Einträge von Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Das Drama der Mutter Hoang The und ihrer Kinder
Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Thi Ty (Tochter, 39) mit ihrer Trainingsmaschine. | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Thi Ty (Tochter, 39) mit ihrer Trainingsmaschine. | © Roland Schmid

Mutter Hoang The lebt in einem sumpfigen Aussenquartier von Da Nang, zusammen mit ihren beiden erwachsenen Kindern. Ihr Mann, Tran Ran, starb an den Folgen von Agent Orange. Im Krieg war er als Meldeläufer des Widerstandes oft mit diesem hochgiftigen dioxinhaltigen Entlaubungsmittel in Berührung gekommen. Das Herbizid wurde zusammen mit andern Pflanzengiften von den USA über Wäldern und Reisfeldern versprüht.

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Thi Ty (Tochter, 39) mit ihrer Trainingsmaschine. | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Thi Ty (Tochter, 39) mit ihrer Trainingsmaschine. | © Roland Schmid

Während des Vietnamkrieges lag in der Nähe die Grenze zwischen dem kommunistischen Norden und dem amerikanisierten Süden. Da Nang, die heutige Millionenstadt im tropischen Zentralvietnam, war eine der wichtigsten Basen der US-Armee. Hier befand sich ihr grösster Luftwaffenstützpunkt.

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The und Tran Duc Ngia (Sohn, 33). | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The und Tran Duc Ngia (Sohn, 33). | © Roland Schmid

Die beiden Töchter von Hoang The sind schwer körperlich und geistig behindert, beide sind Dioxinopfer. Das Haus mit seinem Wellblechdach ist heruntergekommen, die Räume sind dunkel und feucht. An den Betonwänden zeigen schmutzige Streifen den Wasserstand der letzten Überschwemmungen. Siebenmal mussten die Bewohner schon vorübergehend ausziehen, um nicht im eigenen Bett zu ertrinken.

Tochter Tran Thi Nga, dreiunddreissig Jahre alt, kann sich mit einer Art klapprigem Rollator und mit Mutters Hilfe mühsamst noch etwas fortbewegen. Auf diesem vorsintflutlichen Gerät kämpft sie sich unter grosser Anstrengung durch tägliche Bewegungstherapien. Seit ihrer Geburt wird sie von einem Stützkorsett aufrecht gehalten. Bis sie neun war, konnte sie noch ein paar Schritte gehen. Ihre Mutter ist seit Jahrzehnten am Limit. Manchmal stürze ihre Tochter, sagt sie. Tran Thi Nga ist übergewichtig. «Alleine schaffe ich es nicht, sie hochzuheben, und muss Nachbarn holen.»

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The und Tran Thi Ty (Tochter, 39). | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The und Tran Thi Ty (Tochter, 39). | © Roland Schmid

Jeden Morgen um halb sechs steht die alte Frau auf. Zuerst bringt sie ihren Sohn zur Toilette, dann ihre Tochter. «Am schlimmsten sind die Nächte», erzählt Mutter The. «Die Kinder können oft nicht schlafen. Da mein Sohn sich nicht bewegen kann, muss ich ihn regelmässig umlagern, damit er nicht wundliegt. Manchmal kann ich vier Nächte hintereinander nicht schlafen.»

Hoang The setzt sich in einem kleinen, düsteren Nebenraum auf eine Holzpritsche. Dort liegt ihr Sohn Tran Duc Nghia, fünfunddreissig Jahre alt, gekrümmt, völlig regungslos, gelähmt. Eine kurze Zeit konnte er noch zur Schule, bis die Lehrer ihn von Klassenzimmer zu Klassenzimmer tragen mussten. Auch mentale Schäden stellten sich ein. Seit fast zwei Jahrzehnten hat er das Bett nicht mehr verlassen können. Verloren hat Nghia auch sein Gehör und seine Sprache. Die Ärzte befürchten, dass seiner Schwester dasselbe Schicksal droht. Auch sie durfte einst zur Schule – bis auch sie aufgeben musste.

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Duc Ngia (Sohn, 33). | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Tran Duc Ngia (Sohn, 33). | © Roland Schmid

Nachdem ihr Mann aus vierjähriger Kriegsgefangenschaft heimkehrte, habe er im Wasserwerk gearbeitet und gut verdient, erzählt die Mutter. «Ich konnte mir sogar goldene Ohrringe kaufen. Doch dann wurden unsere Kinder krank. Wir fuhren zur Behandlung immer wieder ins weit entfernte Saigon. Um die Rechnungen bezahlen zu können, mussten wir alles verkaufen: den Schmuck, das Haus, das Land.»

Geblieben ist ein Leben in grosser Armut. Es reicht nicht einmal für eine ausgewogene Ernährung und für Medikamente. Und geblieben sind Kinder, die nicht gesund geworden sind.

