In Memoriam Italo Zannier: Das Gedächtnis des Lichts

© Italo Zannier, 2021

Wer die Welt von Italo Zannier verstehen will, muss an die Ufer des Tagliamento reisen. Dorthin, wo der Fluss als breites, wildes Band aus weissem Geröll die Ebene des Friaul durchschneidet. Es ist eine herbe Landschaft aus Kalkstein, Nordwind und hartem Licht. Als der junge Zannier Mitte der 1950er-Jahre hier mit seiner Kamera loszog, suchte er keine Postkartenmotive für die Schaufenster der Städte. Er suchte die Risse im Putz. Die von der Feldarbeit gegerbten Gesichter der Bauern, das speckige Leder alter Werkzeugtaschen, die karge Würde eines Lebens jenseits des beginnenden italienischen Wirtschaftswunders.  

Während in den bürgerlichen Salons von Mailand und Rom noch über weichgezeichnete Idyllen debattiert wurde, hielt Zannier voll drauf. 1955 gründete er in Spilimbergo die Gruppo Friulano per una Nuova Fotografia. Seine Bilder waren eine Absage an die Schönfärberei: Sie atmeten den Geist des Neorealismus, rochen nach feuchter Erde, Staub und Zement. Zannier verstand die Fotografie nie als blosse Dekoration, sondern als seismografisches Instrument, das den radikalen Wandel einer bäuerlichen Welt in die Moderne festhielt.  

Doch Zannier blieb nicht hinter der Linse stehen. Er erkannte früh, dass Bilder flüchtig sind, wenn niemand ihre Grammatik versteht und ihre Herkunft bewahrt. So wandelte sich der Dokumentarist zum Pionier: In den Archiven und Hörsälen von Venedig und Bologna schuf er aus dem Nichts ein akademisches Fundament für eine Kunstform, die bis dahin oft nur als Handwerk belächelt worden war. Er wurde Italiens erster Professor für die Geschichte der Fotografie.  

Zanniers Wirkungsstätte glich oft einer Wunderkammer. Zwischen Daguerreotypien, vergilbten Glasnegativen, historischen Balgenkameras und Tausenden von Büchern lehrte er seine Studentinnen und Studenten vor allem eines: das präzise Sehen. Für ihn war die Fotografie die «maravigliosa invenzione», die wunderbare Erfindung der Menschheit, um das Vergehen der Zeit für den Bruchteil einer Sekunde aufzuhalten.  

Am 27. Oktober 2026 ist Italo Zannier im Alter von 94 Jahren verstorben – und mit ihm der grosse Vermesser dieser Bildwelten abgetreten. Geblieben sind seine Texte, seine Schriften und vor allem jener unbestechliche Blick, der einst an den Ufern des Tagliamento seinen Anfang nahm: ein Blick, der der Realität ins Auge schaut, ohne vor ihren Schatten zurückzuschrecken.

in memoriamMiryam Abebe