Struktur und klassische Formensprache. (Nach Wikipedia)

[2] Ludwig Andreas Feuerbach (28. Juli 1804 in Landshut - 13. September 1872 in Rechenberg bei Nürnberg) war ein deutscher Philosoph und Anthropologe, dessen Religions- und Idealismuskritik bedeutenden Einfluss auf die Bewegung des Vormärz hatte und einen Erkenntnisstandpunkt formulierte, der für die modernen Humanwissenschaften, wie zum Beispiel die Psychologie und Ethnologie, grundlegend geworden ist. (Nach Wikipedia)

[3] Serge Brignoni (12. Oktober 1903 in San Simone di Vacallo - 6. Januar 2002 in Zollikofen) war ein Maler, Plastiker und Sammler.

Art, ExhibitionMiryam Abebe