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The (Mutter) | © Roland Schmid

Da Nang 07.12.2013 - Familie mit Agent Orange-Opfern: Hoang Thi The (Mutter) | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Blindgänger: Leben mit der Bombe
Tan Hiep 10.3.2015 - Hoang Xuan Phuong (56) hat bei Arbeiten im Feld eine Hand verloren, als er einen Blindgänger zur Explosion brachte. | © Roland Schmid

Tan Hiep 10.3.2015 - Hoang Xuan Phuong (56) hat bei Arbeiten im Feld eine Hand verloren, als er einen Blindgänger zur Explosion brachte. | © Roland Schmid

Im Dorf Tantuong in der Provinz Quang Tri geht es an diesem Morgen hektisch zu. Strassen werden gesperrt, Zündkabel verlegt, Sprengstoffpakete deponiert, Nachbarn per Megaphon gewarnt. Auslöser ist ein Fund, den Stunden zuvor der Bauer Nguyen Van Ky gemacht hat, als er hinter dem Haus eine Kuh anbindet. «Da lag eine Streubombe halb vergraben im Boden», erzählt er. Es ist nicht das erste Mal. «Aber es ist jedes Mal ein Schock. Ich rief sofort die Hotline des Project Renew an.»

Dong Ha 10.03.2015 - Dokumentationszentrum des Project Renew, einer Organisation für die Räumung von Blindgängern. Gemälde eines Bombers mit entschärften Blindgängern (Streubomben und Bomben). | © Roland Schmid

Dong Ha 10.03.2015 - Dokumentationszentrum des Project Renew, einer Organisation für die Räumung von Blindgängern. Gemälde eines Bombers mit entschärften Blindgängern (Streubomben und Bomben). | © Roland Schmid

Zu den gefährlichen Spätfolgen des US-Vietnamkrieges gehören Hunderttausende von Blindgängern. Am schlimmsten ist es in der zentralvietnamesischen Provinz Quang Tri, wo einst die provisorische Grenze zwischen dem «kommunistischen» Norden und dem von den USA unterstützten «kapitalistischen» Süden lag.

Dong Ha 10.03.2015 - Dokumentationszentrum des Project Renew, einer Organisation für die Räumungvon Blindgängern. Demonstration eines Fundortes mit einem Blindgänger. Uxo (Unexploted ordonance). | © Roland Schmid

Dong Ha 10.03.2015 - Dokumentationszentrum des Project Renew, einer Organisation für die Räumungvon Blindgängern. Demonstration eines Fundortes mit einem Blindgänger. Uxo (Unexploted ordonance). | © Roland Schmid

Das Project Renew ist eine hauptsächlich von Norwegen und den USA finanzierte Nichtregierungsorganisation. In der Provinz Quang Tri entschärft und vernichtet sie Blindgänger, unterstützt Opfer und erteilt Kindern Präventionslektionen. So wie an diesem Tag auch im Nachbardorf Cam Tuyen. Die zehnjährige Kieu, ein schüchternes Mädchen in der blauweissen Schuluniform, gesteht, sie habe wegen der Blindgänger auf ihrem Schulweg manchmal Angst. Etwa ein Drittel der Klasse hat schon einmal gesehen, wie das Renew-Team Blindgänger zur Explosion bringt. Auf keinen Fall berühren, Abstand halten und sofort die Renew-Hotline anrufen.

Tan Phu 11.03.2015 - Nguyen Juan Tuan. Ein Blindgänger (Cluster Bombe) riss ihm hier in der Pfefferplantage seiner Familie 2002 eine Hand ab, als er nach Kriegsschrott grub. Das Dorf liegt auf dem Gelände des ehemaligen Camp Carroll der US Army. | ©…

Tan Phu 11.03.2015 - Nguyen Juan Tuan. Ein Blindgänger (Cluster Bombe) riss ihm hier in der Pfefferplantage seiner Familie 2002 eine Hand ab, als er nach Kriegsschrott grub. Das Dorf liegt auf dem Gelände des ehemaligen Camp Carroll der US Army. | © Roland Schmid

Quang Tri war die am schlimmsten umkämpfte Gegend und eine der am schwersten bombardierten Regionen der Geschichte. Die Provinz glich einer Mondlandschaft. Sie wurde mit Millionen Tonnen von Bomben, Landminen, Granaten und anderen Waffen terrorisiert. Etwa zehn Prozent davon sind nicht explodiert. Seit Kriegsende verletzten oder töteten Blindgänger allein in der Provinz Quang Tri fast 8000 Menschen. Etwa ein Drittel der Blindgängeropfer von Quang Tri sind Kinder.

