Einträge in f³ – freiraum für fotogra
Robert Lebeck und die Poesie des Augenblicks...

Romy Schneider in einer Drehpause, Berlin 1976 © Archiv Robert Lebeck

Robert Lebeck hat das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik geprägt. Als «Ur-Berliner», geboren 1929, entwickelte er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs eine Bildsprache, die weit über die blosse Dokumentation hinausging. Seine Fotografien erzählen; sie halten nicht nur fest, was geschah, sondern vor allem, wie es sich anfühlte.

Karl-Marx-Strasse, Berlin-Neukölln 1960 © Archiv Robert Lebeck

Den Unterschied machte seine Haltung. Der Autodidakt mit dem Hintergrund in Völkerkunde brachte eine anthropologische Neugier mit, die ihn ebenso zu den leisen Momenten hinter den grossen Ereignissen führte wie auf die politischen Bühnen selbst. Ob für Revue, Kristall oder während über dreissig Jahren für den Stern: Lebeck suchte die Nähe. Seine Bilder atmen eine Intimität, die selbst bei weltberühmten Motiven nicht verkünstelt wirkt. Romy Schneider zeigt sich in einer Aufnahme von erschütternder Offenheit, Jacqueline Kennedy am Sarg ihres Mannes ist nicht die First Lady, sondern eine trauernde Frau.

Wäscherinnen in Cullera, Spanien 1964 © Archiv Robert Lebeck

Gleichzeitig war Lebeck ein Chronist historischer Zäsuren. Legendär ist seine Aufnahme aus dem Kongo von 1960, die zeigt, wie ein junger Mann dem belgischen König während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten den Degen entreisst. In diesem Sekundenbruchteil wird das Ende kolonialer Herrschaft sichtbar – erfasst durch einen wachen Blick, nicht durch Inszenierung. Ob heimkehrende Kriegsgefangene in Friedland oder Elvis-Presley-Fans in Ost-Berlin: Lebeck machte den Wandel der Welt durch die Augen der Menschen darin sichtbar.

Jackie Kennedy und Lee Radziwill am Sarg von Robert Kennedy, New York 1968 © Archiv Robert Lebeck

Neben dem Schaffen war ihm das Bewahren ein Anliegen. Seine private Sammlung zur Geschichte der Fotoreportage umfasst mehr als 30’000 Exponate und deckt die Entwicklung des Mediums von 1839 bis 1973 ab. Diese Arbeit unterstreicht sein Verständnis für das fotografische Erbe, das ihm zu Recht Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis und den Henri-Nannen-Preis einbrachte.

Elvis Presley in Friedberg, Hessen 1958 © Archiv Robert Lebeck

In der heutigen digitalen Bilderflut wirkt Lebecks Ansatz zeitlos. Er erinnert daran, dass Wirkung nicht von Lautstärke abhängt. Empathie, Geduld und poetische Dichte reichen aus. Lebeck hat gezeigt, dass Fotoreportage eine Form des menschlichen Verstehens ist – ein Blick, der auch heute noch berührt.

Golda Meir, Jerusalem 1969 © Archiv Robert Lebeck

Genau hier knüpft der f³ – freiraum für fotografie an. Als Bühne für internationale Fotografie setzen seine Ausstellungen visuelle Akzente und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Alfred Hitchcock in alten Elbtunnel, Hamburg 1960 © Archiv Robert Lebeck

Die Ausstellung Berliner Originale VOL. I: Robert Lebeck ist vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin zu sehen.

Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus

Edith Tudor-Hart, "Demonstration von Arbeitslosen", Wien, 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Fotografie von Edith Tudor-Hart (*1908 Wien – †1973 Brighton) bewegte sich zeitlebens in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und politischem Aktivismus. Der Berliner f³ – freiraum für fotografie zeigt nun erstmals in Deutschland eine umfangreiche Retrospektive dieser bedeutenden österreichisch-britischen Exilfotografin.

