Einträge in Museo Hermann Hesse
Der eigenwillige Blick – Isa Hesse-Rabinovitch zwischen Linie und Licht

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Isa Hesse-Rabinovitch (1917–2003) war eine Künstlerin, die sich nie damit begnügte, den vorgezeichneten Pfaden zu folgen. Als Illustratorin, Fotografin und Filmemacherin hinterliess sie ein Werk, das von Überraschungen geprägt ist und bis heute durch seinen poetisch forschenden Charakter besticht. Ihre Bildwelten sind fesselnd und verspielt, doch sie sind das Resultat eines lebenslangen Suchprozesses, der sich keiner einzigen Disziplin unterordnen liess. 

Geboren 1917 in Zürich als Tochter zweier Kunstschaffender – des russischstämmigen Grafikers Gregor Rabinovitch [1]und der österreichischen Künstlerin Stefanie von Bach –, wuchs Isa Rabinovitch in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihre Ausbildung an den Kunstgewerbeschulen von Zürich und Wien legte das Fundament, doch erst nach ihrer Rückkehr in die Schweiz fand sie ihren eigenen Weg als Grafikerin und Illustratorin. Es war der Beginn einer Reise, die sie parallel zur Zeichnung ab den 1950er-Jahren auch zur Fotografie führen sollte. Anfangs noch als Reisefotografin für den Tages-Anzeiger und die Swissair-Gazette tätig, zog es sie mit ihrer Rolleiflex nach Indien, Südamerika und ans Mittelmeer. Doch mit der Zeit vollzog sich in ihrer Arbeit ein subtiler, aber entscheidender Wandel: Das Dokumentarische trat in den Hintergrund, während das Verdichten von Stimmungen, Gesten und flüchtigen Momenten in den Vordergrund rückte. Wo immer sie ihre Kamera ansetzte, verschmolzen die Zeichnerin und die Fotografin zu einem einzigen, untrennbaren Blick.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Ihr Leben war eng verwoben mit der Familie Hesse. Durch die Heirat mit Heiner Hesse [2]im Jahr 1941 trat sie in den engsten Kreis des Dichters Hermann Hesse ein. Er erkannte früh ihr zeichnerisches Talent und vertraute ihr die Illustration mehrerer seiner Schriften an, darunter «Kleine Betrachtungen» (1942), «Berg und See» (1943), «Der Pfirsichbaum» (1945) und später «Der Wolf» (1955). Ihre Beziehung basierte auf gegenseitiger Sympathie und Gesprächen auf Augenhöhe, die bis zu Hermann Hesses Tod im Jahr 1962 andauerten. Erst nach diesem Einschnitt griff Isa Hesse-Rabinovitch zur Filmkamera – und sollte ihr fortan treu bleiben. Was folgte, war ein kompromissloses, verspieltes Schaffen, das allein ihrer eigenen Neugier und Fantasie verpflichtet war. 

In den späten 1960er-Jahren avancierte sie zur Pionierin des Schweizer Autorinnenfilms. Mit «Spiegelei» und «Monumento Moritat» (1969) entstanden ihre ersten filmischen Arbeiten, wobei letzterer mit dem Studienpreis des EDI ausgezeichnet wurde. Ihr medienübergreifendes Denken zeigte sich exemplarisch im Film «Über einen Teppich» (1972). Darin übersetzte sie einen von Maria Geroe-Tobler gewebten Wandteppich, dem Hermann Hesse 1945 einen Text gewidmet hatte, in bewegte Bilder – ein Dialog zwischen Faden und Film, Wort und Bild. Dieser Film wurde noch im selben Jahr am 1. Internationalen Frauenfilmfestival in New York gezeigt. Inspiriert durch diese Erfahrung initiierte Isa Hesse-Rabinovitch 1975 das erste Frauenfilmfestival der Schweiz. Es entstand ein Werk von rund zwanzig Produktionen in 16 mm und Video. Ein Höhepunkt war der Film «Sirenen-Eiland» (1981), der fast ausschliesslich von Frauen gestaltet und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde; 1982 lief er im Museum of Modern Art in New York in der renommierten Reihe «Cineprobe» – ein entscheidender Meilenstein ihrer internationalen Karriere. Ihre Filme waren zudem an den Solothurner Filmtagen sowie in Venedig, Paris, Mannheim und Montréal zu sehen. 

Neben ihrem Wohnsitz in Küsnacht (ZH) blieb das Tessin zeitlebens ihr bevorzugter Arbeits- und Rückzugsort, ein kreatives Laboratorium. Bereits 1939/40 hatte die damals noch ledige Isa Rabinovitch ein Rustico in Saleggio im Maggiatal gemietet; 1959 kaufte sie gemeinsam mit Heiner Hesse die Casa Roc in Cugnasco als Zweitwohnsitz. Landschaft, Licht und die kulturelle Offenheit der Region nährten ihr experimentelles Schaffen. Ihr letztes grosses Werk, «Geister & Gäste – In memoriam Grand Hotel Brissago» (1989), entstand in der Ruine des einstigen Nobelhotels am Lago Maggiore, das seit einem Brand im Jahr 1983 seine ehemalige Pracht verloren hatte. Mit Zitaten von Leoncavallo[3], Tucholsky[4], Emmy Ball-Hennings[5] und Kästner [6]liess sie vergangene Epochen wieder aufscheinen; die Sängerin La Lupa[7], der Koch Angelo Conti Rossini [8]und ein Kinderchor verwandelten den Zerfall in eine traumhafte Lebendigkeit. Der Film wurde mit dem INTERFILM-Preis in Saarbrücken ausgezeichnet. 

