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Women are beautiful und was Fotografie sonst noch erzählen kann | Musée des Beaux-Arts | Le Locle
Garry Winogrand, New York,1968 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Garry Winogrand, New York,1968 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

1975 veröffentliche Garry Winogrand das Buch "Women are Beautiful." Als Dokumentarfotograf konnte er, während seiner ganzen Karriere, das amerikanische Leben ausführlich studieren. Besonders das bunte Treiben auf den Strassen New Yorks – seiner Heimatstadt – fesselte seine Aufmerksamkeit. In den 60er Jahren verewigte er den grossstädtischen Trubel New Yorks. Während seinen Streifzügen im Park, beim Einkaufen, bei Abendveranstaltungen oder politischen Demonstrationen richtete er sein Objektiv auf Frauen, denen er zufällig begegnete – immer anonym. Diese Aufnahmen zeigen die Geschichte einer Gesellschaft, die sich aufgrund der sexuellen Revolution und des aufkommenden Feminismus in einer Umbruchphase befand.

Garry Winogrand, Anniversary Ball, Metropolitan Museum of Art, New York, 1969 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Garry Winogrand, Anniversary Ball, Metropolitan Museum of Art, New York, 1969 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Die Art und Weise der Präsentation führt die Besucher und Besucherinnen mitten in das grossstädtische Treiben New Yorks. Wer Grossstädte nicht kennt hat den Eindruck, dass er von der Menge und Vielfalt erdrückt wird.

Todd Hido

Todd Hido

Auch Todd Hido zeichnet mit "In the vicinity of narrative" ein Bild des amerikanischen Lebens. Die Bilder wirken anziehend wie irritierend. Er zeigt Aussenperspektiven von Häusern, verwahrloste Innenräume, verschwommene Landschaften und immer wieder Frauen in Motelzimmern, hinter Autoscheiben oder in anderen obscuren Situationen.

Todd Hido

Todd Hido

Die Fotografien wirken zum Teil wie Standbilder aus Filmen und lässt die Betrachter und Betrachterinnen die Filme vor dem inneren Auge weiterspinnen. Die grosszügige Hängung versetzt einen in weite und menschenleere Gegenden, die einen schier einen kalten Schauer spüren lassen.

Thibault Brunet

Thibault Brunet

Neben den Fotografien von Garry Winogrand und Todd Hido ist eine eindrückliche Videoinstallation von Thibault Brunet zu sehen. In "Territoires circonscrits" zeigt er real existierende Orte. Leica Geosystems hat ihm einen 3D-Scanner zur Verfügung gestellt, mit dem er die Umgebung in 360° aufgenommen hat. Er lässt einen durch Landschaften und Räume wandern – Faszination pur, wenn man sich darauf einlässt und die Installation im Loop einige Male auf sich wirken lässt.

Guy Oberson

Guy Oberson

Mit den Arbeiten von Guy Oberson steht die Fotografie nicht im Vordergrund, sondern die Malerei. Dennoch rückt die Fotogarafie wieder ins Zentrum, wenn man weiss, dass Oberson diese zur Vorlage genommen hat. Die grösste Inspiration schöpft er aus den Fotografien von Diane Arbus und Robert Mappelthorpe. Seine Zeichnungen – vornehmlich mit Zeichenschiefer – wirken wie Enthüllungen und lassen in die Intimität von Personen eintauchen, die Oberson mit Hilfe ihrer Kleidung, ihrer Aufmachung oder ihrer Rückzugsorte erschliesst.

Garry Winogrand (1928 in New York – 1984 in Tijuana, Mexico) war einer der bedeutensten Streetphotographen Amerikas. Nach der High School und einer Zeit bei der US Army Air Force studierte er an der Columbia Universität Malerei und Fotografie. 1951 trat er in die Foto-Journalismus-Klasse von Alexei Brodowitsch an der heutigen The New School ein.

Todd Hido

Todd Hido

Todd Hido (1968* in Kent, Ohio) lebt und arbeitet in San Francisco. 1991 schloss er an der School of the Museum of Fine Arts in Boston den Bachelor of Fine Arts ab. Nach dem Besuch an der School of Design in Providence auf Rhode Island schloss er 1996 den Master of Fine Arts am California College of the Arts and Crafts in Oakland ab. Seit 1997 hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht. Seine Arbeiten sind in vielen Sammlungen (Guggenheim Museum, New York, Berkeley Art Museum, Berkeley, Museum of Fine Arts, Boston, Massachusetts und vielen anderen) vertreten.