Edith Tudor-Hart, "Frau mit Kind", Wien, 1930 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Tudor-Hart, geborene Suschitzky, gilt als zentrale Protagonistin der sozialdokumentarischen Fotografie zwischen 1930 und 1955. Ihr Werk ist geprägt von einem starken Engagement für gesellschaftliche Belange. Sie thematisierte in ihren Arbeiten Armut, Integration und Frauenrechte. Ihr Fokus lag auf der Abbildung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse. Ihre Motive reichten von Wiener Hinterhöfen, an der Donau und im Prater, den Protesten gegen den aufkommenden Faschismus bis hin zu Bergmännern, Fabrikarbeitern und Fischern in Wales, der Frauenbewegung der Nachkriegszeit und den neuen Einrichtungen der Reformpädagogik. Ihre gestalterische Handschrift, ein sachlicher und sozialkritischer Stil, wurzelt in ihrem Studium am Bauhaus in Dessau Ende der 1920er-Jahre, wo sie Fotografie und Grafik belegte.

Edith Tudor-Hart, "Frauenrechtsbewegung", 1945 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der Lebensweg der aus einer säkularen jüdischen Familie in Wien stammenden Edith Tudor-Hart war geprägt von politischer Verfolgung und persönlichen Schicksalsschlägen. Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung zur Montessori-Pädagogin in Wien und London, wo sie den Beruf auch ausübte. Als engagierte und überzeugte Kommunistin wurde sie 1933 in Wien inhaftiert und floh vor dem Faschismus ins Exil nach England. Um die Ausreise zu ermöglichen, heiratete sie den britischen Arzt Alexander Tudor-Hart. In London setzte sie ihre fotografische Arbeit fort und publizierte zahlreiche Reportagen in linksgerichteten Zeitschriften wie der Picture Post oder der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ).

Edith Tudor-Hart, "Gee Street", Finsbury, London, ca. 1936 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Ein bisher wenig beachteter Aspekt ihrer Biografie: Es wird vermutet, dass sie bereits seit ihrer Jugend mit Nachrichtendiensten und den Geheimdiensten der Sowjetunion zusammenarbeitete. Historisch belegt ist ihre Schlüsselrolle bei der Rekrutierung des berühmten Spionagerings "Cambridge Five". Die Angst vor Überwachung, der Druck durch den englischen Geheimdienst sowie gesundheitliche Gründe führten in den 1950er-Jahren dazu, dass sie ihre fotografische Tätigkeit beendete und Teile ihrer Negative vernichtete. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffnete sie ein kleines Buchantiquariat. 1973 starb Edith Tudor-Hart in Brighton.

Edith Tudor-Hart, "Suppenausgabe", Wien, 1931 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihr fotografisches Werk wiederentdeckt und neu bewertet. Ihr fotografischer Nachlass befindet sich heute im Archiv des Fotohofs Salzburg.

Edith Tudor-Hart, "Hakenkreuze im Schatten", Wien, um 1932 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Der f³ – freiraum für fotografie bietet internationaler Fotografie eine Bühne. Seine Ausstellungen setzen sich visuell auf erstklassige Art und Weise mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander und eröffnen neue Perspektiven auf gesellschaftlich relevante Themen. Mit begleitenden Bildungs- und Vermittlungsprogrammen lädt der f³ – freiraum für fotografie die Besuchenden zur inhaltlichen Vertiefung ein und vermittelt fundierte Hintergrundinformationen.

Edith Tudor-Hart, "Dienstmann", Wien, 1929 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Das Fotohof-Archiv wurde 2015 eröffnet und beherbergt vor allem Fotografien österreichischer, aber auch ausgewählter internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es werden Negative, digitale Daten, Dokumente und alle Materialien gesammelt, die eine Darstellung der künstlerischen Entwicklung ermöglichen.

Edith Tudor-Hart, "Kensal Haus", London, um 1937 © Estate of W. Suschitzky, courtesy Fotohof

Die Ausstellung Crossing Lines - Fotografie zwischen Kunst und Aktivismus von Edith Tudor-Hart wird am 6. März eröffnet und kann bis zum 17. Mai 2026 im f³ – freiraum für fotografie an der Prinzessinnenstrasse 30 in Berlin besucht werden.