Zwischen Dokument und Erinnerung: Renato Di Maggio Rodrigues’ «Terra Promessa» und «Ricordo Palermo»

"La Coda", 2023 © Renato di Maggio Rodrigues

Eine Stadt, die Erinnerungen sammelt. Eine Insel, die über Leben entscheidet. Zwischen 2020 und 2023 reiste Renato Di Maggio Rodrigues nach Palermo und Lampedusa, an jene südlichen Ränder Europas, an denen das Mittelmeer zugleich Verbindung und Grenze ist. Der Anfang dieser Suche liegt in der eigenen Familie: Beide Eltern kamen als junge Migrant:innen in die Schweiz, mit Hab und Gut, gepackt für ein neues Leben. Diese Geschichte hat sich früh in seine Erinnerung eingeschrieben und ihn dazu bewogen, dem Thema Migration in seiner künstlerischen Arbeit nachzuspüren.

"Pescatore di Palermo", 2020 © Renato di Maggio Rodrigues

Für «Ricordo Palermo», die Serie zur Herkunft seiner Familie, kehrte er im Sommer 2020 nach Palermo zurück, kaum dass die Pandemie das Reisen wieder erlaubte. Er erinnerte sich an eine fast aggressive Hitze, an ein gleissendes Licht. Was er vorfand, war eine Stadt, die sich verändert hatte, während er fern von ihr aufgewachsen war. Die Geschichte seiner eigenen Familie liess ihn nicht los. In den folgenden Jahren führte ihn diese Frage weiter nach Lampedusa, wo Migration sich nicht mehr im Alltag einer Stadt zeigt, sondern als Kampf ums Ankommen selbst.

"Scogliera di Lampedusa", 2023 © Renato di Maggio Rodrigues

Die Serie «Terra Promessa» entstand 2023, in einem Jahr, in dem so viele Menschen wie seit 2016 nicht mehr die Überfahrt nach Italien wagten, die meisten von der tunesischen Küste aus. Kaum eine Tagesreise trennt sie von Lampedusa, und doch war es für viele die längste Reise ihres Lebens: getragen von der Hoffnung auf Arbeit, auf Sicherheit, auf ein Leben, das weitergehen kann. Im September erreichten innerhalb weniger Tage Tausende die Insel, mehr, als ihr kleines Aufnahmezentrum je hätte fassen können. Europa reagierte mit Notstand, mit Debatten über Kontrolle und neue Gesetze. Für Di Maggio Rodrigues ist Lampedusa etwas anderes: ein symbolischer Leuchtturm für jene, die verzweifelt nach Sicherheit suchen. Seine Fotografien zeigen nicht den Ausnahmezustand der Nachrichten, sondern das, was zwischen den Schlagzeilen liegt: das Warten an der Mole, Küsten im Gegenlicht, Gesichter, die unterwegs sind, Blicke, die zurückschauen.

"Lampedusa", 2023 © Renato di Maggio Rodrigues

Wo das fotografische Bild in seiner Wahrnehmung an eine Grenze stösst, greift er zur Ölfarbe. Zwischen Dokument und Erinnerung liegt für ihn kein Widerspruch, sondern ein Dialog: Die Fotografie hält fest, was war. Die Malerei trägt weiter, was bleibt. Im Zusammenspiel entsteht eine Sprache, die weder ganz Beweis noch ganz Erinnerung ist, sondern beides zugleich. Dem Künstler geht es dabei nicht um die objektive Abbildung von Realität, sondern um die Frage, wie ein Bild sichtbar machen kann, was sich dem Sichtbaren entzieht. Fotografie ist für ihn kein Schlusspunkt, sondern ein Ausgangspunkt, ein Raum, in dem Verlust, Hoffnung und Zeit spürbar werden. So entziehen sich «Ricordo Palermo» und «Terra Promessa» dem raschen Konsum der Nachrichtenbilder: Es entsteht ein Zwischenraum, eine leise Form der Aufmerksamkeit für Herkunft, Verlust, Ungewissheit und das, was es heisst, anzukommen.

"Palermo è nostra", 2023 © Renato di Maggio Rodrigues

Die beiden Werkserien «Terra Promessa» und «Ricordo Palermo» sind vom 3. bis 14. November 2026 im Ausstellungsraum Artstübli am Steinentorberg 28 in Basel zu sehen. Gezeigt werden 24 Werke, Fotografien, die zum Teil mit Öl übermalt sind. Kuratiert wurde die Ausstellung von Elwira Spychalska.

"Migranti sul Gommone", 2020 © Renato di Maggio Rodrigues

Renato Di Maggio Rodrigues wurde 1996 in Basel geboren und arbeitet als autodidaktischer Fotograf und Maler zwischen Basel und Rom. Nach den Anfängen als Street Photographer und Modefotograf wandte er sich der Mischtechnik und der Malerei zu. Heute verbindet er Fotografie und Ölmalerei zu Arbeiten über Erinnerung, Herkunft und Zeit

"Terra Promess, l’imbarco", 2023 © Renato di Maggio Rodrigues

 

 

Renato Di Maggio Rodrigues, «Terra Promessa»
Ausstellungsraum Artstübli, Steinentorberg 28, Basel
3. bis 14. November 2026
Öffnungszeiten: Do und Fr 11–18 Uhr, Sa 14–18 Uhr, sowie nach Absprache