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Cicatrice - eine Einordnung von Melody Gygax…
Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Eine künstlerische Arbeit mit einer klaren Botschaft. Nicht nur für die Schönheit dieses majestätischen Steins. Hier schwingt Stolz und Tradition, seine Erfolgs-Geschichte mit - ich selbst habe meinen Bezug und bin mit diesem Stein im Garten in Form eines Brunnens aufgewachsen und kletterte als Kind im Steinbruch herum – aber natürlich hat das Eingreifen des Menschen in die Natur, der Jahrhunderte lange Abbau des Felsens auch seine Folgen und zeichnet seine Furchen oder Narben in die Natur. «Cicatrice» auf italienisch und französisch → Narbe

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Wie damit fotografisch umgehen? 

Die gewählte Form erschliesst sich aus dem Werdegang des Fotografen Kostas Maros und zeigt seine Entwicklung deutlich. Nach Abschluss seiner juristischen Laufbahn begann er als Pressefotograf bei der Basler Zeitung und machte ein Praktikum bei mir. Im Jahr 2012 stellte ich ihn als Bildchefin der Zeitung fest an, wo er noch heute neben anderen Wirkungsfeldern tätig ist. Er zeichnet sich durch seine qualitativ hochstehende und feinfühlige Portraitfotografie aus und seine Reportagen folgen gekonnt einem narrativen Strang, sich der Vollständigkeit bewusst, die dieses Genre erfordert: Vollständigkeit bedeutet, dass auch alle negativen Aspekte beleuchtet werden, auch Personen miteinbezogen werden und die Auswirkungen auf die Natur breit sichtbar wird.

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Seine Tätigkeitsfelder erweitern sich aber auch immer mehr in eine neue Richtung. 

Nun wäre dieses Thema für eine klassische Reportage mit gesellschaftskritischem Hintergrund ideal. Obwohl der Fotograf während seiner Aufenthalte in Carrara mit einem Umweltaktivisten in den apuanischen Alpen unterwegs war, ist die Herangehensweise des Fotografen nicht die der Reportage: Er geht künstlerisch vor. Er entscheidet sich für ein Extrakt, er nimmt sich die Freiheit, wegzulassen. Das heisst, dass er eben nicht der Vollständigkeit verpflichtet ist und nicht alle - im Ausstellungstext beschriebenen - Aspekte mitnehmen muss. Hier endet die Form der Reportage und beginnt die Kunstform. Beide Formen schliessen sich aber nie aus. 

Der Mensch steht wohl neben der Natur im Zentrum dieser Arbeit, ist aber nicht direkt sichtbar. Seine Spuren sind es, er ist stark spürbar durch seinen Eingriff in die Natur. Der Fotograf lässt den Menschen in seinen Fotografien hier bewusst aussen vor. Er legt den visuellen Fokus auf die Natur und verzichtet auf menschliche Präsenz.

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus persönlichem Interesse und aus Begeisterung für den Ort entstand diese Arbeit. Die Vorgehensweise ist eine sehr langsame, da er mit der Fachkamera weniger mobil ist und sie ein langsames, aber wachsameres Fotografieren erfordert. Er schaut anders: bewusster, überlegter, bewegt sich also in einer ganz anderen Form um das gigantische Sujet herum. Gewisse Bilder und Perspektiven erfordern einen Mehraufwand, längere Kletterrouten, die er mit dem Umweltaktivisten und Kenner der apuanischen Alpen bewältigt.

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Die visuelle Anziehungskraft der Mächtigkeit des Steins erschlägt einen beinahe, einer Ohnmacht gleich. Kostas entscheidet sich, grafisch vorzugehen und zeichnet ein architektonisches Portrait. Er vermeidet störende Faktoren wie teilweise überflüssigen Himmel, Bagger, den Menschen - es ist kein touristischer Blick, sondern ein skulpturaler. Die Erhabenheit und die Schönheit werden virtuos verbunden mit dem Aspekt der Zernarbung des Berges und dem Einschnitt in die Landschaft. Die Anmutung aller Bilder in diesem Raum bilden eine visuelle Verneigung vor der monumentalen Kulisse und vor allem einen Weckruf an die Menschen im Umgang mit der Natur.