Hanoi 03.03.2015 - Überreste eines im Vietnamkrieg abgeschossenen B-52 Bombers im Huu Tiep See. | © Roland Schmid

Hanoi 03.03.2015 - Überreste eines im Vietnamkrieg abgeschossenen B-52 Bombers im Huu Tiep See. | © Roland Schmid

Ngo Xuan Hien ist leitendes Teammitglied des Project Renew. Er weist auf eine weitere Konsequenz der Zeitbomben hin, die hier im Boden ticken: «Unsere Studien zeigen, dass es zwischen Blindgängern und Armut einen klaren Zusammenhang gibt.» Vier Fünftel der Menschen in Quang Tri leben von der Landwirtschaft. Wegen der Blindgänger können die Bauern nicht ihr ganzes Land bebauen. Die meisten haben deswegen nicht genug zum Leben. Nach dem Krieg waren achtzig Prozent der Provinz mit Blindgängern verseucht, eine Provinz, die flächenmässig etwa einem Zehntel der Schweiz entspricht. Heute ist laut Renew insgesamt noch ein Gebiet mit Blindgängern kontaminiert, das etwa zweimal so gross ist wie die Stadt Basel.

Tan Tuong 10.3.2015 - Mitarbeiter der Organisation Renew vernichten Blindgänger. Auf dem Gelände des Bauern Nguyen Van Ky wird eine Clusterbombe, eine Minenwerfgranate und der 37mm Flugabwehrgeschosse (letztere der NVA) zur Explosion gebracht. | © R…

Tan Tuong 10.3.2015 - Mitarbeiter der Organisation Renew vernichten Blindgänger. Auf dem Gelände des Bauern Nguyen Van Ky wird eine Clusterbombe, eine Minenwerfgranate und der 37mm Flugabwehrgeschosse (letztere der NVA) zur Explosion gebracht. | © Roland Schmid

Ganz ungefährlich wird es hier wohl nie, wie Renew-Mitgründer und US-Kriegsveteran Chuck Searcy sagt. «Es ist traurig, aber die Äcker hier werden nie hundertprozentig sicher sein. Ich kenne Fälle, wo ein Bauer jahrzehntelang sein Feld pflügte. Eines Tages, in einem Augenblick und völlig unerwartet, explodiert auf demselben Feld eine Bombe, die ihn tötet oder ihn ein Auge, eine Hand, einen Arm oder ein Bein kostet.»

Tan Phu 12.03.2015 - Project Renew. Unschädlich machen von Blindgängern aus dem Vietnamkrieg. Eine amerikanische Clusterbombe wird in die Luft gejagt. | © Roland Schmid

Tan Phu 12.03.2015 - Project Renew. Unschädlich machen von Blindgängern aus dem Vietnamkrieg. Eine amerikanische Clusterbombe wird in die Luft gejagt. | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Der amerikanische Krieg in Vietnam...

… beginnt mit einer Lüge…

Khe Sanh 11.03.2015 - Landschaft bei Khe Sanh, ehemaliges Schlachtfeld. Auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 z…

Khe Sanh 11.03.2015 - Landschaft bei Khe Sanh, ehemaliges Schlachtfeld. Auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps und der 304. und 325C-Division der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) in Khe Sanh, Vietnam, statt. | © Roland Schmid

In der Bucht von Tonkin vor der Küste Nordvietnams werden am 2. und 4. August 1964 zwei US-amerikanische Kriegsschiffe, die «Maddox» und «Turner Joy», angeblich von nordvietnamesischen Schnellbooten beschossen. Die USA behaupten, ihre Schiffe hätten sich auf einer Beobachtungsmission in internationalen Gewässern befunden. Washington begründet damit die Bombardierung erster Ziele den Luftkrieg gegen Nordvietnam.

Khe Sanh 11.03.2015 - Bei Nguyen Phuc. Er handelt mit Kriegsschrott. Die Suche danach fordert immer neue Opfer. | © Roland Schmid

Khe Sanh 11.03.2015 - Bei Nguyen Phuc. Er handelt mit Kriegsschrott. Die Suche danach fordert immer neue Opfer. | © Roland Schmid

In der Folge segnet der US-Kongress die sogenannte Tonkin-Resolution ab. Sie erteilt Präsident Lyndon B. Johnson eine Blankovollmacht. und gibt ihm quasi freie Hand, Militäraktionen in Südostasien durchzuführen.

Khe Sanh 11.03.2015 - US Transportflugzeug Hercules C-130 auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen…

Khe Sanh 11.03.2015 - US Transportflugzeug Hercules C-130 auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps und der 304. und 325C-Division der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) in Khe Sanh, Vietnam, statt. | © Roland Schmid

Die Tonkin-Resolution wird von Johnson als Ersatz für die nicht erfolgte Kriegserklärung benutzt und rechtfertigt damit die Eskalation des Vietnamkrieges. Washington startet zur Vergeltung der angeblichen Angriffe auf ihre Schiffe die Operation «Pierce Arrow». In über sechzig Bomberangriffen gegen vier Stützpunkte und ein Öldepot werden fünfundzwanzig Torpedoboote zerstört und das Öldepot fast komplett vernichtet. Mit diesem «Vergeltungsschlag» beginnt eine massive Ausweitung des amerikanischen militärischen Engagements.