Thibault Brunet

Thibault Brunet

Thibault Brunet (1982*) wurde 2008 an der École supérieure des Beaux-Arts de Nîmesdiplomiert. Seine Arbeiten wurden bereits mehrfach ausgestellt und sind in wichtigen Sammlungen (Bibliothèque nationale de France (BnF)Musée de l’Elysée de Lausanne et le Frac Languedoc Roussillon) vertreten. 

Guy Oberson

Guy Oberson

Guy Oberson (1960*) lebt und arbeitet in Lentigny, Paris und Berlin. 1988 hat er als Autodidakt begonnen. Seine Arbeiten wurden bereits mehrfach ausgestellt. 2016 wurde er mit dem alle zwei Jahre verliehenem Kulturpreis des Kantons Fribourg ausgezeichnet.

Todd Hido

Todd Hido

Die Ausstellung im Musée des Beaux-Arts dauert noch bis 27. Mai 2018.

Arbeiten von Thibault Brunet sind bis 14. April 2018 auch in der Kehrer Galerie in Berlin zu sehen.

Arbeiten von Guy Oberson sind bis 10. Juni 2018 auch im Musée du papier peint in Mézières zu sehen.

Conquistador – Nivolas Savary | Musée de l'Elysée | Lausanne
Pantera leo , Estancia Montelen, Bragado, 2014 | Nicolas Savary

Pantera leo, Estancia Montelen, Bragado, 2014 | Nicolas Savary

"Ein stechender Pilzgeruch wabert durch das Hotelzimmer. Während ich an die Decke starre, kommt es mir vor, als hörte ich das widerliche Kaugeräusch von Insekten oder gefrässigem Schimmel. Ich stelle mir den Zerfallsprozess vor, wie die Zeit unbeirrbar, über alle noch so holprigen Ereignisse hinweg verrinnt. Um mich zu vergewissern, gleitet mein Blick über die Wand, über den leicht nach vorn gekippten Rahmen und den schräg stehenden Stuhl bis hin zum Tisch, auf dem die entdeckten Unterlagen liegen.

Eben habe ich das Album aufgeschlagen, dessen von kreisrunden Löchern durchsetzte Seiten sich mit Leben füllten, sobald man schneller blätterte. Zum Vorschein kam die Spur der Würmer durch die Dicke des Papiers. Ihnen war die Abfolge der Daten, von denen das Tagebuch berichtete, vollkommen gleichgültig. Sie frassen sich durch Tage und Monate, vertikal zur vergehnden Zeit. Vor meinen Augen nahmen die verrückten Quantentheorien, die Relativität, die Planck-Skala, das Zwillingsparadox und Zeitschleifen Gestalt an. Mir war, als ginge ich rückwärts und als würde hinter meinen Fersen nicht mehr sein wie zuvor" (Nicolas Savary)

Joya , Buenos Aires, 2014

Joya, Buenos Aires, 2014

Fotoalben, handschriftliche Briefe und andere Dokumente haben den Fotografen Nicolas Savary dazu gebracht nach Argentinien zu reisen. Er ist auf den Spuren von Louis de Boccard, ein Angehöriger einer Freiburger Patrizierfamilie, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Argentinien ausgewandert ist. Savary wollte die lückenhafte Biografie zurückverfolgen und die Momente, die er unterwegs durch die Landschaften erlebt hatte, festhalten. Mit seinen Bildern nimmt er einem mit auf seine Reise und führt einem seine Vorstellung des Zerfalls vor Augen, zum Teil sticht einem sogar der Pilzgeruch des Hotelzimmers in die Nase.

Es ist ihm gelungen die Neugierde auf mehr zu wecken und vielleicht selbst auf dem Dachboden oder im Keller nach alten Fotoalben und anderen Dingen zu suchen und sich auf eine Reise in die Vergangenheit zu machen oder tief in die eigene Familiengeschichte einzutauchen und genauso auf Spurensuche zu gehen.