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Dieses Vorgehen erinnert an den Fotografen Paolo Pellegrin, der Fotografenagentur MAGNUM PHOTOS, der mit seiner Arbeit «Antarctica» einen solchen Weg ging. Er zeigt eben nicht «nur» die Schönheit der Antarktis, indem er sehr nahe über der Oberfläche fliegen kann, ermöglicht durch die Nasa, sondern verweist auf das Leiden der Natur, auf die Klimaerwärmung und das Ansteigen des Meerespiegels.

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Aus der Serie "Cicatrice", 2020 | © Kostas Maros

Der Fotograf Kostas Maros (*1980) absolvierte an der Universität Basel eine rechtswissenschaftliche Ausbildung und arbeitete einige Jahre im juristischen Berufsfeld, bevor er 2013 autodidaktisch zur Fotografie wechselte. Seither ist er in der Schweiz und im Ausland für Editorial-, Corporate- und Werbekunden tätig und setzt Reportage- und Kunstprojekte um. Für seine Auftragsarbeiten wird er von der Agentur 13photo und für seine künstlerischen Arbeiten von der Galerie Monika Wertheimer und der Galerie 94 vertreten. Seine Arbeiten wurden unter anderem im Rahmen des Prix de la Photographie, Paris, des Vfg-Nachwuchsförderpreises, des Swiss Photo Award (Gewinner 2018) und des Swiss Press Award ausgezeichnet. 

Gastautorin
Melody Gygax ist die Schweizer Vertreterin von MAGNUM PHOTOS. Seit über 20 Jahren steht die Fotografie im Mittelpunkt ihres Lebens, zuerst jahrelang als Bildredaktorin für verschiedene Medien und zuletzt als Bildchefin bei der Basler Zeitung. Als Bildredaktorin/Kuratorin arbeitet sie heute mit Brands, Werbeagenturen, Corporate Publishern, Fotogalerien, Kulturinstitutionen und Fotografen zusammen. Sie ist regelmässiges Jurymitglied bei Fotowettbewerben, ist als qualifizierte Jurorin an Schulen tätig, unterrichtet Fotografie in den Bereichen Konzeption, Kuration und Editing & Storytelling, und ist langjährige Expertin bei diversen Portfolio-Reviews. 

Galerie 94
Seit 2015 befindet sich die Galerie 94 im ehemaligen Speditionsgebäude des Merker-Areals im Zentrum von Baden. Mit Schwerpunkt auf zeitgenössische und klassische Fotografie präsentiert sie nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler. Sascha Laue, Gründer der Galerie führte bereits von 1994 – 2004 die Photogalerie 94 in Ennetbaden.

ArtMelody Gygax
Amour...
Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Es ist Unsinn sagt die Vernunft
Es ist was es ist sagt die Liebe 

Es ist Unglück sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst
Es ist aussichtslos sagt die Einsicht
Es ist was es ist sagt die Liebe 

Es ist lächerlich sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich sagt die Erfahrung
Es ist was es ist sagt die Liebe

Erich Fried[1]

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

”Nous vivons dans une civilisation qui a donné la priorité absolue à l’intellect, c’est-à-dire à la compréhension du monde au moyen du cerveau et de la réflexion cognitive. Or à notre époque, il reste encore des choses qui ne peuvent être appréhendées par ce biais. C’est alors que nous avons recours à l’art, et à l’amour. Cet ouvrage tente de relier les trois éléments qui échappent encore à la priorité du rationalisme - l’art, l’amour et le fonctionnement du cerveau - afin d’exalter l’indicible”. 

George Kouvas, CTO de Wyss Center for Bio and Neuroengineering

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

"Amour" ist ein Versuch von Guillaume Perret auf poetische, zärtliche und sinnliche Art und Weise die vielfältigen Facetten des Verliebtseins sichtbar zu machen. Luc Debraine, Journalist und Direktor des Schweizerischen Kameramuseums in Vevey schreibt im Epilog von "Amour": "Liebe ist gefährlich, besonders für einen Fotografen." Die Gefahr? – Die Gefahr eines selbstgefälligen Blicks…

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Guillaume Perret schafft es mit seiner poetischen und zärtlichen Herangehensweise ein Bild der Liebe zu zeigen, das berührt und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Bilder der Liebe atypischer Paare, die spüren lassen, dass Liebe kaum erklärbar ist…

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

In wen verliebst du dich? In wen bist du verliebt? Warum er? Warum sie?... Persönliche und intime Fragen, deren Antworten offen bleiben sollten, um die Zärtlichkeit und die Kraft der Liebe zu bewahren. "Amour" verbindet mit Bildern Paare, die sich durch den Blick unserer Gesellschaft stigmatisiert fühlen – uns dennoch andere Wege zeigen, wie wir uns dem Leben nähern können...

