Einträge in Kunstmuseum Luzern
Zwischen Realität und Wahrnehmung: Shirana Shahbazis vielschichtige Räume...

Displacement 17, 2023, handkolorierter Silbergelatineabzug auf Barytpapier auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Fotografie ist für Shirana Shahbazi mehr als nur ein Abbild der Wirklichkeit; sie ist der Ausgangspunkt für eine komplexe Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Wahrnehmung. In der Ausstellung «All at Once. An Interplay with Li Tavor» im Kunstmuseum Luzern wird dies eindrücklich sichtbar. Die Zürcher Künstlerin, die seit 30 Jahren ihrem Medium treu bleibt, schafft es, die Betrachtenden in vielschichtige visuelle Räume eintauchen zu lassen, in denen sich Analoges und Digitales, Figuration und Abstraktion auf einzigartige Weise begegnen.

Falling 01, 2023, dreifarbige Lithografie auf Baumwollpapier, vier Blätter © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shahbazis künstlerische Herangehensweise ist geprägt von einem experimentellen Umgang mit dem fotografischen Medium. Oft beginnt die Entstehung eines Werkes mit einem einzigen Bild, das sie in einem aufwendigen Prozess weiterentwickelt. Durch den Einsatz verschiedener Drucktechniken wie Siebdruck oder Lithografie übersetzt sie ihre Aufnahmen von Landschaften, Gebäuden, Personen und Objekten in vielschichtige Darstellungen. Besonders charakteristisch ist ihre seit 2023 laufende Serie «Displacements». Hier fotografiert die Künstlerin Modelle architektonischer Fragmente, die sie im Studio bühnenhaft inszeniert. Das Ergebnis sind mehrschichtige Schwarz-Weiss-Abzüge, die durch handaufgetragene, lasierende Farbverläufe erweitert werden. In diesen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen oben und unten, innen und aussen – ein wiederkehrendes Motiv in Shahbazis Schaffen, mit dem sie das Verhältnis von Realität und Wirklichkeit auslotet. Diese Erkundung setzt sich auch in ihrer Videoarbeit «An Other Place» (2023) fort, für die sie erstmals mit 16mm-Film experimentierte und für die Luzerner Ausstellung eine neue Arbeit kreiert hat.

Teacher, 2019, vierfarbige Lithografie auf Baumwollpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die Ausstellung selbst präsentiert ein dichtes Geflecht aus Oberflächen, Formaten, Farben und Licht, in dem Shahbazis Œuvre zwar losgelöst von Ort und Zeit wirkt, dennoch fest im Museumsraum verankert bleibt. Das Herzstück der Präsentation bildet ein dialogischer Ansatz: Neben Shahbazis Arbeiten sind auch Werke von Li Tavor und Monir Shahroudy Farmanfarmaian zu sehen. Li Tavor reagiert dabei direkt auf die Ausstellungsarchitektur mit von der Decke hängenden Latexbahnen, die sich je nach Blickwinkel mit Shahbazis Wandarbeiten überlagern. So entsteht ein dreidimensionaler Dialog, den das Publikum räumlich erfahren kann.

Baum, 2017, Lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Shirana Shahbazi (*1974) ist eine in Zürich lebende Künstlerin, die ursprünglich aus der analogen Fotografie kommt. Ihre Arbeiten sind international bekannt und zeugen von einer konsequenten Weiterentwicklung des Mediums über drei Jahrzehnte hinweg. Aktuell zeigt sie ihre Präsenz im öffentlichen Raum auch durch eine temporäre Installation am Baugerüst des Zürcher Grossmünsters während dessen umfassender Sanierung.

Stilleben-33-2007, 2007, C-Print auf Aluminium © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Li Tavor ist Architektin, Komponistin, Performerin sowie Ton- und Bildkünstlerin mit Wohnsitz in Zürich. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich häufig mit den vielfältigen Beziehungsmöglichkeiten innerhalb einer gebauten Umwelt. Darüber hinaus untersucht sie, wie die Verflechtung von Klang-, Raum- und Zeitwahrnehmung diese Subjektivitäten erschafft, widerspiegelt und prägt. Charakteristisch für ihre Praxis ist die Arbeit mit Latex, das sie zu grossflächigen, hängenden Installationen formt. Dabei untersucht sie intensiv das Wechselspiel zwischen Sichtbarkeit und Verhüllung.

Fahne, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Monir Shahroudy Farmanfarmaian (1922–2019) gilt als eine der bedeutendsten iranischen Künstlerinnen der Gegenwart. Als erste Künstlerin verband sie erfolgreich traditionelle persische Techniken wie Spiegelmosaik und Hinterglasmalerei mit den Prinzipien der islamischen Geometrie und der Rhythmik moderner westlicher Abstraktion. Ihre über sechs Jahrzehnte umfassende Karriere brachte Skulpturen und Installationen hervor, die durch das komplexe Zusammenspiel von Licht, Reflexion und Form bestechen und sich jeder einfachen Kategorisierung entziehen. Zu ihren Ehren wurde 2017 das Monir-Museum in Teheran eröffnet, wo die Künstlerin, die auch traditionelle Volkskunst sammelte, bis zu ihrem Tod lebte und wirkte.

Wolke, 2014, Two-colored lithography on Zerkall Bütten Paper © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Das Kunstmuseum Luzern gehört zu den bedeutendsten Schweizer Kunstmuseen. Interessiert an aktuellen gesellschaftlichen Themen, setzt sich das Haus für Öffentlichkeit, Barrierefreiheit und Inklusion ein und fördert aktiv Vielfalt und Austausch. Für seine rund zehn Ausstellungen pro Jahr pflegt das Kunstmuseum Luzern Partnerschaften in der Region wie auch in ganz Europa. Engagierte Wechselausstellungen von internationaler Reichweite, die jährlich neu konzipierte Sammlungspräsentation oder erste Einzelausstellungen aufstrebender Künstlerinnen und Künstler bieten ein abwechslungsreiches Programm, bei dem jeweils drei Ausstellungen parallel zu sehen sind. Dies ermöglicht Entdeckungen jenseits des bereits Bekannten. Die inhaltliche Fülle spiegelt sich im reichhaltigen, ebenso interessanten wie vergnüglichen Angebot des Vermittlungsteams wider.

Spiegel, 2014, zweifarbige Lithografie auf Zerkall Büttenpapier © Shirana Shahbazi, Courtesy of the artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Paris

Die von Fanni Fetzer kuratierte Ausstellung «Shirana Shahbazi. All at Once. An Interplay with Li Tavor» wird am 3. Juli eröffnet und ist bis zum 18. Oktober 2026 zu besuchen. Für alle, die sich von Shahbazis Kunst inspirieren lassen möchten, wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Kurhaus Kleve und wird von verschiedenen Stiftungen und Partnern unterstützt.