Krieg ohne Ende - Die Tunnel: Überleben als Maulwurf

Vietnam, Cu-Chi. At the Cu-Chi tunnels near Ho-Chi-Minh-City. A tourist guide points at the entrance of a tunnel system in which the communist resistance hid from the US Army. Today tourists from all over the world visit the tunnels. 04.05.1999 | © …

Vietnam, Cu-Chi. At the Cu-Chi tunnels near Ho-Chi-Minh-City. A tourist guide points at the entrance of a tunnel system in which the communist resistance hid from the US Army. Today tourists from all over the world visit the tunnels. 04.05.1999 | © Roland Schmid

Sie gehören zu den Attraktionen des vietnamesischen Kriegstourismus: unterirdische Tunnelsysteme, in denen sich im Krieg Kinder, Frauen und Männer vor den amerikanischen Bomben schützten.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Rund sieben Tonnen Bomben pro Einwohner sollen die USA in der Region des einst beschaulichen Dorfes Vinh Moc in der Provinz Quang Tri abgeworfen haben. Das Gebiet nahe der entmilitarisierten Zone gilt als eines der am schwersten bombardierten der Kriegsgeschichte. «Es sah aus wie eine Mondlandschaft», sagt uns der US-Kriegsveteran Chuck Searcy. Um sich vor den tödlichen Geschossen zu schützen, verschwanden die Menschen buchstäblich unter der Erde. Mühsam gruben sie von Hand in geschätzten siebeneinhalb Millionen Arbeitstagen 114 Tunnel. Zwischen 1963 und 1968 entstand ein System von etwa vierzig Kilometern Länge, das auf drei Etagen bis acht Meter tief reichte. Da gab es kleine Läden, winzige Nebenhöhlen als Lazarett, Wohn- und Kommandohöhlen, Schulen … Es existierte in diesem menschlichen Maulwurfdorf eine komplette Infrastruktur. Mehrere Kinder wurden in den höchstens ein Meter siebzig hohen und äusserst engen Tunneln geboren. Als Besucher, gebückt und gebeugt, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, fasst man es kaum, dass hier unten Menschen für Jahre leben konnten. Die unterirdischen Gänge haben bis heute einen starken Symbolcharakter für die nationale Identität.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Sie sind heute als Museum zugänglich. Hier ein Museumsführer. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Sie sind heute als Museum zugänglich. Hier ein Museumsführer. | © Roland Schmid

Noch grösser war das Tunnelsystem von Cu Chi, vierzig Kilometer nordwestlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. Es soll länger als 200 Kilometer gewesen sein. Die Anfänge des Tunnelsystems reichen zurück in die 1940er Jahre, als sich die Unabhängigkeitsbewegung der Viet Minh gegen die französische Kolonialmacht erhob.

Vinh Moc 8.3.2015 - Modell der Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Modell der Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Als die Tunnel entdeckt wurden, erklärten die USA die Gegend von Cu Chi zur «Free fire»-Zone. Das war die Lizenz zum hemmungslosen Töten. In einer solchen Zone bewegten sich die US-Streitkräfte wie in einem rechtsfreien Raum. Es durfte erbarmungslos geschossen und niedergebrannt werden. Dabei spielte es keine Rolle, ob sich im definierten Gebiet Zivilisten oder feindliche Truppen aufhielten.

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Mit Schaufensterpuppen nachgestellte Geburtsszene | © Roland Schmid

Vinh Moc 8.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. Mit Schaufensterpuppen nachgestellte Geburtsszene | © Roland Schmid

Auch in Cu Chi können Besucher einige wenige noch existierende Gänge begehen.

Wieder an der frischen Luft, geraten die Touristen unausweichlich in die Souvenirshops. Neben Büchern und Videos fällt eine Kriegsmaschinerie en miniature auf: amerikanische Panzer, Kampfhubschrauber und Kanonen als Spielzeuge – kunstvoll gefertigt aus Colabüchsen. Wer noch nicht genug hat, greift jetzt zum Gehörschutz, zu einer AK-47, einer M16 oder einer anderen Original-Kriegswaffe von damals. Für einen Dollar pro Schuss darf auf blecherne Tiere geschossen werden. Eine ältere Lady und ein junges Pärchen aus den USA, einige Koreaner und Erich, ein Tourist aus Salzburg, gehören am Tag unseres Besuches zu dieser Vietnamkriegs-Schützengesellschaft. «Irgendwie ein komisches Gefühl», ausgerechnet in Cu Chi zu schiessen, «wo doch so viele Menschen gestorben sind», sagt der Mann aus Österreich. Er drückt ein weiteres Mal ab.

Vinh Moc 9.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Vinh Moc 9.3.2015 - Tunnels für den Zivilschutz im Vietnamkrieg. | © Roland Schmid

Peter Jaeggi ist freischaffender Autor, Fotograf sowie Reporter für Schweizer Radio SRF, Radio SWR2 und ORF1 sowie für verschiedene anderer nationale und internationale Medien. Schwerpunkte sind Arbeiten aus sozialen und naturwissenschaftlichen Bereichen.

Preisgekrönte Radio-Features von Peter Jaeggi über Agent Orange
Teil 1: https://soundcloud.com/aeschiried/spatfolgen-des-chemiewaffeneinsatzes-im-vietnamkrieg-teil-1
Teil 2: https://soundcloud.com/aeschiried/agent-orange-spaetfolgen-des

Roland Schmid ist freischaffender Fotojournalist. Er arbeitet für zahlreiche Schweizerische und internationale Medien und berichtet auch regelmässig aus Krisengebieten. Schwerpunktmässig berichtet er aus der Schweiz, aus Osteuropa und Asien.

Textauszüge und Bilder sind aus dem Buch Krieg ohne Ende, 2016 im Lenos Verlag

Bezugsquellen: Agent-Orange

Krieg ohne Ende

Spätfolgen des Vietnamkrieges
Agent Orange und andere Verbrechen

Konzept, Texte, Gestaltung: Peter Jaeggi
Bilder: Roland Schmid (Farbbilder), National Geographic (Schwarzweissbilder)

ISBN: 978 3 85787 473 4

Peter Jaeggi