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

"Amour" erinnert uns daran, dass jenseits der Schwierigkeiten jede Form der Liebe auch durch ihren einzigartigen und persönlichen Charakter schön ist. Die verschiedenen Formen, ob akzeptiert oder nicht, verweisen uns auf unsere eigenen Darstellungen, und die Fotografie ist ein hervorragendes Werkzeug, dieses Thema anzugehen. Ein Foto kann dank seines erzählerischen Potentials Poesie mit einer Realität verbinden, die oft kaum sichtbar ist.

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Guillaume Perret (*1973) lebt und arbeitet im Kanton Neuenburg. Seine Neugierde und Sensibilität führte ihn nach seiner Tätigkeit als Maurer und Lehrer zur Fotografie, autodidaktisch und entschlossen, er arbeitet seit 2005 für die Schweizer Presse und gründete 2015 die Agentur Lundi13 mit. 2018 wurde er von der Jury des Swiss Press Photo zum "Fotografen des Jahres" gewählt. Er gewann den 1. Preis in der Kategorie Porträt. 

"AMOUR" (ISBN 978-2-8399-2785-7) kann direkt bei ACT Editions oder im Buchhandel bezogen werden. Signierte Exemplare können bei Guillaume Perret bestellt werden.

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

Aus der Serie "Amour" | © Guillaume Perret

[1] Erich Fried (6. Mai 1921 in Wien † 22. November 1988 in Baden-Baden) war ein österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist. Er war in der Nachkriegszeit ein wichtiger Vertreter der politischen Lyrik Deutschlands und galt gleichzeitig als bedeutender Shakespeare-Übersetzer, dem es gelungen ist, die Sprachspiele des englischen Dramatikers ins Deutsche zu übersetzen. Er beteiligte sich am politischen Diskurs seiner Zeit, hielt Vorträge, nahm an Demonstrationen teil und vertrat öffentlich Position der ausserparlamentarischen Opposition, so dass er sich in konservativen und rechten Kreisen dem Ruf als "Stören-Fried" erwarb.

Floating Garden...
Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Blüht eine Blume, zeigt sie uns die Schönheit. Blüht sie nicht, lehrt sie uns die Hoffnung.

Chao-Hsiu Chen[1]

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Alles begann mit einer Rose… "Floating Garden[2]" ist ein Langzeitprojekt der kroatischen Fotografien Maja Strgar Kurečić, das sie im Sommer 2019 begonnen hat. "Es begann mit der Rose, die meine Tochter zu ihrem 18. Geburtstag erhielt. Diese Rose liess mich über Jugend, Schönheit, Vergänglichkeit nachdenken..." Sie wollte sie vor dem Verrotten bewahren und hat sie gedanken- und planlos ins Wasser gelegt und vereist. Mit der Zeit wurde ihr klar, dass sie fotografieren musste, um die zarte Struktur der Blütenblätter und deren intensiven Farben festzuhalten.

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Nebst den Rosenblättern begann sie mit anderen Blumen, Blättern, Zweigen, Kräutern und Samen zu experimentieren – mit allem was sie im Garten finden konnte. In dieser natürlichen und empfindlichen Welt, die uns umgibt, findet Maja Strgar Kurečić eine schier unerschöpfliche Quelle von Metaphern für das Leben und die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz.

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird.