Comunidad , Puerto Iguazú, 2014 |  Hotel Iru-Mercure , Selva d'Iryapú, Puerto Iguazú 2014 |  Mariposa , Asuncion, 2014

Comunidad, Puerto Iguazú, 2014 | Hotel Iru-Mercure, Selva d'Iryapú, Puerto Iguazú 2014 | Mariposa, Asuncion, 2014

Nicolas Savary (1971*) ist in Bulle geboren und aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet er in Lausanne. 1998 hat er an der ECAL ein Diplom in bildenden Künsten erlangt. Seit 2008 ist er Leiter der Hochschulbildung an der Ecole de Photographie de Vevey. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgestellt unter anderen in der Coalmine, im Centre de la photographie de Genève, dem Photoforum Pasquart und anderen.

Stürze , Asuncion, 2014 |  Cejas , Areguá 2014 |  Sphinx , La Boca, Buenos Aires, 2014

Stürze, Asuncion, 2014 | Cejas, Areguá 2014 | Sphinx, La Boca, Buenos Aires, 2014

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Mai 2018 im Musée de l'Elysée in Lausanne zu sehen. Das Projekt entstand als Gemeinschaftsproduktion des Musée de l'Elysée und des Musée gruérien in Bulle, das den Nachlass Louis de Boccards besitzt. Dor wird der zweite Teil der Ausstellung vom 27. Januar bis 28. April 2019 zu sehen sein.

Excessocenus – Cristina de Middel & Bruno Morais | Coalmine | Winterthur
On Mining [Über Rohstoffabbau]. Aus der Serie «Excessocenus», 2016. © Cristina de Middel & Bruno Morais

On Mining [Über Rohstoffabbau]. Aus der Serie «Excessocenus», 2016. © Cristina de Middel & Bruno Morais

Cristina de Middel und Bruno Morais zeigen mit den Bildern in "Excessocenus" schonungslos die Auswirkungen des Exzesses in unserer Gesellschaft auf. Kaum in einem Raum der Coalmine wird man nicht von Bildern überflutet und wenn doch nicht, dann wird einem schlagartig das Resultat des Exzesses, der masslosen Verschwendung bewusst!

Bild: Marcel Rickli

Bild: Marcel Rickli

Man hat keine Möglichkeit zu fliehen, nicht wahrzunehmen was die Auswirkungen von exzessivem Rohstoffabbau, der Überfischung der Meere und Seen, des CO2-Ausstosses, der Informationsdichte und vielen Dingen, die wir in unserem Alltag erleben und doch verdrängen, sind.

Um sich bewusst zu werden in welcher Masslosigkeit wir uns bewegen sollte man sich einen Spiegel vorhalten und sich über all die Dinge Gedanken machen, die einem in der Ausstellung "Excessocenus" vor Augen geführt wird.

Bild: Marcel Rickli

Bild: Marcel Rickli

Die Bilder decken nicht nur die Übertreibung auf, sie irritieren auch. Denn de Middel und Morais haben die Bilder in dem am stärksten mit den Auswirkungen unseres Exzesses betroffenen Kontinentes – Afrika – inszeniert. Die Bilder der geklonten Ziegen lassen einen schier erstarren, die löchrige Wasserschale genauso. Die sichtbar gemachte Verpackungswut lässt einen nur noch den Kopf schütteln.

Lehrpersonen sollten mit ihren Schülerinnen und Schülern diese Ausstellung besuchen – danach brauchen sie kaum mehr mit Worten die Auswirkungen der Verschwendung unserer Konsumgesellschaft zu beschreiben.

Bild: Marcel Rickli

Bild: Marcel Rickli

Cristina de Middel (1975*) wurde in Alicante geboren. Heute lebt und arbeitet sie in Uruapan, Mexiko. Nach zehn Jahren als Fotojournalistin widmet sie sich heute vor allem der konzeptuellen Arbeiten, die weltweit ausgestellt werden. Seit 2017 ist Magnum Nominee.

Bruno Morais ist in Rio de Janeiro aufgewachsen. Er ist Gründer des Colectivo Pandilla und nutzt seine Fotografie oft für Bildung und gesellschaftlichen Wandel.

De Middel und Morais fotografierten 2015 erstmals zusammen in den Favelas von Rio de Janeiro.

Bild: Marcel Rickli

Bild: Marcel Rickli

Bis 7. April 2018 können Sie sich in der Coalmine in Winterthur einen Spiegel vorhalten und sich beeindrucken lassen was sein könnte, wenn wir so weiter machen.