Die Poesie des Beiläufigen
Nino Migliori, Il tuffatore, 1951 © Fondazione Nino Migliori ETS
Zum hundertsten Geburtstag von Nino Migliori widmet das Centro Saint-Bénin in Aosta dem italienischen Fotografen eine Retrospektive seines Frühwerks. Unter dem Titel «La dialettica del reale» versammeln 160 Fotografien aus den Jahren 1950 bis 1959 den Aufbruch der italienischen Nachkriegszeit – festgehalten in einer feinsinnigen Balance zwischen dokumentarischer Anteilnahme und formaler Erneuerung.
Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS
Wer die Fotografie des italienischen Neorealismus vor Augen hat, denkt zumeist an existenzielle Schwere, an zerfurchte Gesichter und die Trümmer der Nachkriegsjahre. Nino Migliori wählte einen anderen Weg. Seine Arbeiten aus den fünfziger Jahren teilen zwar die tiefe Verbundenheit mit der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen, doch sie verweigern sich der sentimentalen Geste ebenso wie dem propagandistischen Pathos. Die Wirklichkeit, die Migliori mit der Kamera erkundete, ist voller leiser Pointen, unbewachter Augenblicke und einer unverstellten Neugier auf das Leben.
Nino Migliori, Milano, 1954 © Fondazione Nino Migliori ETS
In den vier grossen Zyklen jenes Jahrzehnts – «Gente dell'Emilia», «Gente del Sud», «Delta del Po» und «Gente del Nord» – fächert sich dieses Panorama auf. In der Emilia begegnet man der lebhaften Commedia des Alltags, den beiläufigen Gesten und Strassenszenen, die durch eine präzise Bildkomposition gehalten werden. Im Süden meisselt das harte Licht die Konturen einer archaischen Welt heraus, ohne sie ins Exotische abgleiten zu lassen; im nebligen Po-Delta wiederum verdichtet sich die Arbeit der Flussfischer zu einer stillen, fast meditativen Beständigkeit. Schliesslich dokumentiert der Blick nach Norden das beschleunigte Tempo der Städte am Vorabend des wirtschaftlichen Aufschwungs. Migliori begegnet all diesen Lebensräumen mit einer Haltung, die anthropologische Genauigkeit mit subtilem Humor und lyrischer Zurückhaltung vereint.
Nino Migliori, Periferia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS
Gleichzeitig trug sein Blick stets den Keim der Abstraktion in sich. Parallel zur Chronik des Alltags begann Migliori schon früh, die Ränder des Sichtbaren zu erforschen: verwitterte Fassaden, abblätternde Plakate, Flecken und Mauerstrukturen, in denen die Realität in ein eigenständiges Formenspiel übergeht. Die Fotografie war für ihn kein unbestechliches Dokument, sondern ein offenes Feld der Interpretation, das das Wesentliche erst durch Weglassen und Kadrieren freilegt. Darin liegt die eigentliche Dialektik seines Frühwerks: Er durchquerte den Neorealismus, um ihn von innen heraus für das formale Experiment zu öffnen.
Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS
Nino Migliori, geboren am 29. September 1926 in Bologna, zählt zu den vielseitigsten Pionieren der europäischen Nachkriegsfotografie. Seit seinen Anfängen im Jahr 1948 verfolgt er eine Doppelspurigkeit aus sozialer Beobachtung und radikaler Materialforschung. Früh erfand er kameralose Techniken wie die chemisch behandelten «Ossidazioni» oder die mit Hitze erzeugten «Pirogrammi». 1982 gründete er die interdisziplinäre Forschungsgruppe Abrecal, wandte sich in den späten neunziger Jahren digitalen Verfahren zu und untersuchte ab 2006 in der Serie «Lumen» die skulpturale Wirkung des Kerzenlichts. Eine grosse Einzelausstellung im Maison Européenne de la Photographie in Paris im Jahr 2018 bekräftigte seinen internationalen Rang.
Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS
Das Centro Saint-Bénin in Aosta, eingerichtet in einer romanischen Klosterkirche, bietet für diese Arbeiten einen bemerkenswert konzentrierten Resonanzraum. Unter der Direktion von Daria Jorioz und der Kuration von Mauro Zanchi knüpft das Haus nahtlos an frühere Präsentationen von Fotoklassikern wie Mario Giacomelli, Robert Capa oder Inge Morath an und eröffnet zugleich einen differenzierten Blick auf eine Schlüsselphase der italienischen Bildkultur.
Nino Migliori, Milano, 1954 © Fondazione Nino Migliori ETS
Die Ausstellung «La dialettica del reale. Fotografie 1950–1959» ist vom 10. Oktober 2026 bis zum 7. März 2027 im Centro Saint-Bénin in Aosta zu sehen. Zur Ausstellung erscheint im Verlag Dario Cimorelli Editore in Zusammenarbeit mit der Fondazione Nino Migliori ein zweisprachiger Begleitband auf Italienisch und Französisch, der alle 160 Werke dokumentiert und durch Essays sowie ein Gespräch mit dem Künstler vertieft.