Albert Camus[3]

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Maja Strgar Kurečić ist Kunstfotografin und ausserordentliche Professorin für Fotografie an der Fakultät für grafische Künste der Universität Zagreb in Kroatien. Seit über 25 Jahren mit Fotografie. Zu Beginn ihrer Karriere beschäftigte sie sich vorwiegend mit Werbe- und Reportagefotografie. Internationale Anerkennung erlangte sie für ihre letzten Projekte "Other Worlds", "Escape Landscapes" und "Floating Garden", die mit vielen Preisen (Tokyo International Foto Awards 2019 (Gold in Nature), 15th Julia Margaret Cameron Award (Winner in Nature), Moscow International Foto Awards 2020 (Silver in Fine Art), Budapest International Foto Awards 2020 (Gold in Nature), Prix de la Photographie Paris 2020 (Bronze in Nature), San Francisco Bay International Photography Awards (Sliver Award and Gallery Award), Chromatic Photography Awards 2020 (Silver in Nature), 6th Fine Art Photography Awards (3rd place winner in Nature) und andere) ausgezeichnet und ein Einzel- und Gruppenausstellungen (ULUPUH Gallery, Zagreb, FotoNostrum, Barcelona, PH21 Gallery, Budapest, Gallery Valid Foto, Barcelona, Batana Gallery, Rovinj) präsentiert. Sie ist Mitglied von ULUPUH (Kroatischer Verband der Künstler für angewandte Kunst) und CPPA (Kroatischer Verband der Pressefotografen).

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

[1] Chen Chao-Hsiu ist eine chinesische Autorin, die in Taiwan geboren ist, wo sie in Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus unterrichtet wurde. Sie studierte in Wien und Salzburg klassische Musik. Die Feng-Shui-Expertin arbeitet heute als Schriftstellerin, Malerin, Kalligraphin und Komponistin in Rom.

[2] Schwimmende Gärten sind auf flachen Seen gestaltete Anbauflächen, die aus Schlick und Wurzelwerk der üppig wachsenden Wasserhyazinthen gebaut und mit Bambusstangen im Boden verankert werden. Da die schwankenden Konstruktionen von Menschen nicht betreten werden können, werden sie von Booten aus bewirtschaftet. Aufgrund der klimatischen Gegebenheiten sind mehrere Ernten im Jahr von Tomaten, Gurken, Auberginen und anderen Gemüsen möglich. Die schwimmenden Gärten wurden von der Volksgruppe der Intha im Süden Burmas entwickelt, da sie von den bereits ansässigen Völkern nur unter der Bedingung geduldet wurden, wenn sie sich auf dem See und dem ihn umgebenden Schilfgürtel ansiedelte.

[3] Albert Camus (1913 – 1960) ist in Mondovi in Französisch-Nordafrika (heutiges Dréan, Algerien) geboren und in der Nähe von Villeblevin in Frankreich gestorben. Er war Schriftsteller, Philosoph und Religionskritiker. 1957 erhielt er für sein Lebenswerk den Nobelpreis für Literatur. Er gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

Aus der Serie "Floating Garden" | © Maja Strgar Kurečić

ArtMiryam Abebe
Anthemis Nobilis…
Anthemis Nobilis #3, Gypsophila Repens, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #3, Gypsophila Repens, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

"Ich ging hinüber zu meinen Sonnenblumen, die unerschütterlich wuchsen, sich selbst auf die richtige Weise und zur richtigen Zeit erfüllend, in der Überzeugung, dass die Sonne für sie da sein würde. Nur wenige Menschen bringen jemals zustande, was die Natur ohne Anstrengung und zumeist ohne Fehlschlag zustande bringt. Wir wissen nicht, wer wir sind, und wie wir funktionieren, noch viel weniger verstehen wir zu blühen." 

(Jeannette Winterson, aus "Auf den Körper geschrieben")

Anthemis Nobilis #1, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #1, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Eine glückliche Fügung: Seit Januar 2018 steht Sonja Maria Schobinger die botanische Bilder-Sammlung des I. H. (1865 – 1940) aus dem 19. Jahrhundert zur Verfügung, die einst dem Studium der Botanik und der Pharmazie diente – ein Fundus von mehreren hundert handkolorierten Glasdiapositive.

Anthemis Nobilis #2 Cystisus Laburnum, Oxalis Acetosella, Berberis Vulgaris, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #2 Cystisus Laburnum, Oxalis Acetosella, Berberis Vulgaris, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Um mit den botanischen Abbildungen arbeiten zu können reproduzierte Sonja Maria Schobinger die Pflanzenbilder mit Ihrer Kamera und verzichtete auf das Arbeiten mit dem Scanner. Im nächsten Schritt rekonstruierte sie die Farben und strukturellen Feinheiten der digitalisierten Pflanzenabbildungen.