Khe Sanh 11.03.2015 - Schlachtendenkmal. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps u…

Khe Sanh 11.03.2015 - Schlachtendenkmal. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps und der 304. und 325C-Division der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) in Khe Sanh, Vietnam, statt. | © Roland Schmid

Erst vier Jahre später bringt eine Untersuchung des aussenpolitischen Ausschusses des US-Senats ans Licht, dass Präsident Johnson sich mit «ungeheuerlichen verlogenen Behauptungen», die von seinen Geheimdiensten gestützt wurden, die Ermächtigung des Kongresses zu den Luftangriffen quasi erschlichen hat. Die Wahrheit: Die US-Kreuzer sind in einer Spionagemission unterwegs und haben den Auftrag, für die geplanten Luftangriffe die elektronischen Systeme und Radaranlagen Nordvietnams zu stimulieren, um sie orten zu können. Dazu dringen sie in die nordvietnamesische Drei-Meilen-Hoheitszone ein. Keines der US-Kriegsschiffe wird von nordvietnamesischen Torpedos getroffen. Der ehemalige Kongressabgeordnete George McGovern: «Wir wissen heute, dass eine solche Aggression nie stattgefunden hat. (…) Wir erfuhren später (…), dass keines der Schiffe beschädigt worden war.»

Khe Sanh 11.03.2015 - US Panzer und Tourist auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9…

Khe Sanh 11.03.2015 - US Panzer und Tourist auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps und der 304. und 325C-Division der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) in Khe Sanh, Vietnam, statt. | © Roland Schmid

Von 1964 bis August 1973 setzten die USA und ihre Verbündeten in Vietnam, Laos und Kambodscha insgesamt 7,662 Millionen Tonnen Bomben, Artilleriegranaten und andere Kampfmittel ein. So steht es in einer Studie der Universität von Kalifornien, Berkeley. Das sind ein paar hunderttausend Tonnen mehr als auf allen Schauplätzen des gesamten Zweiten Weltkrieges zusammen. Bereits nach zwei Jahren Luftkrieg, zwischen 1964 und 1966, sind 860’000 Tonnen Bomben allein auf Nordvietnam niedergegangen. Vietnam gilt laut der Berkeley-Studie als das am stärksten bombardierte Land der Geschichte.

Khe Sanh 11.03.2015 - Khe Sanh Schlachtmuseum, Ausweis eines amerikanischen Soldaten. Auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum …

Khe Sanh 11.03.2015 - Khe Sanh Schlachtmuseum, Ausweis eines amerikanischen Soldaten. Auf der ehemaligen Basis der US Marines. Die Schlacht um Khe Sanh, auch Belagerung von Khe Sanh, fand während des Vietnamkriegs im Zeitraum vom 21. Januar bis zum 9. Juli 1968 zwischen Teilen des 26. und 9. Regiments des United States Marine Corps und der 304. und 325C-Division der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) in Khe Sanh, Vietnam, statt. | © Roland Schmid

Wie viele Menschenleben der Vietnamkrieg kostete, darüber gibt es nur Schätzungen. Sie gehen bis vier Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen. Demnach starben im Vietnamkrieg etwa viermal so viele Zivilisten wie Soldaten. Das US-Militär registrierte seit dem 8. Juni 1956 bis zum Kriegsende 1975 exakt 58 220 tote US-Bürger(innen). Die mit den USA und Südvietnam verbündeten Truppen verloren zusammen 5.264 Soldaten, über 4.000 davon aus Südkorea.

Khe Sanh 11.03.2015 - Bei Nguyen Phuc. Er handelt mit Kriegsschrott. Die Suche danach fordert immer neue Opfer. Hier Überreste von Gewehren. | © Roland Schmid

Khe Sanh 11.03.2015 - Bei Nguyen Phuc. Er handelt mit Kriegsschrott. Die Suche danach fordert immer neue Opfer. Hier Überreste von Gewehren. | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - «Nebel», der aus dem Flugzeug kam
Pham Phi Kim Thoa, 27 Jahre alt, und ihre Mutter Nguyen Thi Gai in Hanoi. Der Vater der behinderten Tochter war im Krieg an der laotischen Grenze während acht Jahren immer wieder Agent-Orange-Attacken ausgesetzt. 1999 | © Roland Schmid

Pham Phi Kim Thoa, 27 Jahre alt, und ihre Mutter Nguyen Thi Gai in Hanoi. Der Vater der behinderten Tochter war im Krieg an der laotischen Grenze während acht Jahren immer wieder Agent-Orange-Attacken ausgesetzt. 1999 | © Roland Schmid

«Als Kind sah ich, wie Flugzeuge eine Art Nebel versprühten.» Nguyen Bong, hager und kränklich, erzählt von seinen frühen Kriegserlebnissen, die später für die Tragödie seines Lebens sorgen werden. Betroffene, die den Herbizidregen am eigenen Leib erfuhren, beschrieben einen Geruch «wie eine reife Guava», andere sahen ihn in der Luft hängen «wie Nebel», reden von einem «Puderstreifen» oder davon, dass es wie «gemahlener Kalkstein» ausgesehen habe. Eigentlich zu poetische Beschreibungen für das Ungeheuerliche, das später folgte.

