Vom Warten auf die Sonne: Anne Morgensterns Ästhetik des unaufhaltsamen Verfalls

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

In ihrer ersten Einzelausstellung in der Zürcher Galerie Lullin + Ferrari seziert die Fotografin Anne Morgenstern eine Gesellschaft am Kipppunkt. Die neue Serie «Sunset Sour» ist eine visuelle Untersuchung von Orten und Körpern, an denen sich Opulenz und unabwendbarer Zerfall begegnen – ein Abgesang, der überraschend viel Wärme birgt.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Alles in diesen Fotografien scheint auf die Sonne zu warten, die als Protagonistin und heimliche Erzählerin dieser Geschichte von Dekadenz und Exzess fungiert. Morgenstern fängt eine Welt ein, die sich verzweifelt an den Status quo klammert und das Bestehende, wie Jugend und Reichtum, um jeden Preis bewahren möchte. Es ist ein beinahe tragisches Festhalten, das den drohenden Zusammenbruch nur erahnen lässt. Auf den Bildern werden Körper und Architektur zu Seismographen dieser vergeblichen Kraftanstrengung: Narben, Falten, verwitterter Marmor und abblätternde Farbe künden als Vorzeichen vom unaufhaltsamen Wandel. Doch Morgensterns Blick, der sich zwischen Porträt, urbanem Detail und Stillleben bewegt, formuliert keine blosse Klage. Die Künstlerin taucht ihre Motive in eine gesättigte Tonlage, die von der Spannung zwischen Widerstand und Hingabe lebt. Gegen eine Welt, die nur das Neue schätzt, behauptet sie eine Schönheit, die durch die Berührung der Zeit erst recht prächtig wird. Sommersprossige, gebräunte Haut und behandeltes Haar werden nicht abgewertet, sondern in ihrer gezeichneten Tiefe gefeiert. Das Licht der Sonne, launisch und egoistisch gespendet, macht diese Momente umso kostbarer, da sie unweigerlich flüchtig sind. Es ist eine Aufforderung, den Griff zu lockern und die Sonne zu geniessen, bevor sie schliesslich untergeht.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Die in Leipzig geborene und in Zürich arbeitende Fotografin blickt in ihrer Praxis hinter gesellschaftliche Konventionen, um leise Momente mit tieferer Erzählkraft freizulegen. Für ihre präzise Arbeit wurde Anne Morgenstern bereits vielfach ausgezeichnet: 2025 erhielt sie bei den Swiss Press Awards den Titel als Fotografin des Jahres für ihre Reportage «Swifties», 2023 den Hansel-Mieth-Preis und 2022 den Swiss Design Award für ihr Fotobuch «MACHT LIEBE». Zuvor wurde ihr Projekt «Land ohne Mitte» 2016 mit dem Deutschen Fotobuchpreis gewürdigt.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Den kuratorischen Raum für diese Reflexion bietet die 2008 von Corrado Ferrari und Etienne Lullin gegründete Galerie Lullin + Ferrari. In den grosszügigen Räumlichkeiten in der Nachbarschaft des Zürcher Löwenbräu-Areals widmet sich die Galerie zeitgenössischen, konzeptuellen Positionen, die visuelle Strenge und intellektuelle Tiefe vereinen. Das anspruchsvolle Programm beweist historisches Bewusstsein und fördert internationale Talente ebenso wie etablierte Kunstschaffende.

Aus der Serie «Sunset Sour», 2026 © Anne Morgenstern

Die Ausstellung «Sunset Sour» mit der neuen Serie von Anne Morgenstern wird bei Lullin + Ferrari in Zürich präsentiert und ist noch bis zum 7. November 2026 zu sehen.