Jede Glasplatte war mit dem lateinischen Namen der abgebildeten Pflanze beschriftet, dies hat sie dazu gebracht linguistisch-etymologische Nachforschungen zu machen. Bereits seit ihrer Kindheit interessiert sie sich für Heilpflanzen - nun setzt sie sich forschend mit der Heilwirkung, der Toxizität und der Formsprache der Pflanzen auseinander.

Anthemis Nobilis #7, Viscum Album, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #7, Viscum Album, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Das Beschäftigen mit den Glasdiapositiven der botanischen Sammlung hat sie bestärkt, ihre Idee in einem Langzeitprojekt umzusetzen. Sie schafft eine neue Bildwelt, indem sie analoge und digitale Selbstportraits, mit den botanischen Tafeln verschmelzen lässt. Die Glasplatten stammen aus den Anfängern der Fotografie und die Portraits zeigen das künstlerische Schaffen Sonja Maria Schobingers mit verschiedenen Techniken – analog, digital, Film, Glas und Dia – aus den letzten 35 Jahren.

Anthemis Nobilis #5, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #5, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

In Anthemis Nobilis geht es Sonja Maria Schobinger weniger um die therapeutische Wirkung der Heilpflanzen, viel mehr möchte sie ihre feminine Sichtweise, mit dem männlichen Blick auf die Pflanzenwelt vereinen. Ein Vereinen von männlich und weiblich, historisch und modern, Kunst und Wissenschaft, analog und digital, Mensch und Natur und Dominanz und Hingabe – um das Sichtbarmachen von elementaren Bestandteilen des Menschseins in und mit der Natur.

Anthemis Nobilis #8, Viburnum opulus, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #8, Viburnum opulus, 2019 | © Sonja Maria Schobinger

Sonja Maria Schobinger lebt in der Schweiz und wird durch die Galerie Carzaniga, Basel vertreten. Ihre Arbeiten sind in Kunstsammlungen (Kunstsammlung Stadt Zürich, Kunstsammlung Roche und anderen) vertreten. Ihre Arbeiten wurden mehrfach in Einzel- und Gruppenausstellungen (Galerie Monika Wertheimer, Oberwil, Galerie 94, Baden, Galerie Carzaniga, Basel, Museum Helmhaus, Zürich, Kunsthaus Zug, Kunsthalle Palazzo, Liestal) präsentiert. 1983 hat sie mit ihren Langzeitprojekten "Selbstportraits" und "Women pick Flowers" und 2018 mit einem Langzeitprojekt anhand botanischer Glasplatten-Dias von "I. H." aus dem 19. Jahrhundert begonnen.  

Sonja Maria Schobingers frühere Arbeiten mit historischem Bildmaterial, sind u. A. die Restaurierung, Rekonstruktion und Digitalisierung des Foto-Nachlasses der Expeditionsfotografin Anneliese Scherz (1900-1985) und des Archäologen Ernst Rudolf Scherz (1906-1981), und ihre Arbeit als Gastkuratorin zur Ausstellung „White Lady - Black Lady“. Fotografien von Anneliese Scherz während den Expeditionen mit Abbé Henri Breuil und Mary Boyle in Namibia, 1947-1950.

Anthemis Nobilis #16, Fragaria Vesca, 2021 | © Sonja Maria Schobinger

Anthemis Nobilis #16, Fragaria Vesca, 2021 | © Sonja Maria Schobinger

Art, DocumentaryMiryam Abebe
Asche...
Hüftimplantat, 2020 | © Tina Ruisinger

Hüftimplantat, 2020 | © Tina Ruisinger

“Das einzig Wichtige im Leben, sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." 

Albert Schweizer

Hüftpfanne, 2020 | © Tina Ruisinger

Hüftpfanne, 2020 | © Tina Ruisinger

Mit "Ashes" hinterfragt die Fotografin Tina Ruisinger was am Ende bleibt. Nach der Kremation bleibt nicht nur Asche – in verschiedenen Farbtönen – zurück, sondern auch Dinge, die nicht verbrennen, die bei über 1000° Celsius nicht verschwinden. Manchmal sind es Dinge, die Erinnerungen an Menschen wecken, die nicht mehr da sind… Wie eine Archäologin der Gegenwart sucht Tina Ruisinger in der Asche nach Überbleibseln von Biografien und lässt sie vor dem Objektiv zu Kleinoden von rätselhafter Schönheit erblühen.

