Calla © Walter Schels
Das Vergehen als schöpferischer Akt: Während Berlin Walter Schels mit einer Retrospektive ehrt, zeigt die Galerie VisuleX in Hamburg seine intimen Pflanzenstudien. Arbeiten, in denen Licht, Chemie und getrocknete Blütenblätter zu einer eigenwilligen Metamorphose finden.
Tulpe © Walter Schels
In den Arbeiten von Walter Schels geschieht etwas Unerwartetes mit dem Vergehen: Es verliert seine Schwere und wird zur Form. Aus vertrockneten Disteln und verblühten Sonnenblumen entstehen keine melancholischen Stillleben, sondern zarte Gefüge auf Papier. Wer vor diesen Werken steht, schaut nicht auf ein fertiges Abbild, sondern auf das Verstreichen von Zeit: Getrocknete Blütenblätter und kristallisierende Salze verbinden sich zu einer stofflichen Verwandlung, die das botanische Porträt hinter sich lässt und den Prozess selbst sichtbar macht.
Artischocke © Walter Schels
Walter Schels, 1936 in Landshut geboren, lebt seit vielen Jahren in Hamburg und feiert in diesem Sommer seinen 90. Geburtstag. Sein Blick auf die Welt war stets von einer existenziellen Neugier geprägt – von den ersten Zügen Neugeborener bis zu Gesichtern im Moment des Übergangs. In den Pflanzenstudien setzt er diese Suche mit den Mitteln des Materials fort. Er arbeitet mit abgelaufenen Filmen, überlagerten Papieren und gealterten Fixierern. Die Chemie altert mit dem Motiv, sie bringt eigene Farbverläufe und kristalline Adern hervor, die sich wie Sedimente über das Bild legen.
© Walter Schels
In seinen jüngsten Arbeiten lässt Schels schliesslich die Kamera ganz beiseite. Auf grossen Bögen treffen Licht, Entwickler und getrocknete Pflanzenfragmente direkt aufeinander. Für Schels ist ein Bild nie endgültig abgeschlossen: Auch nach dem Trocknen reagieren die organischen Reste im Papier im Verborgenen weiter. Jedes Blatt bleibt ein Unikat, gezeichnet von der Zeit, die es festhalten wollte.
© Walter Schels
Dass diese stillen Spätwerke in Hamburg zu sehen sind, fügt sich in das Profil der Galerie VisuleX. Seit 2015 widmet sich der Raum an der Alster zeitgenössischen Positionen der Fotografie, mit einem feinen Gespür für Natur- und Architekturthemen, die den Blick für das Wesentliche schärfen.
© Walter Schels
Die Ausstellung «Walter Schels | Nachblüte» ist vom 31. Juli bis zum 22. August 2026 in der Galerie VisuleX in Hamburg zu sehen. Parallel dazu würdigt das Ausstellungshaus C/O Berlin das Gesamtwerk des Fotografen in der Retrospektive «Walter Schels. 16° Fische. Fotografien von 1958–2026».