Einträge in Museum Franz Gertsch
Poetik des Vergehens…

We passed the setting sun, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Im Kabinett des Museum Franz Gertsch entfaltet sich bis Ende August 2026 eine Ausstellung, die das Wesen der Fotografie selbst befragt. Mit den Werkserien «A Gaze of One’s Own» und «An Apparition of Memory» stellt Brigitte Lustenberger zwei Positionen vor, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sich im Kern jedoch derselben grossen Frage widmen: Wie lässt sich das Flüchtige festhalten, ohne es seiner Würde zu berauben? Lustenberger widersetzt sich der Bilderflut und stellt das Handwerkliche, den Prozess und das Verborgene ins Zentrum. 

Edge of Tenderness – A Gaze of One‘s Own, 2026, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Herzstück der Ausstellung bildet der Dialog zwischen der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und der Poesie der Natur. In «A Gaze of One’s Own» wendet sich die Künstlerin nach innen. Inspiriert von Virginia Woolf richtet Lustenberger ihren Blick auf den eigenen, alternden Körper. Sie löst sich damit von der traditionellen, männlich geprägten Sichtweise der Kunstgeschichte. Als Fotografin und Modell in einer Person hebt sie das Machtgefälle zwischen Betrachter und Betrachteter auf. Sie verweigert die Objektivierung; ihr Körper bleibt Subjekt. Die daraus entstehenden Bilder sind keine Akte im konventionellen Sinne, sondern performative Gesten des Selbst-Sehens. Sie fragen unmissverständlich: Was sehen wir eigentlich, wenn wir hinschauen? Und wie können wir Sehmuster aufbrechen? Die Nacktheit, die gezeigt wird, ist keine zur Schau gestellte, sondern eine ehrliche Konfrontation mit Vergänglichkeit und Zeit. 

I was lost in the wildernesss of my mind, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Dieser forschende Blick findet eine überraschende Ergänzung in der Werkgruppe «An Apparition of Memory». Hier entwickelt Lustenberger eine einzigartige Sprache der Blumenfotografie, die beinahe magisch anmutet. Anstatt verwelkte Blüten als Abfall zu betrachten, macht sie sie zum Träger des Bildes selbst. In einem einzigartigen Prozess ersetzt das Pflanzenmaterial die lichtempfindliche Emulsion auf alten Diapositivgläsern. Die Farbpigmente der Blumen werden durch das Licht aktiviert und verwandeln sich in fragile Photogramme. Die filigranen Strukturen, die das blosse Auge im Welken oft übersieht, treten hervor und offenbaren die raffinierte Architektur der Natur. Die Blumen scheinen die Enge des Glases zu sprengen, lösen sich in eine zeitlose Schwerelosigkeit auf. Jeder Titel, entlehnt aus Liedern, Filmen oder Gedichten, webt eine weitere Bedeutungsebene in das Werk ein. Wie der Kritiker Yuri Mitsuda bemerkt, wirken diese Bilder fast wie kunstvolle Gebilde aus schwerelosem Licht. 

Fold – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier, © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Beide Serien eint die Faszination für das Paradoxon der Fotografie: Ein Medium, das erfunden wurde, um das Leben zu bewahren, macht bei Lustenberger unweigerlich den Lauf der Zeit und das Sterben bewusst. Sie verbindet analoge und digitale Verfahren, lässt alte Techniken auf neue treffen und schafft so eine Spannung, die ihre Arbeit im Innersten prägt. Es ist der suchende, fragende Blick, der Besuchende im Museum Franz Gertsch erwartet – ein Blick, der nicht nach schnellen Antworten sucht, sondern zum Innehalten einlädt. 

I can hear the deep rasp of your laughter, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Brigitte Lustenberger, geboren 1969 in Zürich, lebt und arbeitet heute in Bern. Ihr Weg zur Kunst war geprägt von einer fundierten theoretischen Auseinandersetzung; zunächst studierte sie Kunstgeschichte und verfasste ihre Lizentiatsarbeit über Robert Capa und Gerda Taro, bevor sie ihre fotografische Praxis autodidaktisch und später im MFA-Studium an der Parsons School of Design in New York (2007) vertiefte. Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Fotopreis des Kantons Bern (2002, 2013) und dem Jungck Künstlerinnenpreis (2025). Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit engagiert sie sich institutionell, so war sie lange im Vorstand der Kunsthalle Bern und ist im Photoforum Pasquart Biel sowie im Stiftungsrat des Unterstützungsfonds für schweizerische bildende KünstlerInnen tätig. 

Pull – A Gaze of One‘s Own, 2021, Silbergelatineabzug auf Barytpapier © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Das Museum Franz Gertsch in Burgdorf ist ein Ort der Begegnung mit grosser Kunst und regionaler Verankerung. Bekannt für seine Sammlung und Ausstellungen, bietet das Museum mit seinem Kabinett einen intimen Raum für präsente Positionen der zeitgenössischen Kunst. Die Ausstellung von Brigitte Lustenberger fügt sich hier nahtlos in das Programm ein, das oft Werke zeigt, die handwerkliche Meisterschaft mit konzeptueller Tiefe verbinden. 

An apparition of memory, 2023 Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich

Die Ausstellung «A Gaze of One’s Own» von Brigitte Lustenberger wird am 12. Juni eröffnet und kann bis zum 30. August 2026 im Museum Franz Gertsch besucht werden.