Die Architektur des Sehens…

Aus der Serie Three Times a Day No1, 2010, © Beate Spitzmüller

Die Ausstellung «sight·seeing» von Judith Brunner und Beate Spitzmüller fordert eine Korrektur unserer Wahrnehmungsgewohnheiten. Der Titel ist keine Einladung zum touristischen Konsum von Ansichten, sondern ein Imperativ zum Innehalten. In einer Zeit, in der urbane Räume oft nur als Kulisse für schnelle Bewegungen dienen, dekonstruieren die beiden Künstlerinnen die Stadt als lebendiges Gefüge aus Übergängen, Kräften und Einschreibungen. Ihre Arbeiten verstehen das Urbane nicht als statische Grösse, sondern als Resonanzraum, in dem sich menschliche Existenz, architektonische Struktur und natürliche Umgebung fortwährend neu verhandeln.

moves11 crawl, Athen OAKA Calatrava, 2019 © Judith Brunner

Im Dialog der beiden künstlerischen Positionen entfaltet sich ein spannungsvolles Narrativ über die Beschaffenheit unserer Lebenswelt. Judith Brunner nähert sich dem Thema durch die Malerei. Ihre farbintensiven Bildräume, entstanden aus Acryl, Öl und irisierenden Pigmenten, verdichten urbane Strukturen zu energetischen Konstellationen. Es ist ein visueller Balanceakt: Weite, gestisch aufgetragene Farbflächen treffen auf präzise gesetzte geometrische Linien, die das scheinbar Stabile durchbrechen. In Serien wie «Gates» und «Moves» werden Brücken und Schwellen zu Metaphern für Transformation. Die Stadt wird hier zum Sinnbild gesellschaftlicher und existenzieller Prozesse zwischen Stabilität und Auflösung, zwischen Vertrautem und Ungewissem.

Aus der Serie Corpora No3, 2015 © Beate Spitzmüller

Dieser malerischen Abstraktion stellt Beate Spitzmüller eine verfremdete Realität gegenüber. Ihre schwarzweissen Fotografien, entstanden an Orten von Island bis Johannesburg, entziehen sich der blossen Abbildfunktion. Durch analoge und digitale Eingriffe wie Solarisationen und Überlagerungen werden Landschaften durchlässig, Körper zu Schattenflächen verdichtet. Was als Dokument beginnt, entpuppt sich als komplexer Bildraum, in dem Stadt und Natur ineinandergreifen. Ergänzt durch filmische Umsetzungen von Bleistiftzeichnungen, bei denen Linien in Bewegung geraten und Rhythmen sich verschieben, verweist Spitzmüller auf den fortwährenden Wandel aller Erscheinungen.

moves14, Puente-de-Conchi-Chile, 2021, © Judith Brunner

In dieser Verflechtung entsteht mehr als eine blosse Gegenüberstellung von Farbe und Schwarzweiss. Brunners Gemälde setzen strukturelle Akzente, während Spitzmüllers Arbeiten diese Setzungen in eine dynamische Wechselwirkung überführen. Es ist ein künstlerischer Dialog über urbane Räume als bewegliche Systeme. Hier überlagern sich Zeit, Erinnerung und Imagination. Das «sight·seeing» wird zum Akt der Erkenntnis: Die Stadt ist kein geschlossenes Gefüge, sondern ein offener Prozess, in dem innere und äussere Landschaften miteinander verschmelzen und ihre Grenzen permanent neu definieren.

Aus der Serie DAYbyDAY 03.02.2021, stop motion (01.01.2020-31.12.2024), seit 2006 © Beate Spitzmüller

Judith Brunner (*1955) studierte freie Malerei und Grafik an der UdK Berlin. Nach einem DAAD-Stipendium in New York und einem Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft lebte und arbeitete sie viele Jahre in den USA, wo sie unter anderem an der School of Visual Arts lehrte. Ihre Arbeiten sind in renommierten Sammlungen vertreten, darunter die Berlinische Galerie und das Kupferstichkabinett Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Beate Spitzmüller (*1963) studierte Keramik in Strassburg sowie Bildende und Interdisziplinäre Kunst in Freiburg und Frankfurt. Zu ihren prägenden Erfahrungen zählt die Mitarbeit am «Leeren Museum» von Ilja Kabakov. Ihre prozessorientierten Arbeiten untersuchen Verdichtungen von Stadtlandschaften und die Auflösung natürlicher Welten. Mit Stipendien in Norwegen, der Schweiz, Südafrika und Schweden sowie zahlreichen internationalen Ausstellungen ist ihre Arbeit weltweit sichtbar. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

moves10, Iowa High Threstle, 2019 © Judith Brunner

Verankert ist diese Präsentation in den kommunalen Galerien in Tempelhof-Schöneberg, die sich als offene Foren für zeitgenössische Kunst und kulturellen Austausch verstehen. Als Teil der Berliner Kunstlandschaft präsentieren sie in wechselnden Ausstellungen nationale und internationale Positionen, wobei ein Fokus auf diskursiven Formaten und der Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum liegt. Die Programme fördern den Dialog über gesellschaftlich relevante Themen und bieten Raum für experimentelle sowie etablierte künstlerische Ansätze. 

Die Ausstellung sight·seeing wird am 30. April 2026 eröffnet und kann bis zum 5. Juli 2026 im der kommunalen Galerie im Tempelhof Museum besucht werden.