Frauen. Fragen. Fotoarchive. – Ein längst fälliger Blick in das Depot der Fotostiftung Schweiz...
Anny Wild-Siber, Ginster, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain
Es ist eine stille, aber tiefgreifende Diskrepanz, die in den Speichern unserer Gedächtnisinstitutionen schlummert. Wer die Geschichte der Schweizer Fotografie verstehen will, landet fast zwangsläufig bei einer Erzählung, die von Männern geschrieben und über Männer geführt wurde. Doch die Fotostiftung Schweiz in Winterthur bricht nun mit dieser Tradition: Mit der Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. rückt sie gezielt das Schaffen von sieben Fotografinnen in den Fokus, deren Archive nun erstmals umfassend hinterfragt und im Kontext ihrer Zeit beleuchtet werden.
Anny Wild-Siber, Magnolie, 1920–40er Jahre, gemeinfrei / Public Domain
Warum sind von den rund 160 Archiven der Fotostiftung nur 26 Frauen zuzuschreiben? Die Antwort liegt oft in den gesellschaftlichen Strukturen verborgen: Biografien von Frauen wiesen Brüche auf, Karrieren endeten abrupt mit der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes. Viele talentierte Fotografinnen arbeiteten im Schatten ihrer Väter, Ehemänner oder „Meister“, wodurch ihre Spuren in der Geschichtsschreibung oft verwischt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, dass technische Versiertheit allein nicht ausreichte, um einen dauerhaften Platz im Kanon zu finden.
Anny Wild-Siber, Drottningkaktus, ohne Datum, gemeinfrei / Public Domain
Anny Wild-Siber (1865–1942) repräsentiert den Typus der gut situierten Amateurfotografin, die sich das Medium Anfang des 20. Jahrhunderts als Autodidaktin aneignete. Ihre Autochromplatten und Edeldrucke spiegeln nicht nur hohe künstlerische Ambitionen wider, sondern dokumentieren vor allem ihr eigenes privates Umfeld. Vor ihrer Linse fand sich die Welt einer privilegierten Frau, die sie mit technisch anspruchsvollen Verfahren wie der Stereofotografie in dreidimensionalen Ansichten festhielt.
Gertrud Dübi-Müller (Umkreis), Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf, um 1916 ©Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz
Gertrud Dübi-Müller (1888–1980) verfolgte einen ähnlichen Weg und nutzte die Fotografie, um ihre eigene Lebenswelt und ihr soziales Netz festzuhalten. Auch sie agierte als Autodidaktin, wobei ihre Arbeiten heute als wertvolle Zeitzeugnisse dienen, die den Blick einer Frau auf die gehobene Gesellschaft ihrer Zeit konservieren. Ihre Bilder lösen die Grenze zwischen Amateurfotografie und bewusster Dokumentation einer spezifischen sozialen Klasse auf.
Marie Ottomann-Rothacher, Zahmer Star, 1956 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz
Marie Ottomann-Rothacher (1916–2002) steht für die Generation von Frauen, die in den 1930er-Jahren eine reguläre Berufslehre absolvierten. Obwohl sie als Fotografin und Laborantin für namhafte männliche Kollegen tätig war, blieb ihr eigenes Werk oft im Hintergrund. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus den Schweizer Bergregionen, in denen sie mit einem scharfen Blick für soziale Realitäten vor allem Kinder und deren oft entbehrungsreiches Leben porträtierte.
Margrit Aschwanden, Ovomaltinewerbung, Schweiz, 1940-1960 © Margrit Aschwanden / Fotostiftung Schweiz
Margrit Aschwanden (1913–2004) schaffte es, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld zeitweise durch die Führung eines eigenen Ateliers zusammen mit ihrer Schwester zu behaupten. Ihr Archiv zeigt die Herausforderungen zwischen familiärer Einbindung und professioneller Autonomie. Auffallend oft hatte sie dabei Kinder und Jugendliche vor der Kamera – häufig im Rahmen von Aufträgen für gemeinnützige Organisationen, was die Frage nach geschlechtsspezifischen Zuweisungen von Bildthemen aufwirft.
Hedy Bumbacher, Wallis, 1944 © Hedy Bumbacher / Fotostiftung Schweiz
Hedy Bumbacher (1912–1992) fand erst über Umwege zur Fotografie, nachdem sie bereits ein universitäres Studium abgeschlossen hatte. Sie vertiefte ihre Kenntnisse in einem Kurs an der ETH Zürich und widmete sich intensiv der Dokumentation des Lebens in den Schweizer Alpen. Vor ihrem Objektiv standen – ähnlich wie bei Ottomann-Rothacher – die Bewohner der Bergregionen, wobei auch in ihrem Werk Kinder ein zentrales Motiv darstellten.
Leni Willimann, Muscheln (Isocardia cor), ca. 1960 © Leni Willimann / Fotostiftung Schweiz
Leni Willimann-Thöni (1918–2002) gehört zu den Absolventinnen der 1932 gegründeten Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule. Sie blieb zeit ihres Lebens dem neusachlichen Stil ihres Lehrers Hans Finsler verbunden. Ihr Werk illustriert eine ästhetische Strenge und technische Präzision, die sich in sachlichen Kompositionen niederschlug, während sie als Person dennoch am Rande der offiziellen Fotogeschichte blieb.
Anita Niesz, Fiat-Werke, Turin, Italien, 1959 © Anita Niesz / Fotostiftung Schweiz
Anita Niesz (1925–2023) nutzte ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, um sich einer engagierten Sozialdokumentation zuzuwenden. Mit ihren Reportagen aus Italien und Frankreich, die in den 1950er-Jahren in der Zeitschrift Du erschienen, blickte sie weit über die Landesgrenzen hinaus. Dennoch blieb auch bei ihr ein Fokus auf Kinder und Jugendliche bestehen, oft fotografiert im Auftrag von Hilfswerken, was das Spannungsfeld zwischen persönlichem Interesse und gesellschaftlicher Erwartung markiert.
Gertrud Dübi-Müller, Anna und Cuno Amiet, Tivoli, März 1911 © Gertrud Dübi-Müller / Fotostiftung Schweiz
Diese Bestandsaufnahme ist mehr als eine blosse Präsentation; es ist ein notwendiger Korrekturbetrieb an einer einseitigen Historie. Indem die Fotostiftung Fotografien mit Dokumenten aus dem Gosteli-Archiv kombiniert, entsteht ein vielschichtiges Panorama des Kampfes um Anerkennung und Selbstbestimmung. Es geht darum, jene Vielstimmigkeit zu fördern, die die Fotografie als Zeitzeugnis erst wirklich wertvoll macht.
Marie Ottomann-Rothacher, Bauernkinder Escholzmatt, 1943 © Marie Ottomann-Rothacher / Fotostiftung Schweiz
Die Fotostiftung Schweiz widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 1971 der Erhaltung, Erforschung und Vermittlung der Fotografie als Kulturgut der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes für Kultur betreut sie rund 160 bedeutende Archive. Das Spektrum ihrer Sammlung reicht von den Anfängen des Mediums bis zur Gegenwart und umfasst sowohl künstlerische als auch dokumentarische und private Ausdrucksformen.
Leni Willimann-Thöni, Glühbirne, 1937–1940 © Leni Willimann-Thöni / Fotostiftung Schweiz
Die Ausstellung Frauen. Fragen. Fotoarchive. ist vom 28. Februar bis zum 14. Juni 2026 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.