Glöckchen | © Tina Ruisinger

Glöckchen | © Tina Ruisinger

Bereits in der Altsteinzeit gab man Verstorbenen Gegenstände ins Jenseits mit. Für die alten Ägypter, für Kelten aber auch für Römer war es klar, dass Verstorbene auf ihrem Weg ins Jenseits Waffen, Proviant und Geld brauchen. Dass diese Sitte bis heute lebendig ist haben Ofenmeister tagtäglich in Krematorien vor Augen. Dies wirft natürlich Fragen auf: Was darf man heute in den Sarg mitgeben? Darf man seinem besten Freund seinen Lieblings-Rum mit auf die letzte Reise geben? Was passiert mit dem künstlichen Kniegelenk, das meiner Mutter eingesetzt wurde? Vielleicht taucht auch die Frage nach der Farbe der Asche auf…

Stent | © Tina Ruisinger

Stent | © Tina Ruisinger

Eltern möchten ihrem viel zu früh verstorbenen Kind vielleicht den Lieblings-Teddy mitgeben, damit es den letzten Weg nicht alleine gehen muss. Oft sind es aber auch Familienfotos, Kinderzeichnungen oder Briefe, in denen Unausgesprochenes steht, die in den Sarg gelegt werden… Dem passionierten Bergsteiger wird ein Seil, dem Raucher die Pfeife, die Lieblingszigarre oder eine Schachtel Zigaretten auf die Reise mitgegeben. 

Alles Explosive hingegen sollte nicht in den Sarg gelegt werden – der Lieblings-Whisky oder der Lieblings-Champagner sollte in Erinnerung an den Onkel, der besten Freundin genossen werden…

Pacemaker | © Tina Ruisinger

Pacemaker | © Tina Ruisinger

Die Bilder des Übriggebliebenen machen nachdenklich, still und demütig zugleich. Vielleicht beginnt man sich gar Gedanken zu machen was man selbst auf der letzten Reise dabei haben möchte. Vielleicht entstehen Gespräche mit den Angehörigen und sie erzählen, wie sie es sich wünschen…

Brille | © Tina Ruisinger

Brille | © Tina Ruisinger

Tina Ruisinger (1969*) in Stuttgart geboren, hat an der Hamburger Fotoschule, am International Center of Photography in New York und an der ZHdK in Zürich studiert. Seit den frühen Neunzigern arbeitet sie selbstständig in den Bereichen Reportage, Porträt und Tanz/Performance, sowie an interdisziplinären künstlerischen Projekten unter Verwendung von Fotografie, Video, Sound und Text. Schwerpunkt ihrer Arbeit war/ist immer der Mensch in seiner Lebenskraft, Unbeständigkeit und Sterblichkeit. 2002 erschien der Fotoband Gesichter der Fotografie, über 50 Meisterfotografen des 20. Jahrhunderts, der internationale Anerkennung erhielt und 2007 das Tanzbuch Meg Stuart/Anne Teresa de Keersmaeker über zwei der einflussreichsten Choreografinnen unserer heutigen Zeit. Mit der Arbeit Traces vertieft sie sich noch mehr in die Thematik von Verlust und Erinnerung. Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen. Ihre Arbeit wurde/wird international sowohl in Einzel- als auch in Gruppenausstellungen gezeigt. Neben ihren freien Projekten realisiert sie Auftragsarbeiten, u.a. für die Rolex Mentor and Protégé Arts Initiative. 2019 hat sie eine Weiterbildung in Palliative Care absolviert und bildet sich derzeit in Phototherapie weiter. Tina Ruisinger lebt und arbeitet in Berlin und Zürich.

© Tina Ruisinger

© Tina Ruisinger

Die Arbeit "Asche – und was am Ende bleibt" kann im Friedhof Forum auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich bis voraussichtlich 15. Juli 2021 besichtigt werden. Zudem ist eine Publikation geplant.

Art, DocumentaryMiryam Abebe