Im Thanh-Xuan-Friedensdorf in Hanoi finden behinderte Kinder eine medizinische und soziale Rehabilitation. Die meisten behinderten Menschen leben jedoch in verarmten Familien. 1999 | © Roland Schmid

Im Thanh-Xuan-Friedensdorf in Hanoi finden behinderte Kinder eine medizinische und soziale Rehabilitation. Die meisten behinderten Menschen leben jedoch in verarmten Familien. 1999 | © Roland Schmid

Wir sind im Dorf Tan Hiep, in der Provinz Quang Tri. Nguyen Bong, geboren 1962, Tagelöhner, erzählt, wie rund um das Dorf gekämpft wurde, wie er manchmal mithelfen musste, gefallene Amerikaner wegzutragen. Sein Dorf war ein sogenanntes Wehrdorf. «Wir lebten mehr oder weniger eingeschlossen. Nachts gingen wir heimlich raus und holten im Fluss die Fische, die als Folge des Sprühnebels zu Hunderten tot auf der Oberfläche trieben. Zu Hause assen wir sie.» So gelangte das Gift in Nguyen Bongs Organismus.

Im Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder in Thuy An bei Hanoi. "Das Ministerium für Arbeit, Kriegsinvalide und soziale Angelegenheiten" hat dem Haus eine Bombenhülse aus dem Krieg geschenkt. Sie dient als Pausengong. 1999 | © Roland Schmid

Im Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder in Thuy An bei Hanoi. "Das Ministerium für Arbeit, Kriegsinvalide und soziale Angelegenheiten" hat dem Haus eine Bombenhülse aus dem Krieg geschenkt. Sie dient als Pausengong. 1999 | © Roland Schmid

Die Regierungen der USA und Südvietnams umzäunten damals Tausende von Dörfern mit Bambuspalisaden. Diese Wehrdörfer sollten die Südvietnamesen unter Kontrolle halten und vor nordvietnamesischen Angreifern beziehungsweise dem Einfluss der Befreiungsfront FNL schützen.

Schlafsaal im Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder in Thuy An bei Hanoi. Hier werden auch die späten Opfer des Vietnamkrieges betreut - Kinder, deren Väter in herbizidbelasteten Gebieten kämpften. 1999 | © Roland Schmid

Schlafsaal im Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder in Thuy An bei Hanoi. Hier werden auch die späten Opfer des Vietnamkrieges betreut - Kinder, deren Väter in herbizidbelasteten Gebieten kämpften. 1999 | © Roland Schmid

Nguyen Bong ist Vater zweier schwer cerebral gelähmter Töchter – die Folge der mit Agent Orange vergifteten Fische. Die zwei Kinder, beide über dreissig, liegen nebeneinander auf einer Pritsche. Ihre Sprache haben sie verloren. Die Mutter, Tran Gai, sitzt neben ihnen auf den Holzbrettern. Schwach und kaum fähig zu sprechen. Die jahrzehntelange Pflege der Kinder hat ihr die letzten Kräfte geraubt und sie herzkrank gemacht.

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Heute leben in Vietnam bereits drei Generationen mit Agent-Orange-bedingten Schäden. Über wie viele weitere Generationen sich die Erbschäden auswirken werden, weiss niemand. Pham Thanh Tien von der lokalen Opfervereinigung DAVA in Da Nang sagt: «Fast zwei Drittel der Agent-Orange-Kinder hier gehören zur ersten Generation; je knapp ein Viertel zur zweiten und dritten. Die Opfer der dritten Generation sind unter fünfzehn Jahre alt. Die meisten Betroffenen werden kaum älter als dreissig.»

Tan Hiep 10.3.2015 - Bei der Familie von Nguyen Van Bong (1962), seiner Frau Tran Thi Gai (1964) und seinen Töchtern Nguyen Thi Tai (1988, im grünen Hemd) und Nguyen Thi Tutet (1993, im rosa Hemd) Der Vater war während des Krieges Agent Orange ausge…

Tan Hiep 10.3.2015 - Bei der Familie von Nguyen Van Bong (1962), seiner Frau Tran Thi Gai (1964) und seinen Töchtern Nguyen Thi Tai (1988, im grünen Hemd) und Nguyen Thi Tutet (1993, im rosa Hemd) Der Vater war während des Krieges Agent Orange ausgesetzt, die beiden Töchter sind deshalb hirngeschädigt und voll pflegebedürftig. | © Roland Schmid

Wie viele Agent-Orange-Vergiftete genau es im ganzen Land gibt, weiss niemand. Erst jetzt beginnt Vietnam, die Betroffenen flächendeckend zu erfassen. Bis heute existieren lediglich Schätzungen. Wichtigste Quellen für Opferzahlen im südostasiatischen Staat sind die nationale Opfervereinigung VAVA und das Vietnamesische Rote Kreuz, das eng an den Staat gebunden ist.

