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Seismografen emotionaler Zustände: Rebecca Bowrings «Knowing Thunder»

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

In ihrer Serie «Knowing Thunder Gives Away What Lightning Tries to Hide» dekonstruiert die Genfer Fotografin Rebecca Bowring die vertrauten Stereotypen häuslicher Gewalt. Ihre Arbeiten sind keine lauten Anklagen, sondern leise, präzise Seismografen emotionaler Zustände, die von Isolation, permanenter Anpassung und dem unaufhörlichen Warten auf die Entladung erzählen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Ein Baum, windschief und einsam an einem Berghang stehend, tapeziert an eine schlichte Zimmerwand direkt über einem weissen Heizkörper. Das ungezähmte Aussen bricht unvermittelt in die klaustrophobische Begrenzung des Privaten ein. Es herrscht eine trügerische Stille, die unmittelbar berührt und beunruhigt. Als im Frühjahr 2020 der Lockdown das öffentliche Leben stilllegte, erlebte Rebecca Bowring ein beklemmendes Déjà-vu: Die erzwungene Trennung von der Welt, das Eingesperrtsein und die soziale Isolation fühlten sich erschreckend vertraut an. Es war die Rekapitulation einer früheren, von psychischer Kontrolle und toxischer Enge geprägten Beziehung. In jenen Jahren war die analoge Kamera für die Fotografin ein Überlebenswerkzeug – ein Atemholen, um sich für Momente der ständigen Überwachung des Partners zu entziehen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Bowrings Ansatz verweigert sich bewusst der voyeuristischen Ästhetik. Wo die mediale Öffentlichkeit nach eindeutigen Beweisen – nach Hämatomen, blutigen Wunden oder zerstörten Gegenständen – verlangt, richtet sie den Fokus auf die unsichtbaren, schleichenden Versehrungen. Um die emotionale Realität dieser Erfahrung fassbar zu machen, klebte die Fotografin analoge Bilder aus jener Zeit an die Wände ihres Heims und fotografierte sie erneut ab. Diese doppelte Brechung – das Bild im Bild, das Schichten von Innen- und Aussenräumen – spiegelt das psychische Gefüge einer dauerhaften Bedrohung: das permanente Sich-Krumm-Machen, die Selbstauslöschung, das lauernde Gefühl, dass der Donner niemals weit entfernt ist. Indem sie diese Re-Fotografien mit unveränderten Landschafts- und Detailaufnahmen kombiniert, entsteht ein fragiles Gleichgewicht zwischen Beklemmung und Sehnsucht nach Flucht, das die Vielschichtigkeit traumatischer Erfahrungen ohne jedes Pathos erfahrbar macht.

Die in Genf lebende und arbeitende Fotografin Rebecca Bowring versteht es meisterhaft, persönliche Versehrungen und kollektive Fragestellungen in eine vielschichtige, fast haptisch erfahrbare Bildsprache zu überführen. Ihre konzeptuelle Fotografie, die regelmässig historische Verfahren wie Cyanotypie, bedruckte Seidentücher oder die Handwerkstechnik des Quiltens einbindet, erforscht die Materialität des Bildes ebenso wie vergessene Archive und weibliche Lebensrealitäten. Bowrings Schaffen wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt – darunter dem renommierten near.prize der Schweizerischen Vereinigung für zeitgenössische Fotografie – und war bereits in Institutionen und auf Festivals von Nyon über Verzasca bis nach Helsinki und Kuala Lumpur zu sehen.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Mit der Präsentation von «Knowing Thunder» knüpft der Luzerner Raum BULB 6000 an seinen programmatischen Anspruch an, der zeitgenössischen Fotografie eine experimentelle und diskursive Bühne zu bieten. Gegründet von Kunstschaffenden als unabhängiger Off-Space, versteht sich die Plattform als Knotenpunkt für fotografische Positionen, die gesellschaftliche Bruchlinien ausloten, Sehgewohnheiten hinterfragen und den Dialog über die Möglichkeiten des fotografischen Mediums vorantreiben.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring

Die Ausstellung «Knowing Thunder» von Rebecca Bowring ist vom 7. November bis zum 5. Dezember 2026 im Off-Space BULB 6000 in Luzern zu sehen; die Vernissage findet am Samstag, 7. November 2026, ab 16:00 Uhr statt.

Knowing Thunder, 2020 © Rebecca Bowring