Die Ausstellung «Isa Hesse-Rabinovitch!» versteht sich bewusst nicht als klassische Retrospektive, sondern als eine Annäherung an ein Werk, das sich eindeutigen Lesarten entzieht und dazu einlädt, immer wieder neu entdeckt zu werden. Zwischen den Briefen, die sie mit Hermann Hesse wechselte, den Fotografien und den Filmen, die sie nach seinem Tod realisierte, spannt sich ein feines Geflecht aus Nähe und Distanz, aus Erinnerung und Gegenwart. Ihre Arbeiten erzählen von einer Frau, die mit Neugier und Mut neue Wege suchte – und sie auch ging. In einer Zeit, in der künstlerische Grenzen zunehmend durchlässig geworden sind, wirkt ihr Werk überraschend gegenwärtig: nicht als Echo der Vergangenheit, sondern als eine Stimme, die uns heute mit besonderer Klarheit erreicht.

© Erben Isa Hesse-Rabinovitch

Das Museo Hermann Hesse Montagnola befindet sich in den Räumen der Torre Camuzzi, die an das malerische Camuzzi-Haus angrenzen, in dem Hermann Hesse von 1919 bis 1931 lebte. Hier fand der Dichter Ruhe, ein mildes Klima und eine üppige Natur, die er für seine Tätigkeit nutzte. In Montagnola entstanden seine bekanntesten Werke wie «Siddhartha», «Narziss und Goldmund» oder «Das Glasperlenspiel». Inspiriert von den wunderbaren Farben der Landschaften und dem mediterranen Flair des Tessins, begann er hier auch intensiv zu malen. Das Museum beherbergt eine Dauerausstellung zu Hesses Leben und Werk sowie jährlich wechselnde Sonder- und Pop-up-Ausstellungen, ergänzt durch Vorträge, Konzerte und Lesungen. 

Die Ausstellung Isa Hesse-Rabinovitch! ist vom 28. März bis 1. November 2026 im Museo Hermann Hesse in Montagnola zu sehen.

 

[1] Gregor Rabinovitch (1884–1958), geboren als Grigori Idelewitsch Rabinowitsch in Oranienbaum bei Sankt Petersburg, war ein russisch-schweizerischer Grafiker und Karikaturist. Der Vater von Isa Hesse-Rabinovitch lebte ab 1914 in der Schweiz und war Teil des künstlerischen Umfelds, in dem seine Tochter aufwuchs. Seine berufliche Laufbahn prägte die frühe künstlerische Sozialisation seiner Tochter, die später selbst als Illustratorin und Filmemacherin Bekanntheit erlangte. 

[2] Heiner Hesse (1909–2003), bürgerlich Hans Heinrich Hesse, war der älteste Sohn des Nobelpreisträgers Hermann Hesse und dessen erster Frau Mia Bernoulli. Er arbeitete als Dekorateur und Illustrator und war seit 1941 mit der Künstlerin Isa Hesse-Rabinovitch verheiratet. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1962 übernahm er die Rolle des Nachlassverwalters und kümmerte sich um das literarische Erbe von Hermann Hesse. 

[3] Ruggero Leoncavallo (1857–1919) war ein bedeutender italienischer Opernkomponist des Verismo, der vor allem durch sein Werk «Pagliacci» (Der Bajazzo) weltberühmt wurde. In Isa Hesse-Rabinovitchs Film dient er als klangliche Stimme einer vergangenen kulturellen Epoche, die in der Hotelruine wieder aufgerufen wird.

[4] Kurt Tucholsky (1890–1935) war einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller und Journalisten der Weimarer Republik, bekannt für seine scharfzüngigen Satiren und gesellschaftskritischen Texte. Seine Worte im Film evozieren die intellektuelle und politische Atmosphäre der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die einst im Grand Hotel Brissago verkehrte.

[5] Emmy Ball-Hennings (1885–1948) war eine deutsche Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin sowie eine zentrale Figur der Dada-Bewegung in Zürich, wo sie eng mit Hugo Ball zusammenarbeitete. Als Zeitgenossin von Hermann Hesse und Künstlerin im Tessin verkörpert sie den Geist des künstlerischen Aufbruchs und der Avantgarde, den der Film wiederaufleben lässt.

[6] Erich Kästner (1899–1974) war ein renommierter deutscher Schriftsteller, der durch seine Kinderbücher, Lyrik und zeitkritischen Romane wie «Fabian» bekannt wurde. Seine Texte im Film stehen repräsentativ für die humanistische und oft melancholische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in der Ruine des Hotels ihre Resonanz findet.

[7] La Lupa (geb. 1947 als Maryli Maura Marconi) ist eine Schweizer Sängerin und darstellende Künstlerin, die im Alpenraum für ihre lebhaften Auftritte bekannt ist, in denen sie italienische Volkslieder, Klassik und Poesie verbindet. Im Film verwandelt sie als singende Stimme den sterilen Zerfall der Hotelruine durch ihre Präsenz in eine traumhafte, lebendige Szene.

[8] Angelo Conti Rossini war der Koch des Grand Hotel Brissago und ist im Film als reale Person der vergangenen Hotelära präsent, die durch die Inszenierung wieder zum Leben erweckt wird. Seine Rolle symbolisiert die sinnliche und gastliche Vergangenheit des Hauses, die im Kontrast zur heutigen Verlassenheit der Ruine steht.