In fast 20’000 Sprüheinsätzen kamen laut neueren Forschungen der Columbia-Universität New York zwischen 2,5 und mehr als vier Millionen Menschen mit dem Gift in direkte Berührung. Über 3000 Dörfer und Weiler wurden direkt besprüht. Das nationale Rote Kreuz sagt, im Land gebe es etwa eine Million Menschen, die wegen dieses Herbizides krank oder behindert seien, inbegriffen rund 150’000 Kinder, die seit Kriegsende 1975 behindert geboren worden seien. Überprüfbar sind diese Zahlen nicht. Die US-Regierung hält sie für «unrealistisch». Doch auch wenn es weit weniger Betroffene sein sollten: Die Geschichte ist und bleibt eine Tragödie, verbunden mit unermesslichem Leid.

Thoa, 14 Jahre alt, in einem Friedensdorf in Hanoi (Rehabilitationszentrum). Ihre Haut ist mit schwarzen Flecken uebersät. Ihr Vater kämpfte im Krieg in herbizidverseuchten Regionen. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens wurde Thoa von ihren Eltern ver…

Thoa, 14 Jahre alt, in einem Friedensdorf in Hanoi (Rehabilitationszentrum). Ihre Haut ist mit schwarzen Flecken uebersät. Ihr Vater kämpfte im Krieg in herbizidverseuchten Regionen. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens wurde Thoa von ihren Eltern versteckt. 1999 | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Die Tunnel: Überleben als Maulwurf
Vietnam, Cu-Chi. At the Cu-Chi tunnels near Ho-Chi-Minh-City. A tourist guide points at the entrance of a tunnel system in which the communist resistance hid from the US Army. Today tourists from all over the world visit the tunnels. 04.05.1999 | © …

Vietnam, Cu-Chi. At the Cu-Chi tunnels near Ho-Chi-Minh-City. A tourist guide points at the entrance of a tunnel system in which the communist resistance hid from the US Army. Today tourists from all over the world visit the tunnels. 04.05.1999 | © Roland Schmid

Sie gehören zu den Attraktionen des vietnamesischen Kriegstourismus: unterirdische Tunnelsysteme, in denen sich im Krieg Kinder, Frauen und Männer vor den amerikanischen Bomben schützten.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Rund sieben Tonnen Bomben pro Einwohner sollen die USA in der Region des einst beschaulichen Dorfes Vinh Moc in der Provinz Quang Tri abgeworfen haben. Das Gebiet nahe der entmilitarisierten Zone gilt als eines der am schwersten bombardierten der Kriegsgeschichte. «Es sah aus wie eine Mondlandschaft», sagt uns der US-Kriegsveteran Chuck Searcy. Um sich vor den tödlichen Geschossen zu schützen, verschwanden die Menschen buchstäblich unter der Erde. Mühsam gruben sie von Hand in geschätzten siebeneinhalb Millionen Arbeitstagen 114 Tunnel. Zwischen 1963 und 1968 entstand ein System von etwa vierzig Kilometern Länge, das auf drei Etagen bis acht Meter tief reichte. Da gab es kleine Läden, winzige Nebenhöhlen als Lazarett, Wohn- und Kommandohöhlen, Schulen … Es existierte in diesem menschlichen Maulwurfdorf eine komplette Infrastruktur. Mehrere Kinder wurden in den höchstens ein Meter siebzig hohen und äusserst engen Tunneln geboren. Als Besucher, gebückt und gebeugt, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, fasst man es kaum, dass hier unten Menschen für Jahre leben konnten. Die unterirdischen Gänge haben bis heute einen starken Symbolcharakter für die nationale Identität.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Sie sind heute als Museum zugänglich. Hier ein Museumsführer. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Sie sind heute als Museum zugänglich. Hier ein Museumsführer. | © Roland Schmid

Noch grösser war das Tunnelsystem von Cu Chi, vierzig Kilometer nordwestlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. Es soll länger als 200 Kilometer gewesen sein. Die Anfänge des Tunnelsystems reichen zurück in die 1940er Jahre, als sich die Unabhängigkeitsbewegung der Viet Minh gegen die französische Kolonialmacht erhob.

Vinh Moc 8.3.2015 - Modell der Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Modell der Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Als die Tunnel entdeckt wurden, erklärten die USA die Gegend von Cu Chi zur «Free fire»-Zone. Das war die Lizenz zum hemmungslosen Töten. In einer solchen Zone bewegten sich die US-Streitkräfte wie in einem rechtsfreien Raum. Es durfte erbarmungslos geschossen und niedergebrannt werden. Dabei spielte es keine Rolle, ob sich im definierten Gebiet Zivilisten oder feindliche Truppen aufhielten.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Mit Schaufensterpuppen nachgestellte Geburtsszene | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Mit Schaufensterpuppen nachgestellte Geburtsszene | © Roland Schmid

Auch in Cu Chi können Besucher einige wenige noch existierende Gänge begehen.

