Zwischen Dokumentation und Kunst: Das Vermächtnis der Bechers..

Winding towers in Belgium, France and Great Britain, BHB-FT-17, 1966-1979, Gelatin silver prints © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Bernd und Hilla Becher haben die Fotografie des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt, indem sie eine strikte methodische Haltung entwickelten, die bis heute nachwirkt. Ihr Werk, das funktionale Industriebauten ins Zentrum rückte, oszilliert zwischen nüchterner Dokumentation und konzeptueller Kunst. Die aktuelle Retrospektive in der Fondazione MAST in Bologna beleuchtet diese einzigartige Arbeitsweise und zeigt, wie das Paar durch systematische Reihen und Typologien eine neue visuelle Sprache schuf, die Generationen von Künstlern beeinflusste. 

Cooling tower, 1962, Mont-Cenis coal mine, Herne, Ruhr region, Germany, PSD-BHB-2024-056 1, 1965, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Ihre fotografische Praxis begann Ende der 1950er-Jahre, im Moment, als die industrielle Landschaft im Wandel begriffen war. Fördertürme, Gasometer, Kühltürme und Silos wurden zu den Hauptakteuren ihrer Bilder. Statt diese Objekte isoliert abzulichten, stellten die Bechers sie in Raster zusammen, sogenannte Typologien, die den vergleichenden Blick schärfen. Durch die konsequente Beibehaltung von Distanz, Perspektive und Lichtbedingungen trat die reine Form der Bauten hervor, losgelöst von ihrem spezifischen Standort. Diese "anonymen Skulpturen", wie sie die Bauten nannten, wurden so zu Studien über Variationsmöglichkeiten innerhalb einer funktionalen Gattung. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie diese Methode nicht nur das Industrielle fassbar machte, sondern auch soziale Aspekte beleuchtete, etwa in den Aufnahmen von Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet, die den Wiederaufbau nach dem Krieg dokumentieren. Der Einfluss dieses Ansatzes reicht weit über das eigene Werk hinaus. Als Dozenten an der Düsseldorfer Kunstakademie prägten sie Schüler wie Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff, deren Arbeiten im Foyer der Stiftung als direkter Dialog zum Hauptteil präsentiert werden. 

Gas tank, 1886, Tyldesley near Manchester, Great Britain, PSD-BHB-2024-041, 1966, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Hinter dieser strengen Systematik steht die Lebensgeschichte zweier Menschen, die ihre individuellen Hintergründe zu einer einzigen Vision vereinten. Bernd Becher (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015) arbeiteten als untrennbares Künstlerpaar und entwickelten ab 1959 in Deutschland, den Benelux-Staaten, Grossbritannien, Frankreich, Italien sowie den USA und Kanada ihren dokumentarischen Stil. Bernd, ursprünglich Dekorationsmaler und Grafiker, und Hilla, ausgebildete Fotografin, verbanden ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zu einer gemeinsamen, objektiven Bildsprache, die stark von der Neuen Sachlichkeit beeinflusst war. Ihr Archiv und ihr Nachlass werden heute von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln sowie dem Bernd & Hilla Becher Studio in Düsseldorf betreut; ihr Sohn Max Becher vertritt den Estate. 

Framework houses of the Siegen industrial region, BHB-FW-B, 1959-1973, 15 Gelatin silver prints © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Bernd & Hilla Becher Archive, Cologne, and Museum für Gegenwartskunst Siegen, acquired with funds from the Kunststiftung NRW

Die Fondazione MAST in Bologna ist eine internationale Kultur- und Philanthropie-Institution, die 2013 gegründet wurde und sich an der Schnittstelle von Technologie, Kunst und Innovation bewegt. Als offener Ort für Bildung und Kunst befindet sie sich neben dem Hauptsitz der Coesia-Gruppe und versteht sich als Brücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Die Ausstellungsräume zeigen temporäre Präsentationen, die sich spezifisch der Fotografie im Kontext von Industrie und Arbeitswelt widmen. 

Hilla Becher, Sea snail (Venus comb), PSD-BHB-2024-080, 1960s, Gelatin silver print © Estate Bernd & Hilla Becher, represented by Max Becher, Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – Bernd & Hilla Becher Archiv, Cologne

Die Retrospektive "Bernd & Hilla Becher. History of a Method" ist vom 23. April bis zum 27. September 2026 in den MAST Galleries zu sehen. Konzipiert wurde die Ausstellung von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln in Kooperation mit dem Becher-Studio und für Bologna neu adaptiert. Sie präsentiert über 350 originale Schwarz-Weiss-Fotografien sowie umfangreiches Archivmaterial wie Zeichnungen, Bücher und Plakate. Gegliedert in zehn Sektionen – von "Industrielle Landschaften" über "Typologien" bis zu den frühen Arbeiten der beiden Künstler – bietet sie eine tiefgehende Analyse ihrer Methodik und lädt dazu ein, den Blick für das Unscheinbare neu zu schärfen.