Das Antlitz des Anderen: Christa Mayers fotografische Innenwelten

Carsten und Hase, 1996, aus der Serie Abwesende II, 1987-1996 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

In der Geschichte der Fotografie gibt es Positionen, die sich nicht allein über ihre Ästhetik definieren, sondern über die Tiefe der menschlichen Begegnung, die sie ermöglichen. Das Werk von Christa Mayer ist ein solches Zeugnis eines "berührenden Sehens". Als Fotografin und Psychologin zugleich hat sie über vier Jahrzehnte hinweg ein Œuvre geschaffen, das die Kamera nicht als Barriere, sondern als Instrument der Empathie nutzt, um das Unbewusste der Innenwelten sichtbar zu machen.

Büffelkuh, Varanasi, Indien, 2001 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Bereits seit den frühen 1980er-Jahren formte Mayer ihre progressive künstlerische Handschrift in der legendären Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg in Berlin. Diese von Michael Schmidt gegründete Institution bot ihr den Raum, sich als eine der wenigen Frauen erfolgreich zu behaupten. Es war diese Zeit des Aufbruchs und der künstlerischen Selbstbehauptung, in der sie 1983 mit dem Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Mayanischer Schamane, Yucatán, Mexiko, 1987 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Den Kern ihres Schaffens bilden die Porträts aus der Langzeitpsychiatrie einer Berliner Klinik, in der sie mehr als zwei Jahrzehnte als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitete. Hier entstanden Bilder, die weit jenseits jeder voyeuristischen Neugier liegen. Mayer suchte nach der "Schönheit im Angesicht des Anderen". In ihren "dialogischen Bildnissen" wird die Kamera zum Spiegel der Seele; sie fangen das innere Erleben von Patientinnen, Patienten und Angehörigen ein und verleihen jenen eine Stimme, die oft am Rande der gesellschaftlichen Wahrnehmung stehen.

Junge und Hund, Istanbul, 1992 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Doch Mayers Blick beschränkt sich nicht auf das klinische Umfeld. Er weitet sich aus auf das "Strasstheater" der Welt. In den urbanen Umgebungen von Istanbul und Italien beobachtete sie die Miniaturdramen der Passantinnen und Passanten mit derselben Intensität wie die Gesichter in ihrem beruflichen Umfeld. Später wandelte sich ihr Fokus hin zur Natur. In ihren Aufnahmen aus Indien, den USA oder Frankreich werden Küsten und Wälder zu symbolisch aufgeladenen Orten. Die Landschaft fungiert hier als Projektionsfläche für das Verhältnis von Innen und Ausssen – eine visuelle Metaphysik, die die Rätselhaftigkeit des menschlichen Daseins in die Weite der Natur übersetzt.

Ohne Titel, aus der Serie Abwesende I, 1979–1986 © Christa Mayer/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Christa Mayer, 1945 in Bad Kissingen geboren, verbindet in ihrer Biografie auf einzigartige Weise wissenschaftliche Analyse und künstlerische Intuition. Nach ihrem Psychologiestudium in Würzburg und Berlin widmete sie sich fast dreissig Jahre lang der therapeutischen Arbeit, während sie parallel ihr fotografisches Werk entwickelte. Ihre Arbeiten, die heute in bedeutenden Sammlungen wie der Berlinischen Galerie oder dem Museum Folkwang in Essen vertreten sind, zeugen von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Thema Identität. Ob in ihren frühen Selbstporträts oder in der intensiven Aufarbeitung familiärer Beziehungen – wie in ihrem Buch "Meine Mutter, meine Schwester und ich" – Mayer gelingt es stets, das "Fremde im Eigenen" aufzuspüren. Ihr Lebenswerk, das nun anlässlich ihres 80. Geburtstags umfassend gewürdigt wird, ist ein Plädoyer für ein Sehen, das nicht bewertet, sondern versteht.

Tänzerin, Cihangir, Istanbul, 1992 © Christa Mayer, VG Bild-Kunst Bonn, 2025

Das Haus am Kleistpark zählt zu den bedeutendsten kommunalen Galerien Berlins. Beheimatet im ehemaligen Botanischen Museum, blickt der Ort auf eine reiche Geschichte zurück: Wo heute zeitgenössische Kunst präsentiert wird, befand sich einst das Herbarium von Adelbert von Chamisso. Mit einem klaren Fokus auf die Fotografie und der Förderung lokaler Kunstschaffender durch das hauseigene Arbeitsstipendium hat sich die Institution als zentrale Plattform für den gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurs etabliert.

Die Ausstellung "Christa Mayer. Fotografie – Das Werk" kann vom 16. Januar bis zum 6. April 2026 im Haus am Kleistpark (Grunewaldstrasse 6-7, 10823 Berlin) besucht werden.