Wieder an der frischen Luft, geraten die Touristen unausweichlich in die Souvenirshops. Neben Büchern und Videos fällt eine Kriegsmaschinerie en miniature auf: amerikanische Panzer, Kampfhubschrauber und Kanonen als Spielzeuge – kunstvoll gefertigt aus Colabüchsen. Wer noch nicht genug hat, greift jetzt zum Gehörschutz, zu einer AK-47, einer M16 oder einer anderen Original-Kriegswaffe von damals. Für einen Dollar pro Schuss darf auf blecherne Tiere geschossen werden. Eine ältere Lady und ein junges Pärchen aus den USA, einige Koreaner und Erich, ein Tourist aus Salzburg, gehören am Tag unseres Besuches zu dieser Vietnamkriegs-Schützengesellschaft. «Irgendwie ein komisches Gefühl», ausgerechnet in Cu Chi zu schiessen, «wo doch so viele Menschen gestorben sind», sagt der Mann aus Österreich. Er drückt ein weiteres Mal ab.

Vinh Moc 9.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 9.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Agent-Orange-Opfer in Armut
Phan Thi Cuc in Huong Xuan bei Hue. Sie ist die Mutter von Nguyen Huu An und Nguyen Thi Thanh Tuyen. Die beiden Kinder wurden mit schweren Missbildungen geboren. Ihr Vater lebte lange in der Agent-Orange-vergifteten Provinz Song Be. 1999 | © Roland …

Phan Thi Cuc in Huong Xuan bei Hue. Sie ist die Mutter von Nguyen Huu An und Nguyen Thi Thanh Tuyen. Die beiden Kinder wurden mit schweren Missbildungen geboren. Ihr Vater lebte lange in der Agent-Orange-vergifteten Provinz Song Be. 1999 | © Roland Schmid

In fast zwei Dritteln der betroffenen Familien müssen die Eltern rund um die Uhr für ihre behinderten Kinder da sein. Das verunmöglicht einen Verdienst. Deshalb werden betroffene Familien immer ärmer. Etwa vierzig Prozent aller Herbizidopfer leben unter der Armutsgrenze.

Fischteich im Tal von A Luoi. Das Dioxin, das im Entlaubungsmittel Agent Orange enthalten war, iost in die Nahrungskette gelangt. Es gelangt zum Beispiel via Fische in den menschlichen Organismus. 1999 | © Roland Schmid

Fischteich im Tal von A Luoi. Das Dioxin, das im Entlaubungsmittel Agent Orange enthalten war, iost in die Nahrungskette gelangt. Es gelangt zum Beispiel via Fische in den menschlichen Organismus. 1999 | © Roland Schmid

Wird ein behindertes Kind geboren, denken Eltern zuweilen: Nächstes Mal wird es bestimmt ein gesundes Baby geben. Ist jedoch das Erbgut durch Dioxin geschädigt oder das Dioxin noch immer im Organismus der Mutter, besteht die Gefahr, dass auch das nächste Kind Missbildungen haben wird.

Nguyen Huu An (l.), 5 Jahre alt, und Nguyen Thi Thanh Tuyen, 3 Jahre alt, mit ihrer Mutter in Huong Xuan bei Hue. Der Vater lebte in der Agent-Orange-vergifteten Provinz Song Be. Als auch sein zweites Kind mit Missbildungen zur Welt kam, nahm er sic…

Nguyen Huu An (l.), 5 Jahre alt, und Nguyen Thi Thanh Tuyen, 3 Jahre alt, mit ihrer Mutter in Huong Xuan bei Hue. Der Vater lebte in der Agent-Orange-vergifteten Provinz Song Be. Als auch sein zweites Kind mit Missbildungen zur Welt kam, nahm er sich das Leben. April 1999 | © Roland Schmid

Vor Jahren besuchten wir im Weiler Huong Xuan im Distrikt Cam Lo in der Provinz Quang Tri die damals einunddreissigjährige Mutter Phan Cuc. In ihrem Distrikt lagen einst gleich zwei US-Militärbasen, Camp Carroll und Mai Loc. In dieser Gegend gibt es viele Familien, die zum Teil mehrere Kinder mit Behinderungen haben. So hat der Weiler, der genau zwischen den beiden ehemaligen Militärbasen liegt, den zweifelhaften Ruf als das Agent-Orange-Dorf.

Die Schwestern Le Thi Hoai Nhon, 13 Jahre alt (vorne), und Le Thi Hoa, 22 Jahre alt (mitte), in der Provinz Quang Tri. Sie leiden am Grebes-Syndrom, an viel zu kurzen Gliedern, und Polydaktylie. Der Vater kaempfte in Agent-Orange-verseuchtem Gebiet.…

Die Schwestern Le Thi Hoai Nhon, 13 Jahre alt (vorne), und Le Thi Hoa, 22 Jahre alt (mitte), in der Provinz Quang Tri. Sie leiden am Grebes-Syndrom, an viel zu kurzen Gliedern, und Polydaktylie. Der Vater kaempfte in Agent-Orange-verseuchtem Gebiet. 1999 | © Roland Schmid

Manche Dörfer hier wurden zwischen September 1966 und August 1967 bis zu sieben Mal besprüht – meist mit Agent Orange. Mutter Phan Cuc hielt bei unserem Besuch ihr Neugeborenes in den Armen, ihr erstes gesundes Kind. Neben ihr am Boden spielten ihre beiden anderen Kinder. Ihretwegen hatte sich ihr erster Mann umgebracht. Der Junge Nguyen Hu An (5) und seine Schwester Nguyen Thanh Tuyen, (3) leiden an schrecklichen Missbildungen. Das Mädchen hat einen langgezogenen, verkrümmten Kopf und grosse, herausquellende Augen. Auch der Kopf des stark sehbehinderten Bruders ist viel grösser als normal, die Augen stehen weit nach vorn. Beide Kinder sind schwer geistig behindert.

Im obersten Stockwerk des Tu-Du-Spitals von Ho-Chi-Minh-Stadt werden vor allem behinderte betreut, deren Eltern in herbizidverseuchten Regionen lebten. 1999 | © Roland Schmid

Im obersten Stockwerk des Tu-Du-Spitals von Ho-Chi-Minh-Stadt werden vor allem behinderte betreut, deren Eltern in herbizidverseuchten Regionen lebten. 1999 | © Roland Schmid

Das Gespräch gestaltete sich schwierig, die Frau antwortete nur in knappen Sätzen. «Nach der Geburt dieser zwei behinderten Kinder wurde mein Mann sehr traurig», sagte sie. Er habe ihren Anblick nicht mehr ertragen. Eines Tages habe er sich umgebracht. – Er trank eine Lösung aus Pflanzengift. Ausgerechnet. Der Mann hatte viele Jahre im Grenzgebiet zu Kambodscha gelebt, das massiv mit Agent Orange und anderen Pflanzenvernichtungsmitteln besprüht worden war.

In A So, Provinz Thua Thien, direkt an der Grenze zu Kambodscha, lag ein Luftwaffenstützpunkt. Hier wurde einst Agent Orange gelagert und in Sprayflugzeuge gefüllt. Im Bild einer der zahlreichen alten Bombenkrater, die als Fischteiche dienen. Vor ku…

In A So, Provinz Thua Thien, direkt an der Grenze zu Kambodscha, lag ein Luftwaffenstützpunkt. Hier wurde einst Agent Orange gelagert und in Sprayflugzeuge gefüllt. Im Bild einer der zahlreichen alten Bombenkrater, die als Fischteiche dienen. Vor kurzem wurde entdeckt, dass diese Fischteiche stark mit Dioxin verseucht sind. 1999 | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi
Krieg ohne Ende - Intro...
Tan Hiep 10.3.2015 - Bei der Familie von Nguyen Van Bong (1962), seiner Frau Tran Thi Gai (1964) und seinen Töchtern Nguyen Thi Tai (1988, im grünen Hemd) und Nguyen Thi Tutet (1993, im rosa Hemd) Der Vater war während des Krieges Agent Orange ausge…

Tan Hiep 10.3.2015 - Bei der Familie von Nguyen Van Bong (1962), seiner Frau Tran Thi Gai (1964) und seinen Töchtern Nguyen Thi Tai (1988, im grünen Hemd) und Nguyen Thi Tutet (1993, im rosa Hemd) Der Vater war während des Krieges Agent Orange ausgesetzt, die beiden Töchter sind deshalb hirngeschädigt und voll pflegebedürftig. | © Roland Schmid

Im amerikanischen Krieg in Vietnam (1954 – 1975) setzten die USA und ihre Verbündeten neben anderen Giften auch das dioxinhaltige Herbizid Agent Orange ein. So wurden Wälder entlaubt, der Gegner enttarnt und Nahrungsgrundlagen zerstört.

Dioxin ist eines der gefährlichsten Gifte. Es hat sich in Nahrungsketten festgesetzt und verändert das Erbgut des Menschen. Noch heute leiden in Vietnam Hunderttausende von Menschen an den Spätfolgen dieser Giftangriffe, noch werden Kinder mit schweren Missbildungen geboren.

Hanoi 18.11.2013 - Tango Tänzer beim Hoan Kiem See | © Roland Schmid

Hanoi 18.11.2013 - Tango Tänzer beim Hoan Kiem See | © Roland Schmid

Der Schweizer Autor Peter Jaeggi recherchierte 1999 und 2015 vor Ort, begleitet vom Fotografen Roland Schmid. Entstanden sind zwei Bücher. Vor allem aus dem letzten Buch, «Krieg ohne Ende», erschienen im Lenos-Verlag, stammen die Bilder und die Textauszüge dieser kleinen Serie.

Vietnam, Ho-Chi-Minh-City. Tu-Du-Hospital. Hundreds of preparations of born and unborn children are stored in a small room. Many of them originate from provinces which were attacked by Agent Orange during the war. 03. 05.1999 | © Roland Schmid

Vietnam, Ho-Chi-Minh-City. Tu-Du-Hospital. Hundreds of preparations of born and unborn children are stored in a small room. Many of them originate from provinces which were attacked by Agent Orange during the war. 03. 05.1999 | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi